„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Äquivokation: Fehlschluss der Doppeldeutigkeit

Dieser Fehlschluss kommt dadurch zustande, dass ein Begriff verschiedene Bedeutungen hat, die Mehrdeutigkeit des Begriffs aber nicht erkannt wird. Wird ein Satz, in dem das Wort in der einen Bedeutung vorkommt, zur Begründung eines Satzes verwendet, in dem das Wort eine andere Bedeutung hat, ist das Ergebnis eine Äquivokation (VOS SAVANT 1996, 76). Ein simples Beispiel ist die Aussage, bei der Eheschließung handele es sich um eine gewichtige Entscheidung im Leben der Partner, woraus gefolgert wird, die Eheleute nähmen an Gewicht zu. Der Begriff „Gewicht“ hat im einen Fall eine metaphorische, im anderen Fall eine physikalische Bedeutung, so dass die Folgerung unsinnig ist.

 

Ein weniger offensichtliches Beispiel ist der Schluss von der zweckmäßigen Ordnung der belebten Natur auf einen Zwecksetzer, einen Schöpfer. So meint z. B. der Evolutionskritiker M. RAMMERSTORFER:

 

Der Schluss von Planmäßigkeit, Zielgerichtetheit, wie sie in der Natur überall zu finden ist, auf einen Planer, ist ganz einfach der naheliegendste Schluss (zit. nach JUNKER 2004, 9).


Etliche Biologen sprechen tatsächlich von einer zweckgerichteten Ordnung in der Natur. Die Rede von „Zwecken“ und „Zielen“ ist in der Biologie jedoch zunächst nur eine metaphorische Sprechweise, die deshalb verführerisch ist, weil wir auf-grund unserer anthropomorphen Denkweise mit intentionalen Begriffen vertraut sind. Wenn z. B. gesagt wird, dass eine Blüte einer Biene Nektar anbiete, handelt es sich um ein rhetorisches Stilmittel und nicht etwa um die Beschreibung einer echten zweckgerichteten Handlung, weil Blumen mangels kognitiver Fähigkeiten weder Ziele verfolgen noch in der Zukunft liegende Entwicklungen antizipieren können. Folglich ist der Schluss auf eine echte Planmäßigkeit ebenso unzulässig wie der Schluss auf einen Planer.
(Aus diesem Grund wird in der Biologie häufig der Begriff „Teleonomie“ verwendet, um dem Fehlschluss der Äquivokation (hier: dem Schluss auf eine echte Planmäßigkeit) be-grifflich vorzubeugen.)


Dieses für die Teleologie typische Problem wird seit der Antike als Stolperstein teleologischer Erklärungen gesehen
. Aus Sicht des Naturwissenschaftlers kommt es zur Bestäubung der Blüte, eben weil eine günstige Prädisposition (die Absonderung zuckerhaltiger Substanzen) zufällig Insekten anlockt. Die Annahme, dass die Blüte Nektar absondert, damit Insekten die Blüte bestäuben, ist dagegen empirisch unbegründet. Anders ausgedrückt: Dass biologische Funktionen und Selektionsvorteile tatsächlich echte Zwecke sind, die auf einen Plan zurückgehen, müsste unabhängig von rhetorischen Sprachspielen belegt werden.

Gastbeitrag von: Martin Neukamm (Buch)

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