„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Ist das Zufall?

Aus der einfältigen, kreationistischen Facebookseite „Ist das Zufall?

Ist das Zufall?

(P1) Ich sehe ein Biotop, in dem fliegende Insekten den Energiebedarf von Spinnen decken. 
(P2) Und ich sehe darin Spinnen, die Netze mit perfektem Maschenabstand bauen. 
(NS) Das kann nur durch einen magischen Spinnennetz-Designer konstruiert worden sein!

 

(P1) Ich sehe ein Neugeborenes mit spezifischem Nährstoffbedarf.
(P2) Ich sehe, dass die Muttermilch diese Nährstoffe in optimalem Verhältnis enthält. 
(NS) Das kann nur durch einen magischen Lebensmittel-Designer zusammengerührt worden sein!

 

(P1) Ich sehe die Umweltbedingungen auf dem Planeten Erde.
(P2) Ich sehe Lebensformen, deren Überleben auf exakt diese Umweltbedingungen angewiesen ist.
(NS) Das kann nur durch einen magischen Bio-Designer konstruiert worden sein!

 

 

eine Analogie:

(P1) Ich sehe ich Erdloch im Boden.
(P2) Und ich sehe darin eine durchgefrorene Wasserpfütze, die perfekt, lückenlos in dieses Erdloch hineinpasst. Bis in die kleinste Unebenheit und bis ins bizarrste Oberflächendetail.
(NS) Das kann nur durch einen magischen Eispfützen-Designer konstruiert worden sein.

 

Warum erkennen Gläubige die Absurdität in der letzten Schlussfolgerung - aber nicht in den ersten drei?

Bei der durchgefrorenen Wasserpfütze sind Ursache und Wirkung auf den ersten Blick überschaubar - ohne jedes Vorwissen, ohne naturwissenschaftliche Bildung. Man braucht lediglich triviale Alltagsbeobachtungen. Ja, es entsteht eine perfekte Anpassung an die "Umwelt", aber die Idee absichtlicher Planung ist absurd. Das liegt innerhalb unseres Alltagswissens: Zuerst war das Erdloch da - und darin hat sich absichtslos, ohne Planung, ohne Vorausschau das zweite Phänomen (der perfekt passende Eisblock) entwickelt. Allein durch blinde, naturgesetzliche Notwendigkeit. Wer diese perfekte Übereinstimmung einem unsichtbaren Designer zuschreiben würde, der würde unwillkürliches Lächeln ernten. Offenbar fehlen ihm banale Alltagsbeobachtungen über Wasser in Pfützen, die das Phänomen völlig zwangslos und ohne Zauberei erklären.

In den ersten drei Beispielen liegen Ursache und Wirkung zeitlich weiter auseinander. Die Anpassung, die bei der Eispfütze nur wenige Stunden dauert, benötigt bei netzebauenden Spinnen in Biotopen mit fliegenden Insekten viele Millionen Jahre. Der Zusammenhang ist schlechter überschaubar. Außerdem benötigt die Erklärung etwas theoretisches Hintergrundwissen über die Mechanismen der Evolution (spontane, ungerichtete Mutation und natürliche, gerichtete Selektion). Wer über diese Informationen nicht verfügt, für den bleibt die perfekte Verzahnung beider Phänomene rätselhaft.

Gläubige werfen Wissenschaftlern oft vor, sie würden die Welt nur "in engen Ausschnitten" wahrnehmen, sie würden "das größere Ganze" ignorieren. Das ist nicht nur falsch, sondern verhält sich ironischerweise genau umgekehrt. Der wissenschaftlich informierte Beobachter blickt auf das ganze System und erklärt daraus die Entstehung und Anpassung des Lebens an die Umwelt.

Der Kreationist hält Einzelteile in jeder Hand (rechts: die Umweltbedingungen auf der Erde - links: die biologischen Bedürfnisse der Lebensformen) und wundert sich, warum beide Einzelteile so gut zusammenpassen. Er blickt nur auf die Momentaufnahme, die er von diesem Phänomen angefertigt hat. Er übersieht das größere System und den zeitlichen Verlauf, in dem das erste Phänomen dann das zweite Phänomen absichtslos hervorgebracht hat. Er kann sich diese perfekte Verzahnung nur durch Zauberei erklären - durch einen planenden Himmels-Magier, der beide Teile passend zurechtgefeilt hat.

Das "Staunen des Gläubigen" ist die Folge seiner verengten Perspektive. Die entsteht hier durch fehlendes Wissen.

Gastbeitrag von: Jori Wehner 

Verweise

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.