„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der grammatikalische Gottesbeweis

Robert Spaemann ist ein katholischer Theologe, der sich der mäßig interessierten Öffentlichkeit gern als “Naturphilosoph” vorstellen lässt. Als Höhepunkt seines Schaffens hat Spaemann vor einigen Jahren einen grammatikalischen Gottesbeweis an den Start gebracht. Und der geht (etwas gekürzt) so:

1.    „Das Futurum exactum, das zweite Futur ist für uns denknotwendig mit dem Präsens verbunden. Von etwas sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. In diesem Sinne ist jede Wahrheit ewig […] Das Gegenwärtige bleibt als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen immer wirklich.“

2.    „[…] Aber von welcher Art ist diese Wirklichkeit? …] Es hat seine Wirklichkeit eben im Erinnert werden. […] Aber die Erinnerung hört irgendwann auf.“

3.    Wenn die zukünftige Erinnerung auf Vergangenes endet, hat es auch nie eine Gegenwart gegeben: „Der Satz »In ferner Zukunft wird es nicht mehr wahr sein, dass wir heute Abend hier zusammen waren« ist Unsinn. Er lässt sich nicht denken. […] Wer das Futurum exactum beseitigt, beseitigt das Präsens.“ Und das kann nicht sein entsprechend (1.)

4.    „Aber noch einmal: Von welcher Art ist diese Wirklichkeit des Vergangenen, das ewige Wahrsein jeder Wahrheit? Die einzige Antwort kann lauten: Wir müssen ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein. Kein Wort wird einmal ungesprochen sein, kein Schmerz unerlitten, keine Freude unerlebt.  Geschehenes kann verziehen, es kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wenn es Wirklichkeit gibt, dann ist das Futurum exactum unausweichlich und mit ihm das Postulat des wirklichen Gottes.“

5.    Zusammenfassend kann gesagt werde, alle Tatsachenwahrheiten sind ewige Wahrheiten. „Keine Tatsache wird jemals wieder falsch. Dies heißt aber, dass weder die Natur noch der menschliche Geist der Ort dieser Wahrheit sein können. Es kann also nur ein unendliches Bewusstsein sein. Ein solches absolutes Bewusstsein können wir nur Gott zuschreiben“

Da ich keine Lust hatte Spaemanns bescheiden betiteltes Buch “Der letzte Gottesbeweis” zu kaufen, zitiere ich hier aus dem Aufsatz “Glaube und Vernunft” von Tilo Rabs.

 

Spaemanns Fehler liegt in der völlig unbelegten Behauptung der Punkte 2 und 3: Faktisches bleibt nicht faktisch, weil sich jemand daran erinnert. Sondern, weil es geschehen ist. Ansonsten wären Fakten, von denen nur ich allein weiß, die ich dann aber vergesse, keine Fakten mehr. Wenn ich aber vor dem Urlaub den Gasherd aufdrehe, schützt mich auch Vergessen nicht vor dem Hausbrand. Ein Baum im Wald fällt auch dann um, wenn niemand zusieht. Daher muss Faktisches auch nicht irgendwie in einem Bewusstsein gespeichert werden.

 

An diesem Punkt ist die Diskussion eigentlich vorbei: Mit dem Wegfall der Punkte 2 und 3 bricht Spaemanns Ansatz zusammen, der Beweisgang ist ungültig.

 

Aber die Frage bleibt: Wie kommt Spaemann auf diesen Logikspagat? Ich vermute, dass er sich als Ausgangspunkt in der Welt umschaut und sagt “Hm, es gibt so viel Leid. Es gibt aber ganz, ganz sicher einen allgütigen, allmächtigen Jahwe. Wie kann das sein?” Seine Lösung für dieses Dilemma ist die vieler Christen: “Ja, wenn du vergewaltigt wirst, dann leidest du zwar, aber der gütige Gott leidet mit dir, und darum ist alles wieder gut.” Was es mir helfen soll, wenn jemand zuschaut, während ich gefoltert werde, bleibt mir unklar. Na gut. Spaemanns Problem: Wenn es aber Gott mit seinem ewigen Bewusstsein nicht gibt, dann bricht dieses Hilfkonstrukt zusammen und das Leid in der Welt wäre – oh Schreck! – sinnlos. Für Spaemann ein unmöglicher Zustand. Also muss es Jahwe geben. Das ist der Ausgangspunkt für seinen Gottesbeweis: Es gibt den Gott, und um das Leid auf der Welt zu erklären, muss der Gott mit den Menschen mitleiden. Wenn der mitleidende Geist nicht ewig wäre, dann wäre die Erinnerung an geschehenes Leid irgendwann vorbei, das Leid würde also nachträglich sinnlos. Das kann laut Spaemann nicht sein. Also muss der ewige Gott existieren. Punkt.

 

 

Kurz: Spaemann setzt also die Existenz seines Gottes voraus, um dann nach einigem (falschen) Argumentieren die Existenz seines Gottes zu folgern. Sein Weltbild bleibt dabei unglaublich verengt und widersprüchlich.

Bewertung des Gottesbeweises: 7/10 Piepvögel, 0/10 Überzeugungspandas.

Gastbeitrag aus: manglaubtesnicht

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Donnerstag, 20 Oktober 2016 21:07)

    http://kwakuananse.de/http:/kwakuananse.de/archives/robert-spaemanns-gottesbeweis/

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 20 September 2016 22:52)

    http://kwakuananse.de/http:/kwakuananse.de/archives/robert-spaemanns-gottesbeweis/

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 27 März 2016 00:03)

    http://www.welt.de/print-welt/article560135/Der-Gottesbeweis.html


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