„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die moderne Welt

1. Dies ist der Imperativ des modernen Menschen: "Mach was aus deinem Leben!" Meine Großeltern und alle Generationen vor ihnen kannten den Druck dieser Devise noch nicht. Denn mit ihnen wurde gemacht. Sie wurden in ihren Beruf und ihr Weltbild hineingeboren, konkurrierende Entscheidungsmöglichkeiten waren kaum existent. Wenn ihr Leben verpfuscht war, konnten sie die Schuld daran meist auf äußere Umstände schieben.

Heute zieht diese Entschuldigung immer seltener, denn immer mehr Menschen haben immer mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen. Und es werden sich zunehmend zwei Menschentypen herauskristallisieren: Der erste Menschentypus wird vom Gefühl der Angst dominiert werden und sieht in der neugewonnen Wahlfreiheit primär die Gefahr falscher und unkluger Entscheidungen. Er sehnt sich die Zeiten unserer Urväter

zurück. Der zweite Menschentypus hingegen wird in der Schar neuer Optionen die sich damit neuergebenen Chancen sehen und ihm wird auch die Zukunft gehören!

2. Ein weiterer anhaltender Trend ist die Verasozialozialisierung des Liebeslebens. Denn auch auf dem „Partnermarkt“ bieten sich uns immer mehr Wahlmöglichkeiten an. Während unsere Vorfahren oft auch von Elternhaus aus in ihre Ehe hineingeboren wurden - oder wenn sie Glück hatten noch zwischen den paar Frauen in der näheren Umgebung entscheiden konnten – können wir theoretisch gegenwärtig jeden Menschen auf der Welt ausfindig machen und umwerben. Andersherum konkurrieren wir aber natürlich auch mit immer mehr Menschen um unsere Partner (Tinder, Speeddating etc). Wir stehen also zusätzlich vor dem Druck, immer möglichst witzig oder fit und somit ein möglichst guter potentieller Partner zu sein.

Denn hier haben die Kapitalismuskritiker sicher Recht: Unser Wirtschafts-system infiltriert unsere Art zu Denken, zu Handeln und damit nicht zuletzt auch unser Liebesleben. So sieht sich der moderne Mensch immer mehr bemüht darum sich zu optimieren und so die Höhe und die Qualität der Nachfrage nach einem selbst –also nach dem Angebot – nach oben zu treiben. Nicht selten definiert er sogar sein Selbstwertgefühl nach der Quantität und Qualität der potentiellen Interessenten. Manch einer von ihnen hat Angst sich unter Wert zu verkaufen und zahlreiche ziehen ihre Investitionsgüter (Treue, Zeit) im Handumdrehen ab, wenn sie sich von anderen Menschen plötzlich ein besseres Preis-/Leistungsverhältnis erhoffen (oder das „Produkt“ vorschnell veraltert etc.). Doch ihr und unser aller Sozialleben wäre so viel schöner und in gewisser Hinsicht auch gewinnbringender, wenn wir es weniger marktwirtschaftlich begreifen würden.

3. Die Digitalisierung wird eine enorm hohe Arbeitslosigkeit produzieren. Der Großteil aller in einer Gesellschaft lebenden Menschen wird dann nur noch als Konsument, nicht mehr aber als Arbeitskraft gebraucht werden. Diese Arbeitslosigkeit wird nicht selbstverschuldet sein, es gibt dann einfach nicht mehr Arbeit für jeden, da die Roboter von nun an für uns arbeiten. Trotzdem werden sich natürlich immer mehr Menschen als Abgehängte von der Gesellschaft begreifen.

Deshalb muss der Staat seinen Bürgern zukünftig ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlen. Nicht (nur) aus Wohltätigkeit und gar nicht aufgrund der oft angeführten anthroposophischen Gründe: Das Postulat der BGE-Befürworter, dass Menschen mit einer Grundsicherung kreativ oder gar produktiv werden würden, ist für mich unverständlich. So wie ich die Menschen kenne, werden sie Großteils fernsehschauen, trinken und lange ausschlafen, wenn sie nicht mehr arbeiten müssen. Nein, wir brauchen das BGE, da Abgehängte und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben partizipierende Bürger (sozialer) Sprengstoff sind. Zu viele von ihnen sind tödlich für eine Gesellschaft.

4. Die Gesellschaft war, ist und wird nie eine Leistungsgesellschaft sein. Sie honoriert keinen Fleiß, sondern Glück und Erfolg. Wenn Leistung tatsächlich zu Erfolg und Anerkennung führen würden, dann müssten Altenpfleger einer der meistangesehensten und bestbezahltesten Leute überhaupt sein. Sind sie aber nicht. Stattdessen werden Frauen in GNTM dafür bewundert und verehrt, dass sie in erster Linie einfach nur schön sind und sich ein unnatürliches Verhalten antrainieren. Reich wird auch nicht die fleißige Putzfrau, sondern derjenige, der sowieso schon Geld hat. Denn dieser kann das Geld anlegen und aus einem Mietshaus oder einer Million bald 2 oder 3 machen. Wer aber kein Mietshaus und keine Million hat, wird höchstwahrscheinlich auch nie eine besitzen, er kann sich noch so abdackeln.

Wir bewundern nicht Leistung, wir bewundern Erfolg. Eine tatsächliche Leistungsgesellschaft würde Chancengerechtigkeit voraussetzen. Diese ist gegenwärtig nirgendwo auf der Welt gegeben, in Deutschland sogar noch weniger als in fast jedem anderem OECD-Land. Über die Zukunft eines Menschen entscheidet maßgeblich seine Herkunft. Ein marokkanischer Grundschüler, dessen Eltern kein Deutsch sprechen, wird mit an Sicherheit grenzender statistischer Wahrscheinlichkeit nie Abitur machen.

5. Nach der ersten Mondlandung fantasierte man in den sechziger Jahren von der baldigen Besiedlung des Mars. Diese Fantasie wurde nie Realität. Und auch mit den meisten seiner anderen Zukunftsprognosen lag der Mensch bisher fundamental falsch. Mittlerweile hat man in der Futurologie, also der Wissenschaft von der Zukunft, aus diesen Fehlern aber einiges gelernt. Bei den Marsbesiedlungsfantasien war zum Beispiel klar, dass sie bis auf weiteres Fantasien bleiben müssen. Denn sie berücksichtigten nur das Mögliche - nicht aber das Wahrscheinliche! Im Markt herrscht derzeit keine hinreichend hohe Nachfrage bzw. Kaufkraft bezüglich Marswohnungen, deshalb baut dort auch niemand Häuser.

Technologische Entwicklungen können wir inzwischen recht gut abschätzen, gesellschaftliche indes nicht. Durch Extrapolation von bestehenden Fortschritten in Forschung und Entwicklung konnten viele schlaue Leute schon vor Jahrzehnten die meisten wesentlichen Erfindungen der Gegenwart (Smartphones, selbstfahrende Autos usw.) erahnen. Doch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Finanz- oder die Flüchtlingskrise hat selbst ein Jahr davor kaum jemand vorhergesehen. 

 

Und es kann uns auch niemand verlässlich weissagen, ob wir in 10 Jahren mehr oder weniger Europa / in 100 Jahren mehr oder weniger Weltprobleme haben werden.

Eins aber ist sicher: Es bleibt auch in Zukunft spannend. Prosit 2017!

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