„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Philosophiebuch

Ich beschäftige mich gerade mit dem „Philosophie-Buch“. Es ist eine Art Lesebuch über das Leben berühmter Philosophen. Jeder Person sind eine oder mehrere Seiten mit ihren wichtigsten Beiträgen zur Philosophie gewidmet. Im ersten Drittel bin ich im Abschnitt über Michel de Montaigne hängengeblieben. Die ihm gewidmete Doppelseite ist mit dem Satz „Ruhm und Ruhe können nicht unter einem Dach wohnen“ überschrieben. Was er damit meint, wird in Kurzform mit einer Grafik erläutert:

Auf der folgenden Seite werden seine Überlegungen ausgebreitet:

Im Essay „Über die Einsamkeit“ greift Montaigne ein seit der Antike beliebtes Thema auf: die intellektuellen und moralischen Gefahren des gesellschaftlichen Lebens, denen er den Wert der Einsamkeit gegenüberstellt. Damit meint er nicht in erster Linie physisches Alleinsein, sondern die Kraft, der Versuchung zu widerstehen, sich in seinem Denken und Handeln von der großen Masse bestimmen zu lassen.

Eng verbunden mit unserem Wunsch nach Beifall ist Montaigne zufolge das Streben nach Ruhm. Im Gegensatz zu Denkern wie Machiavelli, die Ruhm als würdiges Ziel betrachten, hält Montaigne den Wunsch nach Ruhm für das größte Hindernis auf dem Weg zur Seelenruhe.

Montaigne beschäftigt nicht die Frage, ob wir Ruhm erlangen sollen oder nicht. Wir sollten nur unseren Wunsch abschütteln, in den Augen anderer Menschen Ruhm zu erlangen – uns also nicht stets fragen, ob andere uns wertvoll finden und bewundern.

Vielleicht ist mir dieses Kapitel über Montaigne deshalb in Erinnerung geblieben, weil ich mir ähnliche Gedanken auch schon häufig gemacht habe. Einerseits strebt man natürlich nach Anerkennung, andererseits kann man sich auch daran aufreiben, es immer allen Recht machen zu wollen. Für sich ein gesundes Mittelmaß zu finden, ist schwer.

Michel de Montaigne hat ein interessantes Leben geführt. Ihm sind mindestens zwei Wikipediaartikel gewidmet, die sich teilweise widersprechen. Auf der Seite über sein Leben wird über sein persönliches, politisches, philosophisches und literarisches Wirken berichtet. Die zweite Seite ist seinem Bibliotheksturm gewidmet. Er hatte zu seiner Zeit – im 16. Jahrhundert – wahrscheinlich eine der größten privaten Biblitoheken. Sie ist heute noch als Museum erhalten.

In dem Wikipediaartikel über den Bibliotheksturm liest man, dass sich Montaigne mit 38 Jahren aus der Öffentlichkeit zuruckgezogen hat, um sich ganz auf das Lesen und Schreiben zu konzentrieren. Die Chronologie auf der ersten Wikipediaseite widerspricht dem aber. Auch nach seinem vermeintlichen Rückzug war er noch sehr aktiv. Vielleicht erklärt ja auch dieser Widerspruch den Eingangssatz „Ruhm und Ruhe können nicht unter einem Dach wohnen“ – er hat sich nach Ruhe gesehnt, aber man hat sie ihm nicht gelassen. Interessant fand ich auch, dass Montaigne heute als der Vater des Essays gilt, einer literarischen Form, die er als erster anwandte und zur Meisterschaft führte.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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