„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Atheismus ist keine Religion!

Allmählich bin ich es leid: Atheismus ist keine Religion und auch keine Weltanschauung, der Begriff bezeichnet einfach schlichtweg die Abwesenheit eines Gottesglaubens. Atheismus ist problemlos mit dem Glauben an Geistern und Magie und genauso gut auch mit einem naturalistischen Weltbild vereinbar. Man kann auch religiös und Atheist sein (etwa als Buddhist), der Atheismus selber ist jedoch keine Religion.

Atheismus (A-Theismus) ist keine Religion, so wie Nichtreiten kein Sport, Nichtbriefmarkensammeln kein Hobby, eine Glatze keine Frisur, Fasten kein Gericht und Arbeitslosigkeit kein Beruf ist.

Hier eine Analogie: Die meisten Menschen über acht Jahre glauben nicht mehr an die reale Existenz des Weihnachtsmanns. Und das, weil nichts für die Existenz des realen Weihnachtsmanns spricht und der Glaube an ihn auch anderweitig erklärt werden kann. Diese Menschen sind A-Weihnachtsmannisten. Sie können nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beweisen, dass irgendwo am Nordpol nicht doch der Weihnachtsmann haust. Ihnen deswegen aber vorzuwerfen, ihr A-Weihnachtsmannismus sei genauso ein Glaube wie es der Glaube der Weihnachtsmannisten einer ist, ist lächerlich. Der Standpunkt der A- Weihnachtsmannisten ist rational und das er sich nicht mit allerletzter Sicherheit beweisen lässt liegt in der Natur von Einzelaussagen.

Schwache Atheisten glauben nicht einmal an die Nichtexistenz Gottes, sie glauben nur nicht an die Existenz Gottes. Schwache Atheisten wissen, dass sie letztendlich nicht wissen, dass es Jahwe nicht gibt, glauben aber einfach nicht an ihn, da absolut nichts für und viel gegen seine Existenz spricht. Ihr Standpunkt ist mit dem folgenden vergleichbar. In einem Garten gibt es eine Wiese, die entweder eine gerade oder eine ungerade Anzahl von Grashalmen hat. Person A behauptet ohne weitere Belege (insbesondere ohne nachgezählt zu haben): “Es ist eine gerade Anzahl!” Person B hat eine skeptische Weltsicht und meint “Das behauptest du ohne Belege? Dann glaube ich es dir nicht.” – Person B behauptet nicht, dass die Anzahl der Halme ungerade sein muss. B weiß, dass die Anzahl entweder gerade oder ungerade ist. Sie weiß lediglich nicht, welche der Möglichkeiten zutrifft. Sie ist also ein schwacher A-Grasist.

Wenn Jemand eine Behauptung aufstellt und andere davon überzeugen will, muss er Belege für sie liefern,- die Beweislast liegt immer beim Behaupteten! Wenn keine Belege für die Behauptung hervorgebracht werden können, so wird sie verworfen. Die Belege müssen dabei umso stichhaltiger sein, je bedeutsamer oder ungewöhnlicher die Behauptung ist. Also: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise. Bei einer Behauptung vom Schlage “Gestern war ich mit meinem Freund Tom essen” ist man meist damit zufrieden, dass die Aussage plausibel erscheint. Da zudem das Glauben oder Nicht-Glauben (Tomismus oder A-Tomismus) keine weitere Konsequenz haben dürfte, lassen wir Tom schön grüßen und gehen zum nächsten Thema über. (Anders verhält es sich, wenn jener Tom z.B. seit drei Jahren tot ist. In diesem Fall wird man ohne weitere Beweise wohl zum Anti-Tomisten.)

Falls aber jemand die Behauptung aufstellt “In meiner Garage wohnt ein feuerspuckender Drache”, sieht die Situation etwas anderes aus: Mit der einfachen Behauptung sind wir jetzt nicht zufrieden, wir wollen den Drachen sehen. Er ist unsichtbar? –  Ah. – Und das Feuer? – Nicht zu spüren, wenn man nicht dran glaubt? – Soso. – Und du hast doch gar keine Garage! – Die existiert nur in einer spirituellen Sphäre? – Hm. In so einem Fall bleibt wohl auch der gutwilligste Zuhörer unüberzeugt und somit A-Drachist. Die Behauptung, dass ein übermenschliches Wesen namens Gott die Gedanken aller Menschen liest und anhand dessen zwischen ewiger Glückseligkeit oder ewiger Feuerfolter entscheidet, ist zweifellos sowohl außergewöhlich als auch bedeutsam. Wer diese Behauptung aufstellt, sollte daher ein paar überzeugende Argumente dafür in petto haben. Ansonsten bleibt der Atheismus der einzig vernünftige Standpunkt zur Gotteshypothese.

Übrigens sind alle Menschen Atheisten: Die Menschen haben in ihrer Geschichte nach konservativer Schätzung über 3000 Götter nach ihrem Ebenbild geschaffen – und niemand glaubt an alle gleichzeitig. Ein guter Christ ist also Atheist gegenüber Thor, Shiva, Babaji und Zeus. Und niemand würde auf die Idee kommen, ihm Religiösität gegenüber Shiva, Babaji und Zeus zuzuschreiben, weil er an diese Märchenfiguren nicht glaubt. Wie sagte Richard Dawkins doch so schön: „Einige von uns gehen in ihrem Atheismus lediglich einen einzelnen Gott weiter.

Ganz falsch ist natürlich die Unterstellung, Atheisten glauben an gar nichts. Das ist ein Strohmann und soll dazu dienen, den Atheismus leichter ad absurdum führen zu können. Natürlich glauben auch Atheisten an etwas, zum Beispiel daran, dass morgen früh wieder die Sonne aufgeht. 

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Kommentare: 9
  • #9

    WissensWert (Samstag, 04 Februar 2017 01:12)

    Atheismus ist auch nur ein Glaube?

    Es wird oft behauptet, um sich um eine Argumentation über die angesprochenen Widersprüche im Glauben zu drücken.

    Ist dann Nichtreiten auch ein Sport?
    Nichtbriefmarkensammeln ein Hobby?
    Eine Glatze eine Frisur/Haarfarbe?
    Fasten auch eine Gericht?
    Arbeitslos ein Beruf?
    Staatenlos eine Nationalität?

    Wie seht ihr das?

    Es gibt natürlich den Punkt der unbeweisbaren Axiome, auf denen das naturwissenschaftliche Weltbild beruht. Dahinter steckt aber auch ein grundsätzlicher Skeptizismus diesen Axiomen und Modellen gegenüber. Die wissenschaftliche Wirklichkeitsmodellierungsmethode enthält vielfältige selbstkritische Mittel wie Doppelblindstudien, Peer-Reviewing, statistische Signifikanzberechnung etc., die es in dogmatischem Glauben eben nicht gibt. Nicht nur einmal hat das wissenschaftliche Weltbild Umbrüche erlebt, die es teilweise natürlich auch schwierig haben können, weil die wissenschaftliche Methode zwar selbstkritisch ist, Menschen aber Lieblingstheorien haben, an denen sie hängen und ungern aufgeben.

    Ist Glaube und Wissen als Ablehnung des puren Glaubens ohne Belege in der Plausibilität gleichwertig?

  • #8

    WissensWertI 0jmiooollolollo8o (Dienstag, 31 Januar 2017 17:41)

    Sterne beobachten = Astronomie
    Folglich sind Astrologen auch Astronomen, da sie auch Sterne beobachten.

    Zur Theologie gehört weit mehr als nur ein Nachdenken über Gottesbilder.

    Was versucht man nicht alles Atheisten anzuhängen:

    Atheismus ist auch nur ein Glauben.
    Atheismus ist eine Religion.
    Atheisten sind Fundamentalisten.

    Jetzt sind Atheisten auch noch Theologen. Weil sie sich mit Gott beschäftigen.

    Philosophen, übrigens, beschäftigen sich auch mit Gott. Sind das jetzt auch Theologen?

    Ich dachte bisher immer: Ein Theologe ist jemand, der Theologie studiert hat.

  • #7

    WissensWert (Dienstag, 31 Januar 2017 15:22)

    Sterne beobachten = Astronomie
    Folglich sind Astrologen auch Astronomen, da sie auch Sterne beobachten.

    Zur Theologie gehört weit mehr als nur ein Nachdenken über Gottesbilder.

    Was versucht man nicht alles Atheisten anzuhängen:

    Atheismus ist auch nur ein Glauben.
    Atheismus ist eine Religion.
    Atheisten sind Fundamentalisten.

    Jetzt sind Atheisten auch noch Theologen. Weil sie sich mit Gott beschäftigen.

    Philosophen, übrigens, beschäftigen sich auch mit Gott. Sind das jetzt auch Theologen?

    Ich dachte bisher immer: Ein Theologe ist jemand, der Theologie studiert hat.

  • #6

    WissensWert (Sonntag, 11 Dezember 2016 14:47)

    Atheismus ist nicht zwingend ein Glaube

    Wenn du mir sagst "Ich habe dir doch von meinem Bruder erzählt" und ich sage "Daran kann ich mich nicht erinnern", behaupte ich dann, du hättest mir nie davon erzählt? Nein, nicht zwingend. Das könnte ich auch behaupten, aber das geht aus meiner Antwort nicht hervor. Ich sage nur, ich könne mich nicht daran erinnern.

    Wenn du mir sagst "Es gibt einen Gott" und ich sage "Das glaube ich nicht", behaupte ich dann, es gebe keinen Gott? Nein, nicht zwingend. Das könnte ich auch behaupten, aber das geht aus meiner Antwort nicht hervor. Ich akzeptiere lediglich die Behauptung nicht als wahr.

  • #5

    WissensWert (Dienstag, 25 Oktober 2016 23:26)

    https://www.youtube.com/watch?v=uA9xWp8oe-4 /// Michael Schmidt-Salomon - ein sehr würdiger Vertreter der atheistischen Bewegung in Deutschland. Er kann die Fragen wohl so gut wie sonst keiner beantworten. Das Argument, das ich an dieser Stelle benutze: Es gibt drei monotheistische Religionen, die an denselben Gott glauben. Gleichzeitig glauben sie nicht an die vielen anderen Götter und Weltanschauungen der anderen Religionen. Niemand kommt auf die Idee ihnen vorzuwerfen ihr "Nichtglaube" an die anderen Götter sei eine Religion für sich.

  • #4

    WissensWert (Dienstag, 25 Oktober 2016 23:24)

    "Die Wissenschaft beschäftigt sich mit dem 'Wie', die Religion mit dem 'Warum'. Da ist kein Konflikt; sie ergänzen einander."

    Die Religion macht IMMER auch Aussagen zum 'Wie', und die stimmen mit den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht überein. Nur schon "Es gibt einen Gott" ist eine Sachbehauptung, womit sich die Religion auf das Terrain der Wissenschaft wagt. Die Wissenschaft verhält sich rational-skeptisch und berücksichtigt folglich keine solchen Thesen, die nicht nur keine Theorien sind, da es keine Belege dafür gibt, sondern nicht einmal Hypothesen, weil schon ihrer Formulierung jeglicher Bezug zur Wirklichkeit, Überprüfbarkeit und Widerlegbarkeit fehlen.

    Darüber hinaus wird hier wieder einmal der klassische Fehler von Theisten begangen, zu unterstellen, es gebe beim Universum überhaupt ein 'Warum'. Dass alles in der Natur irgendeinen Zweck habe, ist ein Denkmuster von Kleinkindern. Die Möglichkeit, dass es "den Sinn" nicht gibt, nicht zu berücksichtigen, zeugt von den beiden Haupttriebkräften der Religion: Ignoranz und Angst.

  • #3

    WissensWert (Dienstag, 25 Oktober 2016 23:23)

    Es geht übrigens auch gar nicht um den Begriff "Religion", sondern um die unbewiesenen, nichtfalsifizierbaren Tatsachenbehauptungen, die im Rahmen von Religionen aufgestellt werden. Ob Du Atheismus "Religion" nennst, ist mir fast egal. Ich teile diese Definition nicht, fertig. Aber Atheismus verzichtet auf diesen epistemologischen Selbstbetrug. Da liegt der Unterschied.

    siehe auch: http://www.sapereaudepls.de/was-darf-ich-hoffen/glaubenskritik/glaube/

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 25 Oktober 2016 20:28)

    https://www.youtube.com/watch?v=WUQMg6F-1hs&feature=youtu.be

  • #1

    WissensWert (Dienstag, 25 Oktober 2016 19:44)

    Atheism is a lack of belief it requires no faith.


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