„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Weltweite verbindliche Geburtenregelungen?

In meinem Blog hat Achim Wolf in Alan Weisman: Die Welt ohne uns einen längeren Kommentar geschrieben, in dem er auf eine Petition hingewiesen hat, die die Einführung weltweiter, verbindlicher Geburtenregelungen fordert: Weltweite Geburtenregelungen verbindlich einführen!

Unter anderem schreibt Wolf:

Alle großen Probleme der Menschheit (Umweltschutz, Lebensqualität, gesellschaftlicher Zusammenhalt, wirtschaftliche Entwicklung) hängen direkt oder indirekt mit dem ungehemmten Wachstum der Weltbevölkerung, die auch die Hauptursache für sehr viele weitere Übel auf der Erde ist.

So wird beispielsweise der Klimawandel durch den vermehrten CO2-Aussstoß von immer mehr Erdenbewohnern beschleunigt und wächst sich zu einer Klimakatastrophe ungeheuren Ausmaßes aus, wenn nichts wirklich Greifendes dagegen unternommen wird, die Folgen noch zu minimieren.

Der Klimawandel ist tatsächlich eines derjenigen Probleme, die globale Ursachen haben, weltweite Auswirkungen zeigen und deshalb nur gemeinsam sinnvoll angegangen werden können. Nehmen wir den CO2-Ausstoß: Tatsächlich ist es so, dass das vom Menschen erzeugte CO2 von der Anzahl der Menschen abhängt. Wenn sie steigt, dann könnte sich die Menge des von allen emittierten CO2 vergrößern – wenn man an allen anderen Einflussfaktoren nichts ändert.

Die Gesamtmenge des CO2 (und die aller von uns verbrauchten Ressourcen) hängt aber auch vom Ressourcenverbrauch jedes Einzelnen ab. Nur ist der Gesamtverbrauch kein einfaches Produkt aus beiden, da der Ressourcenverbrauch von Menschen in unterschiedlichen Ländern sehr unterschiedlich ausfällt. In den entwickelten Industrieländern ist er im Mittel sehr hoch, während die Geburtenzahlen der Einheimischen so niedrig sind, dass die Bevölkerung ohne Einwanderer sinkt (oder sinken würde). Hohe Geburtenraten findet man vor allem in Ländern, in denen jedem Menschen nur wenig zur Verfügung steht.

Um die heutige Situation verstehen und bewerten zu können, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte. Über viele Jahrhunderte waren die Bevölkerungszahlen näherungsweise konstant, es gab nur einen minimalen Anstieg, angetrieben von sehr langsamen Fortschritten der Technologie (Pflanzenzüchtung, Erschließung neuen Landes). Die Entwicklung war deshalb, mit einem heutigen Begriff charakterisiert, „nachhaltig“, denn man hat praktisch nur mit erneuerbaren Energien gearbeitet: Verbrennung von Holz, Wasser- und Windkraft. In dieser Zeit waren auch die Geburtenraten sehr hoch, was notwendig war, um die gleichfalls sehr hohen Sterberaten zu kompensieren.

Seit vielleicht zwei, drei Jahrhunderten hat sich das fundamental geändert. Nur ein paar Charakteristika dieser Entwicklung: Durch die Verwendung fossiler Brennstoffe wie zuerst Kohle, dann Erdöl wurde die industrielle Revolution erst ermöglicht. Diese Energie ist ebenfalls die Grundlage für die Produktion von Kunstdünger, was eine Revolution in der Nahrungsmittelproduktion hervorrief und die Ernährung einer größeren Zahl von Menschen erst ermöglichte. In der Medizin wurde die Bedeutung der Hygiene erkannt, es wurden Antibiotika entwickelt u.v.a.m.

All das führte in den heute entwickelten Industriestaaten parallel zu einem Bevölkerungswachstum, zu einer Steigerung des individuellen Wohlstandes und zu einem überproportional zu beidem steigenden Ressourcenverbrauch (weil er das Produkt aus Bevölkerungszahl und materiellem Wohlstand ist).

Andere Teile der Welt stagnierten hingegen zu Zeiten der industriellen Revolution noch. Wenn diese Länder heute im Zeitraffer ihren Entwicklungsrückstand aufholen, dann verlaufen die verschiedenen Anpassungsprozesse nicht synchron. Zuerst werden meistens die medizinischen Standards erhöht, was die Sterberaten stark sinken lässt. Die Geburtsraten aber bleiben hoch, z.T. weil es Tradition ist und z.T. weil die gesellschaftlichen Bedingungen hinterher hinken. Wenn es keine staatlich organisierte Altersversicherung gibt, sind die Älteren auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen. Nicht zu vergessen ist der Einfluss archaischer religiöser Vorstellungen (z.B. Katholische Kirche und Kondomverbot).

Der individuelle Wohlstand hinkt dem medizinischen Fortschritt ebenfalls hinterher, wobei wir aus unserer Erfahrung wissen, dass das Streben nach individuellem Wohlstand das beste Mittel gegen zu viele Kinder ist – in Deutschland und in vielen Industriestaaten sind (zu) viele Kinder das größte Armutsrisiko.

Erstens ergibt sich hier für mich ein großes ethisches Problem: Inwieweit ist es gerechtfertigt, wenn wir aus der Perspektive saturierter Wohlstandsbürger von anderen fordern, dass sie weniger Kinder bekommen sollen? Denn unsere Geburtenraten sind ja bereits so niedrig, dass die einheimische Bevölkerungszahl sinkt.

Zweitens sind wir nicht bereit bzw. in der Lage, unseren Beitrag zur Bewältigung der globalen Probleme zu leisten: Wir bekommen unseren ständig steigenden Ressourcenverbrauch nicht in den Griff – vor allem, weil unsere Politiker nach wie vor einer Wachstumsideologie anhängen und glauben, unser Wohlstand ließe sich nur durch ständiges Wachstum steigern oder wenigstens erhalten.

Drittens kenne ich keine Antwort auf die Frage, wie man auf demokratischem Weg eine Senkung der Geburtenraten administrativ verordnen könnte. (Eine implizite Möglichkeit habe ich bereits genannt: Man gestaltet seine Gesetze so, dass das Haben von Kindern Menschen schlechter stellt als das Nicht-Haben. Inwieweit ist das eigentlich ethisch verantwortbar?)

Was passiert, wenn man es auf diktatorischem Weg in einer vergleichsweise primitiven Gesellschaft durchsetzt, zeigt das chinesische Beispiel: Ein-Kind-Politik:

Das zweite Problem ist die Überalterung der Gesellschaft. Zusammen mit dem Umbruch, den die wirtschaftliche Dynamik erzeugt hat und der die sozialen Beziehungen der Menschen (Auflösung der Großfamilie) stark verändert hat, wird das in der Zukunft zu großen Problemen (zum Beispiel bei der Rente oder in der Gesundheitsversorgung) führen. Der demographische Wachstumsbonus durch wenige Kinder kehrt sich dann in das Gegenteil um.

Die Ein-Kind-Politik in Verbindung mit der konfuzianischen Tradition, die männliche Erblinie zu erhalten, hat zu einem Ungleichgewicht zwischen den Geburtenzahlen von Jungen und Mädchen geführt: Kamen 1982 bereits 108,5 geborene Jungen auf 100 geborene Mädchen, ist dieses Verhältnis 2009 auf gut 120 zu 100 gestiegen. Zeitweilig kamen auf 100 Lebendgeborene 30-50 Abtreibungen.[5] Daraus resultiert ein Mädchenmangel, der auf lange Sicht zu dem Problem führen wird, dass viele Männer keine Frau finden werden.

Fazit:

1.    In den Industrieländern ist die Geburtenrate kleiner eins, die Bevölkerungszahl sinkt. Der Ressourcenverbrauch wird trotzdem nicht verringert.

2.    In den Ländern mit hoher Geburtenrate ist der Ressourcenverbrauch viel kleiner als bei uns.

3.    Ich sehe keine ethische Begründung dafür, die einer Regierung erlauben könnte, Menschen die Zahl ihrer Kinder vorzuschreiben. (Negatives Beispiel: China)

4.    Es gibt kein moralisches Recht darauf, den Menschen in den ärmeren Ländern einen Lebensstandard zu verwehren, den wir uns selbst zugestehen.

Das Wachstum der Weltbevölkerung ist nicht die eigentliche Ursache unserer globalen Probleme und das Verringern der Zahl der lebenden Menschen löst auch viele unserer Probleme nicht. Wir müssen unseren Lebensstil insgesamt ändern, wenn wir besser leben wollen. Wie schwer das ist, zeigen die Klimaverhandlungen sehr gut, denn diese zeigen direkt das eigentliche Problem an: Unseren zu hohen Ressourcenverbrauch. Die Anzahl der Menschen auf der Erde ist da nur einer von sehr vielen Einflussfaktoren.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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