„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

(Halb-)Offener Brief an einen Philosophiedozenten - der Islamismus als Konstrukt des Westens

Ein Philosophiedozent an meiner Uni ist der Ansicht, dass der Islamismus ein Konstrukt des Westens sei, das dabei helfen soll, bestimmte Regionen (z.B. Irak oder Afghanistan) zu destabilisieren, um sich Ölquellen zu erschließen.

 

Ich glaube, dass der Islamismus mehr als das ist und habe ihm deshalb gerade eine E-Mail geschrieben, sie aber noch nicht abgeschickt, weil ich auf eure Hilfe, Kritik und Zusätze hoffe.

 

Die Diskussion könnten wir vor allem anhand folgender Fragen führen:

 

1. Was unterscheidet den Islam vom Islamismus?
2. Ist der Islamismus nur ein Konstrukt des Westens, um ölreiche Regionen zu destabilisieren?

 

Ich freue mich auf eure Antworten!

Die E-Mail:

Sehr geehrter Herr (Name),

 

Sie haben gestern in Ihrer Vorlesung „Philosophie der Aufklärung“ im Rahmen Ihrer Ausführungen zu Herder die These vertreten, dass der Islamismus ein einzig durch den Westen (genauer: die USA?) erschaffenes Konstrukt sei, das bei der Ressourcenerschließung helfen solle. Ich glaube, dass dieser These eine Monokausalität inhärent ist, die dem Phänomen „Islamismus“ nicht gerecht wird.

 

Vorab möchte ich zustimmen darin, dass Globalpolitik immer oder so gut wie immer sozioökonomische Interessen verfolgt. Für die Erschließung von Öl sind sich, bezogen auf die von Ihnen angeführten Beispiele Afghanistan und Irak, die Amerikaner auch nicht zu schade, mit Islamisten zu kooperieren oder diese sogar zu unterstützen. Nach der Destabilisierung der Region werden die Auslandseinsätze zur „Stabilisierung“ dann (im „Licht der Aufklärung“) mit dem Kampf für die Menschenrechte oder die Demokratie beworben.

 

Trotzdem ist es in meinen Augen nicht richtig, den Islamismus als rein westliches Werk zu stilisieren. Der Islamismus ist kein Konstrukt und keine Erfindung des Westens, sondern wird vom Westen „nur“ gefördert und instrumentalisiert. Er ist Bestandteil des Islams und findet seinen Ursprung im Koran und im Handeln des Propheten Mohameds (sunna).

 

Der deutsche Politologe Armin Pfahl-Traughber nannte 2011 in einem Dossier für die Bundeszentrale für politische Bildung folgende Punkte als typische Merkmale des Islamismus:
1. Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung
2. Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis
3. der Wunsch nach ganzheitlicher Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft
4. homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des Islam
5. Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat
6. Potential zu Fanatismus und Gewaltbereitschaft.

 

(http://www.bpb.de/…/36339/islamismus-was-ist-das-ueberhaupt…)

 

Alle obigen Charakterisierungspunkte des Islamismus sind im Koran und in der Handlungsweise des Propheten Mohameds (sunna) wiederzufinden. Programmatisch ist im Koran z.B. die Unterteilung in Gläubige und Ungläubige, wobei letztere als Untermenschen deklassiert werden. Der Koran legitimiert Gewalt gegen Ungläubige nicht nur, er fordert und fördert sie.

 

Gleichzeitig ist die Mehrheit der Muslime weltweit davon überzeugt, dass der Koran das allzeit gültige und direkte Wort Gottes ist und meiner Meinung nach als fundamentalistisch einzustufen, wobei ich den Fundamentalismus als Teilkompetente des Islamismus einstufen würde.


Zu dieser Annahme verleitet mich vor allem die Studie des PEW Research Centers, welches auf der ganzen Welt Muslime zu ihren Einstellungen befragt hat:

 

- 53% der Muslime weltweit wünschen sich die Scharia als das maßgebliche Gesetz
- 79% der Muslime weltweit sind der Meinung, dass man an Gott glauben muss, um moralisch handeln zu können und degradieren Atheisten dadurch zu schlechteren Menschen
- 76% finden, dass die Frau ihrem Mann gehorchen muss
- 27% finden, dass Apostaten hingerichtet werden sollten
- 39% der Muslime weltweit halten Ehrenmorde bei außerehelichem Sex für vertretbar

(http://www.pewforum.org/…/the-worlds-muslims-religion-poli…/)

 

Islamismus ist ein Phänomen, das sich auf der ganzen Welt, auch unabhängig voneinander und ohne wesentlichen Einfluss, repliziert.
Die Türkei, ein Land, das hauptsächlich vom Tourismus lebt(e), wird durch die islamisch-konservative AKP zunehmend islamisiert. Erst vorgestern wurde vom türkischen Parlamentschef eine islamische Verfassung und die Abkehr vom Säkularismus gefordert. Sie werden in den Forderungen und (geplanten) Gesetzen der AKP alle typischen Merkmale des Islamismus wiederfinden oder künftig beobachten können.
 
Auch ist der Islamismus nicht nur Resultat sozioökonomischer Missstände. Die Anzahl gebildeter und oft konvertierter IS-Rekruten aus Europa ist beträchtlich.

 

Die semantische Trennung von Islam und Islamismus mag zunächst deshalb sinnvoll erscheinen, weil sie vor einem Generalverdacht gegenüber dem Islam schützen will. Wichtiger wäre es, den Generalverdacht gegenüber Muslimen anzuprangern, problematische Inhalte des Islams wie seine politische Ausrichtung aber zu kritisieren. Ideologien verdienen keinen Schutz vor Kritik. Sie könnten aber an ihr wachsen oder anhand der Kritik bestenfalls verändert werden. Das Schweigen darüber und eine Islamapologetik, die auch die Toleranz gegenüber der Intoleranz impliziert, treibt die Menschen erst in die Arme von AfD, Pegida und Co. Und wie müssen sich säkulare Muslime fühlen, die seit Jahren gegen den Islamismus und seine islamischen Wurzeln kämpfen, wenn sie hören, der Islamismus hätte nichts mit dem Islam zu tun oder sei nur ein erschaffenes Konstrukt des Westens?

 

Nein, der Islamismus ist kein reines Instrument des Westens, welches interessengeleitet benutzt wird, um sich Ölquellen zu erschließen. Leider ist der Islamismus mehr als das und fester Bestandteil des Islams, den es davon zu befreien gilt, um die in der Aufklärung erkämpften ethischen Prinzipien und Rechte zu schützen. Gleichzeitig, und da stimme ich ihnen voll und ganz zu, darf die Aufklärung, respektive die Etablierung von Menschenrechten nicht als Vorwand und leere Worthülse fungieren, um geopolitische Interessen zu realisieren. Die damit einhergehende Debatte im Spannungsfeld zwischen Kulturimperialismus und Kulturrelativismus müsste zur Gänze allerdings an anderer Stelle geklärt werden.

 

Ich würde mich sehr über Ihre Rückmeldung freuen!

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Felix Kruppa (Gastautor)

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Kommentare: 2
  • #2

    Wissenswert (Dienstag, 19 Dezember 2017 03:32)

    Als Ex-Linker Marxist sehe ich das so:

    Es gab nach der Wiedervereinigung und dem Niedergang der Sowjetunion bei allen Linken ein großes Problem - ich schildere das aus meiner Erfahrung: Uns war das utopische Ideal einer klassenlosen Gesellschaft abhanden gekommen! Davor verstanden sich die Linken (wie ich) als humanistische Vertreter einer rationalen Politik. Die Zeichen standen auf einer progressiven Veränderung der Gesellschaft - und das ist gescheitert.

    Das hatte eine Änderung der Strategie zur Folge. Ich meine, das einer der Propagandisten dieser Veränderung Gramsci war. Ich habe seine Strategiepapiere damals mit einem gewissen Grauen gelesen: Es ging immer nur darum, mit allen Mittel die Hoheit über "den Diskurs" zu erreichen. Das Mittel der Wahl war nicht mehr Politik, sondern Moral: Indem man sich vorbehaltlos für alle "unterdrückten Minderheiten" einsetzte, um damit ein "schlechtes Gewissen" zu erzielen, das man wiederum zur Manipulation der Massen einsetzen konnte. Schuld ist ein mächtiger Manipulator.

    Man erschuf eine neue Trennung: Jetzt nicht mehr "Kapital versus Arbeit" (oder Kapitalist versus Arbeiter), sondern "Unterdrücker versus Unterdrückten". Unterdrückte fand man massenhaft, nicht mehr bei den Arbeitern, denn die hatten mehrheitlich der Linken längst den Rücken gekehrt. Sondern bei allen Minderheiten, und jede Minderheit, die man für geeignet hielt, seinen anti-gesellschaftlichen Kampf voranzutreiben, war eine gute Minderheit - denn sie ließ sich instrumentalisieren für diesen Kampf.

    Man beschäftigte sich mit dem Dekonstruktivismus, und das wurde zur Politik: Es ging nicht mehr um den Aufbau einer alternativen Gesellschaft, sondern um die Dekonstruktion - oder eher Destruktion - der unterdrückerischen Verhältnisse. Man hörte auf, FÜR etwas zu kämpfen (Sozialismus), sondern man kämpfte nur noch GEGEN etwas - gegen die etablierten gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn diese waren die Quelle aller Unterdrückung, und indem man die Unterdrücker vernichtete, hoffte man, die Unterdrückung zu beseitigen.

    Das ist extrem kurzsichtig, was George Orwell in "Animal Farm" schon als Parabel beschrieben hat.

    Nach und mit diesem Strategiewechsel habe ich mich von der Linken verabschiedet. Nur die Kräfte der Unterdrücker zu vernichten führt nur einfach zu neuer Unterdrückung - das Schicksal der Sowjetunion, aber auch der DDR, hat dies hinlänglich bewiesen. Aber es besteht eine Weigerung, daraus zu lernen, man denkt, man könne es besser machen. Es reicht nicht, die Unterdrücker durch Leute zu ersetzen, die anders unterdrücken, weil man meint, man sei moralisch überlegen und würde es besser machen.

    Der Fehler liegt darin, zu meinen, man wüsste besser als die Betroffenen, was für sie gut ist. Das ist der Kardinalfehler aller radikalen Umstürzler, und es ist exakt dieselbe Sichtweise, die man auch heute bei allen Reichen und Mächtigen findet - die Idee, man wüsste besser als alle anderen, was für "die Menschen" gut ist. Man wird mit dieser Haltung niemals die Unterdrückung beseitigen, sondern nur die Unterdrücker austauschen.

    Muslime sind für Linke oft nur ein Instrument, mit der sie ihre Interessen im Diskurs durchsetzen können. Das man damit einer Gruppe hilft, dieselben Interessen durchzusetzen, die man auch bei Faschisten findet, ist eine Vorstellung, die durch die Hoffnung ausradiert wird, man könne, wenn man einmal die Macht habe, alles besser machen. Dass man die Geister, die man ruft, eventuell nicht mehr los wird - auf die Idee kommt kaum einer, dafür hält man sich selbst für zu gut, zu schlau, und man denkt zu sehr in Gegenteilen: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Es kann aber sein, dass man sich damit seinen schlimmsten Feind selbst erschafft. Diese zweite Möglichkeit wird nicht bedacht - denn, wie gesagt, man ist selbst zu gut, zu schlau, als dies passieren könnte.

    Das Problem ist, dass genau dies passieren wird, wenn man nicht vorher darüber nachdenkt.

  • #1

    WissensWert (Dienstag, 03 Januar 2017 00:55)

    https://www.sapereaudepls.de/2016/12/08/religiosit%C3%A4t-und-altruismus/


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