„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Religionskritik: Logik & Gefühle

Wenn Sie Ihre Gefühle über Ihre Ratio stellen, um zu glauben, dann bedenken Sie bitte eines: 

Es ist weder mit dem Verstand noch mit dem Gefühl möglich, an zwei einander widersprechende Dinge gleichzeitig zu glauben. 

Wenn ich Ihnen sage: "Diese Kugel hier ist gleichzeitig vollkommen weiß und vollkommen schwarz", und sie wollen das von ganzen Herzen glauben - dann geht es trotzdem nicht. Sie können an Wunder glauben, aber sie können nicht an 
Widersprüche glauben. 


Wenn man den Glauben als ein starkes Gefühl der Überzeugung sieht, so ist dies eine Einstellung, die ich respektieren kann. Dieses Gefühl kenne ich sehr gut. 

Wer gerne mehr über das "religiöse Grundgefühl" wissen möchte, dem sei folgende Lektüre empfohlen:
Religion aus naturwissenschaftlicher Sicht.


Viele Leute schließen dann daraus, dass "Glauben" etwas höherwertiges ist als "Wissen". Vom Wissen kennt man diesen Grad der Überzeugung nicht. Wenn es also zu Konflikten zwischen "Glauben" und "Wissen" kommt, dann ist das Pech für das Wissen, da dieses immer "den Kürzeren zieht". 

Nun ist die Frage: Was hat Vorrang? Ich behaupte: Vorrang sollte der Verstand haben. 

Warum? Gefühle selbst sind stumm. Sie haben keine eigene Sprache, sondern basieren auf körperlichen Empfindungen. Emotio und Ratio sprechen nicht dieselbe Sprache. Wir können darüber reden, in dem wir die Gefühle in Worte fassen: Bei dieser Übersetzung gehen meist Informationen verloren. Wir können diese fehlenden Informationen über Empathie 
teilweise rekonstruieren, bestenfalls vielleicht sogar vollständig. Aber immer mit einer großen Unsicherheit. Sicher kann ich mir nur meiner eigenen Gefühle sein (und selbst da ist es schon schwierig). 

Stammesgeschichtlich sind Gefühle ziemlich alt. Sie sind vor dem Bewusstsein entstanden. Hunde z. B. können viele Gefühle, die ich habe, ebenfalls empfinden: Freude, Begeisterung, Zuneigung, Liebe, Wut, Ärger, Angst, Trauer usw. usf., also sowohl die positiven als auch die negativen Gefühle (bis auf Pseudogefühle wie Ehrgefühl, Pflichtgefühl etc. die nicht wirklich existieren - ein anderes Thema). 

Wenn also Konflikte zwischen Gefühl und Verstand auftreten, wem gebe ich den Vorrang? Dem Stammesgeschichtlich älteren Teil oder dem neueren Teil, welcher mich erst zu einem Menschen macht? 

Wenn es keinen Konflikt gibt, prima, dann freue ich mich. 

Aber wie sieht es in anderen Bereichen aus?

  • Mein Gefühl und meine Anschauung sagen mir, dass sich die Sonne um die Erde dreht.
  • Mein Gefühl und meine Anschauung sagen mir, dass diese Welt nach der Schulgeometrie aufgebaut ist.
  • Mein Gefühl und meine Anschauung sagen mir, dass Materie etwas Kompaktes ist.
  • Mein Gefühl sagt mir, dass der Mensch etwas ganz Besonderes im Universum ist.

 

Man kann diese Liste beliebig verlängern. Um einige dieser Dinge wurde blutiger Streit geführt. Besonders um den letzten Satz, wenn man "Mensch" durch "Arier" oder "Mitglied einer Gruppe oder Gesellschaft" o. Ä. ersetzt. 

Aber viele dieser Konflikte sind entschieden - vom Verstand. Gefühl und Anschauung, obwohl gegen den Verstand verbündet, haben in mindestens drei (wenn nicht allen vier) dieser Fragen Unrecht behalten. 

Und nun zum Konflikt aller Konflikte, quasi der "Mutter allen Streits". Ich vertrete meine Meinung. Mein Gefühl sagt mir, dass ich absolut Recht habe. Du vertrittst eine andere Meinung. Warum? 

Dafür kann es doch nur folgende Gründe geben:

  • Du kannst es nicht einsehen (Dummheit, Unfähigkeit).
  • Du willst es nicht einsehen (Unwille, Bösartigkeit).

 

Ich werde dann entsprechend handeln. 

Andererseits: Wenn ich meinen Verstand befrage, dann sagt mir der: "Ich könnte Unrecht haben - mit allem, was ich sage, Du könntest Unrecht haben - wir brauchen mehr Informationen, um den Streit zu entscheiden, wir müssen weiter nachdenken". Wer hat nun recht: mein Verstand oder mein Gefühl? 

Ich weiß es nicht, aber es wäre besser, mein Verstand hätte recht, denn dann müsste ich Dir keine Uneinsichtigkeit unterstellen. Und es wäre mir auch lieb, wenn Du zu derselben Entscheidung kämest, denn dann können wir darüber reden. Über das Gefühl des "Ich bin mir sicher, ich habe recht" können wir nur dann diskutieren, wenn wir den Verstand als oberste Schlichtungsinstanz anerkennen. 

Der "historische Beweis" sieht so aus: Während in den letzten 200 Jahren viele Kriege aus religiösen Gründen geführt wurden, wurde noch kein einziger Krieg aus "wissenschaftlichen Gründen" vom Zaun gebrochen. Wissenschaft führt eine Konvergenz (= allmähliche Übereinstimmung der Meinungen und Ziele, Zusammenstreben) durch, historisch etwas vollkommen Einmaliges. Während Europa den 2. Weltkrieg führte, haben sich die Wissenschaftler aller beteiligten Länder weiter getroffen und ihre Auffassungen vereinheitlicht (misstrauisch beäugt von den jeweiligen Ländern, oft am Rande des Spionageverdachts). Während des kalten Krieges zwischen Amerika, Europa, der Sowjetunion sowie China haben die Wissenschaftler der Länder sich auf grundlegend-bahnbrechende Dinge geeinigt. Dabei neigen Wissenschaftler genauso zum Streit und zur Rechthaberei wie fast alle anderen Menschen auch. 

Während die Politiker sich stritten, weil sie fühlten, dass sie im Recht sind, und ihnen ihre Völker darin folgten, sagten sich die Wissenschaftler "Gleichgültig, ob ich fühle, dass ich im Recht bin, das ist irrelevant, lasst es uns ausdiskutieren" - und sie einigten sich. Leider missbrauchten die Politiker der Welt die Macht, die die Wissenschaftler daraus gewannen, weil sie fühlten, dass sie im Recht waren, wenn sie Massenvernichtungswaffen einsetzten ... 

Ich denke, wir Menschen kämen besser zurecht, wenn wir dieses Gefühl "Ich habe recht" ganz schnell zu den Akten legen würden, so schwer uns das auch fällt. Privat darf ja jeder denken, was er will, und solange dieses Gefühl ihn zu keiner Handlung nötigt, ist das auch in Ordnung. Solange ich dieses Gefühl nur als inneren Antrieb benutze, um noch sorgfältiger nachzudenken und meine Argumente noch präziser zu fassen (und um meine Irrtümer klarer zu sehen) ist das OK. 

Mein Gefühl sagt mir auch jetzt, ich sei absolut im Recht, aber ich bestehe nicht darauf, sondern sage: Es mag sein, dass ich mich irre. Wie sehen denn Deine Einwände aus, wo muss ich mich korrigieren, was ist falsch an dem, was ich sage, wo können wir uns einigen? Es fällt mir schwer, das zu sagen, weil ich ein verbohrter, sturer, rechthaberischer Betonkopf bin, aber über diesen Schatten springe ich, und wenn es mir weh tut und ich mir den Kopf stoße.
 

Konfusius, er zitiert: "Unvermeidlich schlägt die Stunde, wo der Gefühlsglaube durch den Verstandesglauben ersetzt wird" (John William Draper)

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

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