„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Weltseele

In einem Diskussionsforum begründete vor kurzem jemand seine Ablehnung, Kinder zu haben, mit der folgenden Statistik:

1.    Kinder: 50%

2.    Enkel: 25%

3.    Urenkel: 12,5%


Gemeint war damit der Prozentsatz der eigenen Gene, der in der jeweiligen Generation noch zu finden sein wird. Mir war nicht ganz klar, ob der Betreffende das ernst gemeint hat. Aber jedenfalls fiel mir recht schnell ein Gegenargument ein: Bei etwa konstanter Bevölkerungszahl hat jeder ungefähr 2 Kinder, 4 Enkel, 8 Urenkel, usw. Multipliziert man diese Personenzahl mit der jeweiligen Wahrscheinlichkeit, kommt im Mittel genau „1“ heraus. Im statistischen Mittel verschwinden also die eigenen Gene nicht mit den nachfolgenden Generationen, sie verteilen sich bloß auf eine immer größere Zahl von Personen.

Was hier für die Nachfahren abgeleitet wurde, gilt interessanterweise auch für die Vorfahren. Man hat zwei Eltern, die bereits jeweils 50%, vier Großeltern, die 25%, und acht Urgroßeltern, die 12,5% zum eigenen Genom beisteuern. Was einen selbst ausmacht, liegt also in der fernen Vergangenheit bereits verdünnt in der gesamten Menschheit vor und konzentriert sich immer stärker in einzelnen Menschen, je weiter es in Richtung von einem selbst geht, um dann in der eigenen Person den Höhepunkt zu erreichen. Im den nachfolgenden Generationen verteilt sich das eigene Erbgut wieder unter allen Menschen der Zukunft.

Natürlich ist keine Regel ohne Ausnahme und die sind hier besonders interessant: Hat jemand besonders viele Kinder, dann treibt er die Anzahl seiner Gene in den nachfolgenden Generationen auf eine Zahl, die höher ist als zu seinen Lebzeiten.

Und auch die andere Richtung, in die Vergangenheit, ist interessant. Ich habe einen Bekannten, der als Hobby-Genealoge seine eigene Abstammung erforscht. Ein Bürgermeister eines kleinen Dorfes im 15./16. Jahrhunderts taucht dabei in drei verschiedenen Linien auf. In diesem Fall sind aber nicht die vielen unehelichen Kinder des Betreffenden gemeint, denn derlei verzeichnen die alten Kirchenbücher ja nicht. Nein, der Bürgermeister hatte jeweils nach dem Tod seiner Frau eine neue geheiratet und mit dieser weitere Kinder.

Und eine weitere Abweichung von der Regel ist ebenfalls von Bedeutung: Auch durch Mutationen wird sich das eigene Erbgut in der Zukunft ändern. Da sich die schlechten Veränderungen recht schnell wieder aus der Welt verabschieden werden, bleiben die guten und es wird immer besser. Ein weiterer Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen, gelle?

Vielleicht ist das ja ein tröstlicher Gedanke in trübseligen Momenten: Es ist fast unmöglich, aus dem Genpool der Menschheit zu verschwinden, auch wenn man selbst nicht mehr ist. Das gilt auch für Kinderlose. Denn auch deren Gene finden in alternativen Blutlinien ihren Weg in die Zukunft.

 

Das oben aufgestellte Bildungsgesetz geht in Zweierpotenzen sowohl in die Vergangenheit als auch die Zukunft. Recht schnell erreicht diese Zahl einen Wert, der sowohl den der in der Vergangenheit lebenden als auch den der in der Zukunft lebenden Menschen übersteigt. Das bedeutet nichts anderes, als dass man von allen Menschen abstammt, mit ihnen verwandt ist, die in der Vergangenheit gelebt haben, während man andererseits Stammvater oder -Mutter aller Menschen der Zukunft ist.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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