„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Philosophiebuch: Ludwig Wittgenstein

Natürlich enthält das Philosophie-Buch auch zwei Doppelseiten über Ludwig Wittgenstein. Wittgenstein hat nur zwei Hauptwerke veröffentlicht, das erste zu Lebzeiten (den Tractatus), das zweite (Philosophische Untersuchungen) erschien bereits posthum. Beide Bücher sind die Quelle zweier unterschiedlicher philosophischer Schulen geworden. Der Artikel im Philosophie-Buch beschäftigt sich mit dem ersten der beiden Bücher, dem Tractatus logico-philosophicus. Eine Kopie des Originaltextes findet man z.B. hier. Das Philosophie-Buch schreibt einleitend:

Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus ist einer der abweisendsten Texte, den die Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts aufzuweisen hat. Nur etwa 110 Seiten stark, besteht das Buch aus einer Folge dichter, karger, nach ihrer Bedeutung durch-nummerierter Sätze.

Wie sperrig das Buch ist, zeigen bereits die ersten Sätze:

1. Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind.

1.12 Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist.

1.13 Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.

1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen.

1.21 Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich blieben.

2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalte.

Mit sich allein gelassen, versteht man den Text und seine Intention wirklich nicht. Den Schlüssel bildet vielleicht der Satz 5.6 aus dem Tractatus „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“. Dazu heißt es im Buch:

Dass Wittgenstein von den »Grenzen meiner Sprache« und »meiner Welt« spricht, lässt erkennen, dass er in der Tradition steht, die auf Kant zurückgeht. Der hatte sich vorgenommen, die Grenzen der Erkenntnis zu untersuchen, und fragte: »Was kann ich wissen?« sowie »Welche Gegenstände liegen außerhalb unseres Erkenntnisvermögens?« Seiner Ansicht nach sind viele philosophische Probleme dadurch entstanden, dass Grenzen des Erkennbaren missachtet wurden. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen und uns nach den notwendigen Grenzen des Wissens fragen, dann, so glaubte er, können wir fast alle philosophischen Probleme der Vergangenheit lösen, vielleicht sogar auflösen und aus dem philosophischen Diskurs ausgliedern.

Mit dem Tractatus stellt sich Wittgenstein die gleiche Aufgabe, aber in wesentlich radikalerer Weise. Er will zeigen, welche Arten von Aussagen sinnvoll sind und welche nicht. Kant setzt der Vernunft Grenzen, Wittgenstein der Sprache und darüber schließlich auch dem Denken. Sein Ausgangsverdacht ist, dass viele philosophische Meinungsverschiedenheiten auf grundsätzlichen Irrtümern beruhen, die in der Art und Weise stecken, in der wir über die Welt denken und sprechen.

Im Weiteren werden im Artikel die Grundannahmen von Wittgenstein diskutiert. Die Welt bestehe aus Tatsachen, nicht aus Dingen, die Sprache aus Sätzen. Sätze können entweder wahr oder falsch sein. Die Sprache bildet die Wirklichkeit ab. Man erkennt an dieser Stelle, dass er aus der Sprache eine Menge ausklammert, was die Alltagssprache ausmacht.

Dazu nochmals ein paar Zitate:

Nehmen wir folgendes Beispiel: »Sie sollten die Hälfte Ihres Gehalts für wohltätige Zwecke ausgeben.« Dieser Satz bildet im Sinne Wittgensteins nichts ab. Was sich »sagen« lässt, ist die »Gesamtheit wahrer Sätze«, also lediglich die Summe der Dinge, die der Fall sind – oder allenfalls die Naturwissenschaften.

Auseinandersetzungen über religiöse und ethische Werte sind für den frühen Wittgenstein sinnlos. Die Dinge, über die wir sprechen, wenn wir über solche Gegenstände diskutieren, liegen jenseits der Grenzen der Welt, daher liegen sie auch jenseits der Grenzen der Sprache.

Wittgenstein denkt nicht, die »Probleme des Lebens« seien unsinnig. Im Gegenteil, er ist davon überzeugt, dass sie die wichtigsten Probleme überhaupt sind. Nur ließen sie sich eben nicht in Worte fassen, und eben darum seien sie philosophisch nicht von Bedeutung. Aber obwohl wir nicht über sie sprechen können, machen sie sich dennoch bemerkbar, sie zeigen sich: »Es ist das Mystische.«

Wittgenstein dachte nach dem Schreiben des Tractatus, er hätte alle philosophischen Probleme gelöst. Später hat er dann aber genau den entgegengesetzten Standpunkt eingenommen. Damit endet auch der Artikel:

Vor allem zweifelte er an dem Gedanken, von dem er früher einmal felsenfest überzeugt gewesen war: dass nämlich Sprache ausschließlich aus Sätzen bestehe – eine Auffassung, die vieles von dem, was wir alltagssprachlich tun, nicht zur Kenntnis nimmt: vom Scherzen bis zum Schmeicheln und Schimpfen und zahlreichen anderen »Sprachspielen«, in die wir im praktischen Leben verwickelt sind.

Das Wort, das die späteren Auffassungen Wittgensteins am besten kennzeichnet, ist Sprachspiel. Man könne die Bedeutung von Texten, Wörtern, Sätzen, etc. nur verstehen, wenn man sie in ihrer Verwendungssituation analysiert. Der „frühe“ und der „späte“ Wittgenstein sind nicht nur in ihren Ansichten über die Sprache entgegengesetzter Meinung, auch der Schreibstil ist vollkommen unterschiedlich. Man vergleiche das obige Zitat aus dem Tractatus mit einer Textstelle aus den
Philosophischen Untersuchungen, zitiert aus der Wikipedia, aus dem Artikel über das Sprachspiel
:

„Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir »Spiele« nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: »Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ›Spiele‹ « – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – Schau z.B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn wir nun zu den Ballspielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ›unterhaltend‹. Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denk an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.“

Zur Entgegnung des frühen Wittgenstein könnte man noch ergänzen, dass nicht nur seine Ansichten zur Sprache meiner Meinung nach fehlerhaft waren, auch die über die Welt sind falsch. Spätestens seit der Entdeckung(?) / Erfindung(?) der Quantentheorie müssen wir mit der Vermutung leben, dass die Wirklichkeit nicht nur eine Welt der Tatsachen, sondern auch eine Welt der Möglichkeiten ist oder sein könnte.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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