„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Religionsgemeinschaft mit Eigenschaften einer Psychosekte mit Herrschafts- bzw. Machtanspruch. Gegründet wurde die Organisation im ausgehenden 19. Jahrhundert in den USA. Die deutsche Zentrale der Sekte befindet sich in Selters im Taunus.

1. Glaubensinhalte

Im Mittelpunkt der Lehre steht die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi, des Weltgerichts und der endzeitlichen Gottesherrschaft. Dabei legen die Zeugen Jehovas die Bibel als unmittelbares Wort Gottes aus. Jedes Wort sei wahr, jede Buchstelle einer anderen gleichwertig. So werden z.B. auch Geburtstagsfeiern abgelehnt, weil diese in der Bibel nicht erwähnt werden.

 

Besonders bekannt sind die Zeugen Jehovas wegen ihrer Endzeit- und Weltuntergangsprohezeiungen. Mehrfach wurden konkrete Terminangaben zum angeblich bevorstehenden Weltuntergang ("Schlacht von Harmagedon") genannt, die ereignislos verstrichen. Die Jahre 1914, 1925 und 1975 sind am bekanntesten. Die Termine wurden auf Grundlage „überzeugender biblische Beweise“ als „unbestreitbare Tatsache“ und „feststehende Wahrheit“ mit „absoluter Zuverlässigkeit“, „voller Gewißheit“ und „über jeden Zweifel hinaus“ als „offenkundig“ und „absolut und uneingeschränkt richtig“ gelehrt, mussten jedoch durch neue Auslegungen, so genanntes „neues Licht“, korrigiert werden. Dies hat der Glaubwürdigkeit der Ideologie innerhalb der Sekte nicht geschadet. Nachdem sich alle die Weltuntergangstermine als falsch herausgestellt hatten, verzichtet die Gemeinschaft seitdem auf detaillierte Voraussagen.

 

Jehovas Zeugen beten zum „allmächtigen und ewigen Gott“ Jehova. Nach ihrem Bibelverständnis hat er die Welt sowie das Leben im Himmel, das heißt die Engel, und auf der Erde erschaffen. Jehova wird als unsichtbarer Geist gesehen, der unabhängig vom Menschen existiert und ein persönliches Interesse an jedem Menschen auf der Erde hat.

 

Menschen besitzen nach Auffassung der Zeugen Jehovas keine „unsterbliche Seele“, sondern den Leib, welcher zu atmen begann. Die Seele ist demnach kein Teil des Menschen, sondern der „ganze Mensch“ — der Mensch als lebendes Wesen. Daher betrachten sie die Seele als sterblich. Zeugen Jehovas glauben, dass die meisten „treuen Menschen“ für immer unter paradiesischen Verhältnissen auf der Erde leben werden. Verstorbenen bietet sich die Aussicht auf eine irdische Auferstehung. Eine begrenzte Anzahl von 144.000 (die „kleine Herde“ oder „Geistgesalbte“) hat ihrer Ansicht nach jedoch die Hoffnung, nach ihrem Tod in den Himmel zu kommen, um dort mit Christus als Priester und König eine himmlische Regierung (das Königreich) zu bilden.

 

Im medizinischen Bereich wurde die Sekte vor allem dadurch bekannt, dass ihre Anhänger eine Bluttransfusion strikt ablehnen, selbst wenn damit das eigene Leben gefährdet wird. Es gibt immer wieder Einzelfälle, in denen Humanmediziner sich über diesen Wunsch legal hinwegsetzen können - z.B., wenn das Leben eines Kindes in Gefahr ist, dessen Eltern eine Bluttransfusion vermeiden wollen. Allerdings werden diese Probleme durch den Fortschritt der Transfusionsmedizin immer geringer.

 

Die Teilnahme an staatlichen und kommunalen Wahlen wird den Zeugen Jehovas von der Gemeinschaft untersagt.

2. Geschichte

Die stark auf das Eintreten einer Endzeit (Weltuntergangsszenario) eingestellte Sekte ist international tätig. Vor 1931 bezeichneten sich ihre Anhänger als Bibelforscher. Der Ursprung der Bewegung geht auf Charles Taze Russel (1852-1916) zurück, der 1879 die Zeitschrift "Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence" gründete. Sein Kernthema war die Vorhersage, dass 1914 das Königreich Gottes auf Erden in Gestalt eines Friedensreiches eintreten werde. Da dieses nicht eintraf, verlor die ursprünglich überkonfessionell angelegte Gruppierung viele Anhänger.

 

1917 übernahm Franklin Rutherford (1869-1942) die Führung der Sekte. Er eliminierte jegliche demokratische Struktur und gründete eine straff organisierte Bewegung. Ursprünglich frei gewählte Älteste wurden durch eingesetzte Versammlungsleiter ersetzt und ein System wechselseitiger Kontrolle installiert. Sein System hat den Hauptsitz in Brooklyn (New York) als Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft. Die Taktik veränderte sich unter Rutherford von der Endzeitbewegung hin zum Proklamieren einer Offenbarungs- und Verbindungsbewegung zu Gott.

 

Nathan Homer Knorr (1905-1977) übernahm 1942 die Kontrolle der Bewegung. Unter seiner Präsidentschaft kam es zu einer massiven Ausweitung der Mitgliederzahl (Verfünffachung auf 230.532 Personen allein bis 1948). Knorr gelang es, die Sekte in über 100 Ländern zu implementieren. 1971 und 1972 führte Knorr das Ältestensystem ein. Ein Ältester ist eine besonders engagierte Person der Bewegung.

 

Nach Knorr folgten zwei weitere führende Köpfe (F. William Franz (1893-1992) und seit Dezember 1992 Milton G. Henschel) im Präsidentenamt.

 

In der Zeit des Nationalsozialismus waren die Zeugen Jehovas verboten. Unter anderem wegen ihrer konsequenten Weigerung, Kriegsdienst zu leisten, den Hitlergruß zu entbieten oder in anderer Weise am Führerkult (sie verweigerten z.B. den sogenannten Treueeid) teilzunehmen, wurden sie im nationalsozialistischen Deutschland und dessen Herrschaftsbereich verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt und ermordet.

 

In der DDR wurden die Zeugen Jehovas im August 1950 verboten, ihr Zweigbüro in Magdeburg geschlossen. Der Vorwurf lautete, die Vereinigung habe „Hetze gegen die demokratische Ordnung“ betrieben. Ab 1967 wurde kein Mitglied der Religionsgemeinschaft mehr wegen seiner Missionstätigkeit von Strafgerichten verurteilt. Der illegale Predigtdienst und die Verbreitung von Zeitschriften wurden seitdem als Ordnungswidrigkeit geahndet.

3. Missionierung

Die Zeugen Jehovas sind eine aktiv missionarische Bewegung. Ein Mitglied ist gehalten, 15 Stunden wöchentlich Missionsdienst zu verrichten, wobei zusätzliche Zeiten für Sonderfeldzüge bereit zu stellen sind. Dazu gehen Mitglieder der Organisation von Haustür zu Haustür, um mit den Bewohnern über ihre Ansichten zu sprechen und sie zu überzeugen. Andere verteilen den "Wachtturm", eine Zeitschrift der Sekte, in Fußgängerzonen.

 

Im Juli 2010 beantragten die Zeugen Jehovas eine eigene Sendezeit beim Intendanten der Deutschen Welle (DW) Erik Bettermann, um ihre Missionierungsversuche auch über das Medium Radio auszuweiten.[1]

4. Vermögen

Die Sekte ist wirtschaftlich wohlhabend. Durch den Verkauf von Büchern (12 Mio./Jahr) und Zeitschriften (100 Mio./Jahr), die weltweit vertrieben und in viele Sprachen übersetzt werden, wird dies weiter ausgebaut. Ursache dafür ist Abnahme und der Weiterverkauf der Schriften durch die Mitglieder an Dritte. Bei 5,3 Mio. aktiver Zeugen Jehovas (sogenannte Verkünder), von denen etwa 170.000 in Deutschland aktiv sind, ist dies die hauptsächliche Einnahmequelle.

5. Kreationismus

Zeugen Jehovas gehören zu den entschiedenen Verfechtern des Kreationismus, so etwa Wolf-Ekkehard Lönnig, einer der bekanntesten deutschen Kreationisten.

6. Kinder bei den Zeugen Jehovas

Bereits kleine Kinder werden mit den Glaubensinhalten der Organisation indoktriniert. Körperliche Züchtigungen waren zwar einmal an der Tagesordnung, doch inzwischen wird darauf hingearbeitet, diese zu unterlassen.

6.1. Indoktrination

Zeugen Jehovas nehmen ihre Kinder vom Säuglingsalter an mit in den Königreichssaal. Dies ist ein großer Hörsaal, in dem ein Redner von der Bühne spricht. Zusammenkünfte finden zweimal wöchentlich statt und dauern jeweils etwa zwei Stunden. In dieser Zeit wird von allen Anwesenden - auch von den Kindern - erwartet, stillzusitzen und aufmerksam das Programm zu verfolgen. Eltern, deren Kinder nicht stillsitzen können, sind gehalten, den Saal zu verlassen.

 

In der Literatur der Wachtturm-Gesellschaft werden Eltern angewiesen, dieses Stillsitzen mit den Kindern von Anfang an zu üben. Es sollen regelmäßige "Studienzeiten" abgehalten werden, in denen Wachtturm-Literatur betrachtet wird. Dies kann bei kleinen Kindern noch spielerisch sein, mit zunehmendem Alter wird jedoch erwartet, dass das Kind sich aktiv am Studium beteiligt. Es ist nicht erlaubt, den Kindern in die Zusammenkünfte Bilderbücher oder Spielzeug zur Unterhaltung mitzugeben, sondern sie sollen sich mit "geistigen Dingen" beschäftigen, was bedeutet, entweder still zuzuhören, sich durch vorbereitete Kommentare am Versammlungsgeschehen zu beteiligen oder zumindest biblische Bilderbücher anzusehen. Diese Regeln gelten auch für die ganztägigen Kongresse, auf denen die Zeugen Jehovas ca. 6-8 Tage im Jahr verbringen.[2]

 

Die Kinder werden angehalten, frühzeitig in der Hierarchie der Zeugen Jehovas Fortschritte zu machen und möglichst bald "ungetaufte Verkündiger" zu werden. Ein ungetaufter Verkündiger muss die Anforderungen an einen Zeugen Jehovas erfüllen und monatlich über seinen Einsatz berichten. Sind die Kinder frühzeitig in diesem Dienst aktiv, gelten die Eltern als vorbildlich und dürfen in den Zusammenkünften zusätzliche "Vorrechte" wahrnehmen, z.B. in Interviews darüber berichten, wie man sein Kind erfolgreich zum Zeugen Jehovas erzieht.

 

Schulkinder bei den Zeugen Jehovas sind gehalten, die Schule als ihr persönliches Predigtdienstgebiet zu betrachten und soviel wie möglich "Zeugnis zu geben". So werden - auch ohne das Wissen der Eltern - bereits Schüler mit den Lehren der Zeugen Jehovas konfrontiert. Kinder der Zeugen Jehovas sollen möglichst auf Heimbibelstudien mit Klassenkameraden hinarbeiten, welche dann oft ohne das Wissen von deren Eltern abgehalten werden.[2]

6.2. Feiertage

Zeugen Jehovas kennen nur einen Feiertag im Jahr: das so genannte Gedächtnismahl. Für die einzelnen Mitglieder jeden Alters bedeutet dies, in den Wochen zuvor vermehrt in den Predigtdienst zu gehen und z.B. möglichst viele Personen zum Besuch des Gedächtnismahls einzuladen. Andere Feiertage kennen die Zeugen Jehovas nicht.

 

Feiern bzw. Feiertage wie Geburtstage, Weihnachten, Advent, Ostern, Fasching, Martinsumzug sind den Kindern streng verboten, weil die damit in Verbindung stehenden Bräuche als satanisch bzw. heidnisch gelten.

 

Sollte ein Kind der Zeugen Jehovas überhaupt in den Kindergarten gehen - in vielen Familien gilt dies als verpönt, da das Kind dort mit unbiblischen Lehren und weltlichen Bräuchen konfrontiert werde -, muss es bei Geburtstagsfeiern, Adventfeiern oder Faschingsfeiern zuhause bleiben oder im Nebenraum warten, bis die Feier beendet ist. Auch an den Bastelarbeiten zum bevorstehenden Feiertag und den dazugehörigen Liedern darf sich das Kind nicht beteiligen. Auch Glückwünsche darf es nicht aussprechen. All das führt Kinder sehr schnell in eine Außenseiterposition und isoliert sie noch mehr von anderen Menschen.

7. Ablehnung der Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts

Das Bundesverwaltungsgericht entschied zunächst im Urteil vom 26. Juni 1996 (BVerwG 7 C 11.96), dass die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas keinen Anspruch darauf habe, vom Staat als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Zur Begründung seiner Entscheidung führte das Bundesverwaltungsgericht aus: Der Rechsstatus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts werde den Religionsgemeinschaften vom Staat in der Absicht angeboten, ihr Wirken zu fördern und mit ihnen zu ihrem Nutzen dauerhaft zusammenzuarbeiten. Eine solche Kooperation sei ohne ein Mindestmaß an gegenseitigem Respekt nicht vorstellbar.

 

Die Zeugen Jehovas seien zwar dem Staat gegenüber nicht negativ, sondern grundsätzlich positiv eingestellt, lehnten aber aus religiösen Gründen die Teilnahme an den staatlichen Wahlen ab. Mit diesem für alle Mitglieder geltenden Verbot der Wahlteilnahme setze sich die Religionsgemeinschaft in Widerspruch zu dem für die staatliche Ordnung im Bund und in den Ländern geltenden konstitutiven Demokratieprinzip. Diese nicht nur staatspolitisch, sondern zugleich auch verfassungsrechtlich zentrale Bedeutung der Parlamentswahlen werde von der Klägerin missachtet. Da sie dem demokratisch verfassten Staat nicht die für eine dauerhafte Zusammenarbeit unerlässliche Loyalität entgegenbringe, könne sie nicht verlangen, von ihm als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden.[3]

 

Nach einem 15-jährigen Rechtsstreit wurde 2005 vom Oberverwaltungsgericht Berlin entschieden, dass die Zeugen Jehovas den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) in Berlin beanspruchen können. Nachdem eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht am 1. Februar 2006 abgelehnt worden war, verlieh der Berliner Senat ihnen am 13. Juni 2006 diesen Status. Dem folgten mittlerweile 13 Bundesländer, während Baden-Württemberg und Bremen die Anerkennung als KdöR verweigern. In beiden Fällen haben die Zeugen Jehovas bei den zuständigen Gerichten Klage eingereicht.[4]

 

Die Zeugen Jehovas sind heute in Deutschland in der Religionsgemeinschaft der „Zeugen Jehovas in Deutschland“ mit Sitz in Berlin-Köpenick öffentlich-rechtlich korporiert. Diese ist rechtlich ein Zweig der Watchtower Bible and Tract Society of Pennsylvania mit Sitz in Brooklyn, New York City. Die Wachtturm-Gesellschaft in Selters im Taunus hat für die Religionsgemeinschaft die Funktion einer Verwaltungs- und Organisationseinrichtung.[5]

 

In Österreich sind die Zeugen Jehovas seit 2009 eine gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaft.

Quellen und Weblinks

Gastbeitrag aus: Psiram

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