„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Jonas Pfister: Werkzeuge des Philosophierens

Es ist selten, dass ich ein Buch zweimal lese, aber Jonas Pfisters Buch ist es wert. Ich werde es sicher auch in Zukunft öfters in die Hand nehmen. Pfister charakterisiert sein Buch als eine Einführung in die Technik des Philosophierens, also in verschiedene Methoden des Argumentierens, Analysierens, des Lesens und Schreibens von (philosophischen) Texten. Zielgruppe des Buchs sind Anfänger (vielleicht Studenten unterer Semester) und philosophische Laien (solche Menschen wie ich ;-) ).

Ich will im Folgenden keine Inhaltsangabe versuchen, bei einem Fast-Lehrbuch ist das sicherlich nicht besonders sinnvoll. Aber mir ist an einigen Stellen im Buch klarer geworden, an welchen Stellen Naturwissenschaftler und Philosophen aneinander vorbeireden können. Ich mag beide Seiten, sowohl die Naturwissenschaften als auch die Philosophie, und deshalb finde ich es schade, wenn gerade Naturwissenschaftler manchmal der Meinung sind, Philosophie würde nichts zur Lösung heutiger Probleme beitragen. Missverständnisse sind auf beiden Seiten zu finden. Ein typisches Beispiel aus dem Buch:

Eine Aussage ist ein Satz, der entweder wahr oder falsch ist.

Dabei ist der folgende Punkt zu beachten: Damit ein Satz eine Aussage ist, muss es nicht der Fall sein, dass wir tatsächlich wissen, dass er wahr ist. So weiß ich nicht, ob Sokrates Kinder hat, aber der entsprechende Satz, dass Sokrates Kinder hat, ist wahr oder falsch und somit eine Aussage. Auch Sätze, von denen wir nicht einmal wissen können, ob sie wahr sind, können Aussagen sein. Wir können beispielsweise heute nicht wissen, ob der Satz »Am übernächsten Montag scheint die Sonne« wahr ist, und dennoch wird die Sonne entweder scheinen oder nicht scheinen, und also ist der Satz entweder wahr oder falsch, auch wenn wir heute nicht beurteilen können, ob er wahr ist.

Nun könnte aber jemand behaupten, dass es tatsächlich überhaupt gar keine Wahrheit gibt. Doch was ist damit gemeint? Wenn damit gemeint ist, dass wir letztlich nicht wissen, welche Aussagen wahr sind, so betrifft die Behauptung das Wissen und nicht die Wahrheit. Und nur deshalb, weil wir etwas nicht wissen, muss es nicht wahr sein. Außerdem setzt man mit der Behauptung, dass wir nicht wissen, ob etwas wahr ist, gerade voraus, dass ein Satz wahr sein kann, denn sonst könnte man diese Behauptung gar nicht aufstellen.

Mit der Aussage, dass es keine Wahrheit gebe, könnte aber auch gemeint sein, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern nur eine subjektive Wahrheit. Man drückt dies manchmal damit aus, dass man sagt: »Das ist wahr für mich.« Doch was meint man damit? Meint man damit lediglich, dass man es für wahr hält, davon überzeugt ist oder daran glaubt, so ist damit nicht gezeigt, dass Wahrheit subjektiv ist. Denn das, was ich für wahr halte, kann auch falsch sein. Also setzt dies wiederum einen Begriff von objektiver Wahrheit voraus. Meint man damit jedoch eine Eigenschaft von Sätzen innerhalb einer Sprache, so gerät man in Schwierigkeiten. Dies kann man an einem Beispiel aufzeigen.

Behaupte ich gleichzeitig, dass es wahr (für mich) ist, dass die Erde sich um die Sonne dreht, und eine andere Person, dass es wahr (für sie) ist, dass die Erde sich nicht um die Sonne dreht, so ist es wahr, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und zugleich wahr, dass sie sich nicht um die Sonne dreht. Das bedeutet: Die Erde dreht sich um die Sonne und sie dreht sich nicht um die Sonne. Das ist aber ein Widerspruch!

Mir gefällt an dieser Textpassage die Klarheit des Ausdrucks. Aber ich finde das im letzten Teil verwendete Beispiel problematisch. Wegen dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten können in der Logik die beiden Sätze „Die Erde dreht sich um die Sonne“ und „Die Erde dreht sich nicht um die Sonne“ nicht gleichzeitig wahr sein. Das meinte Pfister mit seinem Satz: „Meint man damit jedoch eine Eigenschaft von Sätzen innerhalb einer Sprache, so gerät man in Schwierigkeiten.“

Für einen Naturwissenschaftler ist es hingegen keine Frage der Sprache, ob sich die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde dreht. Das hängt für ihn davon ab, mit welcher Modellvorstellung er seine Beobachtungen beschreibt. Wir können im Alltag und in den Naturwissenschaften bezüglich des Sonne-Erde-Problems verschiedene Modelle gleichzeitig bzw. je nach Zielstellung abwechselnd verwenden:

·       Im Alltag geht für uns die Sonne im Osten auf, steht Mittags am höchsten und geht im Westen unter. Das ist nichts anderes als die Anwendung des ptolemäischen Weltbildes. Ja, genau, im Alltag lebt es noch!

·       Im Schulunterricht wird gelehrt, dass sich die Erde auf einer fast kreisförmigen Bahn um die Sonne bewegt, das entspricht einer einfachen Variante des heliozentrischen Weltbilds.

·       Durchdenkt man die Konsequenzen der Newtonschen Gravitationstheorie genauer, dann erkennt man, dass auch die Gravitation der Erde auf die Sonne wirkt und beide Himmelskörper räumlich ausgedehnt und keine idealen Punkte sind. Sonne und Erde rotieren deshalb um einen gemeinsamen Massenschwerpunkt, der sich wegen der großen Masse der Sonne und ihrer räumlichen Ausdehnung innerhalb von ihr befindet.

Wir können also mit mindestens drei verschiedenen Ansätzen empirische Beobachtungen in Theorien beschreiben. Und es sind noch mehr möglich, wenn wir weitere Planeten oder die Relativitätstheorie berücksichtigen. Es ist einfach schwierig, ein wasserdichtes materielles Beispiel eines logisch einfachen Sachverhalts in der Philosophie zu finden, das jeder Kritik standhält. Selbst der zunächst so einfach erscheinende Wahrheitsbegriff – eine (Tatsachen)aussage ist entweder wahr oder falsch – zerbröselt bei seiner Anwendung in der materiellen Realität.

Ein zweites Beispiel, wie man sich philosophisch verrennen kann, wenn man logische Gesetzmäßigkeiten auf die empirische Realität anzuwenden versucht, habe ich in der Ausgabe 2/2014 von „Hohe Luft“ gefunden:

Stellen Sie sich vor, ein Bekannter schuldet Ihnen seit Jahren eine größere Geldsumme. Als Sie die Schuld eintreiben wollen, bekommen Sie die Antwort: »Tut mir leid, aber ich bin nicht mehr diejenige Person, die sich das Geld geliehen hat.« Die Erklärung ist zwar originell, aber nicht sehr überzeugend. Ihr Bekannter hat sich vielleicht äußerlich verändert, seinen Beruf oder sogar die Religion gewechselt. Aber natürlich ist er immer noch die gleiche Person – und damit derjenige, der Ihnen das Geld schuldet.

Das Konzept der personalen Identität ist von zentraler Bedeutung für unser Leben, etwa für unsere Begriffe von Schuld, Strafe oder Verantwortung. Aber was macht personale Identität über die Zeit hinweg aus? Von welchen Kriterien hängt es ab, dass eine Person heute die gleiche Person ist wie jene, die sie vor zehn Jahren war? Zur Klärung dieser Fragen greifen Philosophen oft auf recht exotische Gedankenexperimente zurück. Da geht es um Hirntransplantationen, um Teleportationen wie in »Star Trek« – oder sogar um das Aufspalten von Gehirnen.

Im Prinzip lassen sich zwei Kriterien für personale Identität unterscheiden. Nach dem physischen Kriterium hängt die Identität einer Person einfach von der körperlichen Kontinuität ab. Beim psychologischen Kriterium kommt es auf kontinuierliche psychologische Verbindungen an, also etwa Erinnerungsketten, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, Überzeugungen oder Wünsche.

Unter Personen verstehen Philosophen im Allgemeinen vernünftige und selbstbewusste geistige Wesen, die notwendig physisch verkörpert sind. Schon der englische Philosoph John Locke (1632-1704) erkannte, dass personale Identität offenbar nicht nur von physischen Kriterien abhängt, sondern wesentlich von der Kontinuität unseres Bewusstseins. Eine Schlüsselrolle spielt nach Locke die Erinnerung. Wer sich heute daran erinnern kann, was er vor zehn Jahren getan hat, der ist offenbar dieselbe Person.

Soweit ist das sicherlich unstrittig. Auch in der juristischen und medizinischen Praxis wird fließend zwischen diesen beiden Vorstellungen vom Wesen einer Person gewechselt. Einerseits verlieren noch lebende Personen manchmal einen Teil der Entscheidungshoheit über sich selbst, andererseits kann man Festlegungen treffen, die noch über den eigenen Tod hinaus Gültigkeit behalten. Aber jetzt setzen einige Philosophen mit Überlegungen fort, die physikalisch – materialistisch nicht realistisch sind:

Nehmen Sie an, im Zuge einer Hirnoperation wird einer Person B das Gehirn einer Person A eingepflanzt und umgekehrt. Daraufhin stirbt Person A. Nun hat Person B also die Erinnerungen und die Persönlichkeit von A. nach dem psychologischen Kriterium ist er also offenbar dieselbe Person wie A. Wenn A stirbt, existiert er im Körper B weiter. Nun könnte man sich aber vorstellen, dass A zwei idente Hirnhälften besitzt, die beide in einen jeweils anderen Körper B und C transplantiert werden – und beide Nachfolgepersonen überleben. Sein Gehirn würde sich also teilen wie eine Amöbe. Aber was passiert dann mit der ursprünglichen Person A? Ist sie identisch mit einer der beiden neuen Personen B und C ? Oder womöglich gar mit beiden?

Es kann offenbar nicht der Fall sein, dass die ursprüngliche Person nur als eine der beiden »postoperativen« Personen überlebt. Schließlich sind die beiden Hirnhälften ja identisch. Dann müssen wir aber akzeptieren, dass Person A in B und C fortexistiert. Nun gleichen sich die beiden neuen Personen zwar in einem qualitativen Sinn, aber sie sind nicht »numerisch identisch«, denn es handelt sich ja um zwei Personen und nicht um eine. Zudem könnten sich die beiden »Zwillinge« bei all ihren ursprünglichen Ähnlichkeiten sehr schnell auseinanderentwickeln, sobald sie getrennt voneinander existieren. Eine Person kann aber nicht mit zwei verschiedenen Personen identisch sein, denn das verletzt die Logik der Identitätsrelation.

Der britische Philosoph Derek Parfit zieht daraus den Schluss, dass es bei der Fortexistenz auf die personale »Identität« gar nicht ankommt. Aber wie soll man eine Fortexistenz in verschiedenen Personen verstehen? Bilden dann beide Personen zusammen die ursprüngliche Person? Oder existierten beide Personen schon vor der Spaltung?

Die Gedankenexperimente aus dem zweiten Zitat leisten nichts zur Beantwortung der Frage aus dem ersten, denn diese Aufspaltung in zwei identische Personen ist in der Realität nicht möglich. Deshalb sind auch alle damit verbunden logischen Probleme und Paradoxa gegenstandslos und nicht hilfreich für praktische Situationen. Der Autor des Hohe-Luft-Artikels kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen:

Der gesunde Hausverstand legt eine andere Antwort nahe: Die ursprüngliche Person A hört mit der Spaltung einfach auf zu existieren, dafür entstehen zwei sehr ähnliche Personen B und C. Zwischen der ursprünglichen Person und ihren »Nachfolgern« gibt es psychologische Verbindungen. Insofern ist die Spaltung besser als der normale Tod: Schließlich wird der Abkömmling ähnliche Überzeugungen und Wünsche haben wie die Ausgangsperson – und vielleicht das eine oder andere zu Ende bringen, was diese begonnen hat. Zum Beispiel die Schulden zurückzahlen.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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