„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Woher kommen die Naturgesetze?

Ein häufiger Einwand gegen den Naturalismus lautet: Ohne einen »Gesetzgeber« (= Gott) gäbe es keine Naturgesetze, sondern nur Chaos, damit kein Leben. Außerdem würde man in einem logischen Zirkelschluss voraussetzen, dass es keinen Schöpfer gibt, um daraus zu schließen, dass naturgemäße Regeln auch ohne diesen herrschen. Diese Argumentation möchte ich im Folgenden genauer untersuchen.

Zunächst ist die Behauptung eines logischen Zirkels falsch. Für wissenschaftliche Betrachtungen gilt die Regel, dass man keine Voraussetzungen ohne zwingende Notwendigkeit machen sollte (Ockhams Rasiermesser oder Sparsamkeitsprinzip). Diese Regel kann man statistisch begründen. Je mehr ungerechtfertigte Annahmen ich aufstelle, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine davon falsch ist – und damit meine ganzen abgeleiteten Schlussfolgerungen.

Beispiel: Wenn ich einen undurchsichtigen Kasten vor Ihnen auf den Tisch lege, und Sie raten lasse, was darin ist – was ist dann wahrscheinlicher? Dass sich ein Ball darin befindet, oder dass sich ein roter Ball darin ist, oder dass ein roter Ball mit grünen Tupfen und gelben Streifen und der Aufschrift »XY« darin steckt? Je mehr sie vermuten, umso wahrscheinlicher wird es, dass Sie daneben liegen!

Wenn es also keine logisch zwingende Notwendigkeit gibt, einen Schöpfergott als Urheber zu mutmaßen, dann sollte man die Annahme nicht benutzen. Gläubige geben im Allgemeinen zu, dass es ein dazu nötiger Beweis nicht existiert. Hier widersprechen sich die Theisten selbst: Sie setzen Gott als unabdingbar voraus, ohne dafür einen Grund nennen zu können. Im Gegenzug behaupten sie, dass die Naturalisten auch keine Begründung angeben, warum sie auf die nicht notwendige Grundvoraussetzung verzichten.

Vergleichbar wäre dies damit: Im Fall der Box wird derjenige, der sagt »Es ist ein Ball in der Schachtel« kritisiert. Weil er nicht noch grüne Tupfen voraussetzt, denn er hat ja keinerlei stichhaltige Beweise dafür, dass der Ball KEINE grünen Tupfen hat. Wenn man einen minimalen Satz an Grundannahmen aufstellt, muss man nicht für jede dieser Voraussetzungen, die man NICHT postuliert, auch noch eine zusätzliche Begründung liefern, warum diese fehlt.

Da »Gott« in keiner physikalischen Formel je aufgetaucht ist, muss man nicht jedes Mal wieder neu erläutern, warum man auf diesen Bestandteil verzichtet. Man könnte, wenn man die Fallgesetze untersucht, sonst auf dieselbe Weise argumentieren, dass es logisch zirkulär ist, wenn man dabei auch »ziehende Dämonen« ausklammert. Anders gesagt: Analysiert wird immer die Nullhypothese, die mit dem minimalen Satz an Zusatzannahmen auskommt. Erst wenn dies nicht funktioniert kann man sich fragen, was fehlt. Bislang hat Gott noch nie dazugehört.

Offensichtlich ist, dass die »Hypothese Gott« in der Physik verzichtbar ist. Alle Naturgesetze lassen sich als mathematische Formeln formulieren. Wenn der Gott, der nicht berechenbar sein soll, davon ein Teil sein sollte, dann kann man keine Rechenmethode mehr benutzen. Zu sagen »Gott ist nicht vorhersagbar« und zu fordern, er solle bei den Naturbeschreibungen berücksichtigt werden, ist ein offenkundiger und eklatanter Widerspruch. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Argumente für Gott logisch fehlerhaft sind. Darauf kann man keine stichhaltige Beschreibung aufbauen. Wenn man eine Party nur schildern kann, wenn man verheiratete Junggesellen voraussetzt, wird keine mögliche Formulierung taugen. Zudem, das wiegt noch schwerer, fehlt immer noch jeder Nachweis, dass der Begriff »Gott« etwas Sinnvolles darstellt.

Kommen wir zur Frage, ob die Naturgesetze einen Gesetzgeber erfordern. Darin liegt ein Missverständnis, das durch den Namen verursacht wird. Naturgesetze sind keine Gesetze in dem Sinne unserer Rechtsprechung, sondern vielmehr mathematische Modelle, die aufgrund von Beobachtungen gebildet werden. Wir müssten eigentlich von »Naturbeschreibungen« reden, oder »modellhafter mathematischer Nachbildung«. Ich hatte zuvor schon darauf hingewiesen, dass es kein »Durchbrechen der Naturgesetze« geben kann, so wenig wie man bei einer Bildbeschreibung, die dem Bild nicht entspricht, von einem »Durchbrechen der Beschreibung« reden kann. Zudem setzt die Annahme, etwas »verstoße« gegen die Naturgesetze voraus, dass wir alle diese zu 100% kennen. Wenn also ein Gläubiger behauptet, dass »die Wissenschaft nicht alles weiß« und dass »hier ein Naturgesetz durchbrochen wurde«, dann widerspricht er sich selbst. Wissen sollte man immer auf dem aufbauen, was man weiß, nicht auf dem, was man glaubt oder nicht weiß. Nichts von Gott zu wissen und dieses zur Voraussetzung von Wissen zu machen heißt, Nichtwissen zur Grundlage des Wissens zu erheben.

Wenn man »Natur« definiert als »alles, was der Fall ist«, die Summe aller Tatsachen, dann darf eine Naturbeschreibung auch nur das nachbilden, was der Fall ist. Übrigens: Wenn Gott existieren sollte, gehört er zu dieser Natur per Definition dazu. Das kann nur ein Atheist bestreiten.

Woher kommen denn jetzt die Naturgesetze? Zum einen sind sie menschliche Erfindungen. Sie sind mathematische Abstraktionen, die aus Beobachtungen gebildet wurden. Konstruiert wurden diese Modelle nach Nützlichkeit, beispielsweise um Ereignisse vorherzusagen. Das ist ein sehr guter Grund, den »Willen Gottes« aus den Formeln zu streichen. Zum anderen sind sie nicht willkürlich, weil sie sich nur auf direkt oder indirekt beobachtbare oder plausible Naturphänomene stützen. Die logische Konsistenz wird durch die Mathematik garantiert, denn wie Gödel zeigte, ist Mathematik angewandte Logik (und umgekehrt). Mathematik ist ein Verfahren, um logisch mögliche Welten zu beschreiben. Welche dieser Welten mit der realen übereinstimmt, ist eine Frage der Empirie.

Beispiel: Die euklidische Geometrie beschreibt einen möglichen Aufbau der Welt. Es gibt noch zwei weitere nichteuklidische Geometrien, die auf dieser basieren. Lassen wir einmal die Riemannschen Geometrien weg, von denen es unendlich viele gibt. Unsere »Welt im Kleinen« wird von der euklidischen Geometrie gut genug beschrieben, um damit Kathedralen bauen zu können. Aber ist das auch die Geometrie des Universums? Seit Einstein dachte man, dass unser Raum nichteuklidisch sein müsse. Schließlich hat man es nachgemessen, und siehe da, große Überraschung: Er ist flach, also euklidisch!

Es gibt noch eine Annahme der Modelle zur Weltbeschreibung, die unabdingbar ist: Ein Naturgesetz sollte von der Position des Individuums unabhängig sein. Warum? Weil man in einer objektiv existierenden Welt genau daran festmacht, dass sie subjektunabhängig ist. Ein Würfel wandelt nicht seine Form, wenn wir um ihn herumgehen, sondern unsere Perspektive ändert sich.

Voraussetzungen sind immer Beobachtungen. Wann hat man je Gott beobachtet?

Damit kann man nicht erklären, wieso die Natur mathematischen Gesetzen folgt, sondern man muss es eher umgekehrt betrachten: Wir konstruieren die Mathematik so, dass sie alle logisch möglichen Welten beschreiben kann, und da unsere Welt existiert, ist sie eine davon.

Mathematik ist also geeignet, das Verhalten der Natur zu schildern. Aber warum zeigt sich die Natur so, wie sie sich aufführt? Diese Frage mag trivial klingen, sie hat es aber in sich. Anders formuliert: Wieso können wir ein berechenbares Modell bilden, mit dem wir Naturereignisse vorhersagen können? Selbstverständlich können wir das nicht, wenn wir einen nicht erkennbaren, nicht erfassbaren, nicht vorherberechenbaren Gott mit einbauen oder voraussetzen. Das sollte eigentlich unmittelbar einsichtig sein – für christliche Wissenschaftler ist es das auch, meistens, für Laien weniger. Prinzipiell nicht Beobachtbares sollte man aus dem, was man erkennen will, heraushalten.

Was also sind die Eigenschaften der Natur, aus denen man ihr Verhalten ableiten kann, und woher kommen diese?

Die Antwort auf diese Frage ist ebenso verblüffend wie einfach: ALLE Naturgesetze sind Eigenheiten der Leere! Unser Universum »erbt« die Merkmale der Leere, weil es aus dieser heraus entstanden ist.

Wenn Menschen an »das Nichts« denken, meinen sie meistens, es handle sich um ein »Etwas« ohne Eigenschaften. Aber was keine Merkmale hat, existiert nicht. Alles, was vorhanden ist, verfügt über Attribute. Auch eine vollkommene Leere besitzt beschreibbare Eigenheiten. So ist sie z. B. symmetrisch, sie ist sogar »supersymmetrisch« – man kann sie an jeder Achse spiegeln, und sie bleibt gleich. Erst wenn wir ein Teilchen in dieses Nichts hineinschießen, zerbricht die Symmetrie. Und ALLE Naturgesetze folgen aus der Symmetrie und dem Brechen dieser.

Nehmen wir die fundamentalen Naturgesetze, etwa die Energieerhaltungssätze (EE). Der wesentliche Satz, dass in einem geschlossenen System die Energie weder zu- noch abnehmen kann (die Gesamtenergie bleibt konstant), wird aus den Symmetrieeigenschaften abgeleitet (Noether-Theorem, für die, die das gerne nachschlagen wollen).

Dass die Leere, das Nichts, symmetrisch ist, kann man mit Sicherheit nicht auf Gott zurückführen. Es sei denn, man wolle unterstellen, dass er erst das Nichts erschaffen hat ...

Folglich braucht man auch keinen Gott, um die grundlegenden Erhaltungssätze zu entdecken oder zu formulieren. Es gibt keinen Gesetzgeber, der die Eigenschaften des Nichts geformt hat. Wenn man die Naturgesetze daraus ableiten kann, dann kann Gott auch nicht derjenige sein, der diese Gesetze geschaffen hat. Tatsächlich kann man dies mit jedem bekannten Naturgesetz machen! Das geht nicht in einem kurzen Artikel, wer wissen will, wie das funktioniert, dem empfehle ich das Buch Stenger, Victor J. The Comprehensible Cosmos : Where Do the Laws of Physics Come From? Amherst, N.Y.: Prometheus Books, 2006.

Es nützt auch nichts, zu behaupten, dass Gott der Schöpfer der Logik und damit der Mathematik sei. Denn diese kann man tatsächlich, wie Bertrand Russel gezeigt hat, aus 1 + 1 = 2 ableiten. Wenn es nur einen Gott gab, dann folgt daraus, ohne dass er dazu etwas machen musste, die ganze Mathematik.

Es kommt noch besser: Gott wird als reiner Geist gedacht – was bedeutet, Gott kann nicht der Schöpfer des Geistigen sein, weil er sich sonst selbst hätte erschaffen müssen. Ohne Logik hätte Gott keine Möglichkeit gehabt, die Logik zu erschaffen. Denn nach welcher Logik folgt aus Allmacht, dass das entsteht, was man will? Ohne Logik geht das nicht, also muss man diese voraussetzen.

Da man also nur die Leere und die Mathematik voraussetzen muss, folgt daraus, dass man keinen Gott braucht. Diese Hypothese ist verzichtbar. Sie ist sogar schädlich, wenn man damit Modelle baut, mit denen man Vorhersagen über die Wirklichkeit aufstellen kann.

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

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