„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Opferstatus

" "Du Opfer!" - das mag auf den Schulhöfen weiterhin ein Schimpfwort sein, in der Öffentlichkeit ist der Opferstatus oft mit Vorzügen verbunden. Er sichert Aufmerksamkeit, schützt gegen Kritik, verleiht Unschuld. Wer sich auf die Seite der Opfer schlägt, steht auf der Seite der Guten und muss sich nicht länger mit den immer vertrackten Unterscheidungen zwischen gerecht und ungerecht plagen. Ja, Opfer können als die Helden unserer Zeit gelten, von ihr hervorgebracht, vergöttert und benötigt. Der Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli sieht darin eine Zurücknahme von Modernität überhaupt, einen konterrevolutionären Widerruf. An die Stelle der aktivierenden Imperative, sich seines Verstandes zu bedienen, aufrecht zu gehen, mündig zu werden, trete das "gegenteilige Motto: Unmündigkeit, Passivität, Machtlosigkeit sind ein Gut; umso schlimmer für alle, die handeln." Dass eine solche Verletzung die Mächtigen stärkt, den Status quo stabilisiert, Veränderungen erschwert, Ressentiments begünstigt, Freiheit und Verantwortungslosigkeit kurzschließt, zeigt Daniele Giglioli in einem Essay, den jeder lesen muss, der die unaufhaltsame Zunahme von Opfern, Zurückgesetzten, Leidenden inmitten der europäischen Wohlstandswelt skeptisch betrachtet ... "

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