„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die "Blütezeit des Islams"

Zwischen 800 und 1200 erlebte die wissenschaftliche Forschung in der arabischen Welt eine Blütezeit. Interessanterweise wird diese Epoche aber nicht die "arabische Blütezeit der Wissenschaften" genannt - sondern die "Blütezeit des Islams" oder "das Goldene Zeitalter des Islams".


Ich frage mich: Warum?
 

Waren die Vordenker dem Islam etwa besonders ergeben? Haben islamische Doktrin eine Rolle gespielt?

 

Wenn ich über die Vordenker dieser "Blütezeit" nachlese, dann fällt mir vor allem auf, wie irrelevant der Islam in ihrem wissenschaftlichen Denken war. Mehr noch: Viele von ihnen haben den Islam (und religiöse Offenbarungen allgemein) heftig kritisiert.

 

Der zentrale Verdienst in der "Blütezeit des Islams" scheint der Einfluss der griechischen Philosophie gewesen zu sein, die Aufwertung der vernunftbasierten Erkenntnis gegenüber "persönlicher Offenbarung".

 

Omar Khayyam (persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Philosoph und Dichter, 1048-1131) war Skeptiker, glaubte nicht an göttliche Offenbarungen, nicht an eine unsterbliche Seele oder an das Jenseits. "Menschen reden vom Himmel - aber es gibt keinen Himmel außer diesem hier. Menschen reden von der Hölle - aber es gibt keine Hölle außer dieser hier. Menschen reden vom Jenseits - aber es gibt nur dieses Leben hier." (Rubáiyát)

 

Al-Biruni (Mathematiker, Kartograf, Astronom, Astrologe, Philosoph, Pharmakologe, Mineraloge, Forschungsreisender, Historiker, Übersetzer 973-1048) hat in etlichen Disziplinen wesentliches beigetragen. Al-Biruni hat eine strikte Trennung zwischen Wissenschaft und Religion entworfen: "Der Koran greift nicht auf das Gebiet der Wissenschaften über." Das steht im krassen Gegensatz zu der gegenwärtigen islamischen Idee der „wissenschaftlichen Prophetie“ des Korans.

 

Was ist der "Beitrag des Islams" zu den wissenschaftlichen Entdeckungen des mittelalterlichen Arabiens? Offenbar: Das Zurücktreten des Islams in die zweite Reihe. Seine Irrelevanz.

 

Al-Razi (eine der zentralen Figuren des "goldenen Zeitalters", Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph und Alchemist, 864-925) hat sich in etlichen Schriften kritisch über Religionen und den Islam geäußert. Er schrieb mehrere Bücher über Religionen, darunter: "Die betrügerischen Tricks von Propheten", "Die Strategien jener, die sich als Propheten ausgeben" und "Die Widerlegung der Offenbarungsreligionen".

 

"Die Propheten, diese Ziegenböcke mit ihren langen Bärten, können keine intellektuelle oder spirituelle Überlegenheit beanspruchen. Sie behaupten, mit einer Botschaft von Gott zu kommen - sie verausgaben sich mit dem Verbreiten von Lüge und predigen den Massen blinden Gehorsam unter die "Worte des Meisters". Die Wunder der Propheten sind Betrügereien, die auf Tricks beruhen, und die Geschichten über sie sind Lügen."

 

"Wenn man Gläubige nach Beweisen für die Gültigkeit ihrer Religion befragt, erregen sie sich, werden wütend und vergießen das Blut derjenigen, die sie mit dieser Frage konfrontiert haben. Sie verbieten vernunftbasierte Nachforschung und wollen ihre Kritiker umbringen. Dadurch wurde die Wahrheit zum Schweigen gebracht und verborgen."

 

"Religion erstickt die Wahrheit und fördert Feindeseligkeit. Wenn ein Buch tatsächlich seinen Offenbarungscharakter nachweisen sollte, dann könnten die Aufsätze zur Geometrie, Astronomie, Medizin und Logik viel eher den Anspruch von "Offenbarung" einlösen als der Koran".

Al-Razi über die "Unnachahmlichkeit des Korans":

 

"Sie behaupten, dass das offensichtliche Wunder in Form des Korans jedem zugänglich ist. Sie sagen 'Wer auch immer dies verneint, sollte etwas vergleichbares reproduzieren'. Tatsächlich könnten wir tausend ähnliche Erzeugnisse reproduzieren, aus dem Werk von Rhetorikern, eloquenten Sprechern und wackeren Poeten, deren Formulierungen treffender und kürzer sind. Sie können ihre Absichten besser mitteilen und auch ihre Reimprosa hat einen besseren Rhythmus. Bei Gott, was Sie uns erzählen erstaunt uns sehr! Sie sprechen über ein Buch, das alte Mythen aufzählt und zur selben Zeit voller Widersprüchlichkeiten ist und keine wertvollen Informationen oder Erklärungen beinhaltet. Dann sagen Sie 'Produziert etwas vergleichbares!'"

 

Die Universität in Kermanshah (Iran) trägt Al-Razis Namen - auch das Teheraner Institut für Impfungen und Serumforschung. Jährlich am 27. August feiert der Iran den "Al-Razi-Tag der Pharmazie". Für seine islamkritischen Aussagen würde al-Razi heute wahrscheinlich im Iran hingerichtet werden.

 

Was war die intellektuelle Stärke in der "Blütezeit des Islams"? Der offene Diskurs, der freie Austausch von Meinungen, die Betonung vernunftbasierter Erkenntnis. Ich habe den Eindruck, der Verdienst des Islams war es, dass er nicht in Erscheinung getreten ist. Die arabischen Vordenker des Mittelalters (auch der Muslim ibn Sina, auch Al-Farabi) waren der Meinung, dass vernunftgeleitete Erkenntnis überlegen ist gegenüber persönlicher Offenbarung. Andere Wissenschaftler, Philosophen und Dichter dieses "goldenen Zeitalters" haben den Islam auf das Heftigste kritisiert (Al-Razi, Khayyam, Al-Ma'arri, Al-Warraq, Abu Nuwas, Ibn al-Rawandi).

 

Erst der gewaltige Einfluss Al-Ghazzalis hat die vernunftbasierte Erkenntnis wieder in Misskredit gebracht und die persönliche Offenbarung als angeblich überlegene Erkenntnisform rehabilitiert. Ich habe den Eindruck, viele Muslime, die heute begeistert von den "Blütezeit des Islams" schwärmen, würden ihre Vordenker als Häretiker und Ungläubige ablehnen, wenn sie mehr über sie wüssten.

Zitate aus: 
Jennifer Michael Hecht, "Doubt - a history. The great doubters and their legacy of innovation", HarperOne, San Francisco, 2003
Sarah Stroumsa, "Freethinkers of Medieval Islam", Leiden: Brill, 1999

Bild: 
Pavillon persischer Gelehrter, ein Geschenk der iranischen Regierung an das Internationale Zentrum Wien, „UNO-City“. Hier sind die bedeutendsten Wissenschaftler des "goldenen Zeitalters des Islams" dargestellt. Links: Al-Razi, rechts Omar Khayyam – beides eloquente Kritiker des Islams und „religiöser Offenbarung“. (Rückseite Ibn Sina (Avicenna) und Al-Biruni).

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Sonntag, 29 Januar 2017 01:03)

    In der Tat, es gab mal eine Blütezeit im Islam. Zu dieser Zeit waren die arabischen Staaten den europäischen weit voraus, was Wissenschaft anging. Aber auch, was religiöse Toleranz angeht. Daher finden wir die ersten bekennenden Atheisten auch zur Blütezeit des Islams im arabischen Teil der Welt.

    Aber heute können Araber nur noch eines: Auf vergangene Zeiten stolz sein, in denen die arabische Welt tolerant und offen war. Seitdem das vorbei ist, seit dem islamisch-fundamentalistischen Rollback, gibt es nur noch die Vergangenheit, für die man sich brüsten kann. Denn heute kommen aus der ganzen arabischen Welt keinerlei Impulse mehr für den Fortschritt. Es gibt ca. 1,5 Milliarden Muslime, aber gerade mal ein Dutzend muslimische Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften. Zum Vergleich: Es gibt nur 15 Millionen Juden, aber 920 jüdische Nobelpreisträger.

    Statt sich zu fragen, woher das kommt, dass Europa und die USA eine führende Rolle eingenommen haben und fast alle moderne Technologie in demokratischen Staaten entwickelt und produziert wird (Ausnahme: China - aber China war schon immer auf vielen Gebieten führend), jammert man und will zurück zu den alten Zeiten.

    Aber dazu müsste man erst einmal die religiöse Toleranz und die Demokratie entwickeln, die es in den entwickelten Staaten gibt. Oder wenigstens so säkular werden wie China es schon immer war. Aber nein, man jammert und tut nichts in der Richtung.

    Ohne eine freie Konkurrenz der Ideen gibt es keine nennenswerten Fortschritte, auf keinem Gebiet. Statt also "mehr Islam" zu fordern müsste man sich überlegen, ob man nicht auch wieder eine freie Konkurrenz der Ideen zulässt, wie früher, selbst wenn das bedeutet, große Teile des Islam aufgeben zu müssen. Aber man will beides, und das bedeutet, man wird nichts davon bekommen.

    Man kann nicht beides haben, um es platt auszudrücken: Freie Forschung und Entwicklung und ein Verbot von Mohammed-Karikaturen und Unterdrückung der Atheisten. Man wird auch nicht einmal in die Nähe der technologisch entwickelten Staaten gelangen, wenn man weiterhin die Hälfte des eigenen Potenzials unterdrückt: die Frauen.

    Man könnte analysieren, worauf der Rückstand beruht. Aber nein, soweit will man nicht denken, weil man dann den größten Teil des Islam wegwerfen müsste.

    Insofern ist diese Protzerei mit der arabischen Vergangenheit eigentlich für Muslime in jeder Hinsicht beschämend."

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 21 Dezember 2016 01:39)

    Vielerorts liest man: "blühte der nahe Osten unter Führung des Islams auf und ging in die Geschichtsbücher als "Goldenes Zeitalter" ein."
    Sieh Dir die "Vordenker des Goldenen Zeitalters" mal genauer an.
    Sie wurden nicht "vom Islam geführt", sondern von wissenschaftlichem Denken und einer starken Opposition gegenüber dem Offenbarungsglauben des Islams.
    Ich meine, der Verdienst des Islams im "Goldenen Zeitalter" war sein Zurücktreten in die zweite Reihe. Sein Bedeutungsverlust.

  • #1

    WissensWert (Dienstag, 13 Dezember 2016 22:21)

    Vielerorts liest man: "blühte der nahe Osten unter Führung des Islams auf und ging in die Geschichtsbücher als "Goldenes Zeitalter" ein."

    Sieh Dir die "Vordenker des Goldenen Zeitalters" mal genauer an.

    Sie wurden nicht "vom Islam geführt", sondern von wissenschaftlichem Denken und einer starken Opposition gegenüber dem Offenbarungsglauben des Islams.

    Ich meine, der Verdienst des Islams im "Goldenen Zeitalter" war sein Zurücktreten in die zweite Reihe. Sein Bedeutungsverlust.


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