„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens

Ich interessiere mich sehr für Argumentations- und Denkfehler. Die Klassifikation solcher Fehler ist natürlich nicht leicht, denn viele Fehler lassen sich durchaus verschiedenen Kategorien zuordnen oder verschiedene und sich zum Teil überlappende Kategorien festlegen. Das Buch von Dobelli steht derzeit in einigen Bestsellerlisten auf vorderen Plätzen, es ist recht unterhaltsam. Eine „richtige“ Rezension ist schwierig, weil das Buch von den vielen Beispielen lebt.

Wenn man etwas über den Autor erfahren möchte, findet man hier ein Interview mit ihm. In seinem Buch wird häufig auf Nassim Taleb verwiesen, der lange Zeit mit Dobelli befreundet war. Jetzt haben sich die beiden zerstritten. Taleb behauptet, dass Dobelli von ihm abgeschrieben hat. Hier gibt es über diese Plagiatsvorwürfe einen Bericht.

Da Dobelli dazu auffordert, selbst zu denken, im Folgenden zwei Beispiele, bei denen ich der Meinung bin, dass Dobelli selbst Denkfehlern aufgesessen ist.

Das Kapitel „The hyperbolic discount“ beginnt mit einem interessanten Gedanken:

Sie kennen den Satz: »Genieße jeden Tag, als wäre es dein letzter.« Er findet sich mindestens dreimal in jeder Life-style-Zeitschrift, und er gehört zum Standardrepertoire jedes Lebenshilferatgebers. Schlauer macht ihn das nicht. Stellen Sie sich vor, Sie würden ab heute nicht mehr die Zähne putzen, sich die Haare nicht mehr waschen, die Wohnung nicht mehr reinigen, die Arbeit liegen lassen, keine Rechnungen mehr bezahlen – Sie wären in Kürze arm, krank und vielleicht sogar im Gefängnis.

Stimmt. An seinem letzten Lebenstag müsste man sich nicht mehr die Zähne putzen. Das ist eine Investition in die Zukunft, die dann reichlich sinnlos ist. Aber dieser Absatz dient nur zur Einleitung für ein weiteres Beispiel:

Möchten Sie lieber 1.000 Euro in einem Jahr erhalten oder 1.100 Euro in einem Jahr und einem Monat? Wenn Sie so ticken wie die meisten Menschen, dann entscheiden Sie sich für die 1.100 Euro in 13 Monaten. Das macht Sinn, denn eine Verzinsung von 10% pro Monat (oder 120% pro Jahr) finden Sie sonst nirgends. Dieser Zins entschädigt Sie bei Weitem für die Risiken, die Sie eingehen, wenn Sie einen Monat warten.

Zweite Frage: Möchten Sie lieber 1.000 Euro heute erhalten oder 1.100 Euro in einem Monat? Wenn Sie so ticken wie die meisten Menschen, dann entscheiden Sie sich für die 1.000 Euro heute. Das ist erstaunlich. In beiden Fällen müssen Sie genau einen Monat ausharren und erhalten dafür 100 Euro mehr. Im ersten Fall sagen Sie sich: Wenn ich schon ein Jahr gewartet habe, dann kann ich nun auch noch einen Monat länger warten. Im zweiten Fall nicht. Wir treffen also Entscheidungen, die – je nach Zeithorizont – inkonsistent sind. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Hyperbolic Discounting (ein deutscher Ausdruck fehlt). Bedeutet: Unser »emotionaler Zinssatz« steigt an, je näher eine Entscheidung in der Gegenwart liegt.

Der Effekt ist sicher richtig beobachtet, aber das Beispiel passt nicht dazu. 1000 Euro, geteilt durch 12 Monate ist kleiner als 1100 Euro, geteilt durch 13 Monate. Aber 1000 Euro, geteilt durch einen (oder null) Tage ist größer als 1100 Euro, geteilt durch 30 Tage. Es spielt hier nicht der gleiche absolute Tagesabstand von 30 Tagen und der gleiche finanzielle Abstand von 100 Euro eine Rolle, sondern der finanzielle Gewinn für jeden Tag des gesamten Intervalls.

Auch in einer zweiten Kategorie, dem Overconfidence-Effekt, ist die Beobachtung sicher richtig, aber eines der gewählten Beispiele ist falsch. Zunächst zum Effekt:

Der Overconfidence-Effekt misst den Unterschied zwischen dem, was Menschen wirklich wissen, und dem, was sie denken zu wissen. Wirklich überraschend ist das: Experten leiden noch stärker am Selbstüberschätzungseffekt als Nichtexperten. Ein Ökonomieprofessor liegt bei einer Fünfjahresschätzung des Ölpreises genauso falsch wie ein Nichtökonom. Nur tut er es mit einer ungeheuren Selbstüberschätzung.

Nun zu dem Beispiel, was den Effekt meiner Meinung nach nicht belegt:

In Befragungen geben 84 % der französischen Männer an, überdurchschnittlich gute Liebhaber zu sein. Ohne Overconfidence-Effekt müssten es genau 50 % sein – logisch, denn »Durchschnitt« bedeutet ja gerade, dass 50 % darüber und 50 % darunter liegen.

Wie misst man die Liebhaberqualität? Man kann doch nur die Probanden befragen, eine andere Messmethode gibt es nicht. Man kann also nicht behaupten, dass die 84% nicht stimmen können, weil sie mehr als 50% sind. Man kann die Befragung der Männer höchstens mit der der Frauen vergleichen. Interessanterweise könnte bei dieser Befragung herauskommen, dass ebenfalls mehr als 50% (oder vielleicht auch weniger als 50%) der Frauen ihren derzeitigen Partner für überdurchschnittlich halten. Der Grund ist einfach, dass die Paare ja nicht willkürlich zusammengestellt wurden, sondern sich vorher selbst zusammengefunden haben. Wenn nun jeder der Betreffenden besser mit dem jeweils anderen harmoniert, dann sind tatsächlich mehr als 50% „überdurchschnittlich“, weil sie besser miteinander harmonieren als in anderen, beliebigen Zusammenstellungen.

Oder etwas anders betrachtet: Eine durchschnittliche Liebhaberqualität kann man immer nur aus der Sicht einer Person bestimmen. Diese kann alle ihre Partner bewerten, die sie jemals hatte. Da man in einer glücklichen Partnerschaft länger verweilt als in einer unglücklichen, ist die wahrscheinliche Zeitdauer des Zusammenseins mit einem überdurchschnittlichen Partner größer als die mit einem unterdurchschnittlichen.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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