„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Halo-Effekt

Der Halo-Effekt ist eine kognitive Verzerrung der Wahrnehmung, bei der ein einzelnes Merkmal einer Person so dominant wirkt, dass es andere Merkmale bei der Beurteilung dieser Person sehr stark in den Hintergrund drängt und den Gesamteindruck substantiell bestimmt. Darüber hinaus wird ausgehend von dem dominierenden Merkmal auf weitere Eigenschaften der Person geschlossen, ohne dass hierfür eine objektive Grundlage vorliegen muss. Ein Beispiel für den Halo-Effekt wäre, wenn ein Personalchef annimmt, ein Bewerber mit Brille sei eine intelligentere Person als der Bewerber ohne Brille.

Ausgangspunkt für den Halo-Effekt sind vor allem markante und außergewöhnliche Merkmale wie eine außergewöhnliche Leistung, Ausdrucksweise oder ein extravaganter Kleidungsstil.

Das Auftreten des Halo-Effektes wird gefördert, wenn das Urteil besonders schnell gefällt wird. Bei einer positiven Verzerrung spricht man auch vom Heiligenschein-Effekt, bei einer negativen vom Teufelshörner-Effekt.

Attraktivität und Halo-Effekt

Besonders gut konnte der Halo-Effekt für das Merkmal der physischen Attraktivität belegt werden. Vereinfacht gesagt werden demnach Personen, die gemäß dem allgemeinen Schönheitsideal als gutaussehend gelten, häufig auch als intelligent, gesellig oder dominant beurteilt und haben es in vielen Situationen im Leben tatsächlich auch einfacher.

Dieser Effekt kann sich bereits sehr früh im Leben eines Menschen zeigen. Beispielsweise konnte nachgewiesen werden, dass im Jahr 2001 gutaussehende Neugeborene in Bayreuther Krankenhäuser im Durchschnitt deutlich schneller an Gewicht gewannen und kürzer im Krankenhaus bleiben mussten (Badr, L. and Abdallah, B. „Physical Attractiveness of Premature Infants Affects Outcome at Discharge from NICU.“, 129-133). Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Krankenschwestern mit den guttaussehenden oder "süßen" Neugeborenen im Durchschnitt mehr Zeit verbrachten und sie länger nährten als die weniger gutaussehenden.

Diese Ungerechtigkeit scheint sich dann im weiteren Verlauf des Lebens auch fortzusetzen. Dies konnte u.a. Karen Dion in „What Is Beautiful is Good“ eindrucksvoll aufzeigen. Dion legte 243 Studenten verschiedene Fallberichte mit Fotos von verhaltensauffälligen Kindern vor und fand dabei heraus, dass die Verhaltensauffälligkeiten bei besseraussehenden Kindern von diesen Studenten als deutlich weniger schlimm eingestuft wurden. Außerdem zeigten die Studenten bei hübscheren Kindern mehr Verständnis für deren Verhalten und vermuteten bei den weniger hübschen schneller grundsätzliche psychisch-krankhafte Verhaltensdispositionen- und auch störungen.

Der Halo-Effekt lässt attraktive Personen aber nicht nur in Bezug auf ihr Verhalten in einem besseren Licht dastehen, sondern auch in Bezug auf bspw. ihre Intelligenz und ihre Leistungen. So legten D. Landy und H. Sigall einer Reihe von männlichen Studenten verschieden gut geschriebene Aufsätze vor und dazu entweder ein Bild von einer attraktiven Studentin, ein Bild von einer weniger attraktiven Studentin oder gar kein Bild bei („Task Evaluation as a Function of the Performers‘ Physical Attractiveness“, 299–304). Vor allem bei den extrem schlecht geschriebenen Aufsätzen konnte ein Bild einer attraktiven Studentin das Urteil der männlichen Studenten klar zum positiven beeinflussen.

Ganz interessant: Dieser Effekt ist weniger eindeutig, wenn man den Aufsatz einer attraktiven Frau einer ebenfalls attraktiven weiblichen Studentin vorlegt. Dann kann es passieren, dass die eine attraktive Frau die andere als Konkurrentin wahrnimmt und schlechter beurteilt, als wenn kein Bild beilege.

Nun kann man sich fragen ob die Annahme, dass schöne Menschen tendenziell auch intelligenter oder leistungsfähiger seien, nicht eventuell sogar stimmen könnte? Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die schönen im Durchschnitt auch die Intelligenteren und Fleißigeren sind und der Halo-Effekt hier gar kein unberechtigter Wahrnehmungsfehler sondern vielmehr die Realität darstellt?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns eine Studie finden, in denen Probanden (a) bezüglich ihrer Intelligenz und (b) bezüglich ihrer Attraktivität bewertet wurden. Die meist aufgeführte Studie dieser Art stammt von Zebrowitz und Kollegen, die anhand von 864 Versuchspersonen herausgefunden haben, dass Attraktivität und Intelligenz - wenn auch nur ganz minimal - miteinander korrelieren (Looking smart and looking good: Facial cues to intelligence and their origins. Personality and Social Psychology Bulletin, 28, 238-249).

Die Schönen schneiden im Durchschnitt also tatsächlich etwas besser in Intelligenztests ab. Dies kann natürlich ganz viele Gründe haben, etwa, dass attraktive Menschen im Schnitt auch selbstbewusster an einen IQ-Test herangegangen oder in ihrer Entwicklung mehr gefordert wurden.

Es ist aber auch vorstellbar, dass wir im Laufe der Evolution die Fähigkeit entwickelt haben, anhand des Aussehens bzw. der Attraktivität des Gegenübers dessen Intelligenz einigermaßen abschätzen zu können. Das wäre aus evolutionsbiologischer Sicht durchaus sinnvoll, da wir so besser den bestmöglichen Partner zur Fortpflanzung finden können. Und interessanterweise untersuchten Zebrowitz und Kollegen auch diese Frage, indem sie ihren Propanden wieder Bilder von Personen vorlegten und sie baten, die Intelligenz der auf den Bildern gezeigten Personen abzuschätzen. Das Ergebnis war verblüffend: Die Intelligenz der Menschen konnte in einem nicht durch Zufall wegzuerklärenden, d.h. in einem statistisch signifikanten Ausmaß gut geschätzt werden.

FAZIT: Spiegelt der Halo-Effekt hier also nur die Realität wieder? Nein.
Denn: Die in den jeweiligen Studien gemessene ASSOZIATION zwischen Attraktivität und etwa Intelligenz war VIEL größer als der in den anderen Studien gemessene TATSÄCHLICHE Zusammenhang. Schöne Menschen werden in der Tendenz also tatsächlich auch bezüglich ihrer anderen Attribute positiver eingeschätzt und haben es in einigen Lebenssituationen nachweisbar einfacher. 

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