„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Daniel Tammet: Die Poesie der Primzahlen

Daniel Tammet: Über Pythagoras wissen wir mit Sicherheit nur, dass er gar nicht Pythagoras hieß.

Unbekannte Hausfrau: Es gibt nichts, dessen Hälfte nichts wäre.

Ich habe das Buch „Die Poesie der Primzahlen“ von Daniel Tammet stückweise gelesen und danach erst mal beiseite gelegt. Immer wenn ich ein Buch später rezensieren will, befestige ich einige Klebezettel an Stellen, die mir erwähnenswert erscheinen. Nur meistens ist es so, dass mir der Zusammenhang entfällt, also warum ich die entsprechenden Stellen so bemerkenswert fand, wenn einige Zeit vergangen ist. So ist es mir auch dieses Mal gegangen, weil der Chileurlaub zwischen das Lesen und das Rezensieren fiel.

Ich erinnere mich noch daran, dass er in seinem Buch einen längeren Abschnitt über seinen Rekord im Aufsagen von Pi geschrieben hat. Dabei stand nicht im Mittelpunkt, was einem Durchschnittsmenschen dabei durch den Kopf gehen würde. Also zum Beispiel, wie man sich die exakte Reihenfolge von 22.514 Stellen so einprägt, dass man sie später fehlerfrei rezitieren kann. Das ist für Tammet so normal, wie wir nicht darüber nachdenken müssen, wie man atmet oder spricht oder geht. Nein, Tammet schreibt vor allem darüber, woran er gedacht und wohin seine Gedanken abgeschweift sind, während sein Gehirn fünf Stunden lang die Ziffern reproduziert und sein Mund sie aufgesagt hat.

Einen Gedanken hatte ich mehrfach beim Lesen: Dass ich mir über das Verhältnis der Zahlen zur Realität immer noch nicht im Klaren bin. Kommt Zahlen eine eigenständige Existenz zu, die sich auch nicht verliert, wenn unser Universum verschwindet, oder sind es nur Abstraktionen, die nicht mehr da sind, wenn niemand im Universum mehr denkt? Ich tendiere zur ersten Ansicht, zur (neo)platonischen Schule, bin mir aber nicht sicher. (Zur Realität mathematischer Objekte)

Und das Zitat von der Hausfrau, der er Nachhilfeunterricht in Mathematik gegeben hat, ist für mich deshalb so bemerkenswert, weil hier der Begriff „nichts“ in seinen zwei hauptsächlichen Bedeutungen verwendet wird, was beim oberflächlichen Lesen zu großer Verwirrung führen kann. Man kann den Satz nämlich umformulieren:

Wenn man etwas (Existierendes) halbiert, ist es immer noch vorhanden (existiert noch).

Dann ist er nicht mehr mysteriös. Ein Physiker würde vielleicht noch ergänzen, dass es Objekte gibt, die man nicht halbieren kann. Als Atome noch als unteilbar galten, konnte man drei Atome nicht halbieren und eins auch nicht. Heute gilt das für noch kleinere Teilchen.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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