„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Wie die Welt in den Kopf kommt

Das Abendrot am Himmel, die leichte Brise im Gesicht, das Rauschen der Wellen – solche Dinge können wir nur erleben, weil wir unsere Sinne haben. Erst durch sie entdecken wir die Welt. Aber riecht, schmeckt, fühlt sie sich für alle gleich an?

Grafik: MW
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Der erste Eindruck zählt. Bisher kenne ich die Frau nur von ihrem Profil auf einem Dating-Portal und von den Nachrichten, die wir uns geschickt haben. Daher weiß ich, dass wir halbwegs denselben Humor haben und ähnliche Interessen. Doch um herauszufinden, ob ich sie wirklich mag, braucht es mehr als den abstrakten Kontakt, es braucht die direkte Begegnung. Ich muss die Frau mit allen meinen Sinnen erfassen – und sie mich. Von Augen, Nase, Ohren, Mund und Haut bekommen wir ständig Informationen darüber, wie die Welt um uns beschaffen ist. Nur mit diesem Input können wir in ihr überhaupt bestehen. Wir brauchen unsere Sinne bei der Arbeit und beim Müßiggang, beim Essen, Schlafen, Leben – und beim Lieben.

 

Bald müsste die Frau durch die Tür des Restaurants kommen. Von mehreren solchen Verabredungen weiß ich: Wenn es im ersten Moment nicht funkt, funkt auch später nichts mehr. So brauche ich gleich alle meine Sinne, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Und den sechsten Sinn. Den sechsten? Das ist die Propriozeption. Doch dazu später mehr.

Sehen – der dominante Sinn

Als die bislang Unbekannte das Lokal betritt, erfasse ich sie als erstes mit den Augen. Diese zeitliche Priorisierung des Seh-Sinnes ist nicht ungewöhnlich: Vieles sehen wir, bevor wir es mit den anderen Sinnen erfassen. Vor allem aber dominiert das Sehen die Wahrnehmung des Menschen. Etwa 80 Prozent der Informationen über die Außenwelt erhalten wir über die Augen. Ein Viertel des gesamten Hirns ist mit der Analyse der sichtbaren Welt beschäftigt. Die Bedeutung wird noch offenbarer, wenn man auf die Großhirnrinde schaut, also den Sitz höherer Hirnfunktionen: Etwa 60 Prozent des Cortex ist nur mit der Verarbeitung von Signalen beschäftigt, die über die visuelle Wahrnehmung ins Gehirn gelangt sind  Sehen – kein selbstverständliches Wunder.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

 

·      Mit der Wahrnehmung gelangen die Informationen über die Umwelt in unser Gehirn. Dafür haben wir die fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten

·      Es gibt noch weitere Sinne: Den Gleichgewichtssinn, das Empfinden von Temperatur, Schmerz und den inneren Organen – und die Propriozeption. Sie liefert uns Informationen über unseren eigenen Körper, etwa welche Position unsere Beine gerade einnehmen.

·      Der Seh-Sinn aber ist der dominante Sinn unserer Wahrnehmung: Achtzig Prozent der Informationen, die unser Gehirn erreichen, sind visueller Natur.

·      Unsere Sinne lassen sich auch leicht täuschen. Über Sinnestäuschungen können Forscher einiges über die Verarbeitungsprozesse im Gehirn erfahren.

Was sind das für Signale?  Elektromagnetische Wellen, die Objekte entweder aussenden oder reflektieren, erreichen über das optische System unseres Auges die Netzhaut. Bereits dort finden erste Verarbeitungsschritte statt Hauchdünner Hochleistungsrechner. Über den Sehnerv gelangen die Informationen anschließend in großer Geschwindigkeit ins Gehirn (Interner Link: Die Sehbahn – Hochgeschwindigkeitsleitung ins Gehirn). Vor allem in den verschiedenen visuellen Cortices wird dann das Gesehene ausgewertet. So entsteht aus einer Vielzahl an elektromagnetischen Wellen das Bild, das wir von der Welt haben. Und das ist hochindividuell. Denn je nach Erfahrung und Situation bewertet unser Gehirn das Gesehene höchst unterschiedlich.

 

Hier aber erkenne ich sofort: Das ist die Frau von den Fotos auf dem Dating-Portal. Das Zuordnen ist mir leicht gefallen. Es gibt kaum Strukturen, die wir Menschen so gut unterscheiden können wie Gesichter. Wir sind in der Lage, selbst winzigste Varianzen etwa des Augenabstandes ausmachen, um einen Menschen vom anderen zu unterscheiden Wer ist das?. Dies nützt uns übrigens auch dabei, zu entscheiden, ob jemand schön ist. Und das ist die Frau, die ich gerade vor mir sehe. Sie ist umwerfend. Oder anders gesagt: Ich empfinde sie als umwerfend. Denn ob es universelle Attribute für Schönheit gibt, ob sich also die Menschheit einig ist, welche Dinge schön sind, ist in der Wissenschaft – Neuroästhetik heißt das Teilgebiet – umstritten. Schönheit, scheint es, liegt zu großen Teilen tatsächlich im Auge des Betrachters. Worin sich die Forscher aber einig sind: Schönheit fesselt unsere Aufmerksamkeit Vom Sinn der Schönheit.

Hören – der sensible Sinn

Meine Aufmerksamkeit zumindest hat diese Frau, als sie sich auf den Weg quer durchs Restaurant macht und mir ein Hallo zuruft. Sogleich fällt mir ihre tiefe warme Stimme auf. Dass ich ihre Begrüßung schon auf die Entfernung verstehe und sogar ihre Stimmqualität analysieren kann, grenzt an ein Wunder: Im Lokal sind sehr viele Gäste, außerdem läuft spanische Gitarrenmusik. Doch unser Gehirn ist unglaublich gut darin, aus einem Gewirr von Schallwellen die Informationen herauszufiltern, die für uns wichtig sind Hören – mehr als nur Schall und Schwingung. Das funktioniert besonders gut, wenn Emotionen im Spiel sind. Und hätte ich meine Augen geschlossen, dann hätte ich doch orten können, von wo dieses Hallo kam. Denn bereits aus winzigsten Unterschieden des Schalls, der jeweils im rechten oder linken Ohr ankommt, kann unser Gehirn eine räumliche Information errechnen Die erstaunlichen Fähigkeiten unseres Gehörs.

Riechen – der emotionale Sinn

Als die Frau an meinem Tisch ankommt, rieche ich ihr leichtes, frisches Parfum. Dafür mussten nur ganz wenige Duftmoleküle über die Atemluft in meine Nase und von dort zum Riechepithel gelangen. Das ist der Ort, in dem der chemische Reiz, sprich die Moleküle in der Luft, registriert wird und von dem die Geruchsinformationen ins Gehirn gelangen Riechen und Schmecken - oft unterschätzt. Das Parfum macht mir die Frau sogleich sympathisch – denn es erinnert mich an meine erste große Liebe. Düfte sind sehr eng mit Emotionen verknüpft und können Erinnerungen hervorrufen. Ein Fakt, den auch zunehmend Firmen in ihrem Marketing nutzen Duftende Marken.

 

Wahrscheinlich nehme ich bei der ersten Begegnung noch sehr viel mehr Gerüche meines Gegenübers wahr. Schließlich erreichen zahlreiche Duftinformationen gar nicht erst unser Bewusstsein, sie werden vielmehr unbewusst registriert. Etwa Sexuallockstoffe, die uns unter anderem Informationen über das Immunsystem des Gegenübers vermitteln. Passen die Immunsysteme zusammen, dann fühlen sich zwei Menschen voneinander angezogen  Kommunikation durch die Nase. Ob mein Immunsystem zu dem meines Blind Dates passt?

Tasten – der intime Sinn

Als die junge Frau meinen Tisch erreicht, begrüße ich sie mit einem Küsschen. Ihre Wange an meiner fühlt sich wunderbar weich an, ganz anders ihr Händedruck, der ist fest und selbstbewusst. Diese Informationen erhalte ich über das mit Abstand größte Sinnesorgan unseres Körpers: Unsere Haut Die Welt und uns selbst erspüren – das somatosensorische System.

 

Dort analysieren verschiedene Rezeptoren physikalische Reize wie den Druck, aber auch die Temperatur, Vibrationen und Verletzungen. Die Reize werden übersetzt in elektrische Signale, die in Hochgeschwindigkeit über das Rückenmark ins Gehirn gelangen. Vor allem der somatosensorische Cortex verarbeitet die Informationen. So entsteht eine Art taktiles Abbild des eigenen Körpers Der Weg des Kusses.

Propriozeption – der unbekannte Sinn

Das Gespräch beginnt, die Frau hat eine sehr charmante Gestik und Mimik – eine spannende Mischung aus Schüchternheit und Selbstbewusstsein. Mir wird bewusst, wie wichtig die Körpersprache bei der ersten Begegnung ist. Sitze ich nicht zu verkrampft? Lächele ich zu selten? Da kein Spiegel weit und breit ist, muss ich über einen anderen Weg herausfinden, wie ich mich präsentiere. Dafür brauche ich den schon erwähnten sechsten Sinn, die Propriozeption, auch Tiefensensibilität genannt. Mit diesem Sinn erfassen wir nicht die Umwelt, sondern unseren eigenen Körper.

 

Dafür haben wir spezielle Rezeptoren, die die Länge und Spannung eines Muskels analysieren oder in welchem Winkel ein Gelenk gebeugt ist. So bekommt das Gehirn laufend Informationen darüber, welche Position unsere Arme und Beine, der Rumpf oder der Kopf gerade einnehmen. Wäre dies nicht der Fall, könnten wir uns gar nicht bewegen. Die Propriozeption passiert meist unbewusst – und ist nicht zu verwechseln mit dem Gleichgewichtssinn im Vestibularapparat des Innenohrs, der uns Informationen zu unserer Bewegung im Raum und zum oben und unten verschafft Der sechste Sinn. Somit verfügen wir tatsächlich über sieben Sinne – und wenn man die Wahrnehmung von Temperatur, Schmerz und den inneren Organen noch dazu zählt, sogar über zehn.

Das rätselhafte Ich

Die Unterhaltung hat nach einem etwas verlegenen Beginn Fahrt aufgenommen. Ich versuche, mich von meiner besten Seite zu präsentieren. Natürlich weiß ich, dass es da noch andere Aspekte an mir gibt, dass dieses Ich, das ich hier präsentiere, nicht die ganze Wahrheit ist. Doch wie kann ich diese beiden Ichs überhaupt unterscheiden? Und wer ist dann das übergeordnete Wesen, das unterscheidet? Fragen, die philosophisch klingen, mit denen sich aber seit Jahrzehnten auch die Neurowissenschaft beschäftigt. Eine unumstrittene Definition des Ich gibt es noch nicht Was ist dieses Ich?. Klar ist aber, dass das Ich eine Konstruktion des Gehirns ist. Ein Bewusstsein des Selbst entwickelt sich tatsächlich erst im Laufe der Kindheit Erkenne dich selbst im Spiegel.

Schmecken – der vernachlässigte Sinn

Nun habe ich bei meinem Date tatsächlich einen Großteil meiner Sinne genutzt. Das Schmecken fehlt noch. Bisher habe ich die chemischen Rezeptoren auf meiner Zunge nur gebraucht, um das Essen zu bewerten. Süß, salzig, sauer, bitter, würzig – das sind die Empfindungen, die beim Schmecken zusammen mit den Geruchsinformationen die Mahlzeit im Mund beurteilen Das Geheimnis des Geschmackserlebens.

 

Doch ob mich meine Wahrnehmung dabei nicht getäuscht hat? Schließlich war ich mehr als abgelenkt. Und wir wissen heute dank zahlreicher Studien, dass unser Bild von der Welt subjektiv, lückenhaft, und ja, auch trügerisch ist: Denn obwohl sie so ausgeklügelt sind: Unsere Sinne liegen immer wieder auch daneben. Ein Umstand, den einige Forscher nutzen, wenn sie herausfinden wollen, wie unser Gehirn das jeweils so individuelle Bild von der Welt konstruiert  Die trügerische Welt im Kopf.

 

Ob ich heute auch herausfinden werde, wie ein erster Kuss meines Blind Dates schmeckt? Das weiß ich erst am Ende des Abends. Meine anderen Sinne haben mir zumindest signalisiert, dass ich es gern herausfinden möchte.

Gastbeitrag von: Ragnar Vogt

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