„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Argumentum ad Hominem

Unter einem argumentum ad hominem (lateinisch „Beweisrede zum Menschen“) wird ein Argumentatsionfehler verstanden, in dem die Position oder These eines Streitgegners durch einen Angriff auf persönliche Umstände oder Eigenschaften seiner Person angefochten wird. Dies geschieht meistens mit der Intention, wie bei einem argumentum ad populum die Position und ihren Vertreter bei einem Publikum oder in der öffentlichen Meinung in Misskredit zu bringen. Es kann in der Rhetorik auch bewusst als polemische und unter Umständen auch rabulistische Strategie eingesetzt werden.

Beispiel für ein argumentum ad hominem: Man unterstellt einer Person, sie sei ideologisch verblendet oder ihr fehlten in einem bestimmten Bereich das entsprechende Fachwissen und die wissenschaftlichen Referenzen, um auf diese Weise ihre Schlüsse allgemein zu entwerten. Doch wie ein Mensch denkt oder handelt und welche Ausbildung er genoss, entwertet nicht per se sein Argument oder die Weltanschauung, die er vertritt. Und auch wenn ein Mensch schon zehn Mal Unsinn behauptet hat, entwertet dies nicht seine 11. Aussage, die ja auch einmal richtig sein könnte (MAHNER 1986).

Das Argumentum ad Hominem ist eng mit dem Autoritätsargument verwandt. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass der Autoritätsbeweis die positiven Eigenschaften von Personen hervorhebt, um deren Ansicht zu stärken, wird beim argumentum ad hominem der Gegner in ein schlechtes Licht gerückt, um ihn und dessen Auffassung zu diskreditieren.

A: Die Erde ist eine Scheibe. F: A ist ein Ungläubiger, also ist seine Behauptung falsch
A: Die Erde ist eine Scheibe. F: A ist ein Ungläubiger, also ist seine Behauptung falsch

Manche Leute fühlen sich schon bei Widerspruch oder Widerlegung ihrer Argumente persönlich angegriffen. Aber solange ein Argument gegen die Argumente der Gegenseite geht und nicht gegen die Person, dann liegt per Definition kein Argumentum ad hominem vor. Da spielt es keine Rolle, wie das Gegenargument emotional aufgenommen wird.

 

Ebenso ist es kein Argumentum ad hominem, wenn in einer hitzigeren Auseinandersetzung ein Argument z. B. als „dumm” bezeichnet wird, solange es ausdrücklich um das Argument geht. Selbstverständlich hat eine solche Aussage nur dann einen Wert, wenn gleichzeitig dargelegt wird, warum das Argument dumm sein soll.

1. Subtypen nach Walton

Das argumentum ad hominem lässt sich allgemein wie folgt formalisieren:

Der Gegner behauptet, dass p.                           
Der Gegner ist q (dumm / korrupt / unqualifiziert o.ä.)
________________________________
p ist abzulehnen, da q.

Der kanadische Argumentationstheoretiker Douglas Walton unterteilt das Argumentum ad hominem in fünf Subtypen mit dem Hinweis, dass ebendiese von den Wissenschaftlern größtenteils als akzeptiert gelten: „five types or subcategories of ad hominem argument recur as being recognized as central most frequently – the abusive, the circumstantial, the bias, the tu quoque (or „you too“), and the poisoning the well“. (Walton 1998, S. 2) Auf diese wird nachfolgend einzeln näher eingegangen. 

a. Direktes ad hominem

Als missbräuchliches ad hominem (abusive ad hominem) kann diejenige Argumentationsweise bezeichnet werden, bei der eine Person unmittelbar angegriffen wird, um alle ihre Behauptungen zurückzuweisen. Diese Argumentation weist das Muster auf: „X ist ein schlechter Mensch, deshalb sollte man ihm keinen Glauben schenken“.

 

Trotz der breiteren Akzeptanz des Ausdrucks abusive ad hominem empfiehlt Walton, ihn nur für klar missbräuchliche und fehlschlüssige Fälle zu verwenden, in denen die Person zu Unrecht angegriffen wird. Das Wort abusive suggeriert nicht nur die Verletzung der Person, sondern eben auch, dass das Argument ungerechtfertigt sei. Da es Walton zufolge durchaus Fälle gibt, bei denen ein ad hominem durchaus berechtigt ist und die nicht auf einem logischen Irrtum beruhen, schlägt er die Bezeichnung Direct Ethotic vor. Das direct betont den direkten Angriff, das ethotic das „Ethos“ des Gegenübers, konkret die Beschaffenheit gewisser Persönlichkeitsmerkmale.[5]

 

Walton unterscheidet folgende fünf Subtypen des Direct (Ethotic) Ad Hominem:

 

·         from Veracity (mangelnde Wahrhaftigkeit)

·         from Prudence (mangelnde Vernunft oder Vorsicht)

·         from Perception (mangelnde Einsicht / Unwissenheit)

·         from Cognitive Skills (mangelnde kognitiven Fähigkeiten)

·         from Morals (mangelnde moralische Grundsätze).[6]

 

Allen Subtypen ist gemeinsam, dass sie einen spezifischen Aspekt der Persönlichkeit des Kontrahenten als unzureichend für die Vorbringung einer gültigen Argumentation, Behauptung oder Meinung darstellen.

b. Performatives ad hominem

Das performative ad hominem (circumstantial ad hominem) wurde in der Vergangenheit teilweise so breit ausgelegt, dass es schwierig war, zwischen diesem und dem missbräuchlichen ad hominem zu unterscheiden. Walton bestimmt diesen Subtyp folgendermaßen: „the circumstantial type of ad hominem argument requires some kind of practical inconsistency between what an arguer says and some propositions expressed directly or indirectly by that arguer’s personal circumstances.“[7]

 

Hier wird nicht die argumentative Fähigkeit, sondern die Berechtigung des Gegners, einen bestimmten Punkt zu beurteilen, angegriffen. Insbesondere wird nach einem performativen Widerspruch zwischen Verhalten und Behauptung gesucht. Ein Beispiel dafür wäre, wenn eine Mutter selbst raucht, aber ihrem Kind nahelegt, nicht zu rauchen, weil es sehr ungesund sei. Das Kind erwidert: „Offenbar ist es doch nicht so ungesund, da du ja selbst auch rauchst!“ Die Aussage des Kindes thematisiert den Widerspruch zwischen der Aussage der Mutter und ihrer Handlung. Die Behauptung der Mutter muss dadurch keinesfalls zwangsläufig unwahr sein oder die Argumentation als fehlschlüssig betrachtet werden, nur weil eine Inkonsequenz zwischen der von ihr vertretenen Regel und ihrem eigenen Verhalten besteht.

c. Befangenheits-ad-hominem

Das Befangenheits-ad-hominem (bias ad hominem) stellt die Unbefangenheit einer Person bezüglich des Streitpunkts in Frage. Die Behauptung des Gegners wird dabei auf eigennützige Motive zurückgeführt und ihm wird ein Interesse an einer wahrheitsgemäßen, klugen oder dem Gemeinwohl verträglichen Entscheidung abgesprochen.[8]

d. poisoning the well

Totschlagsargument

Walton schlägt vor, die Brunnenvergiftung (poisoning the well) als Verschärfung des Befangenheits-ad-hominem zu betrachten, bei dem die Befangenheit des Sprechers als gesichert gilt und ihm Interesse unterstellt wird, das dem des Publikums klar zuwiderläuft und von diesem als moralisch verächtlich betrachtet wird.[9]

 

So kann durch geeignetes Framing ein Bezug geschaffen werden, durch den eine bestimmte Aussage eine deutlich negative Konnotation erhält. Auch wenn diese Vorwürfe weit hergeholt sein mögen, gilt: Semper aliquid haeret („etwas bleibt immer hängen“), womit die Grundlage für ein missbräuchliches ad hominem 
gelegt ist.

e. Tu quoque

Tu quoque

Diese Argumentationsart wird häufig dazu verwendet, das angreifende Argument an den Absender zurückzugeben. Dabei wird nicht seine Berechtigung angefochten, das Argument vorzubringen (wie im performativen ad hominem), stattdessen wird die Behauptung des Gegners zum Anlass genommen, um ihn selbst direkt zu tadeln und somit unabhängig von der speziellen Sachfrage zum Schweigen zu bringen. Beispiel: „Erzähl mir nicht, dass ich mit dem Rauchen aufhören soll, du qualmst ja selbst wie ein Schlot!“. Walton lässt offen, ob dieses Muster unter dem Überbegriff ad hominem einzuordnen ist.

2. Kritik am argumentum ad hominem

Selbst wenn die persönlichen Umstände eines Diskutanten tatsächliche Auswirkungen auf dessen Argumentation haben, ist jeder Schluss vom einen auf das andere immer ein Fehlschluss. Denn die Qualität eines Argumentes steht für sich, sie ist nicht abhängig vom Urheber des Argumentes.

Beispiel: Herr P. ist senil und möchte sterben, d.h. er hat ein Interesse an der Legalisierung der Sterbehilfe in Deutschland und er ist altersbedingt in seinen geistigen Möglichkeiten eingeschränkt. Äußert Herr P. Pro-Sterbehilfe Argumente, so sind diese sachlich und objektiv zu behandeln. Der objektive Wert seiner Argumente würde sich nämlich offensichtlich nicht ändern, wenn ein Philosophieprofessor für Angewandte Ethik sie aussprechen würde. D.h. er steht unabhängig vom Urheber des Argumentes.

Merke: Wenn du ein Argument angreifen möchtest, musst du auch stets gegen das Argument argumentieren (sachliche Ebene) und nicht gegen die Person (persönliche Ebene).

“The fact that the rationalist attitude considers the argument rather than the person arguing is of far-reaching importance. It leads to the view that we must recognize everybody with whom we communicate as a potential source of argument and of reasonable information; it thus establishes what may be described as the 'rational unity of mankind'.”
- Karl Popper, 'The Open Society and Its Enemies', Chapter 24.

Verweise

Argumentum ad Hitlerum  ist ein Sonderfall des argumentum ad hominem: Ein Sachverhalt (z.B. Vegetarismus) wird diskreditiert, weil er auf Adolf Hitler zutraf.

Arthur Schopenhauer: Als argumentum ad personam bezeichnet der Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Werk zur eristischen Dialektik ein Scheinargument, das sich wie beim argumentum ad hominem auf die Person des Gegners richtet, dabei jedoch keinen Bezug mehr zum eigentlichen Streitthema enthält und ausschließlich sachlich irrelevante persönliche Eigenschaften angreift. Es benötigt im Gegensatz zum argumentum ad hominem keinen logischen Aufbau und besteht im Extremfall aus einer schlichten Beleidigung. Schopenhauer führt es als letztes Mittel in einem Streitgespräch an: „Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob.“ Diese Vorgehensweise sei beliebt, da sie von jedermann angewandt werden könne. Im Gegensatz dazu sei die Fähigkeit zu einer sachlichen Auseinandersetzung und dem Eingestehen des eigenen Unrechts nicht jedem gegeben, und er bemerkt: „Daraus folgt, daß unter Hundert kaum Einer ist, der wert ist, daß man mit ihm disputiert.“ Schopenhauer betont, dass ein dialektischer Sieg, also das sachliche Widerlegen einer Position, einen Streitgegner weit mehr erbittert als eine bloße Beleidigung, und empfiehlt dieses Vorgehen als Gegenstrategie.

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Kommentare: 7
  • #7

    Trzęsowski (Donnerstag, 23 Februar 2017 09:03)

    Sehr logische, sachliche und polemisch schoene Erlaeuterungen.

  • #6

    WissensWert (Mittwoch, 04 Januar 2017 17:45)

    Während in älterer Literatur das argumentum ad hominem als Musterbeispiel einer polemischen Argumentation und eines logischen Fehlschlusses betrachtet wurde, ist dies gemäß neueren Interpretationen nicht vorbehaltlos in jedem Fall angebracht, sondern nur, wenn ein logischer Irrtum begangen wird, der in der englischsprachigen Literatur als genetic fallacy bezeichnet wird. Die genetic fallacy zählt aber zu den schon von Aristoteles beschriebenen Sophismen.

    Erst seit kurzem ist das argumentum ad hominem Gegenstand systematischer Betrachtung, was auf die Behandlung in Charles Leonard Hamblins Fallacies zurückzuführen ist. Hamblin startete damit den Diskurs über die sogenannte Informal Logic. In Fallacies nennt Hamblin eine Passage aus John Lockes Abhandlung An Essay concerning Humane Understanding (1690) als Quelle des Ausdrucks argumentum ad hominem. Allerdings gab Locke seinerzeit an, dass dieser Ausdruck nicht von ihm selbst stammt, womit auch die Frage nach dem Ursprung des Terminus noch ungeklärt blieb. Hamblin vertritt die These, dass das ad-hominem-Konzept eigentlich von Aristoteles stamme.[1]

    In der retrospektiven Betrachtung wurde durch Maurice Finocchiaro nachgewiesen, dass das argumentum ad hominem ein wichtiges Werkzeug in den Dialogen Galileo Galileis darstellte und Locke von diesen beeinflusst war.[2] Gemäß Walton hatten Galileo und Locke sehr ähnliche Vorstellungen von diesem Argument, so gaben sie auch beide an, dass es im Wesentlichen darin besteht, seinen Gegner zu kompromittieren.[3]

    Die Hypothese Hamblins wurde von Nuchelmans bestätigt, der zwei unterschiedliche Ad-Hominem-Muster beschreibt, die seit der ersten Beschreibung durch Aristoteles wiederholt beschrieben und verwendet wurden.[4] Eine vergleichbare Unterteilung nahm bereits Schopenhauer in seinem Werk zur eristischen Dialektik vor. Dort wird die Kompromittierung des Gegenübers einerseits, andererseits der persönliche Angriff mit dem Ziel, den Gegner zum Abbruch des Disputs zu reizen, genannt. Nur die erste Variante möchte Schopenhauer als argumentum ad hominem bezeichnen, während er für die zweite den Ausdruck argumentum ad personam vorschlug.

    Douglas Walton hat schließlich mit Ad Hominem Arguments ein Standardwerk vorgelegt, das den Begriff exakt definiert und klar unterscheidbare Subtypen benennt.

  • #5

    WissensWert (Dienstag, 03 Januar 2017 01:53)

    Wenn Menschen "vom Glauben abfallen" wird ihnen oft unterstellt, sie hätten einen "psychischen Konflikt (mit Gott oder sich selbst)" und wären deshalb Atheist geworden. So war es auch bei mir.

    Dem ist nicht so. Aber was wäre, wenn? Dann würde dies nichts an der Validität meiner Argumente ändern. Selbst wenn ich sogar von einem Priester missbraucht worden wäre und gute Gründe hätte, emotional gegen den Glauben zu sein, ändert dies nichts daran, dass man sich sachlich mit meinen Argumenten auseinandersetzen muss. Die Unterstellung würde also selbst dann noch ihren Zweck der -->Kritikimmunisierung verfehlen, wenn sie wahr wäre.

    2. Es spricht nichts für und (empirisch und rational) unzähliges gegen die christliche Gottesannahme. In einem solchen Fall ist es nur schlüssig, dass man ihr keinen Glauben schenkt. Dass mich nun Leute, die meinen, ein unsichtbarer Freund würde "im Gebet" zu ihnen sprechen und ihnen sagen, wie sie zu leben haben, durch Verweis auf eine psychische Vorbelastung zu diskreteren versuchen, ist eine herrliche Selbstironie.

  • #4

    WissensWert (Montag, 19 Dezember 2016 01:25)

    Your reasoning contains this fallacy if you make an irrelevant attack on the arguer and suggest that this attack undermines the argument itself. "Ad Hominem" means "to the person" as in being "directed at the person."
    Example:
    What she says about Johannes Kepler's astronomy of the 1600s must be just so much garbage. Do you realize she's only fifteen years old?
    This attack may undermine the young woman's credibility as a scientific authority, but it does not undermine her reasoning itself because her age is irrelevant to quality of her reasoning. That reasoning should stand or fall on the scientific evidence, not on the arguer's age or anything else about her personally.
    The major difficulty with labeling a piece of reasoning an Ad Hominem Fallacy is deciding whether the personal attack is relevant or irrelevant. For example, attacks on a person for their immoral sexual conduct are irrelevant to the quality of their mathematical reasoning, but they are relevant to arguments promoting the person for a leadership position in a church or mosque.
    If the fallacious reasoner points out irrelevant circumstances that the reasoner is in, such as the arguer's having a vested interest in people accepting the position, then the ad hominem fallacy may be called a Circumstantial Ad Hominem. If the fallacious attack points out some despicable trait of the arguer, it may be called an Abusive Ad Hominem. An Ad hominem that attacks an arguer by attacking the arguer's associates is called the Fallacy of Guilt by Association. If the fallacy focuses on a complaint about the origin of the arguer's views, then it is a kind of Genetic Fallacy. If the fallacy is due to claiming the person does not practice what is preached, it is the Tu QuoqueFallacy. Two Wrongs do not Make a Right is also a type of Ad Hominem fallacy.

  • #3

    WissensWert (Montag, 19 Dezember 2016 01:24)

    https://www.ratioblog.de/entry/fehlschluss-8-argumentum-ad-hominem

  • #2

    WissensWert (Montag, 19 Dezember 2016 01:22)

    Das Sprichwort
    Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…
    mag emotional nachvollziehbar sein, ist aber genaugenommen dieser Fehlschluss. Frühere Lügen sind sicher ein Anlass, aktuelle Aussagen genauer zu überprüfen. Aber sie lassen nicht automatisch darauf schließen, dass aktuelle Aussagen unwahr sind.

  • #1

    WissensWert (Montag, 19 Dezember 2016 01:22)

    Wenn beispielsweise ein anerkannter Sexist behauptet, »Männer und Frauen sind biologisch verschieden«, wird die Äußerung nicht falsch, weil er ein Chauvinist ist. Eine Ansicht über politische, soziale, oder wirtschaftliche Dinge ist nicht unrichtig, weil Adolf Hitler sie gesagt hat. Sie ist inkorrekt, wenn sie Tatsachen unwahr oder verzerrt wiedergibt, oder sie einen logischen Fehler enthält. Das ist unabhängig von den Menschen. Wahrheit ist eine Eigenschaft eines Satzes, die sich auf die empirische Welt bezieht und nichts mit dem Subjekt zu schaffen hat, das die Aussage tätigt.
    Es gibt zusätzlich ein positives ad hominem: »Die Auskunft ist wahr, weil der Experte, Herr Doktor X, sie gesagt hat. Eine Expertenmeinung eines Menschen, der über Expertise auf dem Gebiet verfügt, ist nur wahrscheinlicher richtig. Man muss berücksichtigen, ob das die Mehrheitsmeinung aller Fachleute ist, oder eine Minderheitenmeinung. Nicht mal Letzteres ist ein Argument, weil beispielsweise die absolute Mehrheit aller Physiker des 19. Jahrhunderts und davor die Position vertreten hat, dass es eine absolute Zeit und einen absoluten Raum gibt. Der akademische Außenseiter Albert Einstein, zu der Zeit Angestellter des Patentamtes, widersprach der Ansicht. Und er behielt recht.

    Ein Beispiel für ein negatives ad hominem wäre: »Richard Dawkins kann nichts zur Theologie behaupten, weil er Zoologe ist, und die Naturwissenschaft nichts zur Religion sagen kann«. Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch, weil er als Experte für Evolutionsbiologie den Kreationismus kritisiert, und weil ein Biologe ein Philosoph ist. Bevor man den Ausdruck »Naturwissenschaft« prägte, nannte man das »Naturphilosophie«. In England heißen ein paar Lehrstühle bis heute so. Naturphilosoph und Physiker kann man synonym verwenden. Aus dem Grund kann Dawkins Auffassungen zur Philosophie der Religion äußern, ohne sein Expertengebiet zu verlassen. Im angelsächsischen Raum existieren viele rein philosophische Werke von ehemaligen Physik- Biologie- und Chemieprofessoren.

    Bevor es zu lang wird, muss ich Euch auf den nächsten Teil vertrösten, der sich endlich damit beschäftigt, was man dem entgegnen kann.


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