„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Was hat Klimapolitik mit Religion zu tun?

John Shimkus, Kongressabgeordneter Illinois, begründet 2009 seine Ablehnung der anthropogenen Klimaveränderung in einer Anhörung vor dem Ausschuss für Energie und Umwelt. Er zitiert die Bibel:

 

"Und Gott sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (1. Mose 8,21)

Ich glaube an das unfehlbare Wort Gottes. So wird seine Schöpfung ihren weiteren Weg nehmen. Die Erde wird erst dann untergehen, wenn Gott ihre Zeit für abgelaufen erklärt. Der Mensch wird diese Erde nicht zerstören. Wir haben Männer des Glaubens unter unseren Rednern - und wir können detailliert in eine theologische Debatte über diese Position einsteigen. Aber ich glaube, dass Gottes Wort unfehlbar, unveränderlich und vollkommen ist."

https://youtu.be/_7h08RDYA5E

 

Ein Kongressabgeordneter will die Klimapolitik der US-Regierung (seinem Glauben entsprechend) durch Anwendung bronzezeitlichen Märchen beeinflussen. Dazu will er keine Daten diskutieren, sondern das Alte Testament.

 

Ein konservativer Think-Tank liefert diesen Beitrag zur Klimadebatte:

 

"Was wir glauben:

Wir glauben, dass die Erde und ihre Ökosysteme - geschaffen durch Gottes intelligente Planung und unendliche Macht und aufrecht erhalten durch Gottes Vorhersehung - robust, selbstregulierend, selbstkorrigierend sind - bewundernswert geeignet für menschliches Wohlergehen, und dass sie Gottes Größe anzeigen. Die Klimasystem der Erde ist da keine Ausnahme. Eine aktuelle Erwärmung des Klimas einer der vielen Zyklen von Erwärmung und Abkühlung innerhalb der Erdgeschichte.

 

Was wir nicht glauben:

Wir bestreiten, dass die Erde und ihre Ökosysteme fragile und instabile Produkte des Zufalls seien - und insbesondere, dass die Klimasysteme der Erde verletzlich bis hin zu gefährlichen Veränderungen seien - durch minimale Änderungen in der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre. Die aktuelle Erwärmung ist weder unnormal noch ungewöhnlich rasch. Es gibt keine überzeugende wissenschaftliche Evidenz, dass der menschliche Eintrag an klimawirksamen Gasen zu einer gefährlichen globalen Erwärmung führt."

 

Dieses Programm widerspricht so ziemlich jeder wissenschaftlichen Publikation zu diesem Thema. Es ist ein religiöses Glaubensbekenntnis und eine Absage an vernünftiges, evidenzgeleitetes Denken - zum vielleicht existentiellsten Problem der Gegenwart. Das Statement wurde von hunderten Geistlichen, Theologen, aber auch christlichen Wissenschaftlern, Ärzten, Ökonomen und Lehrern unterschrieben - darunter der bekannte Meteorologe Joseph D’Aleo und von Neil Frank, ehemaliger Direktor des National Hurricane Center.

http://www.cornwallalliance.org/2009/05/01/evangelical-declaration-on-global-warming/

 

36% der US-Amerikaner (65% der evangelikalen Christen) betrachten die zunehmenden Naturkatastrophen als Hinweis auf die bevorstehenden biblischen Endzeiten - also einen gottgewollten Plan. Statistische Korrelation: Je religiöser die Befragten, desto irrelevanter wird Klimapolitik für sie.

http://publicreligion.org/research/2012/12/prri-rns-december-2012-survey/

 

Diese Vermischung von religiösen Glaubensüberzeugungen (1. Gott bewahrt seine Schöpfung, 2. demnächst kommt sowieso das Jüngste Gericht) mit tagespolitischen Standpunkten  ist laut soziologischen Untersuchungen das womöglich ausschlaggebendste Motiv für die stagnierende US-Klimapolitik. http://www.rawstory.com/2013/05/belief-in-end-times-stifling-climate-change-action-in-u-s-study/

 

Laut Pew-Umfrage glauben 41% der US-Amerikaner an die Rückkehr von Jesus Christus in den nächsten 40 Jahren– vorrangig evangelikale Christen. 

http://www.pewresearch.org/daily-number/jesus-christs-return-to-earth/

 

Ähnliche Zahlen finden sich in der islamischen Welt. Etwa 40% der Muslime weltweit rechnet mit dem Erscheinen des Mahdi (mit dem Eintreffen der Apokalypse) innerhalb ihrer eigenen Lebenszeit. 

http://www.wnd.com/2012/08/670-million-muslims-expect-madhi-in-their-lifetime/

 

Wozu das Kyoto-Protokoll unterschreiben, wenn die Welt in den nächsten 40 Jahren sowieso untergeht? Klar: ökonomische, psychologische und tagespolitische Gründe spielen ebenfalls eine Rolle in der Klimapolitik. Aber religiöse Überzeugungen verhindern offenbar, dass Klimawandel überhaupt als relevantes oder beeinflussbares Problem wahrgenommen wird – ja, dass ein Interesse am Überleben dieser Erde sinnvoll sein könnte.

 

Keine Übertreibung: Unser gesellschaftlicher Respekt für Glaubens-überzeugungen könnte die Menschheit bei ihrem Versuch sabotieren, ihr eigenes Überleben zu sichern.

 

(ausführlicher: Jerry Coyne. „Faith vs. Fact – why Science and Religion are incompatable”, Viking, 2015)

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 07 Dezember 2016 21:39)

    Eine weitere Konsequenz religiöser Überzeugungen:
    Der Raum für öffentliche Debatte wird mit irrelevanten Themen verstopft. Statt über Lösungen zum Klimawandel zu diskutieren geht es um Heirat unter Homosexuellen (als gäbe es da irgendwelche rational begündeten Vorbehalte, die man diskutieren müsste) über Abtreibung, über religiöse Symbolik auf Starbucks-Kaffee-Bechern, Kreationismus oder islamistischen Terror (tragisch, aber verglichen mit anderen Problemen in der Gesellschaft von marginaler Relevanz) oder jüngst in Deutschland: Sterbehilfe.

    Diese Themen könnten durch vernünftiges Denken in einer halben Stunde verantwortungsbewusst und ethisch geklärt und abgeschlossen werden. Stattdessen gibt es monatelange Grabenkämpfe gegen die Ressentiments religiöser Dogmatiker. Durch religiös begründete Standpunkte werden diese Nicht-Themen plötzlich zu weltanschaulichen Grabenkämpfen - und es bleibt keine Aufmerksamkeit mehr für die wichtigen Themen übrig.


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