„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Claudius Gros über die Zukunftsforschung

Zukunftsforschung oder Futurologie hat keinen besonders guten Ruf, viele Voraussagen über die Zukunft, die in der Vergangenheit getroffen wurden, erweisen sich in der Gegenwart als kompletter Nonsens. Claudius Gros schreibt dazu:

Aus der Statistik und der Physik ist uns das Gesetz der großen Zahlen wohlbekannt. Wenn wir einmal würfeln, dann können wir nicht vorhersagen, ob wir eine Eins oder eine Sechs erhalten, hier regiert der Zufall. Wenn wir aber sehr häufig würfeln, sagen wir, eine Million mal, dann können wir sehr präzise das Gesamtergebnis abschätzen, inklusive Fehlerbalken.

In der Zukunftsforschung scheint es dagegen kein Gesetz der großen Zahlen zu geben. Wir können zwar recht zuverlässige Trendanalysen betreiben und z. B. die demographische Entwicklung für einige Jahrzehnte in die Zukunft extrapolieren, doch danach wird es zappenduster. Niemand vermag vorherzusagen, wie hoch beispielsweise in 100 oder 200 Jahren die Geburtenrate in Deutschland sein wird, oder wie klein. Bei 0,5 Kindern pro Frau, oder bei 1,3 wie derzeit, oder bei 2,0? Die Unmöglichkeit, eine langfristige Prognose abzugeben, wäre nicht verwunderlich, wenn es um Fragen wie die nach der Sommermode des Jahres 2200 ginge. Niemand würde ernstlich erwarten, dass sich subtile kulturelle Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg vorhersagen ließen. Unsere Unfähigkeit, demographische Basisgrößen wie die Geburtenrate langfristig zu prognostizieren, ist dagegen schon bemerkenswert.

Bleiben wir einen Moment bei der Geburtenrate und versetzen wir uns in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Menschheit schon einige Jahrtausende Kulturgeschichte hinter sich, und man sollte meinen, der Mensch wäre sich zumindest seiner grundlegendsten biologischen Charakteristika, wie der Fortpflanzungsrate, bewusst. Doch weit gefehlt. Der Pillenknick wurde nicht vorhergesagt. Es war nicht nur Adenauer alleine, der mit seinem berühmten Ausspruch „Kinder bekommen die Leute immer“ vollkommen daneben lag. Von Malthus (1826) bis zur „Grenze des Wachstums“ (Meadows et al., 1972) haben die meisten Menschen frisch-fröhlich den Sexualtrieb mit dem Fortpflanzungstrieb verwechselt und implizit angenommen, das Bevölkerungswachstum würde letztendlich nur durch eine Verknappung der Lebensgrundlagen begrenzt. Es stimmt schon nachdenklich, dass auch mehrere Jahrtausende der Kulturgeschichte für die Menschheit nicht ausreichend waren, um in diesem Punkt zur Selbsterkenntnis zu gelangen.

Trotzdem ist es natürlich wichtig, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, Visionen zu entwickeln und anhand von sich abzeichnenden Tendenzen zu entscheiden, ob man etwas will oder ob man aktiv eingreifen sollte. Zwei Beispiele haben mich in dem Vortrag besonders beeindruckt. Den ersten Gedanken hatte ich selbst so noch nicht. Claudius Gros analysiert hier die „Leistungsgesellschaft“:

Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, in welcher jedem Menschen das Recht zugestanden wird, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und so gut wie möglich selbst zu bestimmen. Idealerweise sollten dabei jedem die gleichen Wahlmöglichkeiten offen stehen und nicht durch Elternhaus und Herkunft eingeschränkt werden. Dieses Ideal ist noch nicht vollständig erreicht, doch derzeit in einem weitaus größeren Umfang verwirklicht, als dies noch vor einigen Jahrhunderten der Fall war. Zudem ist dieses Ideal das erklärte Ziel, die angestrebte Utopie, fast aller gesellschaftlicher Gruppierungen; wir versuchen, uns langfristig in diese Richtung zu entwickeln.

Interessant ist nun die Frage: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Utopie der idealen Chancengleichheit real existierend verwirklicht wäre?

Als Beispiel wird im Artikel der Leistungssport herangezogen. Im Topsport ist es so, dass ab einem gewissen Niveau allen Athleten die gleichen Ressourcen zur Verfügung stehen (Wissen über optimales Training, Ernährung, medizinische Versorgung) und alle etwa gleich hart trainieren. Wenn man sich bestimmte Wettkämpfe ansieht (z.B. Läufe über verschiedene Distanzen), dann dominieren dort ganz bestimmte Typen (Ethnien). Gros dazu:

Folglich gibt es bei den olympischen Spielen eine klare Einteilung nach genetischer Ausstattung. Ostafrikaner können den Blutsauerstoff besser ausbeuten als andere Vertreter der Homo sapiens und verfügen über einen hohen Anteil langsam zuckender Muskeln, was ihnen einen Vorteil auf Langstrecken verschafft (Holden, 2006). Westafrikaner haben dagegen einen außergewöhnlich hohen Anteil an schnell zuckenden Muskeln mit einer großen anaerobischen Kapazität, ein Vorteil auf den Kurzstrecken.

Auch wenn eine gute genetische Ausstattung nicht jede Medaille garantiert, macht sie es in der Welt des Elitesports doch wesentlich einfacher, erfolgreich zu sein.

Was bedeutet dieses Beispiel jetzt, wenn man es auf den alltäglichen Wettbewerb im Beruf überträgt?

In ihrer viel diskutierten Studie „The bell curve“ haben Herrnstein und Murray (1994) die Bedeutung der Intelligenz für den gesellschaftlichen Erfolg hervorgehoben. Das erscheint zu einseitig und wurde auch dementsprechend und zu Recht kritisiert, zeigt jedoch eines klar auf: In einer Leistungsgesellschaft bestimmen die individuellen Fähigkeiten über Erfolg und Misserfolg, und wenn diese eine dominante genetische Komponente haben, wie es beim IQ der Fall ist (Neisser et al., 1996), dann kann man sich mit einer schlechten genetischen Ausstattung abstrampeln wie man will, gesellschaftlicher Erfolg wird sich nicht einstellen.

Die Utopie einer perfekten Leistungsgesellschaft beruht daher letztendlich auf der impliziten Annahme, dass sich die große Mehrheit mit einem bescheidenen sozialen Status zufrieden gibt. Das kann durchaus einen guten bis hohen Lebensstandard für viele oder alle bedeuten, doch die Mehrheit muss es geistig und seelisch verkraften können, die soziale Leiter nur einige wenige Stufen hoch zu erklimmen. Im Grunde funktioniert die perfekte Leistungsgesellschaft nur dann, wenn die Mehrheit daran nicht zur Gänze teilnimmt.

Wie schon geschrieben, an dieses Paradoxon hatte ich bis jetzt noch nicht gedacht. Man kann das Problem sogar noch weiter verschärfen: In einer Gesellschaft, in der allen dieselben Chancen geboten werden und alle diese Chancen auch bestmöglich zu nutzen versuchen, hängt das individuelle Ergebnis nicht von der eigenen Anstrengung ab, sondern von den eigenen Genen. Ist das eine gerechte Gesellschaft?

In einem weiteren Beispiel, das im Artikel ausführlich entwickelt wird, hatte ich schon ähnliche Gedanken und bin zu weitgehend gleichen Schlussfolgerungen gelangt. In diesem Beispiel geht es um die Weiterentwicklung der menschlichen Fortpflanzung. Hier kann man heute mehrere Tendenzen beobachten:

Ebenso wichtig ist es, einen Blick in die fernere Zukunft zu werfen und über die Konsequenzen von Technologien nachzudenken, welche mit Sicherheit einmal kommen werden, auch wenn der Zeitpunkt ihrer Einführung derzeit noch in den Wolken steht. Ein markantes Beispiel hierfür ist die künstliche Gebärmutter. Es ist vollkommen sicher, dass sie einmal realisiert wird, es gibt keine wissenschaftlichen Gründe, welche dagegen sprechen würden. Der Zeitpunkt ist dagegen noch vollkommen offen. … Aber man kann auch jetzt schon sagen, dass die künstliche Gebärmutter nicht nur entwickelt, sondern auch konsequent eingesetzt werden wird. Zwar mögen heutzutage viele Paare keine Kinder mehr bekommen, doch wenn ein Kinderwunsch vorhanden ist, dann werden schon heute keine Kosten gescheut, um dessen Erfüllung medizinisch und technisch zu ermöglichen.

Für die Ektogenesis, die Zeugung, Entwicklung und Geburt eines Kindes in einem Apparat, werden eine Reihe soziologischer und medizinischer Gründe angeführt. Interessanterweise werden dabei schon heute Argumente vorgebracht, warum die Ektogenesis auch im Normalfall vorteilhaft und ethisch wünschenswert wäre, also auch dann, wenn keine medizinische Indikation vorliegt. So wird es mit einer künstlichen Gebärmutter einfach sein, diese von Schadstoffen wie Nikotin oder Alkohol frei zu halten, oder von Medikamenten, welche eine schwangere Frau im Falle einer Krankheit sonst einnehmen müsste. Es wird also argumentiert, die Ektogenesis sei auf lange Sicht vorteilhafter und sicherer. Wir werden also einmal an den Zeitpunkt gelangen, an welchem eine Frau eine Zusatzversicherung abschließen müssen wird, falls sie ein Kind noch auf natürliche Weise austragen und gebären möchte – eine Versicherung, um das zusätzliche Risiko für das Baby und für sich selbst finanziell und medizinisch abzudecken.

Bis hierhin wird uns die Entwicklung, das finale Handlungsszenarium, fast zwangsläufig führen. Es gibt keinerlei wissenschaftliche oder ethische Argumente, die dagegen sprechen würden; allenfalls ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel oder wirtschaftlicher Niedergang könnte daran etwas ändern. Der weitere Fortgang ist dagegen recht offen. Ein Szenarium besteht darin, dass wir nicht nur heute, sondern auch in der Zukunft, und über viele Generationen hinweg, einen demographischen Rückgang verzeichnen werden. Für diesen Fall weisen einige der Ektogenesis-Befürworter gerne darauf hin, dass das demographische Problem, das Geburtendefizit, mit Hilfe der künstlichen Gebärmutter staatspolitisch gelöst werden könnte. Der Fortbestand der Gesellschaft könne dann zumindest demographisch unabhängig von der Fortpflanzungsfreude ihrer Mitglieder gewährleistet werden… Babys brauchten dann keine Eltern mehr, zumindest keine Eltern, die in herkömmlicher Weise und Gestalt leben.

Das ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass jeder der Teilschritte aus der Sicht der Beteiligten wünschenswert ist und ethisch gut begründet werden kann, und das Ergebnis trotzdem sehr bedenklich wirkt. Claudius Gros weißt außerdem noch darauf hin, dass man sich mit der Ektogenesis von einer Hochtechnologie abhängig macht, die durchaus ausfallen könnte, wenn es in der Menschheitsentwicklung große Katastrophen und damit einhergehende gravierende Rückschritte gibt. Was, wenn das Wissen (und vielleicht auch die physiologischen Möglichkeiten) für die natürliche Reproduktion ganz verloren gegangen sind?

Allerdings lassen sich auch Einwände für das entgegengesetzte Szenario formulieren: Was, wenn man über Jahrhunderte bis Jahrtausende auf die Verbesserung der menschlichen Lebensbasis verzichtet? Und das Unbehagen speist sich noch aus einem anderen Gedanken: Was sind das (emotional) für Kinder, die ohne menschliche Eltern von einer Art Fabriken produziert und in die Gesellschaft entlassen werden?

Claudius Gros enthält sich in diesem konkreten Beispiel einer Wertung, sein Fazit ist:

Uns stehen heute als Menschheit eine Fülle von Entwicklungsperspektiven offen, technisch wie gesellschaftlich, und mehr denn je, das zeigt die Thematik Ektogenesis deutlich, müssen wir uns darüber klar werden, wohin der Weg langfristig gehen soll. Bisher lassen wir uns im Grunde genommen nur treiben, treiben im Fluss des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts.

Gastbeitrag von: Dr. Ralf Poschmann

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