„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Druwe Draaisma: Geist auf Abwegen

Meistens fällt es einem gar nicht auf, aber (geschichtliche) Ereignisse, Entdeckungen und Erfindungen werden häufig mit den Namen der Menschen verbunden, die sie verursacht oder gemacht haben. Bewusst wird einem das zum Beispiel, wenn sich die Bewertung historischer Ereignisse ändert und eine Adolf-Hitler- oder eine Willhelm-Pieck-Straße von den politischen Nachfolgern umbenannt werden. Ich kannte das Wort Eponym noch nicht, aber Druwe Draaisma hat sein Buch genau diesem Thema gewidmet: Wie in der Medizin die Namen von Wissenschaftlern oder Ärzten als Bezeichnungen für Krankheiten oder Syndrome verwendet werden. Es gibt davon Tausende, er hat sich auf eine kleine Auswahl aus der Hirnforschung beschränkt.

Eponyme sind Teil der Prozesse, die in der Wissenschaft Ruhm und Anerkennung regulieren. Mit einem Eponym, schrieb der Wissenschaftssoziologe Robert Merton, hinterlassen Wissenschaftler in der Geschichte »eine unauslöschliche Unterschrift; ihre Namen werden in alle wissenschaftlichen Sprachen der Welt aufgenommen. Hoch am Firmament leuchten Eponyme wie die Newtonsche Physik, die Euklidische Geometrie oder das Kopernikanische System. Die nächste Staffel bildet eine lange Reihe von „Vätern“ der Wissenschaften, Disziplinen oder Spezialgebiete: Bernoulli, „Vater der mathematischen Physik“, Wundt, „Vater der experimentellen Psychologie“ Hughlings Jackson, „Vater der britischen Neurologie.“

Ein paar Eponyme aus der Medizin haben es bis in die Alltagssprache geschafft. Man sagt „Er hat Alzheimer“, „Sie hat Parkinson“ oder „Das Kind ist ein Aspi (hat das Asperger-Syndrom)“. Es sind in diesen drei Fällen die (Familien)Namen der Personen, die an der Erforschung beteiligt waren. Nach Draaisma wurde die Mehrzahl aller Eponyme in einer vergleichsweise kleinen Periode der Vergangenheit geprägt, heute werden neue Namen eher aus den Abkürzungen der Fremdwortagglomerationen gebildet, wie bei Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome), ALS (Amyotrophe Lateralsklerose, Stephen Hawkings Leiden) oder MS (Multiple Sklerose). Die Zeit der großen Eponyme scheint vorbei.

Obwohl, keine Regel ohne Ausnahme, das Higgs-Boson ist ein Eponym der neuesten Wissenschaft. Wobei gerade das Higgs-Boson ein Gesetz illustriert, das Draaisma auch in seinem Buch anspricht, Stiglers Gesetz:

Stiglers Gesetz oder auch Gesetz der Eponyme genannt, ist ein empirisches Gesetz, das von dem US-amerikanischen Statistik-Professor Stephen Stigler vorgeschlagen wurde. Es besagt, dass keine wissenschaftliche Entdeckung nach ihrem Entdecker benannt wird.

Im Falle des Higgs-Boson ist es so, dass mehrere Wissenschaftler zur selben Zeit denselben oder einen ähnlichen Mechanismus vorgeschlagen haben. Die Benennung „Stiglers Gesetz“ nach Stigler ist dabei selbst eine Bestätigung dieses Gesetzes, denn dieselbe Idee hatten andere auch schon früher. Logisch betrachtet, ist Stiglers Gesetz unwiderlegbar, denn wenn man heute glaubt, dass eine Entdeckung oder Erfindung von jemand Bestimmtem gemacht wurde, kann sich diese Annahme ja in der Zukunft noch als falsch herausstellen, eine Sicherheit gibt es nicht.

In Draaismas Buch werden neben mir bekannten Personen bzw. den nach ihnen benannten Krankheiten oder Gesetzmäßigkeiten wie Parkinson, Korsakow, 
Tourette, Asperger, Broca oder Brodmann auch einige vorgestellt, die ich noch nicht kannte. Einer davon ist Charles Bonnet und das m
it seinem Namen verbundene Bonnet-Syndrom. Bei dieser Erkrankung kommt es vor allem bei älteren Personen mit sich allmählich verschlechterndem Sehsinn, bei vollem Bewusstsein, geöffneten Augen und klarem Verstand zu visuellen Halluzinationen. Draaisma berichtet über verschiedene Beobachtungen und Erklärungsansätze:

Horowitz war der Auffassung, visuelle Halluzinationen hätten ihren Ursprung in einem >Verhandlungsprozess< zwischen Auge und Gehirn, wobei »das Auge dem Gehirn berichtet, was es sieht, und das Gehirn dem Auge sagt, wonach es suchen soll, was es sehen müsste und was es in dem, was es gesehen hatte, nicht sehen sollte«. Bonnet-Bilder kamen in diesem Artikel nicht zur Sprache, aber der Zusammenhang wurde später wiederholt hergestellt: das Bonnet-Syndrom beruhe auf dem allzu freien Umgang des Gehirns mit den ernsthaft verzerrten und verformten Informationen, die die Augen weitergäben.

Aber der überwiegende Teil der Bonnet-Bilder scheint selbst allzu reich an Mustern, um sie als zufällige Transformationen aufzufassen. Junge Männer, die mit Silber abgesetzte Hüte tragen, junge Damen mit Zigarrenkistchen auf dem Kopf, Mädchen mit bunten Bändern und Perlenketten, ganze Landschaften mit stiebenden Springbrunnen – was auch immer in hochbetagten Augäpfeln an Teilchen schweben mag, Bilder wie diese scheinen zu komplex, um sie als zerebrale Bearbeitung elementarer optischer Reize zu betrachten. Und haben sie nicht auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Bildern, die sich im Moment des Einschlafens zeigen? Könnten sie nicht auch vollständig aus dem Gehirn selbst stammen?

Das menschliche Gehirn verträgt keine absolute Ruhe. In „Een kuil om snikkend in te vallen“ (Eine Grube, in die man schluchzend fällt) vergleicht Rudy Kousbroek das Gehirn mit einem großen Handelsunternehmen oder einem Ministerium, das einen außergewöhnlich geschäftigen und monomanen Angestellten am Hals hat:

Er muss unablässig beschäftigt und zu jeder Stunde des Tages reichlich mit Arbeit versehen werden, denn sobald er einen unbeschäftigten Augenblick hat, geht er ins Archiv und zieht allerlei längst abgewickelte Vorgänge aus dem Regal, die er unbemerkt erneut in die Verwaltung eingibt. Schon vor Jahren quittierte Rechnungen erscheinen dann wieder bei der Buchhaltung, seit langem verschickte Briefe werden erneut zur Unterzeichnung vorgelegt. Zur weiteren Komplikation trägt bei, dass der bewusste Angestellte ursprünglich Archivar ist und so ziemlich der Einzige im ganzen Unternehmen, der sich in den riesigen Archiven auskennt. In den Kellern, in denen diese aufbewahrt sind, irrt er nachts wie ein Schlafwandler herum und blättert murmelnd in Akten, deren Existenz jeder Einzelne in der Organisation längst vergessen hat.

Ersetzt man die Briefe und Rechnungen durch Bilder, das Archiv durch das visuelle Gedächtnis, die Buchhaltung durch die Wahrnehmung, die stillen nächtlichen Stunden durch ein optisches System, das kaum noch Reize durchlässt, so hat man eine anschauliche Vorstellung vom Bonnet-Syndrom, Version sensorische Depriva-tion.

Für das Bonnet-Syndrom gibt es auch heute noch keine wirklich befriedigende Erklärung, es ist relativ harmlos und verschwindet bei den meisten Betroffenen nach einiger Zeit von selbst.

Im Gegensatz dazu gibt es für das (für Außenstehende) faszinierende Capgras-Syndrom inzwischen zumindest plausible Erklärungsansätze. In der Wikipedia wird das Syndrom wie folgt charakterisiert:

Das Capgras-Syndrom ist ein Syndrom, bei dem der Betroffene glaubt, nahestehende Personen seien durch identisch aussehende Doppelgänger ersetzt worden.

Draaisma schreibt unter anderem darüber:

Bei den meisten Capgras-Wahnideen glaubt der Patient, dass der Doppelgänger ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, doch es gibt auch Varianten, bei denen der Patient meint, seine Verwandten seien durch Roboter oder – aktueller -durch Aliens ersetzt worden. Manchmal ist der Patient selbst Teil des Doppergängerwahns: Er glaubt, auch von ihm gebe es einen Doppelgänger oder er selbst sei sogar ein solcher Betrüger. Capgras‘ Madame M. war davon überzeugt, ihre eigene Doppelgängerin wohne nun in ihrem Appartement.

Capgras-Patienten reagieren ganz unterschiedlich auf die Doppelgänger. Eine ältere Frau weinte immer leise über den Verlust ihres Mannes. Eine andere Frau akzeptierte gelassen, dass sie es mit einem Doppelgänger zu tun hatte. Sie schenkte künftig drei Tassen Tee ein: eine für sich selbst, eine für den Doppelgänger und eine für ihren Ehemann, für den Fall, dass dieser zurückkäme. Machte das Paar einen Spaziergang, huschte sie noch einmal ins Haus zurück, um ihrem Mann eine Nachricht zu hinterlassen.

Eine andere Patientin war sich sicher, dass ihre Tochter durch eine Doppelgängerin ersetzt worden war; weil sie sich aber mit dieser Doppelgängerin gut verstand, unterließ sie es, sie mit dem Betrug zu konfrontieren. In den meisten Fällen jedoch herrschten Trauer und Sorge über das Schicksal der verschwundenen Angehörigen. Sind sie verjagt worden, vergiftet, ermordet? Hält man sie irgendwo gefangen? Kommen sie jemals wieder zurück?

Es gibt Patienten, die bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben. Eine andere Frau zog Trauerkleidung an und bezeichnete sich in der Anamnese als Witwe. Viele Patienten meinen, der Doppelgänger müsse selbstverständlich mehr über das Verschwinden wissen, oder bezichtigen ihn regelrecht des Mordes. In ihrem paranoiden Gedankengang erwarten sie sogar manchmal, selbst das nächste Opfer zu werden. Müssen sie nicht den Übeltäter aus dem Weg schaffen, ehe es zu spät ist?

Der Doppelgängerstatus ist nicht ungefährlich. Ein Capgras-Patient in Missouri dachte, sein Stiefvater sei durch einen Allen ersetzt worden. Er enthauptete ihn, um die Batterien und Mikrofilme zu suchen. Es gibt zahlreiche Dokumentationen über Capgras-Patienten, die den Doppelgängern infolge ihrer Wahnideen an die Gurgel gegangen sind. Meist hat der Wahn dann schon eine lange Geschichte, die Morde sind gut durchdacht und nach einem Plan ausgeführt, der beweist, dass die geistigen Fähigkeiten der Patienten noch intakt sind.

Der Haupterklärungsversuch heutzutage wird durch Experimente gestützt und ist zum Beispiel auch durch analoge Beobachtungen auf anderen Gebieten plausibel. Demzufolge gibt es verschiedene visuelle Systeme, die parallel zueinander arbeiten. Eines dieser Systeme identifiziert Personen bewusst anhand ihrer visuellen Eigenschaften, ein anderes arbeitet unbewusst und ist für die Unterlegung von Beobachtungen mit Emotionen zuständig. Arbeitet dieses zweite System fehlerhaft, dann erkennt man die Person noch richtig, empfindet aber dabei nicht die ursprünglichen Gefühle – die Personen erscheinen als Doppelgänger, zu denen man keine emotionalen Beziehungen hat. Betroffen sind demzufolge vor allem einem nahestehende Personen, denn zu anderen Menschen, die man kennt, sind emotionale Beziehungen weniger eng und weniger wichtig.

Draaismas Buch ist ziemlich unterhaltsam und man lernt eine Menge über die Menschen, die zu dem heute gängigen Weltbild (in der Medizin) beigetragen haben. Was man auch lernt anhand der Beispiele und der Irrtümer, die in den einzelnen Fällen begangen wurden, fasst er am Ende des Schlusskapitels so zusammen:

Im sechzehnten Jahrhundert lebte der ebenso geniale wie rätselhafte italienische Physiker, Astrologe und Mathematiker Girolamo Cardano. Als Erfinder ist sein Name im Eponym der Kardanringe erhalten: Ein Ring, der frei um seine Achse dreht, hängt selbst in einem zweiten, der frei auf einer Ebene drehen kann, die dazu senkrecht steht. Ein im inneren Ring befestigtes Instrument kann sich dadurch frei in alle Richtungen bewegen.

Jeder Wissenschaftler ist in seiner Zeit fixiert, wie ein Kreiselkompass in kardanischer Aufhängung. Er bedient sich der Methoden, von denen man annimmt, dass sie sich am besten dazu eignen, wählt die Instrumente, die zu diesem Zeitpunkt vorhanden sind, beruft sich auf Argumente, die als gültig akzeptiert werden, und ist abhängig von den unzähligen Konventionen, die er mit seinen Zeitgenossen teilt und die deswegen kaum wahrgenommen werden. Auch wenn er sich gegen die herrschenden Auffassungen stellt und versucht, von den Bewegungen um ihn herum unabhängig zu bleiben, wird er unbemerkt durch die Erkenntnisse seiner Zeit mitgeführt.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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