„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Hexerei-Argument

Sam Harris hat sich mal den Spaß gemacht, die Wörter auszutauschen: Sam Harris zitiert seine Kritiker und ersetzt dabei die Worte "Gott", "Religion", "Atheist" durch die Wörter "Hexerei", "Teufel" und "Skeptiker". Man beachte den Fortschritt, den wir in den letzten 500 Jahren gemacht haben:

„Stell Dir vor, wir leben im Jahr 1507, das Leben ist schwierig. Es gibt Missernten, rechtschaffene Leute erleiden plötzliche und schreckliche Schicksalsschläge, und selbst die Kinder in den Königshäusern sterben häufig, bevor sie ihre ersten Schritte tun können.
 

Wie sich herausstellt ist die Ursache dieses Unheils gut verstanden. Es ist Hexerei.
 

Natürlich nicht Hexerei im Allgemeinen. Es gibt auch "weiße" Hexen, die ihre Zauberkräfte zum Heilen einsetzen. Aber es ist unzweifelhaft, dass einige Hexen mit dem Teufel im Bunde sind. Glücklicherweise hat die Kirche viele gelehrte, engagierte Männer hervorgebracht, die sich dieser Herausforderung stellen. Jedes Jahr werden hunderte Frauen hingerichtet, weil sie ihre Nachbarn mit bösen Beschwörungen verhext haben.

Stell Dir vor, Du bist unter den fünf oder zehn Prozent der Menschen, die den Glauben an Hexerei für eine bösartige Fantasie halten. Stell Dir vor, Du schreibst ein Buch, in dem Du argumentierst, dass Zaubersprüche keine reale Wirkung haben, dass die Geständnisse der bösen Hexen erzwungen sind, und dass die Behauptungen der "weißen Hexen" voreingenommen und unempirisch sind. Sie haben keine solidere Grundlage für ihre Behauptungen als „böse Hexen“. Du argumentierst weiter, dass der Glaube an Zauberei falsche Hoffnungen weckt, die besser anderswo gesucht und erfüllt werden können (z.B. in der wissenschaftlichen Medizin). Und dass der Hexenglaube die Grundlage für Falschbeschuldigungen für imaginäre Verbrechen legt, was zum Elend und zum Tod unschuldiger Menschen führt. [...]

Welche Art von Kritik würdest Du für Dein Buch erhalten? Sam Harris zitiert seine Kritiker und ersetzt dabei die Worte "Gott", "Religion", "Atheist" durch die Wörter "Hexerei", "Teufel" und "Skeptiker". Man beachte den Fortschritt, den wir in den letzten 500 Jahren gemacht haben:

"Keiner der Autoren nimmt sich die Zeit, den aktuellen Stand der [Hexerei] zu untersuchen, wie sie durch ihre fortschrittlichsten und heldenhaftesten Praktizierenden ausgeübt wird [...] Sie schenken den vielfachen Möglichkeiten, wie [magisches] Verständnis wachsen, sich entwickeln und formen kann, keinerlei Beachtung. Sie ahnen nicht einmal, dass [Hexen und Zaubermeister] seit frühester Zeit in kontinuierlichem, gegenseitig befruchtenden Dialog mit [Skeptikern] gestanden haben.“
Michael Novak, National Review

"Die Gefahr besteht darin, dass Aggression und Feindseligkeit gegenüber [Hexerei] in allen ihren Formen von einem wirklichen Einlassen auf die interessanten Fragen abschreckt, die kürzlich in der Debatte zwischen Wissenschaft und [Nekromantik] aufgetaucht sind. Die Langlebigkeit und Universalität der [Hexerei] gehört zu den schwierigsten Fragestellungen der Evolution. Spielen [Zaubersprüche] immer noch eine wichtige Rolle in menschlichem Wohlergehen? Wenn [Hexenglauben] zurückgeht - welche Lücke wird er im Funktionieren von Individuen und sozialen Gruppen hinterlassen? Ich vermute, die [Skeptiker] stehen vor einer spektakulären Niederlage. Bei wenig Verständnis und noch weniger Sympathie, dass Menschen in politischen Diskussionen [den bösen Blick werfen], übersehen sie den zentralen Punkt..."
Madeleine Bunting, The Guardian


"Stell Dir vor, jemand doziert über Biologie, hat aber lediglich das "Vogelbuch Großbritannien" gelesen. Damit bekommst Du eine grobe Idee, wie es sich anfühlt, Richard Dawkins über [Hexerei] zu lesen. Er hält uns vulgäre Karikaturen von [Zauberei und Beschwörung] vor, die jeden [Zauberlehrling] im ersten Semester zusammenzucken lassen würden. Dawkins weist solide Argumente zurück, die eine Vereinbarkeit von Wissenschaft und [Hexenglauben] nachweisen... Der Mainstream-[Hexenglaube] mag wohl sachlich falsch sein, doch sollte jeder respektiert werden, der ihn pflegt. Dawkins aber beharrt darauf, dass keinerlei [Zauberei], zu keiner Zeit, irgendeine Form des Respekts verdiene. Sogar moderaten [okkulten] Ansichten solle vehement widersprochen werden..."
Terry Eagleton, London Review of Books

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