„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Scham

1. Geschlechterasymmetrie der Blöße

Wir stehen uns (z.T.) immer und unweigerlich entblößt gegenüber.

Spätestens wenn man eine Frau einmal im Bikini gesehen hat, kann man sich "den (eigentlich nicht entblößten) Rest" großteils denken. Sie hält einem wenn überhaupt dann nur noch die Qualität, nicht aber mehr die quantitative Dimension der bedeckten Körperteile vor. Gewissermaßen steht sie bereits im Bikini entblößt vor einem und kann auch durch ein Pushen und Quetschen von Körperteilen nichts mehr vortäuschen.

Der Mann dahingegen ist in Unterwäsche noch nicht vollständig entblößt. Zwar dürfte das wachsame Frauenauge auch in einer engeren Hose die ungefähre Penisgröße eines sich bewegenden Mannes erkennen, die Phallusgröße im erigierten Zustand, auf die es "eigentlich ankommt" (oder dessen erigierte Qualität / Härte), bleibt aber auch in der engsten Badehose unerkennbar. Die Größe des Penis ist in einem gewissen Sinne das letzte Geheimnis, dass der Mann vorsexuell gegenüber der Frau hat. Die Frau hat dieses „letzte Geheimnis“ nicht, sie ist schon in figurbetonter Kleidung weitestgehend (mit kleineren Ausnahmen wie etwa den Brustwarzen, Größe der inneren und äußeren Schamlippen) entblößt.

2. Warum überhaupt Scham?

Ein Weg mit dieser omnipräsenten Blöße umzugehen, ist es nun, unsere Körper(konturen) möglichst unersichtlich zu halten und sie nicht mehr anzuschauen (wie es etwa der Koran mehrfach befiehlt). Intelligenter und fortschrittlicher ist es aber, sich zu fragen, woher unser Problem mit Nacktheit bzw. unser Scham rührt. Scham bei Nacktheit zu verspüren, hat viel mit Angst (vor negativen Reaktionen) zu tun und ist primär ein psychosoziokulturelles, kein evolutionäres Phänomen. D.h. man kann Scham ablegen, z.B. durch eine Therapie. Indigene Völker laufen problemlos Tag und Nacht nackt herum und ich glaube, diese Völker sind viel freier vor Blöße und Scham – und vor allem vor gedanklichem Besitzergriff und Eifersucht, als das ein strengislamisches Land oder ein erzkatholisches Kloster je sein könnten. Sie nehmen Nacktheit als das, was es ist: natürlich.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 28 März 2016 17:45)

    Wenn man sich für etwas nicht schämt, beispielsweise seinen Körper oder sein Auto, nimmt man potentiellen Kritiken die komplette Angriffsfläche.


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