„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das IQ-Prinzip

Ein Bekannter (vielen Dank an Begleitschreiben) hat mich auf eine interessante Sendung beim SWR2 aufmerksam gemacht: Das IQ-Prinzip. Die Sendung ist Teil einer Serie mit dem Namen „Der vermessene Mensch“. (Dieser Name ist nebenbei wunderbar doppeldeutig, denn zu dem Adjektiv „vermessen“ gibt es zwei Substantive: „Vermessung“ und „Vermessenheit“). Autor ist Martin Hubert.

Hier die Sendung als MP3 zum Anhören und als Manuskript zum Nachlesen:

http://mp3-download.swr.de/swr2/wissen/sendungen/2014/06/swr2wissen-20140621-iq-prinzip-ra08.12844s.mp3?_=1

Soweit ich das beurteilen kann, gibt die Sendung den aktuellen Stand in der Intelligenzforschung gut wieder, sowohl was die positiven Aspekte, als auch was die Kritikpunkte betrifft. Auf der einen Seite ist der IQ sicherlich eines der wenigen Maße in der Psychologie, der einen (bei Erwachsenen) weitgehend stabilen Zahlenwert ergibt und der die derzeit beste Korrelation mit solchen Dingen wie Schulleistungen oder Berufserfolg hat. Auf der anderen Seite gilt das natürlich nicht für den Einzelfall. Auf die Gründe wird zumindest kurz eingegangen: Die Intelligenz hat eine starke genetische Komponente, aber wenn die individuellen Lebensumstände entweder einerseits extrem ungünstig oder andererseits extrem günstig sind, dann weicht der Erfolg in Schule, Studium oder Beruf stark von der Prognose ab, die ein standardisierter Test geben kann.

Und Test ist nicht gleich Test. Je nach Konzeption – Auswahl der Aufgaben – unterscheiden sich die Ergebnisse verschiedener Tests stark. In dem Beitrag wird aus einem Unternehmen berichtet, das Tests an potenziellen Mitarbeitern (Managern) im Auftrag anderer Firmen durchführt. Eine Beobachtung, die ich selbst schon gemacht habe, wird in dem Beitrag bestätigt: Die Ergebnisse sind auch von der Tagesform abhängig. Detlef Rost, einer der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet, meint dazu lapidar: „Nennen Sie mir eine bessere Möglichkeit, und ich werde sie ab sofort anwenden.“

Ein zweiter Wissenschaftler, Dirk Hagemann, gibt seine Definition von Intelligenz: „Intelligenz ist die Fähigkeit, Probleme durch Nachdenken zu lösen“. Auch diese Definition kann man kritisieren, aber sie liegt sicherlich näher an unserem alltäglichen Verständnis dessen, was Intelligenz ist, als was die üblichen Tests messen. Und in dieses Alltagsverständnis fließen eben auch Persönlichkeitsmerkmale wie Fachwissen und Hartnäckigkeit ein – ein potenzieller Nobelpreisträger muss das alles mitbringen und zudem ein Quäntchen Glück haben.

Im mittleren Teil des Beitrags kommt Gerd Gigerenzer zu Wort, von dem ich vorher nur wusste, dass er auf dem Gebiet der Risikoforschung tätig ist:

Gigerenzer:
Sie können die Angst gar nicht unterschätzen, die existiert im Bereich von Entscheidungen in Politik, in Management. Da werden sehr viele Bauchentscheidungen getroffen, aber man hat immense Angst davor, das einzugestehen.

Sprecherin:
Intelligenztests gehen vom rationalen Menschen aus. Sie unterstellen, dass Probleme lösbar sind, indem man sie schrittweise analysiert. Was kann ein Wort alles bedeuten, damit es zu einem anderen passt? In welche Richtung dreht ein Zahnrad das nächste und dieses wieder das nächste? Gerd Gigerenzer, der Direktor des Berliner MaxPlanck-Instituts für Bildungsforschung, glaubt, dass das nicht alles ist. Für ihn sind viele Probleme einfach viel zu komplex, als dass sie sich analytisch und rational lösen lassen. Wichtiger sei dann eine gute Intuition, aber das müsse man erst noch lernen:

Gigerenzer:
Für eine Bauchentscheidung muss man selbst die Verantwortung übernehmen, man kann keinen McKinsey oder Boston Consulting einstellen dafür, und es wirkt für viele Menschen als befreiend, dass die Wissenschaft sich damit befasst. Dann kann man bestimmte Heuristiken analysieren, man kann zum Beispiel mit Topentscheidern so eine Art Psycho-Analyse machten (lacht), in dem Sinne, die Heuristiken, die oft unbewusst sind, aus dem Unbewussten rauszuziehen.

Was mich sehr zum Nachdenken gebracht hat, ist die folgende Aussage von Detlev Rost:

Sprecherin: Dass Bildungseinflüsse zum Beispiel den IQ verändern können, belegt für Detlef Rost schon der Schulunterricht. Vergleicht man Kinder, die ungefähr gleich alt sind, aber jeweils ein Jahr länger oder kürzer zur Schule gehen, zeigt sich immer das gleiche Ergebnis.

Rost: Je länger man zur Schule geht, umso intelligenter wird man. Und das macht pro Monat ungefähr so viel aus. Wenn man das in einen Intelligenzquotienten umrechnen würde, wären das ungefähr 0,4 IQ-Punkte. Das heißt ein Jahr Schule bringt einem Intelligenzzuwachs, der ungefähr 5 IQ-Punkten entspricht.

Sprecherin: Für die G8-Intitiative, die in Deutschland die Gymnasialzeit um ein Jahr verringert hat, bedeute das:

Rost: G8 macht unsere Jugend um 5 IQ-Punkte dümmer.

Zwei Gedanken fallen mir dazu ein:

·   Wenn die Lebenserwartung steigt, dann sollte man eigentlich nicht nur die Lebensarbeitszeit verlängern, sondern auch die Lern- und Studienzeit zumindest nicht verkürzen.

·      Aber, für mich fast noch wichtiger: Wieso bricht die Entwicklung der Intelligenz zumindest beim Durchschnitt der Bevölkerung mit dem Ende der Schulzeit abrupt ab? Das scheint mir auch ein Phänomen, das man bei verlängerter Lebenserwartung so nicht hinnehmen sollte!

Am Ende des Beitrags wird nochmals Detlev Rost zitiert:

Ich finde, was ganz wichtig ist, dass man den Menschen also nicht nur als Intelligenzwesen verortet. Also das ist heutzutage ja gerade im Zuge der Hochbegabungsdiskussion so, in China habe ich das jetzt erlebt, dass die alle ganz „geil“ sind, dass die Kinder von morgens bis abends geschult und trainiert werden. Und ich finde, man sollte sich auch überlegen, dass ein Kind, das ein Jugendlicher aus mehr besteht als aus der intellektuellen Leistungsfähigkeit und ich sage den Eltern immer in meiner Beratungsstelle: Wollen sie ein glückliches und zufriedenes Kind haben oder wollen sie eine Intelligenzbestie, die todunglücklich ist? Deswegen sollte man das ganze Intelligenzthema nicht so in den Vordergrund stellen.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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