„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Argumentum ad Ignorantiam

Ein Argument gegen (oder für) eine bestimmte Theorie, das auf mangelndem Wissen zugunsten dieser Theorie (oder gegen sie) beruht, wird gemeinhin als argumentum ad ignorantiam (lat. für: Argument, das an das Nichtwissen appel-liert) bezeichnet (WALTON 1999) bezeichnet. Aus diesem Argument bezieht die Evolutionskritik ihre eigentliche Legitimation: Mangels Belegen für die eigene (kreationistische) Weltsicht setzen die Evolutionsgegner alles daran, zu demonstrieren, wie wenig wir derzeit noch über die Evolution wissen. Es soll dadurch der Eindruck entstehen, die Evolutionstheorie verliere so an Plausibilität, woran die Hoffnung geknüpft wird, Intelligent Design werde im Gegenzug der Rücken gestärkt. Um mit JUNKER zu sprechen:

 

Je häufiger sich Fehlschläge bei den Bemühungen um ausschließlich natürli-che Erklärungen einstellen, desto unplausibler wird ein solcher Weg (JUNKER 2005a, 30).


Dieses Argument beruht jedoch auf einem Fehlschluss. Erstens folgt aus dem Mangel an Belegen zugunsten einer Theorie kein Argument gegen sie. Zwar wird der Naturwissenschaftler Forschungsprogramme, die über einen langen Zeitraum hinweg keinerlei Erkenntnisfortschritte hervorbringen, irgendwann einstellen und die ihm zugrunde liegende Theorie verwerfen. Dabei kann es sich allerdings um kein systematisches Argument handeln. Aus der Tatsache etwa, dass über Jahrhunderte vergeblich versucht wurde, der Natur eines Gewitters oder den Prinzipien chemischer Reaktionen mit naturalistischen Beschreibungsmitteln auf die Spur zu kommen, folgte zunächst einmal nur, dass der Wissenshintergrund noch viel zu lückenhaft war. Eine natürliche Erklärung wäre nur dann unplausibel, wenn positive Befunde dagegen sprächen (s. dazu beispielsweise SUKOPP 2006, 92ff). Und genauso verhält es sich auch mit der Evolutionstheorie.

 

Zweitens könnten die Evolutionsgegner noch so viele Evolutionsmodelle widerlegen ohne dass ihre Theorie vom intelligenten Design davon profitieren würde. Bereits der Wissenschaftstheoretiker Karl POPPER wies darauf hin, dass es keine Möglichkeit gibt, durch schrittweises Eliminieren von Theorien auch nur die „wahrscheinlich richtige“ zu bestimmen (POPPER 1984, 434). Der Grund liegt darin, dass zur Erklärung eines Sachverhalts in der Regel nicht nur zwei oder drei Alternativtheorien denkbar sind, wonach durch Widerlegung einer Theorie die übrig gebliebenen Theorien an Plausibilität gewönnen. Vielmehr lassen sich in der Regel sehr viele verschiedene Theorien und von jeder Theorie wiederum unendlich viele beliebig voneinander abweichende Versionen zur Erklärung eines Sachverhalts erstellen – zumindest im Prinzip. Wird nun eine Theorie-Version widerlegt, rücken unzählig viele denkbare Alternativ-Versionen als potenziell „wahre“ Kandidaten nach, so dass der Plausibilitätsgewinn für jede der verbliebenen Theorien praktisch null ist.

 

Auf die Evolutionskritik gemünzt bedeutet das: Die Widerlegung der DARWINschen Vererbungstheorie schwächt nicht den WEISMANNschen Neodarwinismus, und die (in Teilen berechtigte) Kritik an der Einfachheit der Synthetischen Theorie der Evolution trifft nicht die modernen Theorien der Evolution. Und selbst wenn sich alle Evolutionstheorien als falsch erwiesen hätten, wäre Intelligent Design längst noch nicht die erste Wahl; es wären immer noch mehrere Alternativen denkbar. Eine Alternative wäre z. B. die „Ewigkeitshypothese“, wonach das Leben schon immer existiert hat. Eine andere Möglichkeit wäre, dass es die Arten aus einem Paralleluniversum durch quantentheoretische Tunneleffekte in unsere Welt verschlug (eine These, die sicher nicht spekulativer ist als Intelligent Design) usw. – der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Kurzum: An den Grenzen unseres evolutionären Verständnisses beginnt nicht Intelligent Design, sondern das Nichtwissen.

 

Im Übrigen folgt aus der Tatsache, dass es offene Fragen in der Evolutionsbiologie gibt, keinesfalls, dass die Bemühungen um ausschließlich natürliche Erklärungen fehlgeschlagen sind. Im Gegenteil, unser Wissen über die Ursachen der transspezifischen Evolution wächst seit DARWIN kontinuierlich. Folglich sind die offenen Fragen keine Fehlschläge, sondern einfach Fragen auf der jeweils nächsten Ebene der Erkenntnis (s. Kap. VI). Die grobe Vereinfachung der Evolutionsgegner wird, wie so oft, dem Status evolutionärer Forschungsprogramme nicht gerecht.

Gastbeitrag von: Martin Neukamm (Buch)

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Kommentare: 7
  • #7

    WissensWert (Sonntag, 25 Dezember 2016 19:21)

    Das Argumentum ad ignorantiam nutzt Nichtwissen als Beweis. Der Fehlschluss, dass das Fehlen oder die Unkenntnis von Tatsachen, die eine Aussage unterstützen, die Aussage widerlegen bzw. der Fehlschluss, dass eine Aussage wahr ist, weil ihre Unwahrheit nicht bewiesen ist (oder vice versa), ist oft mit dem Glauben verbunden, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses immer umgekehrt proportional zu der Anzahl der Möglichkeiten ist. Beispiel: „Niemand hat gezeigt, dass es keinen Gott gibt; also muss Gott existieren.“ Oder: „Niemand hat je ein UFO gesehen, also gibt es keine UFOs.“

    Im Falle des Fehlens von Tatsachen: Es ist umso schwieriger, etwas nachzuweisen, je seltener es vorkommt (Quastenflosser), je schwieriger deren Untersuchung ist (extraterrestrische Planeten, Tiefsee) und wenn deren Existenz geheim gehalten werden soll (militärische Forschungslabore). Noch problematischer sieht es bei der Nicht-Existenz von etwas aus: Zum Nachweis, insbesondere zur Falsifizierung strittiger, grundsätzlicher Aussagen müsste man das gesamte Universum absuchen. Für eine Aussage muss man sich also daran halten, was bekannt ist (oder falls die Aussage unbekannt ist, was man vernünftigerweise erwarten würde, wenn sie wahr wäre. Niemand glaubt an einen Atombombenanschlag in London, wenn dies nicht in den Nachrichten käme). Ein Argumentum ad ignorantiam bringt letztlich nur den Glauben an etwas als eigene irrelevante Unkenntnis in die Argumentation.

  • #6

    WissensWert (Sonntag, 30 Oktober 2016 21:04)

    http://www.hoheluft-magazin.de/2016/06/na-logisch-der-ad-ignorantiam-fehlschluss/

  • #5

    WissensWert (Samstag, 03 September 2016 00:41)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_ignorantiam

  • #4

    WissensWert (Donnerstag, 04 August 2016 23:12)

    http://www.sapereaudepls.de/2016/07/24/der-koran/

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    Der Koran liefert ein hervorragendes Argument für den Atheismus. Genauer gesagt, das ganze Buch ist eine Bestätigung der Tatsache, dass es keinen Gott gibt.

    Der Koran liefert nur EIN EINZIGES Argument für Gott, das mit kleinen Variationen wiederholt wird. Nämlich, dass man an der Existenz der Welt um uns herum erkennen kann, dass es einen Gott gibt. Dasselbe Argument finden wir auch in der Bibel als einziges.

    Man mag damit philosophisch ungebildete Menschen beeindrucken können. Atheisten wissen schon seit den Zeiten vor dem Koran, dass dieses Argument Unsinn ist - ein Betrug, mit dem man Leute übers Ohr hauen kann. Wenn man als Gläubiger mit diesem Argument gegen einen Atheisten debattiert, wird man sich bis auf die Knochen blamieren. Denn der Atheist wird den benutzten Trick sofort durchschauen.

    Im Grunde basieren fast alle Argumente für Gott auf demselben Schema: Wir wissen nicht, wie das Universum / die Ordnung / das Leben / die Komplexität / das Bewusstsein / die Moral entstanden ist, also muss es ein übernatürlicher Gott gewesen sein. Alternative Erklärungen werden weder gesucht, noch durchdacht. Die simpelste Ansicht dazu ist: Wir wissen es nicht. Punkt. Was mehr soll man dazu sagen? Schon seit der Antike hingegen wissen wir, dass ein Argument aus Unwissenheit überhaupt kein Argument ist, auch, wenn es für einige Leute so aussehen mag. Bessere Argumente tarnen den Schwindel nur ein kleines bisschen besser, so dass er einem nicht gleich ins Auge springt.

    Jeder beliebige Gott kann so "bewiesen" werden: Der Gott der Juden, Christen, Muslime, das fliegende Spaghettimonster - in tausenden von Variationen. Aber wenn es das fliegende Spaghettimonster gibt, kann der Gott der Muslime, Allah, nicht existieren. Wir haben also EINEN Beweis, der einander widersprechende Götter "beweist".

    Warum wählt der Koran ausgerechnet ein Argument für Gott aus, mit dem man sich bei Atheisten nur blamieren kann? Entweder, Gott will, dass Ihr Euch auf ein Buch beruft, mit dem Ihr schon beim ersten halbgebildeten Atheisten scheitert. Allah ist nicht auf Eurer Seite, sonst hätte er Euch wenigstens EIN EINZIGES besseres Argument gegeben, und nicht eines, das auf nichts weiter als Betrug beruht. Oder aber, den Menschen, die das geschrieben haben, ist auch nichts Besseres eingefallen, weil es nichts Besseres gibt. Und da sie wussten, dass der Betrug nicht umfassend funktioniert, haben sie diese mit wüsten Drohungen garniert, um die Leute zum Glauben zu erpressen. Wenn das Argument nicht funktioniert, dann kann man ihre Angst dazu benutzen, ihnen Sand in die Augen zu streuen. Daher wird auf fast jeder Seite des Koran mit der Hölle gedroht, von der man auch nichts weiß. Es gibt keinen Zwang im Glauben? Wohl aber Erpressung mit der Angst vor dem Tod und dem, was hinterher kommen könnte. Glaube an Allah, oder brenne in der Hölle.

    Die Wahrheit benötigt weder schlechte Argumente noch Drohungen. Wenn also ein ganzes Buch nur ein einziges schlechtes Argument liefert und ansonsten nur aus Drohungen besteht, dann deswegen, weil es die Unwahrheit dazu benutzt, um Macht über Menschen zu gewinnen. Jeder Psychopath, der gerne Macht über andere Menschen haben will, kann und wird sich genau dieser Taktiken bedienen, denn bei einem Teil der Menschen funktioniert dies immer. Und die, bei denen es nicht klappt? Die werden dämonisiert und für minderwertig erklärt. Jede Psychosekte, jeder bescheuerte Kult, benutzt genau diesen einen Trick. Auch der Islam ist ein One-Trick-Pony (so nennt man das Pferd im Zirkus, das nur einen einzigen Trick vorführen kann).

    Wenn es einen Gott gäbe, er könnte das sicher besser. Dass es keinen gibt ist eine bessere Erklärung für die Existenz des Korans als jede andere. Daher beweist der Koran, dass Gott nicht existiert. Natürlich finden wir deswegen auch haufenweise Fehler im Koran, wie etwa die Behauptung, dass die Sonne aus einem schmutzigen Tümpel aufsteigt und ähnlichen Nonsense. Weil man sich darauf verlassen kann, dass einfach gestrickte Menschen hunderte von Ausreden erfinden werden, um diesen Unsinn "wegzuerklären".

    Also: Warum verleitet Euch der Koran dazu, sich mit angeblichen Beweisen für Gott zu blamieren? Warum lässt Euch Gott derartig im Stich und liefert keinen echten Beweis?"

  • #3

    WissensWert (Donnerstag, 04 August 2016 22:34)

    "Es gibt keine Widerlegung der Evolution. Wenn es jemals eine Widerlegung geben sollte,
    käme sie von einem Wissenschaftler, nicht von einem Idioten."
    ~ Richard Dawkins

  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 04 August 2016 22:30)

    Aus der Wikipedia:

    "Eugenie Scott, zusammen mit Glenn Branch und anderen Kritikern, hat argumentiert, dass viele der von den Intelligent-Design-Befürwortern aufgeworfenen Punkte Argumenta ad ignorantiam (Argumente aus mangelnder Vorstellungskraft, oder: Berufung auf Unwissenheit) sind.[126] Beim argumentum ad ignorantiam werden fehlende Belege für eine Sicht irrtümlich als Beweis für die Richtigkeit einer anderen Sicht angesehen. Scott und Branch sagen, dass Intelligent Design ein solches Argument ist, weil seine Schlussfolgerung auf dem Fehlen von Erkenntnissen basiert: Daraus, dass für gewisse Aspekte der Evolution noch keine präzise natürliche Erklärung ausgearbeitet wurde, wird auf einen intelligenten Grund geschlossen. Sie wenden dagegen ein, dass die meisten Wissenschaftler darauf antworten würden, dass das Unerklärte nicht das Unerklärbare ist und dass „wir wissen es noch nicht“ eine viel angebrachtere Antwort wäre als einen Grund außerhalb der Naturwissenschaft heranzuziehen.[126] Insbesondere Michael Behesständig anspruchsvoller werdende Forderungen nach immer detaillierteren Erklärungen des Evolutionsverlaufs von molekularen Systemen scheinen Design und Evolution als einzige und strikt trennbare Erklärungen zur Grundlage zu haben, wobei jedes empfundene Versagen der Evolution zu einem Sieg für Design wird. Wissenschaftlich ausgedrückt ist der Mangel an Belegen noch kein Beleg für einen Mangel an natürlichen Erklärungen für beobachtbare Merkmale lebender Organismen. Scott und Branch wenden außerdem ein, dass die angeblich neuen Beiträge der Intelligent-Design-Befürworter keine Basis für irgendeine produktive wissenschaftliche Forschung geliefert hätten.

    Intelligent Design wurde auch als Lückenbüßerargument (‘God of the gaps’) charakterisiert, das die folgende Form annimmt:

    • Es gibt eine Lücke in der wissenschaftlichen Erkenntnis.
    • Diese Lücke kann mit dem Wirken Gottes (bzw. eines intelligenten Designers) gefüllt werden und beweist daher die Existenz Gottes (bzw. eines intelligenten Designers).

    Ein Lückenbüßerargument ist die theologische Form des Argumentum ad ignorantiam. Das Hauptmerkmal dieser Art von Argumenten ist, dass sie offene Fragen lediglich mit (oftmals übernatürlichen) Erklärungen beantworten, die nicht überprüfbar sind und ihrerseits im Ergebnis zu nicht beantwortbaren Fragen führen."

    siehe auch: http://www.sapereaudepls.de/2016/06/19/argumentationsfehler-erkl%C3%A4rungsl%C3%BCcke/

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 04 August 2016 22:27)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2013/03/05/ich-verstehe-nichts-von-biochemie-daher-muss-gott-das-leben-geschaffen-haben-das-argumentum-ad-ignorantiam/


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