„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Einiges über die Freiheit

Vor ein paar Wochen machten die Ergebnisse einer Studie zweier amerikanischer Wissenschaftler von sich reden. Diese hatten untersucht, was die Ursachen dafür sind, dass einige Gesellschaften prosperieren und einige trotz guter Bedingungen nicht so recht auf die Beine kommen. Ich finde jetzt zwar auf die Schnelle die entsprechenden Artikel nicht mehr, aber die in der Studie gefundenen Ursachen habe ich mir gemerkt: Die Funktionsfähigkeit demokratischer Strukturen macht den Unterschied. Autoritär verfasste Gesellschaften sind auf Dauer nicht so lebensfähig wie demokratische.

Oberflächlich betrachtet ist der Unterschied zwischen einer demokratischen und einer autoritären Gesellschaft der Grad an Freiheit, der dem Einzelnen zugestanden wird. Aber ganz so einfach ist es wahrscheinlich nicht, denn tritt man etwas näher heran, dann bedeutet die Existenz von Institutionen in Demokratien ja ebenfalls die Einschränkung von Freiheitsrechten, während in einem zerfallenden Gemeinwesen die Einzelnen scheinbar viele Freiheiten genießen (einschließlich derer, zu morden oder ermordet zu werden). In Hohe Luft Nr. 3 gibt es ab Seite 18 einen Artikel zum Freiheitsbegriff, dort heißt es einleitend:

Was Freiheit heißt, scheint jeder zu wissen. Frei zu sein: Das halten wir für selbstverständlich wie den Strom, der aus der Steckdose kommt. Und doch ist der Begriff umstritten. Die Freiheit des Bürgers setzen die einen gleich mit „weniger Staat“, für die anderen beruht wahre Freiheit auf Gerechtigkeit. Und auch unter dem Begriff „liberal“. verstehen die Menschen ganz unterschiedliche Dinge. In einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie gab die Hälfte der Befragten „möglichst wenig staatliche Vorschriften“ an, aber kaum weniger nannten den Abbau der Kluft zwischen Arm und Reich, weniger staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und die Senkung von Steuern und Abgaben. Freiheit ist auch das Lebensthema des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Doch auch bei ihm bleibt unklar, was er meint, wenn er „Freiheit“ sagt. In seiner Antrittsrede sprach er nebulös von „Freiheit als Bedingung von Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Bedingung dafur, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen.“

Im Artikel werden dann mehrere Konzepte diskutiert, die verschiedene Philosophen mit dem Freiheitsbegriff verbinden. Die Klassiker sind dabei natürlich die Definitionen von positiver und negativer Freiheit: Negative Freiheit ist die Abwesenheit von Behinderungen, niemand schränkt mich ein, ich kann tun und lassen, was ich will. Positive Freiheit ist die Selbstbestimmung, ich realisiere meine Ziele und Fähigkeiten, ich bin Herr meines eigenen Lebens. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären beide Definitionen fast deckungsgleich, aber sie sind es nicht.

In unserer Gesellschaft hat jeder die Freiheit, sich einen dicken Mercedes zu kaufen (die negative Freiheit ist vorhanden), der HartzIV-Empfänger kann es aber trotzdem nicht (weil ihm die positive Freiheit dafür fehlt). Es lassen sich auch entgegengesetzte Beispiele konstruieren: Odysseus ließ sich von seinen Gefährten an den Mast fesseln, um dem Gesang der Sirenen besser zu widerstehen. Es war seine eigene freie Entscheidung (positive Freiheit), er setzte sich aber damit äußeren Zwängen aus (Abwesenheit der negativen Freiheit).

Im Artikel werden eine Reihe weiterer Beispiele gebracht, ein lustiges ist z.B., dass es in Nordkorea weniger Verkehrsampeln als in Deutschland gibt, wodurch Nordkoreaner in diesem Bereich über größere Freiheiten als Deutsche verfügen. Offenbar bewerten wir aber diese Einschränkung unserer Freiheit als viel weniger schwerwiegend als z.B. politische oder Religionsfreiheit. Und selbst diese eigene und subjektive Bewertung ist trügerisch. Ein Sklave kann sich frei fühlen – solange er nicht versucht zu fliehen und dadurch an seine Grenzen erinnert wird.

Das führt unmittelbar zu der Frage, ob es ein Recht auf Freiheit geben kann:

Der amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin bestreitet das. Den Begriff »Recht« definiert er dabei in einem starken Sinne: Jemand hat ein Recht auf etwas, wenn es ihm der Staat auch dann nicht verwehren kann, wenn das im allgemeinen Interesse wäre. Nach Dworkin habe ich etwa kein Recht, eine Straße in einer bestimmten Richtung entlangzufahren. Die Verkehrsbehörde könnte die Straße nämlich einfach zur Einbahnstraße erklären. Ein solcher »Freiheitsverlust« kommt uns in der Regel natürlich belanglos vor. Anders sehen wir es etwa bei der Meinungsfreiheit. Die halten wir für ein hohes Gut, das der Staat unbedingt schützen muss. Aber welchen Maßstab sollen wir anlegen, um verschiedene Freiheiten miteinander zu vergleichen? Schließlich fällt es schwer, die Freiheit einfach als ein Gut zu betrachten, das in verschiedenen Quantitäten vorhanden sein kann. Freiheit kann man offenbar nicht einfach über einen Leisten schlagen. Zudem betreffen manche Einschränkungen nicht die Freiheit als solche, sondern andere Werte oder Interessen, im Falle der Einbahnstraße etwa die Bequemlichkeit des Fahrers. Die Idee eines Rechts auf Freiheit sei für das politische Denken sogar »schädlich«, meint Dworkin, sie erzeuge eine falsche Vorstellung vom Konflikt zwischen Freiheit und anderen Werten.

Gegen Ende des Artikels wird dann eine andere Freiheitstheorie diskutiert, die von Philip Pettit aufgestellt wurde:

Wenn ich für mein Handeln verantwortlich gemacht werden kann, bin ich offenbar eine besondere Art Person. Man kann mich nämlich in eine Praxis einbeziehen, in der Menschen einander Verantwortung für ihr Handeln zuschreiben. Das erklärt zum Beispiel, warum Tiere nicht frei sind: Sie können für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden. Aber was macht die Eignung einer Person aus, für ihr Tun verantwortlich gemacht zu werden? Nach Pettit erfordert Freiheit mehr als die Fähigkeit zu rationaler Selbststeuerung. Eine freie Person muss außerdem die Fähigkeit besitzen, in einen Diskurs einzutreten – also etwa mit anderen vernünftig über ein Problem zu diskutieren. Eine Person ist demnach so lange frei, als sie »diskursive Kontrolle« über ihre Handlungen hat. Nicht jeder Zwang unterminiert diesen diskursiven Status.

Der Sklave ist nach dieser Auffassung unfrei, auch wenn er sich frei fühlt, während Odysseus frei ist, auch wenn er am Mast gefesselt wurde. Diese Theorie liegt auch näher am Alltagsverständnis von Freiheit (wenn man mal von denjenigen Dummschwätzern absieht, die sich durch das Zahlen von Steuern in ihren Freiheitsrechten bedroht fühlen):

Nach Pettits Theorie schaffen Abhängigkeitsverhältnisse Unfreiheit. Das gilt aber nicht nur für das Verhältnis zwischen Staat und Individuum. Beherrschung tritt in vielen Formen auf. Man denke an Kinder, die der Willkür gewalttätiger Eltern ausgeliefert sind. Oder an die alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin, die abhängig ist vom Sozialstaat. Das ist der Mitarbeiter, der um seinen Arbeitsplatz fürchtet – und deshalb alle Launen des Chefs erträgt. Der Anwohner in gefährlichen Gegenden, der sich kaum aus der Wohnung traut. Der Arbeitskraft-Unternehmer in prekären Verhältnissen, der um seinen nächsten Auftrag bangt. Andererseits ist nicht überall, wo der Staat ins Leben seiner Bürger eingreift, auch gleich die Freiheit gefährdet.

Offenbar spielt der Begriff der Freiheit für den Begriff der Demokratie eine ganz wesentliche Rolle, obwohl man ein unbedingtes Recht auf Freiheit auch hier nicht begründen kann. Und interessant ist auch der Seitenblick von der (hier mehr gesellschaftlich bzw. politisch betrachteten) Freiheit zur Willensfreiheit. Man kann von Willensfreiheit sprechen, wenn man Urheber seiner Entscheidungen ist (entspricht der Verantwortlichkeit) und wenn man Handlungsalternativen hat. Ist man frei und ist man willensfrei, wenn die Gesellschaft von einem erwartet, eine Einbahnstraße nur in eine Richtung zu fahren und man das wie selbstverständlich auch tut?

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Es darf kein Inhalt dieser Seite weiterverbreitet werden, sofern nicht mein Einverständnis dafür vorliegt.