„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kann Etwas aus dem Nichts entstehen?

Von Nichts kommt nichts...

 

Es wird von einigen Gläubigen immer gerne behauptet, dass von Nichts auch nichts kommen kann. Das sieht dann so aus: 

Von Nichts kommt nichts, das Universum kann also nicht aus dem Nichts entstanden sein. Jemand muss es geschaffen haben - Gott. 

Was ist von dieser Behauptung zu halten? 

Das ist, wenn man das logische und naturgesetzliche Rahmenwerk dieses Universums nimmt, wohl tatsächlich der Fall. Setzt man die Logik und die bekannten Naturgesetze voraus, dann gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass im Universum aus Nichts etwas entstehen kann. Das ist eine korrekte logische Schlussfolgerung. 

Sagen wir also Folgendes: 

(P1) Wenn die Naturgesetze und damit die Logik gelten, kann unmöglich etwas aus dem Nichts entstehen (empirische Beobachtung).
(P2) Die Naturgesetze und die Logik gelten in unserem Universum (empirisch gestützte Annahme).

_______________________________________________________________________________

(S1) Folglich kann nicht Etwas aus dem Nichts entstehen  [1]. 

Selbstverständlich ist (S1) nur unter bestimmten Umständen eine gültige Schlussfolgerung: Erstens, die Logik muss gültig sein - gilt die Logik nicht, so kann man (S1) selbst dann nicht behaupten, wenn (P1) und (P2) korrekte Annahmen sind. Zweitens müssen beide Prämissen wahr sein, ist nur eine von ihnen falsch, dann ist (S1) nicht gerechtfertigt und es kann etwas ganz anderes der Fall sein. 

Wenn aber weder Logik noch Naturgesetze gelten - diese sind vermutlich überhaupt erst mit dem Universum entstanden - dann sind nicht nur die Prämissen (P1) und (P2) falsch, sondern auch (S1) ist ungültig. Man muss sich immer über die Voraussetzungen im Klaren sein, wenn man gültige Schlussfolgerungen ziehen will.

Nun nehmen wir eine weitere logische Schlussfolgerung: 

(S1) Es kann nicht etwas aus dem Nichts entstehen (aus (P1) und (P2))
(P3) Die Welt existiert (Ontologisches Axiom).

_______________________________________________________________________________

(S2) Folglich muss etwas die Welt geschaffen haben - Gott. 

Nun nochmal: (S2) ist gültig unter der Voraussetzung, dass Naturgesetze und Logik gelten, weil nur dann (S1) gültig ist. Gelten weder Naturgesetze noch Logik, dann ist (S1) nicht gerechtfertigt, damit ist (S2) ein ungültiger Schluss. 

Wenn man nun behauptet, dass die Naturgesetze und die Logik nur innerhalb des Universums gelten - also Gott weder den Naturgesetzen noch der Logik unterliegt (letzteres wird aus verschiedenen Gründen nicht von allen Theologen unterstützt), dann ist die Schlussfolgerung (S1) falsch. Die Grundlagen sind nicht gegeben, um (S1) für gültig zu erachten! Ohne die Voraussetzungen kann man nicht behaupten, (S1) sei wahr!


Wenn aber ohne ein existierendes Universum die Voraussetzungen nicht gegeben sind, dann ist (S2) eine falsche Schlussfolgerung. Vor allem gelten die Naturgesetze nicht für Gott, wie die Theologen (mehrheitlich) behaupten. 

Nimmt man nun an, dass kein Gott existiert, dann widersprechen sich (S1) und (P3), und aus sich widersprechenden Prämissen kann man keine logische Schlussfolgerung ziehen. Folglich muss eine der beiden Prämissen - (S1) oder (P3) - falsch sein. Nun kann man (P3) schlecht anzweifeln, wenn man an den christlichen Gott glaubt und auch kaum, wenn man nicht an ihn glaubt. Folglich ist (S1) falsch. 

(S1) ist auch deswegen falsch, weil, wenn noch kein Universum existiert, es weder Naturgesetze gibt, noch die Logik gilt. Daher kann man den Schluss ziehen, dass es ohne ein existierendes Universum möglich ist, dass etwas aus dem Nichts entsteht! Außerdem, wenn man (S1) korrekt aufschreibt, dann lautet (S1): 

(S1) Folglich kann nichts aus dem Nichts entstehen - in diesem Universum.

Damit würde der Beweis so aussehen: 

(S1) Es kann nicht etwas aus dem Nichts entstehen - in diesem Universum.(aus (P1) und (P2).
(P3) Die Welt existiert (Ontologisches Axiom).

_______________________________________________________________________________

(S2) Folglich muss etwas die Welt geschaffen haben - Gott. 

 

Damit klingt dieser Beweis - nach korrekter Formulierung - schon sehr viel weniger überzeugend ... 

Nimmt man nun an, dass Gott existiert, dann ist (S2) nur genau dann gültig, wenn man voraussetzt, dass auch für Gott die Naturgesetze und die Logik gelten. Da aber genau das von den Theisten bestritten wird (mindestens, was die Naturgesetze angeht), ist (S2) eine ungültige Schlussfolgerung. 

Es ist also völlig gleichgültig, ob man an Gott glaubt oder nicht - (S2) ist in jedem Fall ungültig. Der Schluss ist unausweichlich. 

Man kann das analog für den Beweis der ersten Ursache, für Kontingenz und und und machen und kommt immer zu demselben Schluss - ohne die Gültigkeit der Logik und der Naturgesetze für Gott ist ein Schluss auf Gott immer ungültig. Das ist der Denkfehler des gestohlenen Konzepts. Man setzt zunächst die Gültigkeit der Logik voraus, um auf Gott zu schließen. Sobald man dazu gekommen ist, bestreitet man die Gültigkeit der Logik für Gott, was bedeutet, man hätte zunächst nicht auf Gott schließen dürfen. Man benutzt das Konzept der Logik, um auf Gott zu schließen, sobald man dort angelangt ist, zieht man sich selbst den Boden unter den Füßen wieder weg. Damit ist aber jede gemachte Schlussfolgerung ungültig, also auch die, die einen angeblich auf die Spur des "allein wahren Gottes" geführt hat. 

Aus diesem Grund ist die Behauptung, man könne mit seinem Verstand und der Vernunft auf Gott schließen, schlicht falsch. Außerdem ist die Behauptung, das Universum könne nicht aus dem Nichts entstanden sein, ebenso falsch. Es gibt keine Möglichkeit, diese Behauptung zu beweisen. 

Auch die Empirie gilt dann und nur dann, wenn die Naturgesetze gültig sind  [
2]. Also: 

(P1) Wenn die Naturgesetze und damit die Logik gelten, kann unmöglich etwas aus dem Nichts entstehen (empirische Beobachtung). 

(P1) ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Naturgesetze gelten. (P1) ist aber sehr zweifelhaft, wenn diese nicht gelten.

Weitere Schlussfolgerungen


(P4) Nur wenn Logik und Naturgesetze auch für Gott gelten, können wir mit unserem Verstand auf Gott schließen (Logisches Axiom).

(P5) Die Naturgesetze und die Logik gelten nicht für Gott (theistische Behauptung).

_______________________________________________________________________________
(S3) Folglich können wir mit unserem Verstand nicht auf Gott schließen. 

 

Das ist das theistische logische Dilemma. Nimmt man an, dass Gott der Logik unterliegt, kann man nicht auf Gott schließen, mehr noch, Gültigkeit der Logik vorausgesetzt, kann man eventuell darauf schließen, dass der christliche Gott unmöglich existieren kann. Nimmt man an, dass Gott nicht der Logik unterliegt, kann man nicht auf Gott schließen, weil die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. 

Ich denke, wenn man behauptet, dass man von der Welt aus auf Gott schließen kann, dann ist den meisten nicht bewusst, dass sie damit die Gültigkeit der Logik für Gott voraussetzen. Das liegt daran, dass sich Gläubige so wenig für Logik interessieren und daher die Fehler nicht kennen, die sie machen. 

Und selbst wenn man das alles ignoriert und (S2) für gültig erklärt - trotz aller Probleme - dann ist der Schluss, dass es sich um Gott handeln muss, immer noch nicht gerechtfertigt, weil man nur bewiesen hat, dass "etwas" das Universum geschaffen hat. Das können mehrere Götter sein, hochstehende Lebewesen, die keine Götter sind, eine unpersönliche, übernatürliche Kraft, ein einzelner Gott, der aber weder allmächtig, allwissend noch sonst etwas sein muss, ein Gott, dessen einzige Fähigkeit darin besteht, das Universum zu schaffen können, das Universum könnte ein Überbleibsel eines Gottes sein, der sich selbst vernichtet hat usw. usf. 

Außerdem, wenn man behauptet, es könne nicht Etwas aus Nichts entstehen, dann ist dies gleichbedeutend mit der Behauptung: 

(P6) Es existiert kein Grund, aus dem Etwas existiert. 

Allerdings behaupten die Theisten, dass Gott ohne Grund existiert. Sie widersprechen sich also damit selbst, wenn sie behaupten, Gott könne ohne Grund existieren, das Universum aber nicht (beides, Gott und Universum, könnten auch ewig existieren - man kann also die Existenz des Universums auch ohne Gott erklären, wenn man die Hypothese, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, für zu gewagt hält). 

Diese Überlegungen zeigen, dass die Existenz eines Universums, welches nicht geschaffen wurde, nicht logisch widersprüchlich ist, wie oft behauptet wird. 

Ich hatte bereits geschrieben, dass bestimmte Dinge das Vergehen von Zeit voraussetzen. Eine Handlung setzt mindestens voraus, dass es ein "nachher" gibt und zwei Zustände, die sich voneinander unterscheiden. Kausalität setzt aber mehr voraus: Sie setzt voraus, dass es ein "vorher" gibt und ein "hinterher". Wenn es ohne ein Universum keine Zeit gibt, dann gibt es kein "vorher" (auch wenn wir uns das nicht vorstellen können - wir sind eben an eine Raum-Zeit gebunden). Da es ohne Universum kein "vorher" gab, kann Gott das Universum nicht verursacht haben. Es ist daher unsinnig zu behaupten, dass Gott das Universum in irgendeiner Form "verursacht" oder geschaffen haben sollte. Gott hatte keine Zeit, um das Universum zu schaffen. Da Zeit eine Zustandsänderung bedeutet gab es ohne Raum und Zeit auch keine Zustände, die hätten verändert werden können. Erst mit der Entstehung des Universums entstand ein "nachher" und dann Kausalität. 

Man kann daraus schließen, dass das Universum unverursacht entstanden ist. 

Von Gott wird (von christlichen Theologen) angenommen, dass er "außerhalb" von Raum und Zeit existiert - aber das ist eine unsinnige Annahme. Wie soll Gott agieren können, wenn er keine Zeit hat, um eine Aktion durchzuführen? Wie soll er im Universum agieren können, wenn er nicht zeitlich wird? Aber agieren kann er erst, wenn es ein Universum bereits gibt. 

Übrigens bedeutet dies auch, dass beliebig viele Universen existieren können, die alle unverursacht entstanden sind. Vielleicht gibt es in der Mehrheit dieser Universen kein Leben, dass sich darüber wundern kann, dass die Umstände so ungünstig sind, dass es kein Leben gibt. In einigen Universen aber gibt es Leben, welches sich dann darüber wundert, wieso die Umstände so günstig sind, dass Leben entstehen konnte.


Anmerkungen:

  1.  Diese Schlussfolgerung wird oft durch den Hinweis bestritten, dass in der Quantenmechanik Materie und Energie aus dem Nichts entsteht - das ist keine bloße Theorie, sondern beruht auf dem messbaren Casimir-Effekt. Allerdings gilt hierbei, dass die Quantenmechanik die Existenz von Materie voraussetzt, ohne Materie kann also auch nichts aus dem Nichts entstehen. Könnte man nachweisen, dass der Effekt auch ohne jede Materie vorhanden ist, dann hätte man ein empirisches Gegenargument gegen die Schlussfolgerung, aber ein solcher Nachweis ist nicht möglich.
  2. Ein weiterer Einwand ist der: Wenn die Naturgesetze existieren, dann (und nur dann) kann nicht Etwas aus dem Nichts entstehen. Aber, wenn nichts existiert, dann gelten die Naturgesetze nicht, die verbieten, dass Etwas aus dem Nichts entsteht. Folglich ist es logisch möglich. Dasselbe Ergebnis, wenn man die Kausalität einbezieht. Kausalität gibt es nur, wenn Zeit vergeht und die Naturgesetze gelten. Dann kann ein Ereignis sich nicht selbst verursachen. Nun sind aber Zeit und Kausalität erst mit dem Universum entstanden, folglich ist es möglich, dass ein Ereignis - die Entstehung des Universums - sich selbst verursacht.

Verweise

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

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Kommentare: 2
  • #2

    Leho (Samstag, 11 August 2018 22:05)

    Das hört sich nach einem Taschen Spieler Trick an, ich eleminiere die Logik und die Naturgesetze und schon ist alles möglich. Dann wäre auch ein runder Würfel möglich. Oder eine 5 die gerade ist, hier wird die Bedeutung und Definition unsere Worte verdreht! Wir können uns viele unlogisch Dinge vorstellen der Phantasie ist keine Grenze gesetzte doch das Universum und alles andere hat genau das ; Grenzen und gesetzte. Nichts heißt eben nichts! So ist das Wort und das Verständnis dafür. Die logische aller Erkältungen von allen ist und bleibt demnach das es einen Schöpfer gibt und wir über unsere Welt (Universum) nicht hinaus schauen können.

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 17 Juli 2016 14:03)

    Wenn von Nichts nichts kommen kann, kann Gott nichts aus dem Nichts erschaffen.

    Wenn Gott etwas aus dem Nichts erschaffen kann, kann etwas aus Nichts entstehen. Abgesehen, ohnehin, von Gott, denn der kommt auch aus dem Nichts.

    Wenn diese Regel nicht gilt, weil Gott ewig existiert, kann auch die Welt ohne Gott ewig existieren. Auch, wenn unser Universum einen Anfang hat, widerspricht dies nicht dieser Behauptung, denn: Woraus der Urknall hervorging, kann ewig existiert haben. Das ist genau das, was Gläubige behaupten. Nur gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass dies Gott sein muss. Deswegen ist die Existenz von Etwas kein Beweis für Gott. Was man lediglich bewiesen hat, ist, dass die Welt aus etwas hervorging, was ewig existierte. Gott ist davon nur die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten.

    Zudem verstehen die Gläubigen unter "Nichts" ein Gebilde ohne Eigenschaften und ohne Regeln. Außer, dass irgendwie doch die Regel gilt, dass daraus nichts entstehen kann. Woher kommt diese Regel, wenn doch keine gilt? Abgesehen davon, dass "hat keine Eigenschaften und unterliegt keinen Regeln" die Definition von Nichtexistenz ist. Diese Art von "Nichts" kann nicht existieren und hat nie existiert. Abgesehen davon, dass in dem Nichts ja auch Gott irgendwie existieren muss und seine Regeln gelten, wenn er welche machen könnte.


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