„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Traumbewusstsein

Ich träume, also bin ich – oder nicht? Was ist das für ein Ich, das da träumt? Was geschieht dabei im Gehirn? Die Neurowissenschaften machen Fortschritte bei der Beantwortung dieser Fragen, aber ein wenig Philosophie kann auch nicht schaden.

Copyright: breadandbutterfly / photocase.com / Meike Ufer
Copyright: breadandbutterfly / photocase.com / Meike Ufer

Ich kann die Lokomotive nicht anhalten. Die Bremsen versagen. Die Maschine springt aus den Schienen und fährt stattdessen auf dem Bordstein vor dem Bahnhof weiter. Da, ein Hindernis! Sieht wie ein großer Müllcontainer aus. Den steuere ich an. Und jetzt, endlich, steht die Lok. Ich steige ab und stehle mich schnellstmöglich davon – schlängele mich durch eine Ansammlung von Passanten, die die Kollision beobachtet haben. Keiner hält mich auf.

 

Ein Traum. Einer, der mir nach dem Aufwachen zu denken gibt. Was habe ich da gerade getan? Fahrerflucht begangen, wenn auch zu Fuß. So etwas würde ich im realen Leben niemals tun! Schon gar nicht nach einem Unfall mit einem derart auffälligen Fahrzeug. Wie komme ich überhaupt an diese Lokomotive? Ich fahre nicht einmal gerne Auto. Im Traumgeschehen aber kam mir mein Fahrzeug überhaupt nicht unplausibel vor. Es gab da eine Vorgeschichte. Doch an die kann ich mich jetzt nach dem Aufwachen nur noch vage erinnern.

 

Man könnte fast sagen, mein Traum-Ich und mein Tag-Ich seien zwei verschiedene Personen. Doch so verschieden sind sie nun auch wieder nicht – sie teilen ja das gleiche Gehirn. Das gleiche Gehirn in zwei verschiedenen Bewusstseinszuständen.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

·       Bewusstsein ist keine Sache von Alles oder Nichts. In der Nacht durchlaufen wir mehrere Stufen des Bewusstseins.

·       Dabei ändert sich die Verknüpfung der einzelnen Regionen in unserem Gehirn auf signifikante Weise.

·       Im Traum sind wir ähnlich wie im Wachen „naive Realisten“: Wir erleben eine Welt, die wir für die Wirklichkeit halten.

·       Nur in Klarträumen (luziden Träumen) ist sich der Schläfer bewusst, dass er träumt.

·       Ob wir die ganze Nacht träumen oder ob es Pausen dazwischen gibt, ist noch immer umstritten.

·       Ein elegantes Experiment mit Klarträumern hat Hinweise erbracht, dass das Zeitempfinden im Traum dem unseres Wachbewusstseins gleicht.

Bewusstein ist keine Sache von Alles oder Nichts

Jennifer Michelle Windt sieht das auch so. Die Philosophin hat sich in ihrer Doktorarbeit bei Thomas Metzinger in Mainz mit dem Traumbewusstsein befasst. Anders als ihr amerikanischer Vorgänger Norman Malcolm, der in den 1950er-Jahren noch kategorisch behauptete, wer schlafe, könne schon aus logischen Gründen nicht bei Bewusstsein sein, meint Jennifer Windt, das gehe sehr wohl. Bewusstsein sei keine Sache von Alles oder Nichts.

 

Schließlich erleben wir etwas im Traum, wir befinden uns in einer erfahrbaren Welt: Da ist der Bahnhof einer Kleinstadt, da ist eine Lokomotive, ein Müllcontainer, und da sind Leute auf der Straße. Diese Welt erleben wir ganz subjektiv als unser Hier und Jetzt, argumentiert Windt. Auch wenn sie nur eine Konstruktion unseres Gehirns ist.

 

Allerdings: Ist nicht auch die Welt, die wir im Wachbewusstsein erleben, eine Konstruktion unseres Gehirns? Auf dasGehirn.info kann man dutzendfach nachlesen, dass beispielsweise das Sehen ein komplizierter Prozess ist, der aus physikalischen Signalen (Lichtwellen, die auf die Netzhaut treffen) erst in vielen neuronalen Schritten einen Seheindruck erschafft. (Sehen) „Was wir erleben, ist niemals die reale Welt“, sagt die Philosophin. „Wir generieren immer ein Modell.“ Dennoch glauben wir an die Realität unserer Modelle, gehen als „naive Realisten“ durch die Welt – im Wachen wie im Traum.

 

Eine Ausnahme sind Menschen, die luzide träumen. Diese beneidenswerten Zeitgenossen werden sich während des Träumens bewusst, dass sie träumen. Einige steuern dann ihren Traum sogar gezielt, können beispielsweise fliegen oder durch Wände gehen, Sex mit Brad Pitt haben oder die Schreckensgestalten ihrer Alpträume so überzeugend einschüchtern, dass sie das Weite suchen.

Luzide Träumer bringen die Hirnforschung voran

Solche Fähigkeiten sind gar nicht so selten: Bei einer repräsentativen Umfrage, die der Traumforscher Michael Schredl 2010 in Deutschland gemacht hat, kam heraus, dass 51 Prozent der Befragten Klarträume aus eigener Erfahrung kennen. Jeder Fünfte träumt sogar einmal im Monat klar. Und so werden luzide Träumer in letzter Zeit immer genauer erforscht. Sie gelten Psychologen, Schlaf- und Hirnforschern, aber auch Philosophinnen wie Jennifer Windt als Wegweiser zu den Grundlagen unseres Bewusstseins.

 

Leider gehöre ich nicht zu diesen Eliteschläfern – ich bin meinen Träumen schutzlos ausgeliefert. Und oft plagen mich diese langweiligen Träume, in denen ich wieder und wieder Eintragungen in Webseiten mache und dabei etwas Wichtiges vergessen zu werden droht – es ist, als setze sich mein Arbeitsleben im Schlaf nahtlos fort. Träume ich eigentlich die ganze Nacht? Gibt es keine Pausen?

 

Lange Zeit gingen die Schlafforscher davon aus, dass der Mensch nur im REM-Schlaf träumt. Das sind die Schlafphasen, die durch schnelle Augenbewegungen (REM) gekennzeichnet sind und durch auffällige Signale im EEG. (Anatomie des Schlafes) Während dieser Schlafphasen funktionieren nur die Augen- und die Atemmuskeln, der Rest der willkürlichen Muskulatur ist vollkommen gelähmt.

Aggressive Träumer und essende Schlafwandler

Das ist auch besser so, sonst würden wir womöglich unsere Träume ausagieren, im Schlafanzug durch die Wohnung rennen und auf unseren Bettnachbarn einprügeln, weil wir ihn für einen Verfolger halten. Bei einer bestimmten Krankheit – der REM-Schlaf-Verhaltensstörung – kommt genau das ganz real vor. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist das nicht lustig, zumal die Krankheit, die auch unter dem Namen Schenck-Syndrom bekannt ist, Anzeichen für eine beginnende Parkinson-Erkrankung sein kann.

 

Bekannt ist, dass diese Patienten sich an die Inhalte ihrer Alpträume – meistens werden sie von irgendwelchen bösen Mächten verfolgt – oft noch lange erinnern können. Doch an ihre eigenen, ganz realen Aggressionen erinnern sie sich nicht – eine besondere Form von Bewusstseinsverzerrung. Schlafwandler dagegen, das weiß man inzwischen, beginnen ihre nächtlichen Wanderungen aus dem Nicht-REM-Schlaf heraus. Bei ihnen macht sich sozusagen der Körper selbständig, während das Bewusstsein weiterschläft. Mit Trauminhalten hat ihr Verhalten nicht unbedingt etwas zu tun, und sie erinnern sich zumeist gar nicht an ihre nächtlichen Ausflüge, obwohl einige dabei sogar Mahlzeiten zu sich nehmen.

 

Wissenschaftler gehen aber inzwischen davon aus, dass wir alle auch im Nicht-REM-Schlaf, im so genannten Tiefschlaf, träumen. Corrado Cavallero von der Universität Bologna hat Versuchspersonen im Schlaflabor gezielt in diesen Phasen geweckt – und zwei Drittel von ihnen erinnerten sich an aktuelle Traumerlebnisse. „Heute gehen die meisten Schlafforscher davon aus, dass wir eigentlich ständig träumen“, so der Wissenschaftsjournalist Peter Spork in seinem „Schlafbuch“, „dass wir uns nur unterschiedlich gut an unsere Träume erinnern können, wenn wir aus verschiedenen Schlafstadien geweckt werden.“ Damit würde er mir meinen schlimmsten Alptraum bestätigen – dass mein nächtliches Erleben keine Pause kennt. Jennifer Windt hält es hingegen für glaubhaft, wenn Personen nach dem Wecken sagen, sie hätten gerade gar nichts geträumt.

Das Zeitempfinden im Traum

Beweisen kann man beides nur schwer. Und es gibt auch noch ganz andere Ansichten. Der bekannte Psychologe Jan Born, dem wir viele Erkenntnisse über das Lernen im Schlaf verdanken, ist zum Beispiel überzeugt, unsere Träume seien gar keine erinnerten nächtlichen Erlebnisse, sondern reine Konstrukte: Geschichten, die das Gehirn nach dem Aufwachen aus den Nervensignalen der letzten, unruhigen Schlafminuten zusammenbraut.

 

Daniel Erlacher hält diese Theorie für eine „alte Mär“, mit der die experimentelle Forschung mittlerweile aufgeräumt habe. Der Sportwissenschaftler von der Universität Heidelberg gehört in Deutschland zu den Pionieren der Klartraum-Forschung. Er hat eine „Anleitung zum Klarträumen“ verfasst und unterhält die Webseite www.klartraum.de. Erlacher hat Versuche mit Menschen gemacht, die nicht nur des luziden Träumens mächtig sind, sondern im Schlaflabor durch gezieltes Augenrollen dem Versuchsleiter signalisieren können, dass bei ihnen gerade ein Klartraum beginnt. Einige von ihnen hat er vor dem Zu-Bett-Gehen aufgefordert, im Klartraum von Eins bis Zehn zu zählen und dann wieder ein Augensignal zu geben. Dabei stellte Erlacher fest: Es verstrich vergleichbar so viel Zeit, wie wenn man im Wachen zählt. Auch für bestimmte Turnübungen, die die luziden Träumer pflichtgemäß für den Forscher absolvierten, brauchten sie im Schlaf die übliche Zeit. „Im Traum vergeht die Zeit nicht anders als im Wachen“, folgert Erlacher daraus. Seine Ergebnisse passen nicht zu der Idee einer erst nach dem Aufwachen erfundenen Szene.

 

Michael Czisch vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hat Klarträumer sogar in den fMRT-Scanner gelegt – zwei faszinierende Interviews auf www.dasgehirn.info künden davon. (Wachträume mit Michael Czisch und Bewusstsein mit Michael Czisch) Nach seiner Forschung sieht es so aus, als ließe sich das „Erwachen“ eines Metabewusstseins – genau dann, wenn der Schläfer beginnt, sich seiner Situation als Schläfer bewusst zu werden – auch hirnphysiologisch fassen: Die Aktivität in einem ganzen Netzwerk von Hirnregionen nimmt zu. Darunter sind Bereiche, die bereits frühere Forscher mit Selbstreflexion in Verbindung gebracht haben: der dorsolaterale präfrontale Cortex am Vorderkopf (vor allem der rechte) und der Precuneus am Hinterhaupt.

 

Ich will versuchen, mich daran zu erinnern, wenn mir mal wieder eine Lok entgleist.

zum Weiterlesen:

·       Erlanger, Daniel: „Achtung da draußen, ich träume!“, Psychologie heute. 2013 Juni; S. 69 (zum Text).

·       Noreika, V et al: New perspectives for the study of lucid dreaming: From brain stimulation to philosophical theories of self-consciousness. International Journal of Dream Research 2010; 3(1):36-45 (zum Text).

·       Rauch, Judith: Die Macht des traumlosen Schlafs, bild der wissenschaft. 2012; 12: 32 (zum Text).

·       Spoormaker VI, Czisch M: Funktionelle Konnektivität im Schlaf. Netzwerkanalysen von kombinierten EEG-fMRT-Messungen. Somnologie – Schlafforschung und Schlafmedizin 2012;16(1):43-52 (zum Abstract).

·       Spork, Peter: Das Schlafbuch. Warum wir schlafen und wie es uns am besten gelingt, Hamburg 2012.

·       Voss U et al: Measuring consciousness in dreams: The lucidity and consciousness in dreams scale. Consciousness and Cognition 2013 Mar;22(1):8-21 (zum Abstract).

·       Windt JM, Metzinger: The Philosophy of Dreaming and Self-Consciousness: What Happens to the Experiential Subject during the Dream State? In: Barrett Deirdre, McNamara Patrick: The New Science of Dreaming. Westport, Connecticut 2007, S.193-247 (zum Text).

Gastbeitrag von: Judith Rauch

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Kommentare: 10
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