„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Ethisches Unbehagen

Alle Lebewesen konkurrieren um dieselben Ressourcen und diese sind begrenzt. Das macht Ethik so schwierig, weil man praktisch in keinem Fall erreicht, dass niemand zu Schaden kommt. Andererseits muss man handeln und sein Handeln mindestens vor sich selbst begründen, denn auch Nichthandeln ist ja eine Handlung, die Konsequenzen hat. Wenn man die Begrenztheit der Ressourcen und die Notwendigkeit von Entscheidungen akzeptiert, dann gelangt man zwangsläufig zu einer Art des Utilitarismus. Als Beispiel kann man die Entscheidung über die Organvergabe bei Transplantationen nehmen, wenn die Zahl der Spenderorgane kleiner als die Zahl der potenziellen Empfänger ist.

Wir wissen inzwischen, dass wir den anderen Tieren viel ähnlicher sind, als man früher angenommen hat. Das ist eines der Resultate naturwissenschaftlicher Forschung. Wir nehmen inzwischen auch an, dass es andere vernunftbegabte Spezies gibt, und wir vermuten, dass es uns gelingen wird, bewusstseinsbegabte Maschinen zu bauen. Die bloße Zugehörigkeit zu unserer Art „Homo sapiens sapiens“ reicht als Begründung nicht mehr aus, zumal es auch innerhalb unserer eigenen Spezies gewaltige Unterschiede zwischen den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Individuen gibt. Der Präferenzutilitarismus leistet genau das, was ich für sinnvoll halte: Es spielt nicht mehr die Artzugehörigkeit eine Rolle und man kann problemlos ethische Entscheidungen auch gegenüber Tieren und bewusstseinsbegabten Maschinen treffen. Die emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse der Wesen und ihre aktuellen und künftigen Präferenzen spielen die entscheidende Rolle.

Die Grundprobleme – Begrenztheit der Ressourcen und die Notwendigkeit zu entscheiden – bleiben aber trotzdem erhalten. Am Beispiel der Abtreibung: Wie gewichte ich die Interessen eines Fötus gegenüber denen der Frau, die ihn abtreiben will? Auf der einen Seite hat er aktuell weniger intellektuelle Fähigkeiten und emotionale Bedürfnisse als viele Tiere, auf der anderen Seite verfügt er aber über das Potenzial, ein vollwertiger Mensch zu werden.

Es gibt keine ewig gültigen Antworten auf ethische Fragen. Zum Beispiel ist es sinnlos, die Sklaverei in der Antike zu verurteilen. Man kann das damalige Verhalten nicht von den gesellschaftlichen Verhältnissen, Kenntnissen und religiösen Vorstellungen trennen. In unserer heutigen Gesellschaft ist Sklaverei natürlich verpönt. Und wir ändern gerade unser Verhältnis zu den Tieren – unsere Denkweise verändert sich hier aber auch, weil wir uns das jetzt leisten können, früher eher nicht.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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