„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kritik an der Neuroästhetik

Im Kopf des Betrachters

Neurowissenschaftler suchen den Sitz der Schönheit im Gehirn und wollen verstehen, wie wir Picassos und Balzacs Werke wahrnehmen. Die Neuroästhetik verblüfft – und eckt an.

Grafikerin: Meike Ufer
Grafikerin: Meike Ufer

Es ist ein magischer Moment. Der Blick fällt auf eine Skulptur von Georg Kolbe: eine Tänzerin, die mit ausgebreiteten Armen in sich zu ruhen scheint – und doch wirkt ihr Körper wie in Bewegung. Der Betrachterin jagen kleine Schauer über den Rücken. Sie ist ergriffen von dem Anblick.

 

Das Sehen allein ist schon ein schöpferischer Akt, würde der französische Maler Henri Matisse sagen. Das und noch viel mehr ist geschrieben worden über die Schönheit der Kunst und die Erbauung, die sie uns zu geben vermag. Philosophen haben Theorien der Ästhetik formuliert, Psychologen haben ergründet, was Menschen attraktiv finden, Ethnologen und Soziologen haben versucht, das Schönheitsempfinden in den gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Doch die Aura des Geheimnisvollen haftet der Kunst noch immer an.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

 

·       Neurowissenschaftler beschäftigen sich erst seit wenigen Jahren mit Schönheit und der Wirkung von Kunst im Gehirn.

·       Die Max-Planck-Gesellschaft baut in Frankfurt ein Institut für empirische Ästhetik auf, in dem neben Neurowissenschaftlern auch Psychologen und Soziologen sowie Literatur- und Musikwissenschaftler forschen sollen.

·       Semir Zeki ist ein Pionier der Neuroästhetik. Er erkannte, dass Form, Farbe und Bewegung bei der Wahrnehmung eines Bildes getrennt und unterschiedlich schnell erfasst werden.

·       Anjan Chatterjee interessiert sich für den künstlerischen Schaffensprozess und die Beurteilung von Kunst.

·       Marcos Nadal stellte eine Vorliebe von Probanden für gerundete Bauformen fest. Doch Räume, die man gern sieht, und Räume, die man gern betritt, sind unterschiedlich geformt.

·       Der Neuroästhetiker Nadal bestreitet, dass seine Zunft Kunst erklären oder ihr gar Vorgaben machen könne.

Die Geburt der Neuroästhetik

Seit kurzem haben nun auch Neurowissenschaftler die Kunst für sich entdeckt. Semir Zeki begründete den Forschungszweig 1996. Aus seiner Biografie heraus erscheint das nur folgerichtig, da er selbst leidenschaftlich gerne Kunst sammelt, vorzugsweise impressionistische Gemälde. Jede Woche besucht er Galerien. Und er zeichnet selbst gerne. Seit 2008 bekleidet er den weltweit ersten Lehrstuhl für Neuroästhetik am University College London. Was geschieht beim Erleben von Kunst im Kopf? Diese Frage treibt Zeki seit Jahren zu seiner Forschung an. Er will die Wahrnehmung von Kunst und die Emotionen, die sie erregt, auf eine neurobiologische Grundlage stellen. Denn Gemälde und andere schöngeistige Werke sind in seinen Augen das perfekte Sujet, um Neues über das Gehirn zu lernen.

 

Dagegen erwartet Neurowissenschaftler Anjan Chatterjee von der University of Pennsylvania von der neuroästhetischen Forschung vorrangig neurobiologische Theorien, wie Künstler mit ihren Werken Aufmerksamkeit erregen. Sie soll auch beantworten, welche Hirnfunktionen für den künstlerischen Schaffensprozess und für die Beurteilung von Kunst relevant sind.

 

Deutschland hatte bisher keine Adresse der Neuroästhetik. Doch im vergangenen Juni beschloss die Max-Planck-Gesellschaft, ein Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main einzurichten. Bund und Land statten es mit 45 Millionen Euro aus. Es soll die psychischen, neuronalen und soziokulturellen Grundlagen des Schönheitsempfindens ergründen und die starken zwischenmenschlichen Unterschiede erklären. Die Forschung soll sich auf Musik und Literatur beschränken. Vier Direktoren, der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus und die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann, ein noch nicht berufener Neurowissenschaftler und ein Soziologe, werden die Forschungsstätte leiten. Wolfgang Klein vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen ist einer der Gründervater. Er legt Wert darauf, dass „es kein Institut der Neuroästhetik ist. Es umfasst alle Methoden: neben den Neurowissenschaften auch die der Soziologie und der Psychologie.“ Erklärend ergänzt Klein: “Ich bin der Neuroästhetik gegenüber durchaus reserviert, weil nicht alles auf höchstem Niveau ist, was in diesem Bereich bisher publiziert wurde.”

Denkmuster der Schönheit

Bisher sind die Protagonisten der Neuroästhetik-Forschung vor allem damit befasst, in die Köpfe von Probanden zu schauen, während diese Musik hören oder Gebäude, Fotos oder Gemälde betrachten. Was passiert in den grauen Zellen, wenn die Testpersonen etwas schön finden? So lautet fast immer die Frage der Forscher. Und: Gibt es eine universelle Signatur des Schönen im Gehirn? – so die übergeordnete Frage. Ihr hat sich Zeki erneut in einer seiner jüngsten Studien angenommen.

 

Neun junge Männer und zwölf junge Frauen legten sich für ihn in den Magnetresonanztomografen und ließen die Änderungen ihrer Hirnaktivität aufzeichnen, während sie Musik hörten und Gemälde betrachteten. Die Kunstwerke bewerteten sie jeweils auf einer Skala von 1 bis 9. Neun traf den Geschmack vollkommen, während eine Eins einer völligen Entgleisung gleichkam. Zu den gern gesehenen Malereien gehörte Paul Cezannes “Sainte Victoire”. Dagegen fiel Honoré Daumiers “Szene aus einer Komödie” bei den Probanden durch. Gustav Mahlers 5. Sinfonie zauberte ein Lächeln in ihre Gesichter, während Karlheinz Stockhausens “Kontra-Punkte” kaum Anklang fanden.

 

Zwar sprechen Ton und Bild ganz unterschiedliche sensorische Areale an. Aber eines war stets gleich, fand Zeki: Je mehr die Kunst gefiel, desto stärker aktivierte sie den medialen orbitofrontalen Cortex, wie er 2011 im Journal “Plos One” schreibt. Zeki sieht eine Parallele: “Der orbitofrontale Cortex ist auch stark aktiviert, wenn wir jemanden lieben, der uns gefällt.” Und er wagt zu verallgemeinern: “Schönheit ist zu einem großen Teil eine Qualität des Körpers, die mit einer Aktivität im medialen orbitofrontalen Cortex einhergeht und die Sinne einbezieht.”

 

Andere sind indes zurückhaltender. Denn Kunst aktivierte in den verschiedenen Studien bisweilen durchaus auch unterschiedliche Hirnareale. Für den spanischen Psychologen und Neuroästhetik-Forscher Marcos Nadal, der zurzeit an der Universität Wien arbeitet, sieht der kleinste gemeinsame Nenner so aus: Alle emotionalen Zentren, die auch für Belohnung wichtig sind, sind mit von der Partie, wenn ein Kunstwerk den Nerv trifft. “Das ist nicht anders, als wenn wir Kuchen anschauen, den wir gern essen”, so Nadal. Zusätzlich reagieren aber sämtliche Areale stark, die für Wahrnehmung nötig sind. Und darüber hinaus sprechen auch Areale in der Hirnrinde an, die beim Beurteilen und Zusammenfügen einzelner Wahrnehmungen zu einem Ganzen helfen. Je schöner die Kunst, desto stärker fällt die Aktivierung all dieser Bereiche aus.

 

“Kunst kennt viele Wege, das Gehirn anzuregen”, fasst Nadal zusammen. “Wir dachten, dass Kunst evolutionär gesehen junge Bereiche des Gehirns anspricht. Schließlich kennen wir das Erbauen am Schönen nicht bei Tieren. Aber die große Überraschung ist: Es sind auch ganz alte Hirnregionen wie das limbische System und die Sinnesreize verarbeitenden Areale, die stark reagieren.”

Kunst hilft Neurowissenschaftlern auf die Sprünge

Zeki hat aus der Wahrnehmung der Kunstwerke viel über das Sehen gelernt. Etwa, dass Form, Farbe und Bewegung in der Hirnrinde separate Areale aktivieren und getrennt erfasst werden. Die verschiedenen Bildinformationen werden noch dazu unterschiedlich schnell verarbeitet. “So hat Farbe im Gehirn Vorrang vor Form und Bewegung und wird 60 bis 100 Millisekunden früher erfasst”, beschreibt Zeki.

 

Auch in anderer Hinsicht erteilen Experimente mit Kunstwerken den Hirnforschern Lektionen. Marcos Nadal wundert sich noch immer über das Resultat seiner jüngsten Studie, die bald im Fachjournal “PNAS” erscheinen wird. 18 Probanden beurteilten, im Hirnscanner liegend, verschiedene Innenräume. Einige davon hatten gewölbte Wände und Decken, andere nur lineare Formen. Einige waren fensterlos, andere offen, manche hoch, weitere niedrig. Die Probanden mussten bewerten, wie ihnen die Räume gefielen und welche sie betreten würden.

 

Das einzige architektonische Merkmal, das den Teilnehmern durchweg gefiel, war eine runde Bauform ohne Ecken und Kanten. Diese ging mit einer stärkeren Aktivierung im orbitofrontalen Cortex einher. “Dieses Areal trifft Vorhersagen über das Maß an zu erwartender Belohnung”, gibt Nadal die gängige Interpretation wieder. “Es sagt uns: Da ist schön. Geh da hinein. Auf diesem Weg hilft es uns zu entscheiden.”

 

Doch zu Nadals Verblüffung wollten die Personen gar nicht unbedingt die schönsten Räume betreten. Was ihnen gefiel und was sie anschauen wollten, waren zwei Paar Schuhe. Rätselraten bei Nadal: “Vielleicht ist Schönheit gar nicht so wichtig für unsere Entscheidungen, wie wir immer annehmen. Vielleicht wird sie maßlos überschätzt.” Vielleicht ist das Schöne so erhaben, dass wir uns zwar gerne mit den Augen daran weiden, aber es zugleich unnahbar auf uns wirkt. Womöglich ist es der gemütliche oder der ungewöhnliche Raum, der uns lockt. Nadals Studie stellt insofern die bisherige Forschung zur Ästhetik in Frage. Viele Psychologen haben gefragt, welche Gesichter von Menschen als attraktiv empfunden werden. Aber sie haben darüber ganz vergessen, sich zu erkundigen, ob man sich mit den Schönen überhaupt treffen mag.

Kritik an der Neuroästhetik

Umgekehrt wäre es fatal, wenn Architekten nach der Lektüre von Nadals Studie nun nur noch runde Deckengewölbe bauen würden, um zu gefallen. Einige Geisteswissenschaftler fürchten, dass Neurologen nun in diesem Sinne Geltung beanspruchen. Semir Zeki beklagt “starke Anfeindungen der Geisteswissenschaftler”. Seine ärgsten Kritiker bezeichneten Neuroästhetik gar als “Müll”. Sie fürchten eine Reduktion der Kunstperzeption auf die neurologische Dimension. Dieser Schelte wegen ist Zeki ganz defensiv in einem fort um Akzeptanz bemüht. “Neuroästhetik ist eine asymmetrische Angelegenheit”, räumt er ein. “Wir profitieren viel von der Kunst, aber wir geben ihr nicht viel zurück.” Und verspricht: “Wir erklären nicht die Kunst. Wir wollen auch nicht die Philosophie, die Kunstkritik, die Kunstgeschichte oder verwandte Disziplinen missionieren.”

 

Kritische Kommentare kommen aber auch von führenden Köpfen der Neuroästhetik selbst. “Die Wahrnehmung von Kunst ist immer kontextabhängig. Es macht einen großen Unterschied, ob ich Musik in einer Konzerthalle höre, von einer CD oder in einem wummernden Scanner”, sagt Nadal. Das Labor mit Scanner sei deshalb nur eine erste Annäherung, vielleicht eine unzureichende, um zu verstehen, wie wir Kunst wahrnehmen. Auch aus einem anderen Grund: “Kunst hat meist eine individuelle Bedeutung, abhängig von der Kultur: Man denke etwa an eine Hymne. Wir müssen lernen, welche Rolle diese Bedeutung spielt.”

zum Weiterlesen:

·      Ishizu T, Zeki S, Toward A Brain-Based Theory of Beauty, Plos One, 2011 Jul; 6(7) (zum Artikel).

·      Zeki S: Art and the Brain, Daedalus 1998; 127(2),71-103.

·      Di Dio C, Gallese V., Neuroaesthetics: A Review. Current Opinion in Neurobiology, 2009 Dez; 19(6):682-687 (zum Abstract).

·       Marcos Nadal, Marcus Pearce. The Copenhagen Neuroaesthetics conference: Prospects and pitfalls for an emerging field. Brain and Cognition, Nr. 76, 2011; 76(1):172-183 (zum Abstract).

Gastbeitrag aus: Susanne Donner

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