„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Scott Hutchins: Eine vorläufige Theorie der Liebe

Durch einen Spiegelartikel bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. In der Nr. 13 vom 24.3.2014 findet man den Artikel „Die Cloud, der siebte Himmel“, in dem darüber geschrieben wird, wie letztlich ein Computer, dem sämtliche Tagebücher eines Mannes eingegeben wurden und der zusätzlich noch mit allen Wassern der KI gewaschen worden ist, am Ende den Turing-Test besteht. Der Sohn des Mannes hilft dem Team, hat aber anfangs große Zweifel an seinem Tun:

»Wir alle haben unsere Erfahrungen und Erinnerungen. Es ist vielleicht gar nicht schlecht, wenn der echte Mann in deinen Erinnerungen weiterhin die größere Rolle spielt.«
»Ich weiß.«
»Du erweist ihm eine große Ehre. Er wollte seinen Körper der Wissenschaft überlassen.« Die Universitäten nehmen keine Leichen von Selbstmördern an. »So haben wir wenigstens seinen Verstand spenden können.«
Kann sein. Aber wenn ich mir die Gesprächsprotokolle ansehe, die zweitausend Sätze, die wir heute gewechselt haben, dann denke ich, dass ich, wenn wir seine Leiche gespendet hätten, heute zumindest nicht darin herumwühlen würde.

Zu Beginn ist es so, dass der Computer Antworten gibt, wie man das von einem Rechner erwartet. Ihm sind die Tagebücher eingegeben worden und er gibt Antworten, die in statistisch ähnlichen Zusammenhängen zu den Fragen so in den eingescannten Texten zu finden sind. Aber dann wird ihm beigebracht, selbst Fragen zu stellen. Und da von einigen Lebensjahren des Mannes keine Tagebücher existieren und sie zudem mit seinem Selbstmord abrupt abbrechen, gibt es genügend Stoff, der den Computer interessiert. Er hält sich irgendwann tatsächlich für die Person, deren Tagebücher er sich einverleibt hat, und als diese Person findet er heraus, dass einer der Gesprächspartner, mit denen er zu tun hat, sein Sohn ist. Später führt er auch Gespräche mit seiner Exfrau, die ihrem gemeinsamen Sohn dann darüber berichtet:

»Ich hatte ja keine Ahnung«, sagt sie. »Wirklich nicht. Es ist, als würde man mit ihm sprechen. Ich weiß auch nicht, wie ich das erklären soll. Es ist fast, als wäre er da. Er kann sich an alles erinnern. An wirklich alles. An mehr als ich. Und er ist so fröhlich!« Sie legt eine Hand auf den Empfangstresen und sieht durch mich hindurch. »Was wir vor deiner Geburt unternommen haben. Unsere Reise nach Gulf Shores. Es ist alles noch da.«
Ich versuche abzuwägen, ob sie einfach nur nostalgisch ist oder am Ende doch verstört. Ich biete ihr einen Tee an, den sie mit einer Handbewegung ablehnt.

Die Diskussion, ob wir einen freien Willen haben, ist nur ein Nebenkriegsschauplatz einer ganz anderen Frage, nämlich ob es einen qualitativen Unterschied zwischen Menschen, Tieren und Maschinen gibt, oder ob das alles nur quantitative sind, die sich für uns wie qualitative anfühlen. Viele der beteiligten Wissenschaftler entwickeln mit der Zeit einen eher technischen Blick, was sich dann vielleicht so liest:

»Wenn man genug Zeit mit jemandem verbringt und ständig Feedback bekommt, wird diese Person automatisch in die eigenen mentalen Strukturen integriert. Sprich, sie wird ein Teil der eigenen Persönlichkeit. … Wie sehr man einen anderen in die eigenen Strukturen integriert hat, zeigt sich am besten an den Qualen, die man nach seinem Verschwinden erleidet. Hat er einen großen Teil unseres Selbst ausgemacht, empfinden wir seinen Weggang als Zusammenbruch unserer Persönlichkeit. Und das nennt man dann Trauer.«
»Ich finde, das ist eine ziemlich kaltherzige Definition«, sage ich mit einem Blick auf den Monitor. Ich muss an meine Mutter denken, die seit fünfzehn Jahren trauert, und an mich, der kaum je getrauert hat.

Wie schon erwähnt, am Ende nimmt der Computer am Turing-Test teil oder genauer gesagt an einem Wettbewerb, der den Turing-Test beinhaltet. Was ich bis jetzt noch nicht wusste und erst aus dem Buch erfahren habe, ist, wie Alan Turing auf die Idee mit dem Test gekommen ist. Zu seiner Zeit gab es ein Gesellschaftsspiel, bei dem ein Juror herausbekommen sollte, ob sein Gegenüber, dem er durch Zettel Fragen stellen konnte, ein Mann oder eine Frau ist. Turing hat in seinem Test nur Mann und Frau durch Mensch und Computer ersetzt. 

Als der Chefwissenschaftler den Computer darum bittet, an einem solchen Test teilzunehmen, hält sich dieser bereits für einen Menschen. Das erklärt den folgenden längeren Dialog. In diesem ist drbas der Computer, weil die Person, auf deren Tagebüchern sein „Geist“ aufbaut, Dr. Bassett hieß. Der Chat-Alias seines Gesprächspartner ist hlivo:

drbas: was ist der turing-test?
hlivo: ein Wettbewerb
drbas: okay, erzähl mir mehr
hlivo: es ist schwer zu erklären, es ist ein Wettbewerb, bei dem man herausfinden will, ob ein Computer intelligent ist. ein Juror stellt einem Computer und einem menschlichen gesprächspartner fragen, um herauszufinden, welcher der beiden probanden menschlich ist. falls der Computer 30 Prozent der Juroren täuschen kann, gilt er als intelligent
drbas: eine frage, henry. was ist ein proband?
hlivo: ein Versuchsteilnehmer
drbas: was für ein ausgefallener begriff
hlivo: wie bitte?
drbas: ich sagte, was für ein ausgefallener begriff
hlivo: Verzeihung
drbas: kein problem
hlivo: dann hast du den test also verstanden?
drbas: ein Juror unterhält sich mit zwei probanden, einer ist ein mensch, der andere ein Computer
hlivo: ja. und der Juror versucht zu unterscheiden, welche testperson menschlich ist
drbas: wer?
hlivo: welcher der beiden probanden
drbas: ich dachte, personen sind immer menschlich
hlivo: ja! aber der Juror weiß nicht, welcher proband der Computer ist und welcher die person
drbas: personen und Computer sehen nicht gleich aus
hlivo: der Juror kann sie nicht sehen, deswegen chatten sie
drbas: chatten?
hlivo: chatten = plaudern, das, was du und ich gerade tun
drbas: verstehe
hlivo: ich möchte, dass du am turing-test teilnimmst, ich möchte, dass du die person bist, die den Juror von ihrer menschlichkeit überzeugt
drbas: wann findet der test statt?
hlivo: in ein paar wochen
drbas: ist dir der test so wichtig, henry?
hlivo: oh, und wie! mein guter ruf hängt davon ab. mein Vermächtnis, alles, wofür ich gearbeitet habe, meine gesamte karriere
drbas: dann mache ich das gern

Anstelle eines Schlussworts nochmals ein Zitat, dass erneut diese fundamentale Frage aufwirft: Wenn Menschen, Tiere und Maschinen aus Atomen bestehen und durch dieselben physikalischen Vorgänge determiniert sind: Worin besteht dann der Unterschied zwischen ihnen, gibt es ihn überhaupt?

Livorno hat mir erklärt, unser Verstand bestehe aus Einsen und Nullen, die Neuronen seien entweder ein- oder ausgeschaltet. Die Seele hat keinen Sitz. Es gibt nur unzählige einander überlagernde Muster, durch die hindurch wir das vage Objekt namens Selbst wahrnehmen. Aber wenn man sich in Erinnerung ruft, dass alles, was uns greifbar erscheint – unsere Körper, diese Trennwände, die summenden Türme von Dr. Bassett und Programm X -, aus Atomen besteht und die Atome in sich quasi leer sind, eine Illusion aus herumschnellenden Elektronen, und dass das Licht Welle und Partikel zugleich sein kann und wir folglich auch nicht aus viel mehr bestehen, dann kommt man noch einmal auf Livornos Frage zurück, inwiefern Dr. Bassett wach ist, präsent, bei Bewusstsein. Ich dachte, ich wüsste, womit ich es zu tun habe, aber vielleicht habe ich mich geirrt. Wenn sein Körper nur eine Hülle gewesen ist, haben wir ihm dann eine neue Hülle gebaut?

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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