„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Sprache geht – die Musik bleibt

Alzheimer-Patienten verlieren ihre kognitiven Fähigkeiten – doch trotz Demenz können sie noch altbekannte Lieder singen oder ein Instrument lernen. Selbst wenn das Sprechen und Spielen nicht mehr möglich ist, bleibt Musik als Kommunikationsmittel.

Copyright: Paula Connelly / Getty Images
Copyright: Paula Connelly / Getty Images

Für viele der Anwesenden darf man es wohl als das wöchentliche Highlight bezeichnen: Ein paar Stühle und Rollstühle stehen im Kreis; darauf sitzen fast durchweg Frauen, die meisten mit weißen Haaren. Viele sind in sich zusammengesunken, ihr Blick wirkt abwesend. Nur ein paar Augenpaare verfolgen, wie die einzige jüngere Frau im Raum ein Liederbuch aufschlägt und eine Gitarre in Position bringt. „'Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘“, kündigt sie an, „passend zur schönen Sommerszeit“. Dann beginnt sie zu spielen und zu singen.

 

Mit dünnen Stimmen, teils zittrig, teils knapp an der Tonlage vorbei, setzen die übrigen Anwesenden mit ein. Die Atmosphäre wandelt sich, wenn auch zunächst fast unmerklich: Blicke füllen sich mit Leben, Oberkörper richten sich auf, manch eines der furchigen Gesichter wird von einem strahlenden Lächeln ergriffen.

 

So oder so ähnlich trägt es sich in vielen Altenheimen regelmäßig zu – unter anderem in St. Anna in Heidelberg. „Auch Menschen mit Alzheimer-Demenz erinnern sich an diese Lieder, wenn sie früher einen Bezug dazu hatten“, sagt Anna Pfeiffer, die in dem Altenpflegeheim als Musiktherapeutin angestellt ist. „Sie blühen dann auf, lächeln, holen mal tiefer Luft. Sie erleben sich als Teil der Gruppe (Im Takt), als teilhabend am aktuellen Geschehen, können mithalten – während sie sonst fast immer stumm sind, zu adäquaten Antworten nicht in der Lage.“

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

 

·       Alzheimer-Patienten haben oft noch Freude an bestimmter, individuell bedeutsamer Musik und können altbekannte Lieder mitsingen.

·       Während für Betroffene in vielen Bereichen der Verlust von Kompetenzen im Vordergrund steht, sind musikalisch – unter passenden Voraussetzungen – noch Fortschritte möglich; sogar ein Instrument neu zu erlernen, ist denkbar.

·       Musik kann für Demente nicht nur Freude und Teilhabe bedeuten, sondern – dank der Einbeziehung vielfältiger Netzwerke im Gehirn – auch helfen, typische Alzheimer-Symptome wie Unruhe (Agitiertheit) zu lindern.

·       Auch bei schwerster Demenz, wenn sprachliche Kommunikation nicht mehr möglich ist, kann mit musikalischen oder musiktherapeutischen Mitteln noch Kontakt hergestellt und dem menschlichen Grundbedürfnis der Patienten nach Beziehung entsprochen werden.

Freie Fahrt für Emotionalität

Patienten, die partout nicht mehr wissen, dass sie vor drei Minuten den Herd angeschaltet haben, haben mit Liedern aus der Jugend noch lange keine Probleme: Je älter eine Erinnerung, desto später geht sie verloren. Hinzu kommt, dass mit Blick auf die Musik Alzheimer-Kranke in gewisser Weise auch im Vorteil sind. Die Münchner Musiktherapeutin Dorothea Muthesius hat es in einem Interview folgendermaßen erklärt: Mit der Demenz gingen kognitive Fähigkeiten verloren; damit falle aber auch die Selbstzensur weg; so entstehe Raum für die freie Entfaltung von Gefühlen. „Da bietet Musik sehr viel: Sie spricht das Emotionale an, und das ist bei Menschen mit Demenz noch sehr gut erhalten.“

 

Musik kann dadurch zum Vehikel für Freude werden, zum Mittel der Aktivierung, aber auch zum Weg der Verständigung. Dafür braucht es auch kein ausgebildetes Fachpersonal. So erzählte vor einigen Jahren der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf, der im Zuge von Recherchen für seine Bücher übers Älterwerden schon viele verschiedene Einrichtungen für Demenz-Kranke besucht hatte: Mit jemanden Kontakt aufzunehmen, der seinen Namen nicht mehr weiß, das habe er oft über Lieder erreicht. „Wenn man gemeinsam singt, entsteht eine wunderbare Nähe. Das ist angekommene, verstandene Kommunikation – die Demenz-Verwirrten strahlen dann.“

Fortschritte trotz Demenz

Freude, Teilhabe, Kommunikation: Damit sind die Möglichkeiten von Musik bei Alzheimer aber nicht erschöpft. So betont der Musikwissenschaftler Theo Hartogh von der Universität Vechta: Demente können – während andere Fähigkeiten schwinden – musikalisch sogar Fortschritte machen. Sie können in Chören singen, sogar ein Instrument wie das Klavier erlernen. „In diesem Bereich bedeutet Demenz also nicht Abbau. Hier können stattdessen Kompetenzen und Ressourcen entdeckt, gefordert und gefördert werden.“ So entstehe ein Stück Normalität im Leben der Patienten; dazu kämen jede Menge positive Nebeneffekte: Kreativität, Gedächtnis, Denkvermögen und Motorik würden durch regelmäßiges Musizieren trainiert, könnten sich gar verbessern. Vor allem gehe aber die Unruhe spürbar zurück, die Demenzkranke so oft befällt.

 

Allerdings müssten auch die Voraussetzungen passen, sagt Hartogh: Interesse müsse der alte Mensch schon mitbringen, und es müsse jeweils Musik im Mittelpunkt stehen, die für denjenigen in seiner Biografie bedeutsam war. Wie es beispielsweise gelingen kann, Anfängern mit Alzheimer noch das Klavierspielen beizubringen, zeigt die Dissertation einer Mitarbeiterin Hartoghs: Eva-Maria Kehrer entwickelt und evaluiert darin ein Unterrichtskonzept, das sie mit einigen Probanden unterschiedlicher Demenzgrade auch umsetzt. Im Mittelpunkt stehen dabei Liedspiel, Improvisation und Musikhören, Ziel ist vor allem musikalisch-ästhetisches Erleben. Kehrers Ergebnis: Lernerfolg ist möglich, nebenbei wird die Demenz-Symptomatik gemildert.

 

Ein ähnliches Konzept verfolgt die Berliner Violinistin und Musiktherapeutin Julia Alexa Kraft: Sie arbeitet speziell mit Patienten, die in ihrer Jugend ein Instrument gelernt haben, und versucht, diese Fähigkeit zu reaktivieren. Dabei steht das – möglichst wöchentliche – miteinander Spielen im Mittelpunkt; Kraft selbst spricht von „Training.“ Die Verständigung läuft im Wesentlichen nonverbal. Kraft erzählt, dass dabei im Lauf der Zeit, mit Fortschreiten der Erkrankung, unweigerlich kognitive Fähigkeiten wie das Notenlesen verloren gehen. Aber: „Bestimmte Aspekte verbessern sich gleichzeitig. Aufnahmen beweisen, dass bei mehreren Patienten die Klangqualität tatsächlich besser geworden ist – sie spielen sauberer, wovon bei Streichinstrumenten ja viel abhängt. Und sie sind wesentlich gelassener geworden beim Spielen.“ Die positiven Effekte seien mit Ende der Therapiestunde nicht vorüber. „Bei einem Patienten stehe ich mit der Ehefrau in Kontakt. Von ihr weiß ich zum Beispiel, dass er an den Abenden nach einer Therapiestunde viel klarer, wacher und besser gelaunt ist.“

Auch im Alter kann man Klavier spielen. Copyright: 7horses/ Fotolia.com
Auch im Alter kann man Klavier spielen. Copyright: 7horses/ Fotolia.com

Musik: Im Gehirn bestens vernetzt

Aus Sicht der (Neuro-)Biologie sind solche Wirkungen von Musik bei Alzheimer-Patienten zwar längst nicht befriedigend untersucht und verstanden, aber zumindest durch Einzelfälle oder kleine Studien belegt und auch durchaus plausibel. Denn wenn wir Musik hören oder selbst musizieren, ist dafür nicht etwa eine Art Musikzentrum im Gehirn zuständig, sondern es sind vielfältige Netzwerke. Das „musikalische Gedächtnis“ (Das musikalische Gehirn) besteht aus engen Verknüpfungen mit fast allen wichtigen funktionalen Einheiten im Gehirn, darunter etwa die für Motorik, für Emotionen, für Sprache und für das Verhalten zuständigen Systeme.

 

Wie diese Verbindungen im Detail aussehen und vor allem was daraus für alzheimerkranke Gehirne folgt, das ist damit natürlich nicht gesagt. Durch empirische Studien gut untersucht sind vor allem Fragen der Patientenversorgung – so darf die Wirksamkeit von Musiktherapie zur Verringerung von Unruhe als gesichert gelten (zur Studie) – sowie einige psychologische Aspekte (siehe Infokasten). Einer besseren Datenlage stehen nicht zuletzt methodische Schwierigkeiten entgegen: Instruktionen erteilen, sprachliche Rückmeldung erhalten – solche experimentellen Erfordernisse lassen sich mit Demenz-Kranken oft nicht umsetzen; und bei bildgebenden Verfahren müssen die Patienten längere Zeit aktiv mitarbeiten, etwa wenn sie im Kernspintomografen mehrere Minuten stillhalten sollten – das ist oft unrealistisch und kann zudem Stress erzeugen.

Mensch bleiben bis zuletzt

Grobe Orientierung, welche Fähigkeiten wie schnell von der Alzheimer-Demenz betroffen sind, liefert ein von dem emeritierten Frankfurter Neuroanatom Heiko Braak schon in den 1990ern formuliertes Schema: Demnach sind solche Neuronen, die im Zuge des Heranwachsens besonders spät ausreifen, für den Angriff der Alzheimer-Krankheit auch besonders empfindlich und zuerst betroffen. Auf Kompetenzen übertragen, heißt das, der Demenzpatient durchläuft im Prinzip dieselbe Entwicklung wie ein Kind, nur rückwärts. Eltern freilich wissen: Selbst im Umgang mit völlig hilflosen Neugeborenen ist Musik ein gutes Mittel zum Beruhigen und Beschäftigen. Und genauso endet auch für Musiktherapeuten nicht die Möglichkeit, für Alzheimer-Patienten da zu sein, bloß weil diese aktiv fast nichts mehr bewerkstelligen können. Anna Pfeiffer jedenfalls verbringt den größten Teil ihrer Arbeitszeit nicht mit dem Singen von Volksliedern, sondern in Einzelsitzungen bei Patienten, die über Sprache überhaupt nicht mehr erreichbar sind.

 

„Kontakt lässt sich auch auf einer komplett nonverbalen Schiene umsetzen“, erzählt die Heidelberger Therapeutin. Und so kommt sie dann ins Zimmer der Dementen mit einer Gitarre oder mit einer Art großer Zither, die man auf den Bauch oder Rücken legen und spielen kann, eine so genannte Körpertambura. Zunächst versucht sie, sich mit dem Atemrhythmus des Patienten zu synchronisieren. „Da bekomme ich schon mit, wie es demjenigen sehr wahrscheinlich geht: Ob er Angst hat, nervös ist, solche Dinge.“ Dann beginnt die Verständigung: „Über Musik oder einfach über Rhythmus. Der Patient kann sich mit dem, was er eben noch kann, äußern – und wenn sich nur noch ein Finger rührt.“ Darauf geht Anna Pfeiffer dann mit musikalischen Mitteln ein, im weitesten Sinne. Ein sehr eigener, sehr individueller, sehr intimer Dialog entspinnt sich – und hilft dem Patienten, dem mehr oder weniger alles entglitten ist, bis zuletzt trotzdem Mensch zu bleiben: „Zuallererst sind wir schließlich Gemeinschaftswesen. Beziehungen zu erleben und selbst Beziehungen mitzugestalten, das ist ein Grundbedürfnis, das bis zuletzt vorhanden ist.“ Mit Musik kann es wenigstens punktuell noch befriedigt werden.

zum Weiterlesen:

·       Spintge, Ralph (Hg.): Musik im Gesundheitswesen. Bedeutung und Möglichkeiten musikmedizinischer und musiktherapeutischer Ansätze, Schwäbisch Gmünd GEK Edition, 2007 (zum PDF-Dokument).

·       Musik im Altern: Musikgeragogik und Weiterbildungsmöglichkeiten für Musiklehrer, URL: www.musikgeragogik.de [Stand: 21.08.2014]; zur Webseite.

·       Hartogh, Theo und Wickel, Hans Hermann: Praxishandbuch Musizieren im Alter. Projekte und Initiativen, Schott 2011

·       Kehrer EM: Klavierunterricht mit dementiell erkrankten Menschen: ein instrumentalgeragogisches Konzept für Anfänger. Dissertation.

Gastbeitrag von: Ulrich Pontes

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