„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Meinungen sind NICHT gleichberechtigt

Zugegeben, der Titel ist provokant gewählt.
Ich beziehe mich auf folgenden Artikel:

https://www.washingtonpost.com/pwa/#https://www.washingtonpost.com/news/energy-environment/wp/2015/03/10/the-science-of-protecting-peoples-feelings-why-we-pretend-all-opinions-are-equal/
 

 

Niemandes Gefühle sollen verletzt werden! "Wir alle neigen zu der Annahme, dass der Standpunkt jedes Diskussionsteilnehmers gleichberechtigt behandelt werden sollte. Diese scheinbar harmlose Annahme kann schädliche Folgen bei gemeinsamen Entscheidungsfindungen haben. Um optimal zu entscheiden, sollten Gruppenmitglieder die verschiedenen Standpunkte nach der Kompetenz des Sprechers in diesem Thema gewichten. Gleichbehandlung führt hier zu suboptimalen Entscheidungen."

 

Eine Studie:

 

Zwei Teilnehmer werden in ein Team zusammengefasst. Die Teilnehmer bekommen zwei Bilder für wenige Millisekunden präsentiert. Eines der Bilder enthält ein zusätzliches Objekt. Die Teilnehmer müssen sich entscheiden, welches der beiden Bilder das Zusatzobjekt enthält. Es wird eine einstimmige Entscheidung verlangt. Das Paar erhält eine unmittelbare Rückmeldung, ob sie richtig oder falsch entschieden haben. Es werden 256 Versuche pro Paar geführt. 

 

Dabei lernten die Paare: Einer in ihrem Team ist oftmals viel erfolgreicher, das korrekte Bild zu identifizieren. Es wäre zu erwarten, dass dieser Kompetenzvorsprung beim Finden der gemeinsamen Entscheidung berücksichtigt wird. Das bleibt irrationalerweise aus. 

 

1. Der häufiger irrende Partner neigt dazu, die Meinung der erfolgreicheren Partners zu schwach zu gewichten.

2. Der erfolgreichere Partner neigt dazu, die Meinung seines inkompetenten Partners zu stark zu gewichten.

 

Beide Partner neigen dazu, so zu entscheiden, als wären beide Urteile gleichermaßen kompetent - selbst wenn sie in Echtzeit miterleben, dass diese Kompetenzgleichheit eine Illusion ist. (Sogar dann, wenn ein sichtbarer Punkte-Zähler mitläuft, der ihnen die Diskrepanz permanent vor Augen führt.)

 

Eine mögliche Erklärung der Autoren:

"Der inkompetentere Partner könnte versucht haben, seine soziale Relevanz zu verteidigen, indem er auf einer eigenen Meinung beharrt - selbst wenn sich diese als inkompetent erweist. Der kompetentere Partner könnte versucht haben, ein unhöfliches Ignorieren des anderen Partners zu vermeiden."

 

Das sind sozial sinnvolle Instinkte, die aber eine optimale Entscheidungsfindung stören. Jeder kann irren - auch Experten. Aber sie haben eine viel höhere Chance, optimale Entscheidungen zu finden. Unsere sozialen, kooperativen Instinkte behindern uns womöglich daran, Experten-Meinungen angemessenes Gewicht in Debatten einzuräumen. Unsere evolutionäre Programmierung suggeriert uns irrtümlich, alle Standpunkte seien gleich viel wert."

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