„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Wissenschaftskritik und Elektronen

1. Angriff auf den Physikalismus

Schön und gut. Jetzt wissen wir, dass das Elektron Träger gewisser Eigenschaften ist. Warum ein Elektron gerade diese und nicht andere Eigenschaften hat oder was ein Elektron seinem Wesen nach ist, haben wir damit aber noch nicht geklärt.

Und ein Naturwissenschaftler (Physiker, Chemiker, Biologe, Geowissenschaftler, Astronom usw.) wird auch nie nur eine dieser Fragen beantworten können. Denn ein Naturwissenschaftler kann ja stets nur Beobachtungen machen, Experimente durchführen und damit Ladungen von Elementarteilchen oder ganz andere Größen messen. Er kann die Messerhebungen und mathematischen Modelle dann immer genauer fassen und mögliche Fehlerquellen immer weiter ausgrenzen und das immer und immer wieder, aber halt nicht mehr.

Offensichtlich hat es die Natur so eingerichtet, dass das Elektron eine bestimmte, quantitative, negative elektrische Elementarladung, eine Massenverteilung uvm. besitzt. Mit dem Wissen um diese Eigenschaften gibt sich der Naturwissenschaftler auch schon zufrieden. Auf die Frage aber, was etwa die Elementarladung eines Elektrons ist, wird der Naturwissenschaftler nur die Antwort geben können, dass es sich hierbei um eine bestimmte Weise handelt, wie der Gegenstand Elektron sich unter definierten Bedingungen verhält. Eine Wenn-Dann-Eigenschaft also.

Was aber Eigenschaften wie Ladung, Energie oder Masse über bloße relationale Verhaltensweisen hinaus jeweils sind, bleibt der naturwissenschaftlichen Methode auf ewig verborgen. Es wäre eine metaphysische Frage, was das Wesen von physikalischen Gegenständen und Eigenschaften ist, was für eine Substanz ihnen zugrunde liegt oder in welcher Realität sie sich jenseits ihrer bloßen Erscheinung befindet. Und solche metaphysische Fragen, etwa nach dem Wesen von Eigenschaften, kann die Naturwissenschaft prinzipiell nicht erklären.

2. Gegenrede des Physikalismus

So ähnlich argumentierte zumindest ein Bekannter vor kurzem. Auf den ersten Blick scheint dieser oft herangetragene Kritikpunkt auch schlüssig zu sein, er entpuppt sich beim zweiten jedoch als ein Kategorienfehler„Eigenschaft“ und „Substanz“ werden vergegenständlicht.

Der materialistischen Ontologie zufolge haben Eigenschaften selbst kein Wesen, sondern nur die Gegenstände selbst - und eben jene materialistische Ontologie ist das Grundgerüst der physikalistischen Weltauffassung! Die essentiellen Eigenschaften eines Gegenstandes bestimmen also sein Wesen, haben aber selbst kein eigenes. So kann man bspw. fragen, wodurch sich ein Gegenstand mit einer (bestimmten) Elementarladung auszeichnet, nach einem Wesen der Elementarladung zu fragen würde aber voraussetzen, dass auch diese Eigenschaft durch weitere Eigenschaften gekennzeichnet wäre, dann aber ließe sich fragen welche Eigenschaften diese Eigenschaft konstituieren usw.

Wenn sich das Wesen von etwas durch dessen Eigenschaften charakterisieren lässt, wovon die Philosophie der Physik ausgeht, führt die Frage nach dem Wesen von Eigenschaften in einen unendlichen Regress. Diesem ist nur entgegenzuwirken, wenn man Eigenschaften selbst keine Eigenschaften zubilligt, sondern nur den Gegenständen.

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