„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Negativer Utilitarismus

Der Utilitarismus ist zunächst eine konsequentialistische Moraltheorie, d.h. er beurteilt Handlungen auf Basis ihrer Konsequenzen. Im Gegensatz zum genuin-klassischem und positiven Utilitarismus, welche die Maximierung der Gesamtmenge an Glück in den Vordergrund stellen, legt der negative Utilitarismus mehr Gewicht auf die Minimierung von Leid. Es gilt also: Der negative Utilitarismus hält eine Handlung für moralisch richtig, gdw. sie zu weniger Leid führt als alternative Handlungsoptionen. Andere Ziele und Güter (wie die Maximierung von Glück im klassischen Utilitarismus) haben keine oder nur nachgeordnete Bedeutung.

Verschiedene Arten von negativem Utilitarismus

Es gibt viele verschiedene Arten von negativem Utilitarismus. Diese unterscheiden sich unter anderem dadurch, welches Gewicht sie positiven Erfahrungen (Glück) im Vergleich zu negativen Erfahrungen (Leid) zuordnen. Starke Varianten des negativen Utilitarismus betrachten ausschließlich Leid als ethisch relevant, während bei schwachen Formen des negativen Utilitarismus auch positiven Erfahrungen ein gewisses Gewicht zugeordnet wird, Leid aber als wichtiger angesehen wird. Außerdem wird auch unterschieden zwischen Versionen, die sich auf negative Erfahrungen (Leid) fokussieren, und dem negativen Präferenzutilitarismus oder Antifrustrationismus, bei dem verletzte Präferenzen die Basis bilden. Im Gegensatz zum klassischen

Präferenzutilitarismus ist im negativen Präferenzutilitarismus das Ziel, die Anzahl der verletzten Präferenzen zu minimieren, während der Erfüllung von Präferenzen kein oder ein geringerer positiver Wert zugeordnet wird.

Eine weitere mögliche Sichtweise besteht darin, dass es in der Praxis oft einfacher ist, denjenigen Individuen zu helfen, denen es am schlechtesten geht, und dass daher die Verminderung von Leid eine höhere Priorität hat. Glück weiter zu steigern kann sehr schwierig sein, während die Beseitigung oder die Verminderung von Leid ein konkretes und praktisch umsetzbares politisches Ziel darstellen kann. Diese Sichtweise wird als Prioritarismus bezeichnet.

Einige negative Utilitaristen argumentieren sogar, dass das Ziel des negativen Utilitarismus die schnellste und schmerzloseste Auslöschung des gesamten empfindungsfähigen Seins wäre, da dies ultimativ das Leid minimieren würde. Der eben vorgestellte negative Präferenz-Utilitarismus vermeidet dieses Problem des Tötens aus moralischen Gründen, aber er fordert immer noch eine Rechtfertigung für die Schaffung neuen Lebens.

Optimistische und gewaltlose Anhänger des negativen Utilitarismus findet man im Umfeld des bioethischen Abolitionismus und des Paradise Engineerings.
Pessimistische Anhänger des negativen Utilitarismus gibt es im Umfeld des 
Buddhismus.

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Kommentare: 13
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  • #1

    WissensWert (Freitag, 02 September 2016 01:33)

    Aus einer sehr pessimistischen Sichtweise heraus versucht der negative Utilitarismus das Nutzenkalkül einzusetzen. Bewertet werden jedoch nur die negativen Folgen, die positiven Folgen werden außer Acht gelassen. Handlungen sind daher so zu setzen, dass allgemeines Unglück so niedrig wie möglich gehalten wird bzw. sogar vermindert werden soll. Das große Ziel ist, das Leiden auf Erden zu reduzieren und nicht zu vermehren. Die „Glücklichen“ werden dabei vollkommen vernachlässigt, denn so lange es Leiden gibt, kann es nicht sein, dass das Glück der Glücklichen auf Kosten der Unglücklichen vermehrt wird.

    Dieser Ansatz ist schon sehr verlockend, Nachteile entstehen aber aus einer kompletten Ausklammerung der positiven Seite. Um Leid zu reduzieren, würde der negative Utilitarismus eine Reduzierung des Glückszustandes der Mehrheit in Kauf nehmen, selbst wenn sich das nachhaltig auf ein zukünftiges Glück der gesamten Gesellschaft auswirken würde.

    In dieser Form des Utilitarismus verbirgt sich aber eine radikale Fragestellung, welche im Prinzip das gesamte menschliche Dasein in Frage stellt. Wäre aus dieser Sicht nicht eine Welt ohne Menschen, vorausgesetzt das Gesamtleid der Menschheit lässt sich nur so minimieren, die bessere Welt? Das würde aber auch heißen, dass jenen Menschen, welche ein glückliches Dasein führen, das Recht auf Leben abgesprochen wird.


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