„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Dogmatischer Naturalismus?

Eine populäre These lautet:

"Die Wissenschaft schließt - trotz der Existenz von Erklärungsproblemen - Schöpfung als Erklärungsursache aus. Sie ist daher dogmatisch naturalistisch ausgerichtet.

Gegenargumente:


Naturwissenschaften können prinzipiell nur naturalistisch operieren, das heißt, sie müssen Schöpfung als Erklärung methodisch ausschließen
. In diesem Sinne sind sie nicht "methodisch atheistisch", sondern generell streng asupernaturalistisch ausgerichtet. Diese Ontologie liegt nicht nur allen experimentell zugänglichen Disziplinen und Theorien zugrunde, sondern auch allen historisch-theoretischen Ansätzen. Wissenschaft kann schlicht und ergreifend keine Aussagen über einen empirisch durch nichts zu widerlegenden Schöpfer machen, sondern nur auf die ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zurückgreifen.

 

Um überhaupt eine Beobachtung erklären zu können, müssen gesetzmäßige Aussagen formuliert werden. Nur Gesetzesaussagen kann man prüfen und prinzipiell widerlegen. Ein Schöpfer unterliegt jedoch keinen gesetzesmäßigen Zwängen, weil er "allmächtig" ist. Folglich lässt sich jede nur denkbare Beobachtung auf die freie Entschlusskraft eines Schöpfers zurückführen, und es ist einfach nicht mehr entscheidbar, welche Daten die Revision der Schöpfungsthese notwendig machen könnten. Unter solchen Voraussetzungen wäre kein wissenschaftlicher Fortschritt möglich, denn er setzt ja voraus, dass Theorien überprüft (oder eingeschränkter: logisch widerlegt) und gehaltsvermehrend überarbeitet werden können.

 

In jedem Falle ist nichts erklärt, wenn man eine bislang ungelöste Frage durch den bekannten "Lückenbüßergott" ausfüllt. Wer anhand eines offenen Problems einfach behauptet "ein Schöpfer war am Wirken", weicht dem Problem aus, denn anstelle einer Erklärung wird einfach nur der unerklärte Ratschluss eines Schöpfers bemüht. Da Wissenschaft aber nach nichts anderem sucht als nach Erklärungen, kann sie mit einer übernatürlichen Wesenheit als "erklärendes" Agens nichts anfangen.

 

Außerdem versperrt ein Schöpfer jeder weiteren Forschung den Weg. Wenn man alle bestehenden Fragen einfach durch einen "Schöpfer" ausfüllen wollte, bliebe nichts mehr übrig, was man erklären und erforschen könnte. Die Schöpfungsidee macht also Wissenschaft überflüssig, ja sogar unmöglich. In diesem Sinne ist der Naturalismus nicht einfach eine dogmatische Gegenposition zur supernaturalistischen Schöpfungsidee, sondern erkenntnistheoretisch und methodologisch begründet. Dass es der Wissenschaft gelungen ist, ein in sich stimmiges Theoriennetzwerk zu konstruieren, macht den Naturalismus zu einer überaus heuristisch fruchtbaren Ontologie.

Gastbeitrag von: Martin Neukamm (Buch)

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