„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Christliche Werte

Beharrlich hält sich das saudumme Gerücht, dass unsere westliche Gesellschaftsordnung auf christlichen Werten aufbauen würde. Dabei mussten doch Demokratie, Frauen- und Menschenrechte, Rechtsstaat, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, Individualismus, Toleranz, Liberalität usw. GEGEN DIE KIRCHE erkämpft werden. Unsere westlichen Werte sind viel eher in der griechischen und römischen Antike zu verordnen, und bei den Denkern und Kämpfern des Humanismus und der Aufklärung, die unsere Werte aus der Blaupause des christlichen, dunklen Mittelalters zurückgeholt und erweitert haben.

Die Lüge von den christlich-westlichen Grundwerten wird an dieser Stelle oft damit verteidigt, dass behauptet wird, die Kirche habe die christliche Religion missbraucht oder missverstanden. In Wahrheit würden die westlichen Werte aber aus dem Christentum hervorgehen. Auch das ist falsch:

·         Demokratie: Entweder man ist für die Herrschaft des Volkes, oder für       die Herrschaft Gottes (Theokratie).

·         Frauenrechte: Entweder man ist für Frauenrechte, oder man folgt der   Bibel (z.B. Epheser 5, Vers 23, Neues Testament)

·         Menschenrechte: Entweder Menschen haben unveräußerliche Rechte,       oder sie haben sich vollständig Gottes Willen unterzuordnen.

·         Rechtsstaat: Entweder man ist für Rechtsstaatlichkeit, oder die Heilige     Schrift und Gott sollen richten.

·         Religionsfreiheit: Entweder man ist für Religionsfreiheit, oder man folgt   den dutzenden Tötungsbefehlen gegen Heiden und Ungläubigen in der       Bibel.

usw.

Hier ein Vortrag von Volker Dittmar zum Thema "Sind christliche Werte die Grundlage unserer Gesellschaft?":

Und noch eine etwas besser verständliche, reine Audiofassung:

Außerdem schreibt Dittmar:

So, jetzt kann ich erklären, warum ich diese Frage gestellt habe: Ich habe gestern Abend einen Vortrag über "Christliche Werte" in Bremen gehalten. Der Vortrag erfolgte aufgrund einer Einladung des HVD.

Im Vorweg ist mir Folgendes aufgefallen: Zwar werden an vielen Stellen im Internet, im Blätterwald, im Fernsehen, die Wichtigkeit der christlichen Werte für unsere Zivilisation geradezu beschworen. Wenn man aber fragt, was diese Werte inhaltlich bedeuten, bricht das große Achselzucken aus. Wie einige hier im Forum feststellen mussten, helfen einem bei dieser Frage weder Tante Google noch Onkel Wiki in irgendeiner Form weiter.

Fragt man: Was sind die humanistischen Werte? ist das nicht der Fall. Wenn man drei oder vier aktive Humanisten danach fragt, bekommt man schon eine fast vollständige Liste dieser Werte genannt. Selbst wenn man Christen fragt, oder andere Nichthumanisten, bekommt man schon recht schnell eine fast vollständige Aufzählung dieser Werte - ohne dass dazu Google bemüht werden müsste.

Hingegen wird die Frage nach den christlichen Werten nicht oder falsch beantwortet. Wie Mecky schon festgestellt hat: Normen und Gebote moralischer Art sind keine Werte! Werte sind alles, was uns wertvoll erscheint. Normen sind Mittel zu dem Zweck, die in den Werten definierten Ziele zu erreichen.

Wenn man wissen will, was christliche Werte "eigentlich" sind, muss man aus den Normen schon eine Art reverse Engineering betreiben. D. h., man muss von den Mitteln auf die beabsichtigen Ziele zurückschließen. Wenn als Wert "Nächstenliebe" genannt wird, muss man leider sagen, dass es sich um einen Teil des "Doppelgebots der Liebe" handelt: Du sollst Gott von ganzem Herzen und Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Das ist eine moralische Forderung, kein Wert. Nächstenliebe wäre ein Mittel, um Frieden unter den Menschen zu erreichen - und Frieden ist in der Tat ein Wert (genauer: friedliches Miteinander). Was Gott in diesem Gebot soll ist aber nicht auf den ersten Blick ersichtlich, eigentlich ist Gott sogar höchst überflüssig. Für Streit sowie Frieden unter den Menschen braucht man keinen Gott. Beides geht ganz gut auch ohne.

Die sich anschließende Frage wäre: Warum ist das so? Warum wird die Wichtigkeit der christlichen Werte so sehr betont, ohne dass man inhaltlich weiß, wie diese aussehen?

Es ist natürlich so - und wurde hier wie auch anderswo vorgeschlagen - dass man die humanistischen Werte okkupiert, um den Knoten zu zerschlagen. Aber, historisch gesehen, hat sich der Humanismus daraus gebildet, dass man an die Werte und Ideen der vorchristlichen Antike wieder angeknüpft hat. Sozusagen um das (heidnische) griechisch-römische Erbe unserer Kultur wieder zu reklamieren. Diese Werte haben sich historisch nach langen Kämpfen durchgesetzt, und nachdem mehr und mehr Christen allmählich auf diese Seite gezogen wurden, deklarierte man kurzerhand die gegen christlichen Widerstand erstrittenen humanistischen Werten für christlich.

Man kann sich förmlich vorstellen, wie - nachdem sich die Forderung nach Gleichberechtigung der Menschen allmählich durchgesetzt hat und in Konsequenz zur Ächtung der Sklaverei führte - Christen die Bibel durchblätterten um eine biblische Begründung für diesen Umstand zu finden, nachdem man doch weit über tausend Jahre unter christlicher Ägide Sklaverei betrieb! Nach langem Suchen wurde man fündig: Die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott begründet eine Gleichheit der Menschen! JETZT endlich kann man dies auch als christlichen Wert reklamieren! Sieg!

Das hat nur ganze drei Schönheitsfehler:

1. Aus der Gleichheit der Menschen folgt nicht eine Gleichberechtigung der Menschen! Aus dem SEIN folgt kein SOLLEN (naturalistischer Fehlschluss).
2. Die Gleichheit aller Menschen ist faktisch falsch. Wir sind eben nicht alle gleich. Menschen sind sich ähnlich, mehr oder weniger, aber nicht gleich.
3. Es ist unerfindlich, warum man die humanistische Revolution brauchte, um zu dieser ebenso bahnbrechenden wie falschen Erkenntnis zu kommen.

Außerdem folgt aus einer Gleichberechtigung aller Menschen automatisch nicht nur eine Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch eine Gleichstellung der homosexuellen Ehe mit der gemischtgeschlechtlichen Ehe. Humanisten haben kein Problem damit, diese Forderung zu akzeptieren, die Kirche und gerade viele Christen tun sich aber notorisch schwer damit. Es ist aber keine Neuigkeit, dass Christen auf dem Gebiet der Moral sich recht schwer damit tun, logische Schlussfolgerungen zu akzeptieren. Außerdem übersieht man dabei, dass Humanisten heutzutage - nach der Aufklärung - kaum noch Christen sein können. Zwar zählt der (gegen die Christen) erstrittene Wert der Religionsfreiheit zu den humanistischen Werten - eine Rückkehr zur heidnischen Idee der Religionsfreiheit - aber man muss sich schon entscheiden, ob man Humanist sein will oder Christ. Beides geht schlecht zusammen (als Humanismus noch eine reine Bildungsbewegung war, konnte man das leicht miteinander verbinden)! Denn Religionsfreiheit geht nur, wenn man die Gleichberechtigung der Religionen voraussetzt. Tut man dies, hat man keinen Grund mehr, einer Religion zu folgen, die für sich reklamiert, die "einzig wahre" Religion zu sein. Zudem muss man dann in Konsequenz auch jede Form der Privilegisierung einzelner Religionen abschaffen. Das geht gegen jede christliche Agenda! Deswegen wissen Humanisten, dass sie nicht gleichzeitig Christen sein können, während umgekehrt Christen dies gerne ignorieren, weil man ja auch gerne humanistisch wäre. Das finde ich durchaus löblich, wenn auch inkonsequent.

Denn schon das erste der zehn Gebote ist weder mit Religionsfreiheit zu verbinden noch mit unserer Verfassung. Ob ich null, einen, zwei oder noch mehr Götter verehre ist alleine meine Sache - kein Gott hat mir da etwas zu gebieten! Kein Christ kann sich aber als Humanist bezeichnen, wenn er nicht konsequent die Abschaffung sämtlicher Kirchenprivilegien in unserem Staat fordert. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

Aber fragt Euch doch einmal selbst: Warum können Christen kaum sagen, was christliche Werte sind? Warum fällt Euch schwer, was Humanisten aus dem Stegreif beantworten können, wenn es um humanistische Werte geht? Warum sollen diese christlichen Werte wichtig sein, wenn man nicht einmal weiß, was das sein soll?

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Kommentare: 9
  • #9

    WissensWert (Mittwoch, 21 Dezember 2016 01:52)

    Jaein,

    Unsere Gesellschaft hat EINIGE VON VIELEN Wurzeln im Christentum,
    so wie die Chemie Wurzeln in der Alchemie und die Astronomie Wurzeln in der Astrologie hat.

    Was ich sagen möchte: we´ve evolved.

    Und wir sollten mit veraltetenden Erklärungsversuchen genauso umgehen wie die Chemie und Astronomie und den Hirtenkult namens "Christentum" abstoßen.

  • #8

    Pastor P. (Mittwoch, 21 Dezember 2016 01:50)

    willst du etwa leugnen, dass unsere Gesellschaft ihre Wurzeln im Christentum hat?

  • #7

    WissensWert (Donnerstag, 01 Dezember 2016 11:45)

    Mich ärgert, dass ...

    ... immer noch von Christen so getan wird, als seien die humanistischen Werte "eigentlich" christliche Werte. In Wahrheit ist der Humanismus entstanden, um an die vorchristlichen, heidnischen Werte anzuknüpfen, um das griechisch-römische Erbe anzutreten.

    ... so getan wird, als ob christliche Werte die Grundlage des Abendlands seien. Dazu halte ich morgen einen Vortrag (in Hamburg). Dabei wissen nicht einmal Christen, wenn man sie fragt, was denn christliche Werte eigentlich sind.

    ... immer noch die absurde Frage gestellt wird, woher Atheisten ihre Moral haben. Oder dass so getan wird, als ob "eigentlich" der Nihilismus die atheistische Grundposition sei. Das wird so oft wiederholt, dass man schon an der Lernfähigkeit von Christen zweifeln muss.

    ... so getan wird, als ob die 10 Gebote die Grundlage unseres Staates seien. Dabei ist schon das erste Gebot ein Verstoß gegen das Grundprinzip unserer Verfassung, das Religionsfreiheit gebietet.

    ... Christen sich anmaßen, ihren eingebildeten Gott für eine brauchbare Grundlage unserer Moral halten.

    ... man die Unverschämtheit besitzt, uns Hitler und Stalin als atheistische Prototypen vorzuführen, obwohl beide keine Atheisten waren, sondern von den Kirchen ihres jeweiligen Landes massiv unterstützt wurden.

    ... man uns Positionen unterstellt, die nicht die unseren sind - etwa, dass wir glaubten, dass das Universum durch Zufall aus dem Nichts entstanden sei. Dieser Blödsinn wird von keinem Atheisten geteilt, den ich kenne.

    ... dass man immer noch kämpfen muss, damit die Evolutionsbiologie und das Darwin-Wallace-Prinzip anerkannt wird. Und wenn man sich durchsetzt, dann kommen die Christen wieder an, springen auf den Zug auf, und erklären sich für die Anführer einer solchen Bewegung, bloß weil sie sich einbilden, sie könnten ihren Gott und die Evolution in Einklang bringen.

    ... man uns vorwirft, aggressiv, militant, fundamentalistisch zu sein, dass es sich "auch nur um einen Glauben" handelt, dass Atheismus eine Religion sei u. v. a. m. Leute, das ist blühender Blödsinn!

    ... man alle rhetorischen Register zieht, um uns zum Schweigen zu bringen, dass man uns missionarischen Eifer vorwirft - das müssen wir uns von Leuten anhören, die kleine Kinder im Religionsunterricht, für den auch wir Steuern bezahlen, massiv beeinflussen.

    ... der deutsche Staat 19 Milliarden Euro den christlichen Kirchen jedes Jahr in den Rachen wirft, wobei darin weder die Kirchensteuer noch die Aufwendungen für soziale Dienste enthalten sind.

    ... immer noch so getan wird, als ob Glauben irgendeine Form von Erkenntnis sei, die auf Augenhöhe mit der Wissenschaft steht.

    Ich könnte noch mehr aufzählen. Und alles, was man bekommt, ist das Geschwurbel inhaltsleerer Schwätzer.

    Ja, wir haben jeden Grund, wütend zu sein. Wir werden seit Jahrhunderten verleumdet, und nur weil ein paar Christen Kreide gefressen haben, aber immer noch ihre Wichtigtuereien von sich geben, fühle ich mich nicht besänftigt.

  • #6

    WissensWert (Dienstag, 18 Oktober 2016 01:28)

    "Entweder es geht letztlich nur um die Werte, die ich für wesentlich halte, dann brauche ich keine heiligen Texte, aus denen ich diese Werte mühsam auslesen bzw. herauslesen muss. Oder ich unterstelle mich der Autorität der heiligen Texte, dann darf ich nicht nach eigenem Gutdünken daraus auswählen."

    Hubert Schleichert, Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren, C.H. Beck, München 1999, S. 97 f.

  • #5

    WissensWert (Freitag, 08 Juli 2016 01:49)

    https://www.youtube.com/watch?v=4a8ZXREQzac ab 16.00min

  • #4

    WissensWert (Freitag, 01 Juli 2016 15:29)

    Nida-Rümelin zeigt auf, dass es historisch falsch sei, die Moral als durch Religion entstanden anzusehen. Im Zuge der Diskussion um den Ethikunterricht kritisierte Nida-Rümelin den alleinigen Anspruch von Religionsgruppen auf Moral. Auch Agnostiker könnten moralisch sein. Ethische Schriften, etwa von Seneca, zeigten, dass feste Werte ohne die Berufung auf einen Gott möglich seien. Humanismus als Leitkultur bezieht sich auf dem normativen Grundkonsens einer humanen und offenen Gesellschaft.

  • #3

    Seelenlachen (Mittwoch, 27 April 2016 02:28)

    Hoffnung ist kein Wert, Werte sind der Definition nach aktual, Hoffen heißt aber gerade, dass etwas noch nicht da / nicht sicher ist.

  • #2

    Pfarrer G. (Mittwoch, 27 April 2016 02:17)

    Hoffnung ist ein Wert der Gemeinde Christi

  • #1

    WissensWert (Freitag, 22 April 2016 15:14)

    https://www.youtube.com/watch?v=6SanwGg00jI


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