„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Wissenschafts- und Erkenntnistheoretische Grundlagen der Evolutionstheorie

Die Evolutionstheorie in der wissenschaftstheoretischen Kritik

Die Wissenschaftlichkeit in der Evolutionstheorie

Über das Wesen des Beweises und die hypothetico-deduktive Methode der Wissenschaft

Evolutionsgegner machen sich in aller Regel eine erkenntnistheoretische Position zueigen, die Theorien nur dann einen naturwissenschaftlichen Status einräumt, wenn deren Erkenntnisgegenstände jederzeit beobachtet (bzw. direkt durchleuchtet) werden können. Die Folge ist, dass historische Theorien und Hypothesen, wie beispielsweise DARWINs Abstammungshypothese, aus der Naturwissenschaft herausfielen. Damit hätten die Kritiker ein für sie wichtiges Etappenziel erreicht, nämlich die Evolutionstheorie naturwissenschaftlich zu isolieren. Wir wollen in diesem Artikel die als Empirismus bezeichnete Methodologie kritisch untersuchen, zeigen dass sie veraltet ist und erklären, weshalb die Strategie, eine methodologische Trennlinie zwischen „Naturwissenschaft“ und „Geschichtswissenschaft“ zu errichten, nicht konsistent durchgehalten werden kann. In diesem Kontext wollen wir auch auf den oft erhobenen Zirkelschluss-Vorwurf sowie auf die Prognosefähigkeit von Theorien als Wissenschafts-Kriterium eingehen.

Die Evolutionsgegner und die Beschränkung von Naturwissenschaft auf das direkt Beobachtbare

Die Erfahrung zeigt, daß Lebewesen immer aus Organismen ihrer Art hervorgehen. Man kann beobachten, daß aus einer Buchecker immer nur eine Buche entsteht und daß sich aus den Eiern des Grasfrosches immer nur Grasfrösche entwickeln. Die Beobachtung lehrt uns also die Unveränderlich-keit (Konstanz) der Arten. Es kann daher nicht überraschen, daß sich Evolutionsgegner auf derartige Beobachtungen berufen und behaupten, statt "Makroevolution" ließe sich "(...) hingegen weltweit die Degeneration von Arten biologisch-genetisch beweisen (...)" (LÖNNIG, 1998).

 

 

Mit solchen Aussagen wird impliziert, daß sich Naturwissenschaft auf die Erforschung des jederzeit Feststellbaren zu beschränken und "metaphysische Spekulationen" zu meiden habe. Als Folge dieses Wissenschaftsverständnisses werden natürlich alle Hypothesen und Theorien, die sich mit geschichtlichen Ereignissen beschäftigen (wie die Abstammungshypothese), aus der Naturwissenschaft herausgehalten, da Vergangenes im Nachhinein nur im Rahmen einer "theoriegeleiteten Interpretation" von Daten, nicht aber durch die "unbefleckten Beobachtungsdaten", erschlossen werden kann. Deshalb legen Evolutionskritiker wie JUNKER und SCHERER viel Wert auf eine:

"(...) sorgfältige Trennung von objektiven Daten, theoriegeleiteten Interpretationen und weltanschaulichen Vorentscheidungen (...) weil sich zeigt, daß das Problem des Ursprungs und der Geschichte des Lebens grundsätzlich nicht ohne weltanschauliche Grenzüberschreitung bearbeitet werden kann." "(...) Naturwissenschaft dagegen befaßt sich mit gegenwärtig ablaufenden Vorgängen und gegenwärtigen Strukturen der Welt und kann die historische Dimension nicht erfassen (...) Es ist ja nicht möglich, die Geschichte der Lebewesen durch direkte Beobachtung oder durch experimentelle Analysen zu erhellen."

                                              - JUNKER und SCHERER, 1998, S. 5 und 17

Haben Evolutionsgegner also Recht wenn sie behaupten, die Abstammungshypothese beschäftige sich mit Prozessen, die sich mit rein naturwissenschaftlichen Methoden nicht erforschen lassen?

 

Zunächst ist festzuhalten, daß der Einwand einer Wissenschaftsphilosophie entspringt, die man als Empirismus (1) bezeichnet. Als Quelle der Erkenntnis akzeptiert der Empirismus nur die "nackte" Erfahrung (direkte Beobachtung). Die Aufgabe von Wissenschaft soll kurzerhand darin bestehen, intersubjektiv nachprüfbare Erscheinungen zu beschreiben (in Beobachtungssätzen zusammenzufassen), sie aber nicht mithilfe von postulierten Gegenständen oder Prozessen zu erklären, die jenseits des sinnlich Erfahrbaren existieren (MAHNER, 2003, S. 221-222). Kurzum: Die Beobachtung wird als selbstevidente (für sich selbst sprechende) "Tatsache" sowie als einzig verlässliche Basis für die wissenschaftliche Erkenntnis gewertet, der keine theoretische Interpretation vorgelagert sein darf (Forderung nach "Theoriefreiheit"). Aussagen, die jenseits der Erfahrung liegende Begriffe enthalten, sind wissenschaftlich sinnlose "Grenzüberschreitungen".

 

Die Empiristen übersehen aber, daß weder in den experimentellen noch in den historischen Wissenschaftsbereichen Begriffe wie "theoriefreie Beobachtungen", "objektive Daten" oder "Grenzüberschreitungen" vorkommen. Beobachtungen sprechen niemals für sich selbst, sind oft irreführend und müssen im Rahmen vorgegebener, transempirisch-abstrakter Theorien interpretiert und wenn nötig sogar relativiert oder verworfen werden. POPPER hat mit großer Eindringlichkeit gelehrt, daß es eine allein der Beobachtung innewohnende Beweiskraft in keinem Falle gibt. Er schreibt:

"Der ältere Positivismus [Empirismus] wollte als wissenschaftlich (oder legitim) nur solche Begriffe anerkennen, die 'aus der Erfahrung stammen' (...) Der neuere Positivismus (...) will nur jene Sätze als 'wissenschaftlich' oder 'legitim' anerkennen, die sich auf elementare Erfahrungssätze (...) zurückführen lassen. Es ist klar, daß dieses Abgrenzungskriterium mit der Forderung der Induktionslogik identisch ist. Dadurch, daß wir die Induktionslogik ablehnen, sind auch diese Abgrenzungsversuche für uns unbrauchbar."

 

POPPER, 1984, S. 9 f.

Auf unseren Problemkreis übertragen bedeutet dies, daß nicht nur Evolutionsbiologen, sondern auch Wissenschaftler aller anderen (auch der experimentellen) Disziplinen - in ihrem Bestreben die Weltzu erklären - Beobachtungen durch "vorgelagerte" Theorien interpretieren und Dinge postulieren müssen, die nicht auf die Erfahrung rückführbar sind.

So kann beispielsweise ein Chemiker im Experiment chemische Reaktionen beobachten und gesetzmäßig beschreiben, so wie ein Biologe im Wandel des Fossilienbestandes Gesetzmäßigkeiten feststellt. Um solche Beobachtungen aber einer Erklärung zuzuführen, müssen beide Wissenschaftler (mechanismische) Theorien voraussetzen, die die Gesetzmäßigkeiten auf die Existenz "metaphysischer", nicht erfahrbarer Elemente (im einen Fall auf Atome und Moleküle, im anderen Fall auf transspezifische Evolution) zurückführen. Niemand war dabei, als sich die Arten wandelten, und niemand ist auf der elementaren Ebene dabei, wenn sich die Materie wandelt, daran ändert auch die Wiederholbarkeit eines Experiments nichts! Deshalb kann ein Chemiker ebensowenig die Existenz der postulierten Atome theoriefrei aus dem Experiment ableiten, wie ein Biologe die postulierte "Makroevolution" theoriefrei aus der Beobachtung erschließen kann.

Die Aufgabe der Naturwissenschaft besteht kurzerhand darin, phänomenologische Makrogrößen auf einer "tieferen unsichtbaren Ebene mit andersartigen Elementen und Verbindungsmechanismen", das heißt unter Rückgriff auf grundsätzlich unbeobachtbare Dinge und Prozesse verstehbar zu machen (KANITSCHEIDER, 1981, S. 33). Der objektive Informationsgehalt einer Beobachtung muß in jedem Fall aktiv herausgefiltert werden und erschließt sich uns nicht durch die passive Hingabe und Verabsolutierung der Sinneswahrnehmung oder des Experiments. Somit ist die Rekonstruktion evolutionshistorischer Prozesse nicht grundlegend verschieden von der methodischen Rekonstruktion der "atomaren Wirklichkeit" (MAHNER, 1986, S. 41; KITCHER, 1982, S. 35 ff.)!

 

Wollten wir die Wissenschaftsauffassung der Evolutionsgegner ernst nehmen, müßten wir daher nicht nur die Abstammungshypothese, sondern unter anderem auch die Atomtheorien, dieStandardtheorie der Elementarteilchen und die Relativitätstheorien für "außerwissenschaftliche" und unbeweisbare "Grenzüberschreitungen" halten. Und das Kopernikanische Weltbild wäre eine"Grenzüberschreitung, die ebenfalls über den Rahmen des empirisch Begründbaren hinaus führt"(JUNKER und SCHERER, 1998, S.19), weil man ja beobachtet, wie sich die Sonne um die Erde dreht (REMANE et al., 1973, S. 9). Selbst Fossilien, deren Status niemand anzuzweifeln auf die Idee kommt, wären "gewagte Interpretationen". Denn, so antwortete schon TSCHULOK auf die Kritik FLEISCHMANNs (1901):

" (...) so dürften wir den fossilen Tieren (mit Ausnahme der Mammuts) keine Eigenschaften beilegen, die sich aus ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Formenkreisen ergeben. Denn auch schon dasHinzudenken des Weichkörpers zum gefundenen Steinkern (etwa einer Muschel oder eines Ammoniten) ist durchaus nicht frei von 'gewagten' Zutaten (...) wer nicht bestimmte Postulate gelten läßt (die nicht aus der Beobachtung stammen); wer sich nicht bei ähnlichen Gelegenheiten sagt: ich muß mir dies und jenes hinzudenken, sonst reimt sich das nicht mit allem, was ich von dem oder jenem weiß; für den ist die Annahme, daß in diesem gewundenen Stein einst ein Tier von bestimmtem Typus, von bestimmter Klasse oder Ordnung gelebt hat, immerhin eine gewagte."

 

(TSCHULOK, 1922) -  Hervorhebung im Schriftbild von mir

Entsprechend stellt POPPER zu der evolutionskritisch-empiristischen Forderung, sich nur an den vermeintlichen "Tatsachen" zu orientieren und gleichsam alle Interpretationen aus der Naturwissenschaft herauszuhalten, die der Beobachtung vorgelagert und nicht auf die Erfahrung rückführbar sind, fest:

"(...) Der positivistische [empiristische] Radikalismus vernichtet mit der Metaphysik auch die Naturwissenschaft: Auch die Naturgesetze sind auf elementare Erfahrungssätze logisch nicht zurückführbar. Wendet man das Wittgensteinsche Sinnkriterium konsequent an, so sind auch die Naturgesetze, die aufzusuchen 'höchste Aufgabe des Physikers ist' (...) sinnlos, d.h. keine echten (legitimen) Sätze (...)"

 - POPPER, 1984, S. 11

"It does appear that some people think that I denied scientific character to the historical sciences, such as palaeontology, or the history of the evolution of life on Earth. This is a mistake, and I here wish to affirm that these and other historical sciences have in my opinion scientific character; their hypotheses can in many cases be tested."

 

- POPPER, 1981, S. 611

Im Hinblick darauf, daß also "Geschichts-und "Gegenwartsforscher" gleichermaßen einen jenseits aller Erfahrung liegenden, im Transempirischen verborgenen Erkenntnisgegenstand zu rekonstruieren haben, bleiben den Evolutionsgegnern also letztlich nur zwei Möglichkeiten:Entweder sie halten gleichsam alle nicht der Beobachtung entstammenden Dinge und Prozesse (Atome, Elementarteilchen, transspezifische Evolution usw.) aus der Naturwissenschaft heraus, oder sie akzeptieren die naturwissenschaftliche Erforschbarkeit "gegenwärtiger" (aber eben der Beobachtung verschlossener) und historischer Gegenstandsbereiche, wie "Makroevolution". Aber die Trennung in eine "experimentelle Naturwissenschaft" und eine "spekulative Evolutionstheorie" ist methodologisch nicht konsistent durchzuhalten. 

Um nun solch einen spekulativen, hypothetischen Gegenstand, wie ein Schwarzes Loch, ein Atom oder eben "Makroevolution" wissenschaftlich zu untermauern, müssen sich aus der Theorie beobachtbare Sachverhalte schlußfolgern (deduzieren) lassen, die auf irgendeiner Stufe der empirischen Prüfung zuführbar sind. Verlaufen die Tests der theoretischen Folgerungen erfolgreich ab, kann sie der Wissenschaftler als Indizien werten, um die postulierten Dinge und Prozesse mit einem mehr oder minder hohen Grade der Gewißheit für wahr zu halten.

 

Die Theorie der transspezifischen Evolution läßt beispielsweise eine abgestufte Ähnlichkeit zwischen den Arten erwarten, und auch der stufenweise Wandel der Formen im Fossilienbestand gehört zu den Folgerungen der Theorie. Auch das Auftreten von Atavismen und rudimentären Organen gilt als positiver Test der Abstammungshypothese. Ferner wurde der Nachweis von Selektion theoretisch erwartet, dasselbe gilt für Brückenarten, Zwischenformen und Fossilien, die mit abnehmendem Alter immer mehr den rezenten Arten gleichen. Gegenteilige Befunde könnte die Abstammungshypothese nicht erklären, der Evolutionsbiologe kann daher mit hoher Sicherheit den postulierten, nicht der Erfahrung entstammenden Prozeß für wahr halten (näheres dazu in Kapitel V).

 

Die Bestätigung gestattet es dem Wissenschaftler schließlich, seine Theorie auch auf Bereiche der Wirklichkeit auszudehnen, wo sie nicht getestet werden kann. Diese Methode der wissenschaftlichen Theorienprüfung wird als hypothetico-deduktiv bezeichnet. Dazu schreibt KANITSCHEIDER:

"Newtons in axiomatischer Form eingeführte neue Mechanik ist zweifellos das erste Paradebeispiel einer hypothetisch-deduktiv aufgebauten Theorie, die an ganz zentraler Stelle Nichtobservablen wie etwa die Kraftfunktion verwendet. Er war sogar bereit, grundsätzlich unbeobachtbare Objekte wie etwa den absoluten Raum als respektable physikalische Entitäten anzuerkennen, da es empirische Effekte gibt, zu deren Erklärung man dieses theoretische Element braucht (...) Wenn man einen Grund für den überwältigenden Erfolg der modernen Naturwissenschaft angeben soll, so ist es vermutlich die wachsende Abstraktion von der grobsinnigen Erfahrung bei der Wahl der Bausteine der Theorien."

 

KANITSCHEIDER, 1981, S. 41

Es leuchtet, wie wir bereits angedeutet haben, ein, daß der Naturwissenschaftler mit der Erforschung des Unbeobachtbaren auch keine endgültig "wahren", gleichsam "bewiesenen" Aussagen erstellen kann. Statt dessen ist es nur möglich, Indizien aufzudecken, die seine Aussagen bestenfalls mit einem bestimmten Grade der Gewißheit untermauern (RIEDL, 1980, S. 38 ff.). Streng logische, "theorieunabhängige" Beweise aber, wie sie beispielsweise FLEISCHMANN, LÖNNIG, JUNKER und SCHERER von den Evolutionsbiologen einfordern, sind in der hypothetisch schlußfolgernden Wissenschaft generell nicht führbar - der Sicherheitsanspruch, der von den Empiristen an die methodologische Beweisführung gestellt wird, ist gar nicht zu bekommen. Daraus läßt sich weder der Evolutionstheorie ein wissenschaftstheoretischer Strick drehen, noch der nichtwiderlegbaren Schöpfungshypothese Raum verschaffen.

 

Abschließend seien die wichtigsten Aspekte dieses Abschnitts nochmals wie folgt zusammengefaßt:

·       Tiefere Erkenntnisse gehen in der Wissenschaft nicht aus der Beobachtung, sondern aus demWechselspiel zwischen Beobachten und Theoretisieren hervor. (Experimentelle) Daten sind oftmals wertlos und unverständlich, wenn sie nicht im Lichte einer explanativen Theorie erhellt werden. Wissenschaft operiert also hypothetisch schlußfolgernd und nicht empiristisch, weswegen sich die Trennung in eine "experimentelle Naturwissenschaft" und eine "metaphysische Geschichtswissenschaft" (z.B. Deszendenzlehre) erkenntnistheoretisch nicht rechtfertigen läßt.

 

·       Das methodologische Wesen des "Beweises" liegt nicht in der unmittelbaren Feststellbarkeit der postulierten Gegenstände und Prozesse, sondern in der Fähigkeit der Theorie, möglichst viele, scheinbar beziehungslos nebeneinanderstehende Erscheinungen zusammenzuführen und zu erklären. Die eigentlichen Wahrheitsindikatoren sind insbesondere Erklärungsmacht,Kompatibilität, wechselseitige Erhellung und heuristische Kraft von Theorien (vgl. MAHNER und BUNGE, 2000, S. 129-131; VOLLMER, 1985, S. 8).  

2.2. Der Vorwurf vom "vitiösen Zirkelschluß" im Lichte der Wissenschaftstheorie

Ruht die Begründung der Evolutionstheorie auf unwissenschaftlichen Zirkelschlüssen?

Ein Einwand, der sich eng an die Wissenschaftsauffassung der Empiristen anlehnt, nimmt auf die Tatsache Bezug, daß die postulierte Verwandtschaft zwischen den Arten nicht zwingend aus den abgestuften Formenähnlichkeiten herausgelesen werden kann. Deshalb betonen die Evolutionsgegner, daß die Abstammungshypothese, die es eigentlich zu "beweisen" gelte, stillschweigend vorausgesetzt, das heißt Ähnlichkeit mit Verwandtschaft und Verwandtschaft wiederum mit Ähnlichkeit begründet werde. Die Evolutionsbiologen argumentierten - so die Kritiker - kurzerhand im Kreis, wodurch eine wechselseitige (tautologische) Selbstbestätigung von Aussagen entstehe, die man "vitiösen Zirkelschluß" nennt.

 

 

LÖNNIG schreibt:

"Fast die gesamte phylogenetische Systematik aber steht und fällt mit der unbewiesenen Voraussetzung der Gesamtevolution! (...) Statt Evolution läßt sich hingegen weltweit die Degeneration von Arten biologisch-genetisch beweisen (...) Es sei an dieser Stelle nur hervorgehoben, dass weder für das Exon-shuffling noch für Ohnos Oligomerhypothese in der hypothetischen Ursuppe experimentelle Beweise vorliegen (...) Daß man hier einem Zirkelschluß zum Opfer fiel, wurde kaum bemerkt; das, was man beweisen wollte, daß nämlich Ähnlichkeit auf Entwicklung beruhe, setzte man einfach voraus und machte dann die verschiedenen Grade, die Abstufung der (typischen) Ähnlichkeit, zum Beweis für die Richtigkeit der Entwicklungsidee."

 

LÖNNIG, 1998  - Hervorhebungen im Schriftbild von mir

Wie erinnerlich, muß jeder Wissenschaftler von theoretischen Voraussetzungen ausgehen, die er nicht streng logisch beweisen kann, so daß die Kritik aus wissenschaftstheoretischer Sicht keine Relevanz besitzt. Es existiert mit anderen Worten kein "methodologischer Sonderstatus" der Evolutionstheorie, wie offenbar geglaubt wird.

 

Tatsächlich wurde die Behauptung, die "Entwicklungsidee" beruhe auf einem Zirkelschluß, den wissenschaftskritischen Kulturrelativisten entliehen, die den Naturwissenschaften insgesamtvorwerfen, daß sie nicht dem "klassischen" Schema folgen, wonach einer Theorie stets ein Experiment voranzugehen habe, welches ausschließlich diese und keine andere Theorie beweist (WOLF, 1999). Entsprechend einfach lassen sich die für die Wissenschaft fatalen Konsequenzen des Zirkelschlußvorwurfs demonstrieren; man braucht dazu nur den von LÖNNIG kritisierten Gegenstandsbereich (Evolution) gegen andere auszutauschen und könnte dann beispielsweise folgendes behaupten:

 

"Fast die gesamte Himmelsmechanik aber steht und fällt mit der unbewiesenen Voraussetzung vom heliozentrischen Weltbild! (...) Statt der Drehung der Erde um die Sonne läßt sich hingegen die Bewegung der Sonne an der Himmelskuppel beweisen (...) Es sei an dieser Stelle nur hervorgehoben, dass weder für die zentrale Stellung der Sonne im Planetensystem noch für die Drehung der Erde experimentelle Beweise vorliegen (...) Daß man hier einem Zirkelschluß zum Opfer fiel, wurde kaum bemerkt. Das, was man beweisen wollte, daß nämlich die Wirbelbildung der Wolken in der Corioliskraft einer sich drehenden Erde gründe, die Schleifenbewegung der äußeren Planeten am Firmament auf einer die Sonne umlaufenden Erde beruhe und sich die Entstehung zweier antipoder Flutberge als die Manifestation einer aus Gravitation und Fliehkraft resultierenden Gezeitenwirkung darstelle (wie man sie bei um ein Zentrum rotierenden Körpern vorfindet); all das setzte man einfach voraus und machte dann die genannten Erscheinungen zum Beweis für die Richtigkeit des heliozentrischen Weltmodells."

 

"Fast die gesamte Chemie aber steht und fällt mit der unbewiesenen Voraussetzung von der Existenz von Atomen! (...) Statt der Existenz diskreter Materieeinheiten (Atome) läßt sich hingegen die beliebige Teilbarkeit der Materie empirisch beweisen (...) Es sei an dieser Stelle nur hervorgehoben, dass weder für die Quantelung der Materie noch für eine Grenze der Teilbarkeit experimentelleBeweise vorliegen (...) Daß man hier einem Zirkelschluß zum Opfer fiel, wurde kaum bemerkt; das, was man beweisen wollte, daß nämlich die Gesetzmäßigkeiten bei chemischen Umsetzungen auf einer Quantelung der Materie beruhten und die Spektren der Elemente oder der fotoelektrische Effekt das (BOHRsche) Atommodell beweisen, setzte man einfach voraus, machte die RUTHERFORDschen Streuversuche zum Beweis für die Existenz von kleinen kompakten Atomkernen, die in verhältnismäßig großen Abständen von Hüllen-Elektronen umkreist werden unddeutete alle Befunde einfach im Licht der nach wie vor unbewiesenen Atomtheorie."
             

Diese Beispiele (die Liste ließe sich beliebig erweitern) illustrieren also, daß das konsistent gewobene Theoriengebäude der Wissenschaft wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen würde, falls man es als machbar erachten würde, auch nur ein Aussagensystem des stimmigen naturalistischen Weltbildes auf dem Altar des Empirismus zu opfern. In diesem Sinne forciert LÖNNIG also nicht nur die Destruktion der Evolutionstheorie, sondern gleich die aller übrigen Theorien der Wissenschaft noch dazu.

Es kommt hinzu, daß in keinem der beschriebenen Beispiele ein "vitiöser Zirkelschluß" zum tragen kommt, sondern eine übliche Erkenntnisstrategie der Wissenschaft, ein fruchtbarer Rückkopplungsprozeß zwischen Beobachten und Theoretisieren. Die Belege konzentrieren sich schließlich nicht auf einzelne Beobachtungen, die man im Lichte der Theorie interpretieren kann, sondern gleich in einer ganzen Batterie von Koinzidenzen. Ferner stehen die unterschiedlichsten Disziplinen (Biostratigraphie, Paläontologie, Geologie etc.) sowie deren Erkenntnisse mit der Evolutionstheorie in einem Verhältnis der gegenseitigen Erhellung und verhalten sich konsistent zueinander.

 

Solche Formen der Rückkopplung hat VOLLMER als "virtuose Zirkel" bezeichnet, die mit einer tautologischen Selbstbestätigung von Aussagen nichts zu tun haben: Wissenschaft ist die schrittweise Annäherung an die Fakten infolge der gegenseitigen Durchdringung von Theorien und Beobachtungen (VOLLMER, 1985, S. 177 f.). Ähnlich argumentiert RIDLEY, der dem Vorwurf, die Evolutionstheorie sei (vitiös) zirkelschlüssig begründet, dadurch begegnet, daß er auf die "virtuoseZirkelschlüssigkeit" aller Naturwissenschaften hinweist (RIDLEY, 1990, S. 250).

 

JUNKER hat die Stellungnahme RIDLEYs, in der umschrieben wird, wie theoretische Interpretationen und Beobachtungen in der Wissenschaft Hand in Hand gehen, mit den Worten kritisiert, damit habe er den Zirkelvorwurf nicht ausgeräumt (JUNKER, 2002, S. 47). Daß es allerdings zwischen den erwähnten zwei Formen der Zirkularität zu unterscheiden gilt, scheint ihm entgangen zu sein, denn er spricht (wie praktisch alle Evolutionsgegner) nur von Zirkelschlüssen ganz allgemein. Somit hat JUNKER kein Argument, weil nur der vitiöse Zirkel (der tautologische, sich selbst bestätigende Aussagen enthält) kritisiert werden kann, der aber in RIDLEYs Methodenbeschreibung gar nicht vorkommt. Die Erhellung von Theorien und Beobachtungen sowie die Kompatibilität und wechselseitige heuristische Befruchtung verschiedener Theorien können nicht als vitiöse Zirkel verstanden werden, weil sie wichtige Indizien für die Annahme sind, daß die Theorien einen objektiven Zugriff auf die Wirklichkeit haben (MAHNER, 1986, S. 56 ff.; WOLF, 1999).

2.3. Die Prognosefähigkeit von Theorien als wissenschaftliches Kriterium

Ein weiterer, häufig gehörter Kritikpunkt ist, daß die Evolutionstheorie viele empirische Befunde zwar erklären, aber kaum Vorhersagen anstellen kann (MAYR, 1984 a, S. 25 ff.). Der Grund für diese Schwierigkeit liegt in der historischen Einmaligkeit der Randbedingungen im Evolutionsgeschehen bzw. in der ungeheuren Komplexität der ökologischen Wechselwirkungen, was die Entwicklungsabläufe schwer prognostizierbar macht. Damit und anhand der konstitutiven Bedeutung, die dem Zufall in der Evolution beigemessen werden muß, kann die Asymmetrie zwischen Erklärungsmächtigkeit und Prognose-fähigkeit der Evolutionstheorie also verständlich gemacht werden (vgl. SCRIVEN, 1959; KOCHANSKI, 1973 sowie VOLLMER, 1985, S. 276). Das hindert Antievolutionisten jedoch nicht daran, Einwände wie etwa den folgenden gegen die Evolutionstheorie zu erheben:

"Der entscheidende Punkt ist, daß die Synthetische Evolutionstheorie die (...) hohen kulturellen und geistigen Fähigkeiten bei auf 400000 bzw. 800000 Jahre datierten 'Frühmenschen' nicht erwartet hatte (...) "

                           Persönliche Stellungnahme LÖNNIGs zu den Aussagen                                                                         eines renommierten Biologen

Die Prognosefähigkeit spielt jedoch in der Beurteilung der Wissenschaftlichkeit einer Theorie keine nennenswerte Rolle. Wäre es anders, müßten nicht nur die Evolutionsbiologie, sondern unter anderem auch die Kosmologie, die Geologie, die Paläontologie und Archäologie als Wissenschaften niederen Ranges betrachtet werden. Außerdem stehen die sogenannten "exakten Wissenschaften" vor demselben Problem, wenn sie komplexe Systeme, die durch nichtlineare Gleichungen beschrieben werden, zu untersuchen haben. So können beispielsweise im Falle von Mehrkörpersystemen ebenfalls keine Prognosen über das dynamische Verhalten getroffen werden; insbesondere bei energiebetriebenen Systemen muß man sich oft mit chaostheoretischen Überlegungen behelfen.

 

Es existiert somit kein zwingender Grund, die Vorhersagekraft als Maßstab für die Wissenschaftlichkeit von Theorien heranzuziehen. Sie erweist sich zwar als methodologisch nützlich, weil die Bestätigung einer Prognose als Indiz für die Richtigkeit von Theorien gilt.

"Das Ziel der Wissenschaft sind aber nicht Prognosen, sondern (möglichst einfache) Erklärungen für alles, was einer Erklärung zu bedürfen scheint. Und gerade dazu eignen sich Evolutionstheorie und EE (Evolutionäre Erkenntnistheorie) in besonderem Maße."

VOLLMER, 1985, S. 277

Außerdem wird oft übersehen, daß der wissenschaftstheoretische Wert der Prognose nicht darin gründet, daß sie sich auf die Zukunft bezieht, sondern darin, daß sie Vorhersagen über Beobachtungen trifft, die vor der Konstruktion der Theorie noch nicht bekannt waren. Diese Bedingung wird jedoch auch im Falle der Retrodiktion erfüllt, die Vorhersagen über Ereignisse in der Vergangenheit liefert. Retrodiktionen "(...) sind nun gerade die Stärke der Evolutionstheorie: Existenz von Urformen, Zwischenformen, Brückenarten, Fossilien. So kann die wissenschaftslogische Rolle von Prognosen auch von Retrodiktionen übernommen werden." (VOLLMER, 1985).

 

Ein anderes, in diesem Zusammenhang oft kolportiertes Mißverständnis bezieht sich auf die Form der wissenschaftlichen Erklärung. Wer die Prognosefähigkeit von Theorien in der Wissenschaft für notwendig hält, behauptet in aller Regel, daß auch die deduktiv-nomologische (DN-) Erklärung (2)die einzig wissenschaftliche und das "Maß aller Dinge" sei.

 

Angesichts der Tatsache, daß wir es in der Evolutionforschung oftmals mit historisch einmaligen und daher nicht prognostizierbaren Ereignissen zu tun haben, läßt sich das DN-Modell nicht ohne weiteres auf die Kausaltheorien der Evolution anwenden, worin beispielsweise MURRAY ein spezielles und prinzipielles Problem der (Evolutions-) Biologie zu erkennen glaubt (MURRAY, 2001). Obgleich wir diese Einschätzung im nächsten Abschnitt noch diskutieren werden, wollen wir hier doch einen Einwand kurz zur Sprache bringen:

 

Unsere Kritik am DN-Modell bezieht sich auf den Umstand, daß es sich ausschließlich auf den logischen Aspekt der Erklärung konzentriert (MAHNER und BUNGE, 2000, S. 102 f.). Obgleich es sich durchaus als nützlich erweist, sollten Erklärungen aber wenn möglich auch im Rahmen einermechanismischen Theorie stattfinden. Dazu ist es aber nicht unbedingt erforderlich, deduktiv-nomologisch vorzugehen, denn mechanismische Erklärungen ist auch die Evolutionstheorie mit ihren Kausaltheorien zu liefern imstande, wie MAHNER und BUNGE exemplarisch demonstrieren:

"Falls erklärend, werden evolutionäre Modelle Gesetze und Mechanismen umfassen, obwohl diese nicht unbedingt deduktiv-nomologisch formuliert sein müssen. So wird etwa ein Modell der Evolution der Vögel (...) vom gesamten biologischen Wissen Gebrauch machen: von vergleichender und funktioneller Morphologie (Struktur und Funktion der relevanten Vogelmerkmale), von Entwicklungsbiologie (Erklärung der Reduktion und Fusion der Finger zu einem Flügel), von Paläozoologie und Systematik (Reihenfolge der Entstehung der Vogelmerkmale) und von Ökologie (Rolle und Passungswert der Vogelmerkmale). Dieses Beispiel bietet reichlich Platz für morphologische, physiologische, ontogenetische und ökologische Gesetze und Mechanismen. Demgegenüber wird die Rolle der Selektionstheorie (...) eher vernachlässigbar sein, weil wir kaum über Daten über Jurassische Selektionsregimes verfügen (...) Alles, was demnach erforderlich ist, ist die Kompatibilität eines Evolutionsszenarios mit der allgemeinen Selektionstheorie (...) Sie [hält] nur die Bildung von Evolutionshypothesen im Zaum."
                                                          - MAHNER und BUNGE, 2000, S. 344

Ungeachtet dessen bedienen sich Evolutionsgegner mit Vorliebe der Taktik, die Morphologie irgendwelcher Merkmale zu erörtern, um dann den Evolutionsbiologen zu bitten, deren Entstehung in allen Details aus ihrer Theorie zu schlußfolgern. Diese Strategie soll im nächsten Abschnitt ausführlicher vorgestellt werden.

Fußnoten:

(1) Der Empirismus geht im angelsächsischen Raum auf BACON, LOCKE und HUME zurück. Neuere Vertreter des Empirismus sind CARNAP, KRAFT und NEURATH, die in den 1920er Jahren dem "Wiener Kreis" angehört und den Neoempirismus (auch: Neopositivismus oder logischer Empirismus) entwickelt haben. In Abwandlung der empiristischen Forderung nach "theoriefreier" und "intersubjektiv gültiger Beobachtung" wird oft auch von der experimentell reproduzierbaren Beobachtung eines theoretisch behaupteten Faktums als Voraussetzung für den naturwissenschaftlichen Charakter der Theorie gesprochen (BENVENISTE, 1988, S. 291). Aber hinter dieser Forderung steckt auch nichts anderes als die Prämisse, daß hypothetisierte Fakten (hier: die Abstammung der Arten von einem gemeinsamen Vorfahren) vor dem Erreichen der wissenschaftlichen Erkenntnis theoriefrei durch die Beobachtungerwiesen sein müssen (CHALMERS, 2001, S. 14).

 

(2) Wir erinnern uns: Gemäß dem deduktiv-nomologischen Erklärungsmodell (DN-Modell) gilt ein Sachverhalt (Explanandum) dann als erklärt, wenn er aus einer Theorie (genauer: aus einem Satz von Randbedingungen sowie aus theoretischen Gesetzesaussagen = Explanans) logisch geschlußfolgert (prognostiziert) werden kann. Wir haben inKapitel Ia.1 sowie in Kapitel V einige Beispiele erörtert.

Gastbeitrag von: Martin Neukamm (Buch)

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