„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Peter Singer über Abtreibung

Peter Singers kontroverse Haltung zu Abtreibungen erklärt sich anhand des von ihm vertretenen (Präferenz-)Utilitarismus. Als Utilitarist glaubt Singer nicht an die Existenz von (Menschen/Lebens-)Rechte an sich, die immer zu beachten wären. Stattdessen hängt die moralische Beurteilung einer Handlung für ihn  von der jeweiligen Situation ab.

Maßstab für die ethische Richtigkeit einer Handlung ist dabei, wie viel Freude oder Leid sie auslöst, wie vielen Interessen der Betroffenen sie entspricht, wie vielen nicht. Hierbei gilt: Je mehr Freude und je weniger Leid, je mehr Interessen, denen entsprochen wird, je weniger Interessen, denen nicht entsprochen wird, desto besser.

Auf Basis dessen unterscheidet er drei Arten von Lebewesen:

·       nicht bewusste Wesen, zum Beispiel Pflanzen. Diese Wesen können (vermutlich) keinen Schmerz empfinden und müssen bei Interessenabwägungen nicht berücksichtigt werden.

·       bewusste Wesen, zum Beispiel Fische, die empfindungsfähig sind. Ihre Interessen müssen berücksichtigt werden.

·       selbstbewusste Wesen, (Personen) zum Beispiel ausgewachsene Menschen und Menschenaffen (sofern keine geistige Beeinträchtigung vorliegt). Sie zu töten wiegt schwerer als das Töten von nur bewussten (aber nicht selbstbewussten) Wesen, da sie in der Regel den Wunsch für die Zukunft haben, weiterzuleben.

In welche Kategorie ist nun ein Embryo einzuordnen? Nun, in den ersten 24 Wochen ist ein Embryo nicht empfindungsfähig[1], gehört daher in die erste Kategorie: Nicht bewusstes Wesen.

Daher ist Abtreibung, so Singer, ethisch nicht verwerflich. Anders ist es mit Tieren: Diese sind für gewöhnlich in die Kategorie der bewussten Lebewesen einzuordnen, deshalb macht sich Singer als Tierethiker stark.

In seiner Position zu Abtreibungen geht Singer aber noch einen umstrittenen Schritt weiter: Singer fragt, ob nicht auch Säuglinge mit schweren Krankheiten und ohne Therapieaussicht unter Einwilligung der Eltern medizinisch aktiv getötet werden dürfen sollten? Für Singer besteht kein Unterschied zwischen dem bereits erlaubtem unterlassen von Hilfeleistungen (passive Sterbehilfe) und einer schmerzlosen aktiven Sterbehilfe, da für ihn nur die Konsequenzen einer Handlung moralisch relevant sind. Weshalb sollte die Geburt eine Grenze für die Legitimität des Tötens sein, wenn Abtreibung bis in die späte Schwangerschaft hinein bei medizinischer Indikation straffrei bleibt? Immerhin ließe eine Technik der Zukunft möglicherweise zu, dass menschliches Leben direkt außerhalb des weiblichen Körpers "ausgetragen" würde. Sind Frühgeburten durch eine zeitliche Setzung also anders zu behandeln als menschliches Leben im Mutterleib?

Wie würde sich eine konsequente Anwendung der Anschauungen Singers auf die Realität in Deutschland auswirken? Höchstwahrscheinlich gäbe es deutlich weniger Schwangerschaftsabbrüche als heute, weil Singer als Konsequentialist die Auswirkungen einer Abtreibung auf alle Betroffenen berücksichtigt. Wahrscheinlich gäbe es nur noch Schwangerschaftsabbrüche, die beide Eltern wirklich wollen. Abbrüche wegen Trennungsdrohung seitens des Vaters (der mit Abstand häufigste Abtreibungsgrund) oder wegen vermeidbarer Probleme der Mutter in Schule, Ausbildung und Beruf sind nämlich Paradebeispiele für präferenzutilitaristische Katastrophen

Es gibt also mildernde Umstände: Bei konsequenter Anwendung der Regeln Singers würde die Welt per Saldo besser, nicht schlechter. Denn die meisten der Diagnosen, die heute in Deutschland Abtreibungen wegen Behinderung begründen, vor allem das Down-Syndrom, lassen den Personenstatus der betroffenen Menschen unberührt. Sie sind für Singer zwar wie alle rechtzeitigen Schwangerschaftsabbrüche an sich wertneutral, aber es gibt für sie keine besondere Rechtfertigung. Anders ist das allerdings bei Anenzephalie.

Anmerkungen

[1] Für die Wahrnehmung oder das Bewusstsein von Schmerz muss die sensorische Information an den Thalamus und die Grosshirnrinde (Kortex) übertragen werden. Das ist frühestens ab der 24. Woche möglich. Das Fehlen von Verbindungen zum Kortex bedeutet, dass ein Schmerzempfinden vor 24 Wochen nicht möglich ist. Report of the Royal College of Obstetricians and Gynaecologists, London, 2010

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Mittwoch, 05 April 2017 20:53)

    WICHTIG: In vielen der hitzigsten moralischen Debatten - und in vielen Konflikten zwischen Wissenschaft und Religion - geht es eher um solche Tatsachenbehauptungen als um moralische Urteile.

    Nehmen wir das Beispiel der Abtreibung. Gläubige Christen sind oft gegen Abtreibung, während viele Liberale sie erlauben. Der Hauptstreitpunkt ist dabei eher faktischer als moralischer Natur. Sowohl Christen als auch Liberale sind der Überzeugung, dass menschliches Leben wertvoll ist und dass Mord an diesem ein moralisches Vergehen darstellt. Doch bei bestimmten deskriptiven Fragen stimmen sie nicht überein: Beginnt menschliches Leben mit der Zeugung, mit der Geburt oder irgendwann dazwischen. Tatsächlich ist es in einigen Kulturen so, dass das Leben nicht einmal mit der Geburt beginnt. Laut den !Kung in der Kalahari-Wüste und verschiedenen Inuit-Völkern der Arktis fängt menschliches Leben erst dann an, wenn eine Person einem Namen bekommt. Wird ein Kind geboren, warten die Menschen einige Zeit, bevor sie ihm einen Namen geben. Wenn sie beschließen, das Baby nicht zu behalten (weil es entweder an irgendeiner Deformation leidet oder weil sie sich kein Kind eisten können), töten sie es. Solange sie das vor der Namensgebungszeremonie tun, gilt es nicht als Mord. Menschen aus solchen Kulturen können mit Liberalen und Christen durchaus darin übereinstimmen, dass menschliches Leben heilig und Mord ein schreckliches Verbrechen ist, doch gleichzeitig befürworten sie den Kindsmord.

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 24 Januar 2017 01:23)

    Einer der bekanntesten Philosophen, die in sehr vielen Fällen einen Schwangerschaftsabbruch für moralisch zulässig halten, ist der australische Ethiker Peter Singer. Er wurde zunächst vor allem durch seine tierethischen Positionen bekannt. Ihm zufolge ist eine moralische Beurteilung einzig an der gleichberechtigten Abwägung der Interessen aller Betroffenen vorzunehmen (Präferenzutilitarismus). Zu prüfen sei jeweils, in welchem Ausmaß diese Präferenzen durch die Konsequenzen einer Handlung erfüllt oder nicht erfüllt würden (Konsequenzialismus).
    Anschauungen darüber, ob oder ab wann ein Fötus als „Mensch“ zu bezeichnen ist, seien daher für die moralische Beurteilung von Schwangerschaftsabbrüchen irrelevant. Moralisch relevant seien vielmehr mit der Ausbildung von Präferenzen zusammenhängende Eigenschaften wie „Rationalität, Selbstbewußtsein, Bewußtsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfinden und so weiter“.[114] Nur Bewusstsein und Schmerzempfinden kommen hier, was den Embryo oder Fötus betrifft, überhaupt in Betracht. Wenn diese vorliegen, „sollte Abtreibung nicht leichtgenommen werden (falls eine Frau jemals einen Schwangerschaftsabbruch leichtnimmt).“[115] Allerdings werde auch dann nur eine Existenz beendet, die nicht mehr moralischen Wert habe als höher entwickelte Tiere – deren Abschlachtung den meisten Menschen moralisch unbedenklich erscheint, „nur weil uns deren Fleisch schmeckt“; analog sei „selbst ein Schwangerschaftsabbruch in einem späten Stadium der Schwangerschaft aus den trivialsten Gründen […] schwerlich zu verurteilen“[115]
    Solange aber Schmerzempfinden und Bewusstsein nicht vorliegen, beende ohnehin „ein Schwangerschaftsabbruch eine Existenz, die überhaupt keinen Wert an sich hat.“[115] Es könnten daher allenfalls noch die Interessen anderer Betroffener speziell am Leben des zukünftigen Kindes in Rechnung gestellt werden; bei einem Schwangerschaftsabbruch sei aber vorauszusetzen, „daß die am meisten Betroffenen – die potentiellen Eltern oder zumindest die potentielle Mutter – den Abbruch auch wirklich wollen“.[116]
    Viele Abtreibungsgegner argumentieren, dass bei einer Abtreibung zwar keine bereits vorliegenden Interessen verletzt werden. Der Fötus sei jedoch ein potentielles menschliches Leben und es sei bereits aufgrund dieses Potentials falsch, ihn zu töten. Derartige potentielle Eigenschaften hält Singer aber grundsätzlich für moralisch irrelevant: es gebe keinen allgemeinen Grund, einem potentiellen X dieselben moralischen Rechte zuzusprechen wie einem wirklichen X,[117] und es gebe hier auch keine anderen Gesichtspunkte, wegen irgendwelcher potentieller Eigenschaften weitere moralische Rechte zuzuschreiben, als gegebenenfalls ohnehin aufgrund faktisch realisierter Eigenschaften zuzuschreiben sind.

  • #1

    WissensWert (Dienstag, 24 Januar 2017 01:23)

    Der Umstand, dass es jedoch im Verlauf des 20. Jh. zu einer gängigen Praxis geworden ist, bei bestimmten Befunden in Schwangerschaft-Frühscreenings[25] eine "Abtreibung" in Erwägung zu ziehen, lässt Singer der Frage nachgehen, ob nicht auch hier das Prinzip der "Heiligkeit des Lebens" längst als moralischer Maßstab ausgedient hat und ob der Präferenzutilitarismus als Moralprinzip besser dient. Nach Singer ließe sich dadurch viel Leid vermindern, wie ein Beispiel zeigt: Steht einem Säugling ein kurzes leidvolles Leben ohne Therapierungsaussicht bevor, während die Eltern sich durch die Situation überfordert sehen und auch niemand zur Adoption bereit steht; könnte dann nicht im Gespräch aller direkt Beteiligten eine Unterlassung von Hilfsmaßnahmen oder gar schmerzlose aktive Sterbehilfe (Singer fragt, wo hier der moralische Unterschied liegt) in Betracht gezogen werden? Weshalb ist die Geburt eine Grenze für die Überlegung des Tötens, wenn Abtreibung bis in die späte Schwangerschaft hinein bei medizinischer Indikation straffrei bleibt?[26] Immerhin ließe eine Technik der Zukunft möglicherweise zu, dass menschliches Leben direkt außerhalb des weiblichen Körpers "ausgetragen" würde. Sind Frühgeburten durch eine zeitliche Setzung also anders zu behandeln als menschliches Leben im Mutterleib? Die Empörung, Singer habe seine Einsicht und sein Zugeständnis an Hoerster (vgl. Singer 1993, S. 251) (Link: 33779) vergessen, die Geburt als gesellschaftlich akzeptiertes, wertstiftendes Ereignis gelten zu lassen, und kehre zur Erlaubnis der Kindstötung zurück, trifft zwar im Wortlaut des NZZ-Interviews zu, aber aus dem Prinzip der Moral sowie aus den an dieser Stelle getätigten Bedingungen (ebd., S. 252: Freigabe der Kinder zur Adoption an staatliche Institutionen und Erlaubnis aktiver und passiver Euthanasie in besonderen Fällen, gegen den Zwang ein elendes Leben führen zu müssen) gehen deutliche Einschränkungen hervor.


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