„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Wahrhaftigkeit

Leute kommen zu mir, weil sie Hilfe bei der Uni brauchen.

Leute kommen zu mir, weil sie psychischen Beistand brauchen.

Leute kommen zu mir, weil sie sexuell unbefriedigt sind.

Leute kommen zu mir, weil sie Feiern und dabei ausgelassen sein wollen.

 

Wenn diese Leute den Unistoff verstehen, gerade keine Probleme im Leben oder einen "anderen Ficker" haben, kommen sie nicht mehr auf mich zu.

 

Für diese Leute (meist läuft sowas natürlich subtiler und weniger offensichtlich ab) bin ich nur ein Mittel zum Zweck. Der Zweck ist die Befriedigung des eigenen Egos. Die Steigerung des eigenen Glücks.

 

Ich bin nicht bereit, mich emotional ganz auf eine Person einzulassen, dessen Verhalten mir gegenüber zu einem großen Teil nur davon abhängt, was ihr gerade gut tut.

 

Denn:

 

1. Es fühlt sich unehrlich an so etwas Liebe oder gute Freundschaft zu nennen. Liebe oder gute Freundschaften zentrieren sich nach meinem Verständnis zumimdest augenscheinlich auf eine Person und nicht nur auf Eigennutz.

 

2. Es fühlt sich nicht nur unehrlich an, es ist auch gefährlich, sich auf diese Personen emotional stark einzulassen. Es geht ihnen nur um ihr eigenes Wohlbefinden. Wenn es ihrem eigenen Glück nicht mehr zudienlich ist, würden sie mich wieder abstoßen und wenn es einem gegenwärtigen Impuls entspricht, würden sie mich auch verletzen.

Was ich suche sind Menschen wie ich sie im Leben nur sehr selten gefunden habe. Es sind Menschen, die auch dann noch für mich da sind, wenn sie nicht mehr von meinen Leistungen profitieren, aber ich mal jemanden brauche. Die sich nicht nur um sich selbst drehen, sondern mir wirklich zuhören, nicht, weil es sich gehört, und nicht nur vorgetäuscht, um dann gleich wieder von sich erzählen zu können.

Was ich suche sind Menschen, die bereit sind mir das zu geben, was ich versuche anderen zu geben. Nämlich ein Dasein und eine aufrichtige Anteilnahme am Leben, unabhängig davon, ob man gerade gewisse Leistungen erbringt oder Erwartungen erfüllt.

Aber solche Menschen sind rar. Ich erhoffe mir intuitiv und unwillkürlich vom unter die Menschen gehen nicht, einen von dieser besonderen Art antreffen zu dürfen. Ich würde mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder auf Menschen treffen, die nur in ihrem eigenen Mikrokosmos kreisen und deren Ego zu groß ist, als dass noch ein zweites neben ihm Platz haben könnte.

 

Und deshalb habe ich manchmal keine Lust auf die kalkulierte Zwischenmenschlichkeit da draußen und bleibe stattdessen im Inneren bei mir. Würde ich mir intuitiv mehr erhoffen, wonach ich mich tief im Inneren sehne, nämlich Wahrhaftigkeit, würde es mich ganz sicher, unwillkürlich und sehnlichst unter die Menschen ziehen.

So muss ich mich dort aber oft selber und wider Willen hinziehen. Immer und immer wieder, denn eines ist klar: Die statistische Wahrscheinlichkeit fündig zu werden ist zwar klein, aber wenn ich nicht unter die Menschen gehe ist sie gleich Null.

 

Also mache ich es: Ich gehe unter die Menschen. Und ich ficke weniger, ich lass meine eigene Unileistung hintenanstehen und ich höre mir Sachen an, die mich zutiefst belasten, wenn ich ihnen damit helfen kann. Hoffend, dass ein paar von ihnen nachziehen und dass das "Wir" eines Tages mehr ist als die Summe unserer "Ichs".

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