„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Macht Musizieren intelligent?

Macht Musizieren intelligent? Und hat Erfolg, wer viel übt – oder wer Talent hat? Umstrittene Fragen. Fest steht: Musiker verfügen über erstaunliche motorische und auditive Fähigkeiten, die ihnen auch in anderen Lebensbereichen nützlich sind.

Grafik: MW
Grafik: MW

Wenn die Konzertpianistin des Nürnberger Staatstheaters Rita Kaufmann Wagners “Siegfried” bei einer Probe spielt, von Anfang bis Ende, ohne Pause, dann sind das sechseinhalb Stunden Hochkonzentration. Sie spielt die Noten des Orchesters, behält gleichzeitig den Dirigenten im Auge und die Stimmen der Opernsänger im Ohr. Ihre beiden Hände spielen in dieser Zeit parallel verschiedene Töne und Rhythmen und ihr Gehirn beschäftigt sich zusätzlich mit anderen Klängen – denen der Sänger. “Das geht nur, wenn ich ausgeschlafen bin”, sagt Rita Kaufmann. Und für Nicht-Musiker ist das auch ausgeschlafen unvorstellbar: Wer schon mal versucht hat, mit beiden Händen gleichzeitig verschiedene Dinge zu tun, weiß das.

 

Pianisten verfügen über erstaunliche motorische Fähigkeiten – und sind allein deshalb beliebte Forschungsobjekte. Hirnforscher finden bei ihnen vergrößerte Areale unter anderem in den für koordinative Leistungen wichtigen Hirnbereichen wie etwa im linken primär-motorischen Cortex in jener Region, welche die rechte, melodieangebende Hand steuert. Bei Geigern hingegen fallen die Handareale in der rechten Hemisphäre größer aus, da die linke Hand die meiste feinmotorische Arbeit leistet.

 

Die Gehirne von Musikern weisen zudem zahlreichen Studien zufolge eine höhere Konnektivität auf – das heißt, die verschiedenen Areale sind besser miteinander verbunden als bei Menschen, die kein Instrument spielen. Und das gilt nicht nur für die Areale, die für die Koordination der Hände und das Erlernen von Bewegungsabläufen zuständig sind, sondern auch ganz allgemein für die beiden Hirnhälften. Musiker können außerdem die Assoziation von Bewegung und Klangverschiedener Sinne im Gehirn besser verarbeiten, in der Wissenschaft spricht man hier von einer verbesserten sensorischen Integration. So zeigten beispielsweise Pianisten in einer Studie ein besonders feines Gespür dafür, wie Tastenbewegungen und Töne zusammenhängen, während Nicht-Musikern nicht ganz synchrone Bewegungen weniger auffielen.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

 

·       Musizieren verändert das Gehirn: Pianisten verfügen über erstaunliche motorische Fähigkeiten, Musiker können etwa die Assoziation von Bewegung und Klang im Gehirn besser verarbeiten als Nicht-Musiker

·       Viele Studien behaupten, Musik mache in irgendeiner Form klüger oder intelligenter, allerdings sind eindeutige kausale Zusammenhänge selten nachgewiesen. Einen Einfluss auf soziales Verhalten dagegen findet sich gehäuft.

·       Zumindest kurzzeitige musikalische Früherziehung bringt einigen Studien zufolge keine kognitiven Vorteile. Intensiveres Üben hingegen verbesserte in einer Studie bei Kindern die Hörfähigkeit und die Lese-Rechtschreib-Kompetenz.

·       Veranlagung spielt eine Rolle für den musikalischen Erfolg. Aber sie allein ist nicht hinreichend.

·       Übung ist der zweite entscheidende Faktor neben Talent: Wer ein perfekter Musiker werden will, muss viel Zeit investieren.

Macht Musizieren klüger?

Hirnforscher haben schon in vielen Studien nachgewiesen, dass sich unser Gehirn ein Stück weit an Herausforderungen anpassen kann, dass es plastisch ist. Was bedeutet das nun für die Musik? Ist es tatsächlich möglich, dass uns das Musizieren in irgendeiner Form sozialer oder klüger, gar intelligenter macht, wie manche behaupten?

 

Nur weil das Gehirn eines Musikers andere Ausprägungen aufweist, heißt das nicht, dass diese durch das Musizieren entstanden sind. Was ist hier Ursache, was Wirkung? Diese Grundsatzfrage begleitet die meisten Studien, die sich mit dem Musizieren und dessen Auswirkungen auf das Gehirn beschäftigen. Allein eine Korrelation zwischen musikalischer Aktivität und besseren kognitiven Fähigkeiten im Vergleich zu anderen sagt noch nichts darüber aus, wie dieser Zusammenhang entstanden ist.

 

Wie heiß dieses Thema diskutiert wird, mussten die Forscher um Samuel A. Mehr von der Harvard Graduate Schools of Education erfahren. Sie stellten 2013 die Debatte um den so genannten “Mozart-Effekt” vom Kopf auf die Füße: In einer Studie von 1993 hatten Probanden allein durch das Anhören einer Mozartsonate in Intelligenztests bei der visuell-räumlichen Leistungsfähigkeit besser abgeschnitten. Dieser Effekt hat allerdings nicht direkt mit der Musik von Mozart zu tun. Ein Grund für die Ergebnisse damals sehen Forscher wie etwa Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover darin, dass (nicht allzu laute) Musik grundsätzlich vitalisierend wirkt, und so indirekt auch die geistigen Leistungen geringfügig verbessert.

Keine kurzfristigen Erfolge

Samuel Mehr und seine Kollegen wiesen vor allem auf ein methodisches Problem hin: Die meisten Studien zur Frage, inwiefern Musik kognitive Fähigkeiten steigert, belegen tatsächlich nur Korrelationen, keine Kausalitäten. Die Forscher fanden 2013 nur fünf Studien weltweit, die auf randomisierten Experimenten beruhen und damit von ihrem Versuchsaufbau her seriös kausale Zusammenhänge belegen können. Nur eine von ihnen zeigte einen leicht positiven, statistisch aber nicht signifikanten Effekt des Musizierens auf andere Fähigkeiten. Auch Mehrs Experiment, in dem er Kinder in zwei zufällige Gruppen teilte und eine Gruppe sechs Wochen lang zur musikalischen Früherziehung schickte, ergab keinen Effekt auf die zuvor und hinterher gemessenen kognitiven Fähigkeiten.

 

Dass die Medien aber prompt titelten “Musik macht eure Kinder nicht intelligent”, ärgerte Mehr so sehr, dass er ein eigenes Paper dazu verfasste. “Unsere Studie hat nicht ergeben, dass musikalische Erziehung keine kognitiven Vorteile bringt”, sagt er. Nur in diesem einen Fall von kurzzeitiger musikalischer Früherziehung habe sich kein Effekt gezeigt.

Die Folgen intensiven Übens

Das lag vielleicht an der fehlenden Intensität des Übungsprogramms. Das zumindest lässt eine aktuelle Studie der Psychologin Annemarie Seither-Preisler von der Universität Graz und des Neurologen Peter Schneider, dem Leiter der Forschungsgruppe Musik und Gehirn der neurologischen Klinik Heidelberg, vermuten. Die Forscher begleiten seit 2009 145 Kinder in einer Längsschnittstudie. Eine Gruppe erhält keinen Instrumentalunterricht, eine Gruppe nimmt seit Studienbeginn im Rahmen eines Schulprojekts eine Instrumentalstunde in der Woche, und eine dritte Gruppe spielt privat ein Instrument, was mit intensiverem Üben einhergeht.

 

Schon in der zweiten Messung nach 13 Monaten zeigten sich deutliche Effekte, aber vor allem bei jenen, die intensiver üben. “Eine Stunde pro Woche scheint zu wenig zu sein”, sagt Seither-Preisler. So habe sich der Hörcortex bei intensiv musizierenden Kindern schneller und besser entwickelt, bei Hörtests schnitten sie besser ab, und die Hörareale der beiden Hirnhälften arbeiteten präziser und synchroner zusammen. Zudem zeigten die musizierenden Kinder eine höhere auditive und visuelle Aufmerksamkeit und – unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund – eine höhere Lese-Rechtschreibkompetenz.

 

Fleißiges Üben also hat positive Effekte auf junge Musiker. Aber beeinflusst es auch deren Erfolg? Oder wird ein guter Musiker nur, wer auch “das Zeug dazu hat”? Dies wird in der Forschung seit Jahren diskutiert. Dass Übung der entscheidende Faktor für das Können eines Musikers ist, schien eine berühmt gewordene Studie des Psychologen K. Anders Ericsson von der Florida State University aus dem Jahr 1993 zu belegen. Er befragte 20-jährige Violinschüler einer Musikakademie, die alle mit fünf Jahren angefangen hatten zu spielen, wie viele Stunden sie in ihrem Leben zusammengerechnet geübt hätten. Parallel dazu befragte er die Fakultät, welches die besten Spieler seien. Tatsächlich hatten die besten Spieler mehr als 10.000 Übungsstunden angehäuft, die guten Spieler knapp unter 8000 Stunden. Die weniger begabten hatten insgesamt keine 5000 Stunden musiziert. Ericssons Schlussfolgerung: Übung mache den Meister. Begabung hingegen sei zweitrangig. Wer in seinem Fach exzellent werden wolle – egal, ob als Musiker oder in einer anderen Profession –, müsse 10.000 Stunden üben.

Die Rolle des Arbeitsgedächtnisses

“Tut uns leid, ihr Streber, Talent zählt!” so betitelten hingegen die Psychologen David Z. Hambrick von der Michigan State University und Elizabeth J. Meinz von der Southern Illinois University Edwardsville einen Artikel in der New York Times, in dem sie ihre Studie von 2010 vorstellen. Ihre Arbeit nämlich ergab, dass ein starkes Arbeitsgedächtnis bei Pianisten entscheidend für den Erfolg ist. Es ist unter anderem wichtig, um fllüssig vom Blatt spielen zu können. Das Arbeitsgedächtnis gilt ebenso wie die Intelligenz als weitgehend angeboren und scheint durch Training nur wenig zu beeinflussen.

 

In einer späteren Zwillingsstudie fand Hambrick 2014 mit Elliot Tucker-Drob von der University of Texas heraus, dass Veranlagung zwar eine große Rolle spiele für den Erfolg, dass dieser aber exponentiell mit dem Üben steige. Wer also ein perfekter Musiker werden wolle, brauche neben Veranlagung eine hohe Bereitschaft zu üben.

 

Auch Konzertpianistin Rita Kaufmann hält die Gabe, gut vom Blatt zu spielen, für weitgehend angeboren. “Das kann man nicht trainieren”, so ihre Beobachtung aus der Praxis. Ihr sei das stets leicht gefallen, insgesamt habe sie eine gute Auffassungsgabe. Aber es scheint noch andere Faktoren zu geben, die jemanden zu einem guten Musiker machen: Alfred Brendel, einer der größten lebenden Pianisten, spiele beispielsweise nur sehr mäßig vom Blatt. Vielleicht müsse er länger üben, um Stücke auswendig zu lernen, sagt Kaufmann: “Aber unabhängig davon ist er ein großer Künstler.”

zum Weiterlesen:

·       Der musikalische Mensch: Evolution, Biologie und Pädagogik musikalischer Begabung. W. Gruhn & A. Seither-Preisler, Hildesheim (2014).

·       Stetka, Bret: What Do Great Musicians Have in Common? DNA. Scientific American, 5.8. 2014 (Volltext).

·       Ayan, Steve: Hirnforschung: Macht Musik intelligent? Interview mit Eckart Altenmüller, Spektrum der Wissenschaft, 11.5.2012 (Volltext).

Gastbeitrag von: Eva Wolfangel

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