„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Prophezeiungen in der Bibel

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Einer der Gründe, warum Christen die Bibel als göttlich inspiriert ansehen sind die Prophezeiungen, wie ich unter Wie man dafür sorgt, dass es nur richtige Vorhersagen gibt beschrieben habe. Daraus, so wird geschlossen, kann man zeigen, dass die Bibel göttlich inspiriert ist - ein Fehlschluss, wie die Bibel selbst sagt: 

5 Mose 13:2-4
2 Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht oder einer, der Träume hat, und er gibt dir ein Zeichen oder ein Wunder,
3 und das Zeichen oder das Wunder trifft ein, von dem er zu dir geredet hat, indem er sagte: `Laß uns anderen Göttern - die du nicht gekannt hast - nachlaufen und ihnen dienen!',
4 dann sollst du nicht auf die Worte dieses Propheten hören oder auf den, der die Träume hat. Denn der HERR, euer Gott, prüft euch, um zu erkennen, ob ihr den HERRN, euren Gott, mit eurem ganzen Herzen und mit eurer ganzen Seele liebt.

Anders gesagt, auch eine wahre Prophezeiung ist nicht unbedingt ein Zeichen einer göttlichen Inspiration. Und wenn man sich Propheten wie beispielsweise Nostradamus ansieht, dann ist das auch gerechtfertigt, denn kein Christ käme auf die Idee, diesen Weissagungen zu unterstellen, sie kämen von Gott selbst. Hinzu kommt, dass kaum jemand nur Prophezeiungen machen wird, die nie eintreffen. Ist also jede Weissagung göttlichen Ursprungs? Nein. Aber wie soll man dann göttliche von nichtgöttlichen Prophezeiungen unterscheiden? 

Über das Eintreten der Prophezeiung? Das hatte ich bereits unter 
Logische Zirkel / Im Teufelskreis des Glaubens ausführlich kritisiert. Dieser Weg ist keinesfalls möglich. Von bibelfesten Christen wird meist davon ausgegangen, dass nur im Namen Gottes gemachte Prophezeiungen, die auch tatsächlich eintreffen, göttlichen Ursprungs sind - aber selbstverständlich kann man auch einfach behaupten, diese oder jene Prophezeiung sei von Gott inspiriert oder eingegeben worden. Nachweisen kann man diese Behauptung - so die Weissagung zutrifft - aber keineswegs. 

Andererseits sollte damit aber auch klar sein, dass jede Prophezeiung, die nicht eintrifft, gegen eine göttliche Inspiration spricht. Und hier werden die Taktiken der "Biblizisten"  [
1] nun unredlich - denn sie reden ausschließlich über tatsächliche oder vorgeblich eingetroffene Prophezeiungen. Die nichteingetroffenen Prophezeiungen der Bibel werden entweder "unter den Tisch gekehrt" (verschwiegen), selektiv nicht beachtet, oder aber durch Uminterpretation so umgebogen, dass es in den vorgefassten Glauben passt, beispielsweise in dem man einfach behauptet, Gott habe seine Meinung geändert. 

Nehmen wir (eines von vielen) Beispielen einer nicht eingetroffenen Prophezeiung aus der Bibel: 

Jona 3
1 Da geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona:
2 Mache dich auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und ruf ihr die Botschaft zu, die ich dir sagen werde.
3 Da machte Jona sich auf und ging nach Ninive, gemäß dem Wort des HERRN. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tage zu durchwandern.
4 Und Jona begann, in die Stadt hineinzugehen, eine Tagereise [weit]. Und er rief und sprach: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!
5 Da glaubten die Leute von Ninive an Gott; und sie riefen ein Fasten aus und kleideten sich in Sacktuch von ihrem Größten bis zu ihrem Kleinsten.
6 Und das Wort erreichte den König von Ninive; und er stand von seinem Thron auf, legte seinen Mantel ab, hüllte sich in Sacktuch und setzte sich in den Staub.
7 Und er ließ in Ninive auf Befehl des Königs und seiner Großen ausrufen und sagen: Menschen und Vieh, Rinder und Schafe sollen gar nichts zu sich nehmen, sie sollen nicht weiden und kein Wasser trinken!
8 Und Menschen und Vieh sollen mit Sacktuch bedeckt sein und sollen mit [aller] Kraft zu Gott rufen; und sie sollen umkehren, jeder von seinem bösen Weg und von der Gewalttat, die an seinen Händen ist.
9 Wer weiß, [vielleicht] wendet sich Gott und läßt es sich gereuen und kehrt um von der Glut seines Zornes, so daß wir nicht umkommen.
10 Und Gott sah ihre Taten, daß sie von ihrem bösen Weg umkehrten. Und Gott ließ sich das Unheil gereuen, das er ihnen zu tun angesagt hatte, und er tat es nicht.



Jona, Prophet im Auftrag des Herren, prophezeit die Zerstörung von Ninive  [
2] innerhalb von 40 Tagen. Aber der allwissende, ewig unveränderliche Gott ändert später seine Meinung und zerstört die Stadt nicht. Ist Jona also ein falscher Prophet, oder handelt es sich nicht um eine Prophezeiung, sondern schlicht um eine Drohung? Und woher sollten die Menschen von Ninive denn wissen, dass ihre Stadt wegen ihrer Umkehr nicht zerstört wurde, oder weil sie eben nie zerstört worden wäre? Das Letztere ist nämlich sehr viel wahrscheinlicher. Wenn man eine Millionen Städte nimmt und dort die Zerstörung dieser innerhalb von 40 Tagen prophezeit, so wird dies vielleicht einmal eintreten (es sei denn, es ist Krieg, aber dann könnte jeder das mit größerer Treffsicherheit prophezeien). 

Ein weiteres Beispiel: 

Jeremia 50:39
39 Darum werden Wüstentiere mit wilden Hunden darin wohnen, und Strauße werden darin wohnen. Und es soll in Ewigkeit nicht mehr bewohnt werden und keine Wohnstätte sein von Generation zu Generation.



In dem
ganzen Kapitel (welches beginnt mit: "Das Wort, das der HERR über Babel, über das Land der Chaldäer, durch den Propheten Jeremia geredet hat:") werden gegen Babel (Babylon) zunächst die schlimmsten Drohungen ausgesprochen. Der Prophet behauptet, Babylon werde in Ewigkeit nicht mehr bewohnt werden. Das stimmt nicht, seit der Zeit der Prophezeiung war Babylon bis ca. 1.000 nach Beginn der Zeitrechnung stets bewohnt, die größte Stadt der Antike  [3], wie man im Lexikon nachlesen kann. Folglich ist die Prophezeiung schlicht falsch. Also müsste man schließen, dass zumindest dieses Kapitel der Bibel von irrenden Menschen geschrieben worden ist und keineswegs göttlich inspiriert wurde. 

Ich könnte diese Beispiele noch vermehren, aber halten wir fest: Ein einziges Gegenbeispiel reicht bereits aus, um festzustellen, dass nicht alle angeblich göttlichen Prophezeiungen eingetroffen sind. Für weitere Beispiele siehe auch:
An Example Of "Prophecy Fulfillment", Prophecy Fulfillment: An Unprovable Claim, Prophecy Fulfillment and Probability und vor allem PROPHECIES: IMAGINARY AND UNFULFILLED, alle Artikel stammen von Farrell Till, einem ehemaligen Priester und Ex-Christen, jetzt ein Atheist, der sich intensiv mit den Behauptungen der Bibelfundamentalisten auseinandergestzt hat in der Zeitschrift The Skeptical Review. In McKinsey 1995 - siehe auch Biblical Errancy - werden auf den Seiten 291ff insgesamt 25 falsche Prophezeiungen im AT aufgelistet und 8 falsche Prophezeiungen von Jesus, auf seiner Website noch mehr. 

Nehmen wir uns noch eine weitere Prophezeiung vor, die sehr populär ist: 

Amos 9:8-15
8 Siehe, die Augen des Herrn, HERRN, [sehen] auf das sündige Königreich, und ich will es von der Fläche des Erdbodens ausrotten, - nur daß ich das Haus Jakob nicht völlig ausrotten will, spricht der HERR.
9 Denn siehe, ich will befehlen und will das Haus Israel unter allen Nationen schütteln, wie man mit einem Sieb schüttelt, und nicht ein Steinchen fällt zur Erde.
10 Alle Sünder meines Volkes werden durchs Schwert sterben, die da sagen: Du wirst das Unglück nicht herbeiführen, und bis zu uns wirst du [es] nicht herankommen lassen.
11 An jenem Tag richte ich die verfallene Hütte Davids auf, ihre Risse vermauere ich, und ihre Trümmer richte ich auf, und ich baue sie wie in den Tagen der Vorzeit,
12 damit sie den Überrest Edoms und all die Nationen in Besitz nehmen, über denen mein Name ausgerufen war, spricht der HERR, der dies tut.
13 Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da rückt der Pflüger nahe an den Schnitter heran und der Traubentreter an den Sämann, und die Berge triefen von Most, und alle Hügel zerfließen.
14 Da wende ich das Geschick meines Volkes Israel. Sie werden die verödeten Städte aufbauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und deren Wein trinken und Gärten anlegen und deren Frucht essen.
15 Ich pflanze sie in ihr Land ein. Und sie sollen nicht mehr herausgerissen werden aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott.



Denn, so wird behauptet, diese Prophezeiung des Propheten Amos beweist, dass in der Bibel die Entstehung des Staates Israel 1948 vorhergesagt wird. In Vers 8 wird die vollständige Zerstörung des (sündigen) Nordreichs von Israel vorhergesagt. Das Nordreich war den Israeliten im Südreich besonders verhasst, aus zwei Gründen: Den Menschen im Nordreich ging es besser als den Leuten im Südreich, und das Nordreich erkannte Jahwe nicht als einzigen Gott an. 

In Vers 9 wird eine besondere Prüfung für Israel angekündigt - wenn man aber die zeit bedenkt, in der das geschrieben bzw. überarbeitet wurde, dann war Israel (wie alle anderen Nationen auch, übrigens) schon lange im Prozess dieser Prüfung. Man darf nicht vergessen, wann die Bibel entstanden ist - nämlich erheblich später als bislang angenommen wurde, nach konservativen Schätzungen auf keinen Fall vor dem 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung  [
4]. 

In Vers 10 wird die Ermordung aller Sünder in Israel angekündigt - diese Prophezeiung ist nie eingetroffen, wie die Bibel zeigt, denn zu allen berichteten Zeiten gab es Sünder in Israel, d. h. Menschen, die Jawhe nicht als einzigen Gott anerkannten. Das ist noch heute so, denn der Anteil der 
Atheisten in Israel ist erstaunlich hoch. 

Im Vers 11 wird die Wiederherstellung von Davids Königreich vorhergesagt - mit den Worten "an jenem Tag". An welchem Tag? Zu der Zeit, als diese "Vorhersage" gemacht wurde, war das Königreich Davids schon lange Vergangenheit und die Israeliten waren bereits bemüht, es wieder aufzubauen. Genau diesem Bemühen galt ja die Geschichtspropaganda der Bibel. Nach Ansicht der israelischen Forscher (Finkelstein, u. a.) diente die Bibel dem Bemühen einer Gruppe, die Israeliten zu einer neuen Einheit zu führen, also "die verfallene Hütte Davids" wieder aufzurichten. Anders gesagt, Teile der "Prophezeiung" waren schon erfüllt, als diese niedergeschrieben wurden. Und damit wird Vers 15 zu einer falschen Prophezeiung: "Und sie sollen nicht mehr herausgerissen werden aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott". 

Ferner ist es den Israeliten nie gelungen, "all die Nationen in Besitz nehmen, über denen mein Name ausgerufen war" - dies betrifft eine Reihe weiterer falscher Prophezeiungen. Israel war niemals so groß, wie Jahwe ihnen es angeblich versprochen hat, auch heute nicht, eher im Gegenteil. 

Anders gesagt, die ganze Textstelle besteht aus erstens einer bereits teilweise eingetretenen "Prophezeiung" und zweitens in einer Hoffnung, dass es nun bergauf geht (Vers 13 und 14) mit dem gebeutelten Israel , welches das Pech hatte, immer im Einflussbereich von verschiedenen Großmächten (Babylonier, Assyrer, Hethiter, später dem römischen Imperium) zu liegen und welches wechselnd immer wieder besetzt war. Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht, aber die Juden haben sie nie aufgegeben, weil sie an die Prophezeiungen der Bibel fest geglaubt haben, auch in der Diaspora, nachdem sie über die halbe Welt verstreut waren. 

Man kann also allenfalls sagen, dass aufgrund des jüdischen Glaubens an diesen Prophezeiungen festgehalten wurde und daher Israel 1948 neu gegründet wurde. Die Weissagung war also selbst die Ursache für die Entstehung Israels - dies nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiung

 

Konfusius, er zitiert: "Was die meisten Biblizisten nicht erwähnen, natürlich, ist die große Anzahl von fehlerhaften Voraussagen." (C. Dennis McKinsey - The Encyclopedia Of Biblical Errancy)


Anmerkungen:

1.     Menschen, die glauben, die Bibel sei wortwörtlich (verbal) von Gott eingegeben worden (ein anderes Wort dafür ist Bibelfundamentalist). Diese Verbalinspiration wird von den meisten der modernen Theologen bestritten - die dafür häufig mit dem "Schimpfwort" liberal belegt werden. Darauf werde ich später noch ausführlicher eingehen - diese Haltung ist nämlich m. A. nach noch sehr viel problematischer als die der Biblizisten, weil sie sehr willkürliche Kriterien (die dann meist höchst umstritten sind) in die Exegese (Schriftauslegung, Schriftdeutung) einführt. Das häufigste Kriterium ist ganz simpel das, dass jede problematische Stelle einfach nicht wörtlich, sondern nur symbolisch genommen wird.

2.     Eine Stadt, die angeblich drei Tagesmärsche durchmaß, das wären bei 5 Km/h pro Stunde, 8 Stunden pro Tag, ca. 120 Kilometer Durchmesser. Eine so große Stadt gab es in der Antike nicht, das ist eine Legende.

3.     Babylon war ca. 1.000 Hektar groß.

4.     Siehe dazu vor allem Finkelstein 2002. Teile der Bibel entstanden bereits lange vorher, aber diese wurden gründlich überarbeitet und angepasst (wenn nicht sogar später) - wie man an verschiedenen Fehlern sehen kann. So wurde der Bericht über den Exodus (ca. 1200 vor Beg. d. Zeitr.) definitiv erst im 6. Jahrhundert verfasst, denn dort werden sehr viele Ortschaften genannt, die es vor dieser Zeit überhaupt nicht gab, deren Namen also niemand wissen konnte - und, was entscheidend ist, die damals auch niemandem etwas gesagt hätten. Das ist kein Beweis für eine Prophezeiung, wenn dem so wäre, dann wäre dies extra vermerkt worden. Es macht einfach keinen Sinn, die Stadt Trübelsbornholzhausen zu erwähnen, um eine Ortsangabe zu machen, wenn niemand weiß, wo diese Stadt liegt bzw. liegen wird.

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

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Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 5
  • #5

    WissensWert (Donnerstag, 12 Januar 2017 03:56)

    https://bibelkritik.blogspot.de/2016/01/3-first-class-grunde-fur-zweifel.html

  • #4

    WissensWert (Montag, 18 Juli 2016 22:50)

    Unerfüllte Prophezeiungen - kann es in einer "heiligen Schrift" üblere Mängel geben? Nein - findet auch die Bibel selbst: 5. Mose 18,22: "Wenn der Prophet redet in dem Namen des HERRN, und es wird nichts daraus und es kommt nicht, das ist das Wort, das der HERR nicht geredet hat, darum scheue dich nicht vor ihm."

    https://bibelkritik.blogspot.de/2016/01/3-first-class-grunde-fur-zweifel.html

  • #3

    WissensWert (Freitag, 25 März 2016 11:27)

    TEIL 3:

    Ein Nachwort des Kommentators

    Nachdem er nun die drei überzeugendsten Prophezeiungen der Bibel aufgezählt hat, schließt “Der Kritische” mit folgenden Worten:

    Wer meint, die Prophezeiungen seien erst nach ihrer Erfüllung aufgeschrieben worden, der irrt. So wurden 1947 Bibelhandschriften gefunden, die nach übereinstimmendem Urteil mehrerer Forscher auf die Zeit vor Christi Geburt datiert werden. Eine Schrift davon, die Jesaja-Rolle, enthält eine Menge Prophetien über Jesus Christus.

    Hier denkt der Kommentator immerhin schon in die richtige Richtung: Bei den Prophezeiungen könnte ja geschummelt worden sein. Offenbar kommt er jedoch nicht auf die Idee, dass die Autoren des Neuen Testaments die Schriften Jesajas und anderer “Propheten” natürlich kannten, und Schlüsselereignisse in ihren Geschichten so drehten, dass sie auf das staunende Publikum wie die Erfüllung uralter Vorhersagen wirkten.

    Aus dieser Perspektive werden einige der absurden Schlenker der Evangelien plötzlich klar. Darunter ist z.B. die Frage, warum Jesus von Nazareth mit dem Hilfskonstrukt einer Volkszählung, zu der es in den Chroniken des straff organisierten römischen Reiches keinerlei Aufzeichnungen gibt, und deren einer Auftraggeber (Herodes der Große) zur angegebenen Zeit bereits tot war, der andere (Publius Sulpicius Quirinius) noch nicht im Amt, unbedingt nach Bethlehem gezerrt werden musste (Prophezeiung in Micha 5.1, der Messias stamme aus Bethlehem). Die von Jesaja (7.14) prophezeite und von Matthäus abgefeierte Jungfrauengeburt ist im besten Fall ein Übersetzungsfehler (parthenos sowohl “Jungfrau” als auch einfach “junge Frau”), im schlechtesten eine dreiste Täuschung. Fast schon unnötig zu sagen, dass es auch zu dem von Jeremia vorhergesagten und angeblich vom (bereits toten) Herodes befohlenen Massenmord an Kleinkindern in Bethlehem keinerlei Aufzeichnungen gibt.

    Auch im späteren Verlauf der Geschichte wird nicht gerade respektvoll mit der Wahrheit umgegangen: So gibt der göttliche Jesus selbst den Jüngern den Auftrag, ihm zu seiner Ankunft in Jerusalem einen Esel -uhm- “auszuleihen”, weil er damit (nach eigener Aussage) eine Reihe von Prophezeiungungen (u.a. Zacharias 9.9) erfüllen will.

    Fazit: Null Prophezeiungen

    Nach etwas näherer Betrachtung bleibt von den drei wichtigsten und beeindruckendsten Prophezeiungen der Bibel nicht mehr viel übrig: 1. Die Stadt Tyros wurde von Nebukadnezar nicht zerstört und auch nicht für immer verödet; 2. die Prophezeiungen zur bablyonischen Gefangenschaft wurden erst gemacht, als diese schon lange bekannt war; und 3. die Vorhersage von “Kriegen und Kriegsgerüchten” ist so allgemein, dass sie irgendwie immer stimmt. Kann man davon ausgehen, dass sich all die “tausende Prophezeiungen der Bibel” bei näherer Betrachtung dergestalt in Luft auflösen?

    Erstaunlich ist, mit welcher Bereitschaft gläubige Menschen diese fadenscheinigen Behauptungen der Priester und Propheten als Wahrheiten akzeptieren. Wenn sich ein Sachverhalt entweder durch einen übernatürlichen Eingriff eines Gottes in den Lauf der Welt oder auch durch eine – ach so menschliche – kleine Schwindelei erklären lässt, wieso setzt man dann anscheinend zielsicher auf die so absurd unwahrscheinliche Variante? – Es bleibt unverständlich.

    Aus: https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2014/04/12/uber-tausende-von-prophezeiungen-in-der-bibel/

  • #2

    Seelenlachen (Freitag, 25 März 2016 11:26)

    TEIL 2:

    Hm, nach “nie wieder aufgebaut” sieht das nicht aus. Wikipedia spricht von aktuell über 100.000 Einwohnern. Also weiter!

    Interessant ist die Stelle, an der “Der Kritische” mit Auslassungszeichen von Vers 5 zu Vers 12 springt. Im ausgelassenen Teil findet sich nämlich die exakte Vorhersage, wer denn die Stadt zerstören werde, nämlich “Nebukadnezar, König von Babel”. Nun hat dieser Nebukadnezar Tyros zwar belagert, aber nicht zerstört, und schon gar nicht zu einem “kahlen Felsen” gemacht. Stattdessen haben sich die Bewohner nach einer langen Belagerung im Jahr 568 v. Chr. ergeben und dann die babylonische Herrschaft akzeptiert.

    Zweite Prophezeiung: Die babylonische Gefangenschaft

    Als zweites Argument führt “Der Kritische” die Vorhersage der babylonischen Gefangenschaft ins Feld:

    Gott redet durch Mose zu den Israeliten und sagt ihnen, was geschehen wird wenn sie Gott nicht gehorchen würden: “Deine Söhne und deine Töchter werden einem anderen Volk gegeben werden, und deine Augen müssen es ansehen und den ganzen Tag nach ihnen schmachten, aber deine Hand wird machtlos sein. […]”

    Die Juden wurden 617-607 v. Chr. nach Babylon ins Exil geführt.

    Korrekt. Das Buch Deuteronomium, aus dem diese Prophezeiungen stammen, wurde allerdings erst nach dieser Zeit, nämlich im 6. Jahrhundert, “gefunden” und dann nachträglich zu den anderen vier Büchern Mose hinzugefügt (siehe 2 Könige 16). Es handelt sich also eher nicht um einen übernatürlichen Eingriff, sondern um ein Vaticinium ex eventu, eine nachträgliche “Vorhersage” bereits bekannter Ereignisse.

    Auch über die anschließende Rückführung Israels gibt es Prophetien: [Es folgen sehr ausführliche Zitate aus 5 Mose 30 und Jeremia 31]

    Die Rückkehr Israels geschah im Laufe des 20. Jahrhunderts; der Staat Israel wurde 1948 neugegründet.

    Nein, nein, Sie können nicht beides haben! Entweder die Weissagung betrifft das babylonische Exil und die anschließende Rückkehr nach Palästina oder sie bezieht sich auf die Staatswerdung Israels 1948. Oder hat Ihr Gott vielleicht beide Ereignisse mit einer Prophezeiung abgeräumt? – Besonders exakt wäre das jedenfalls nicht.

    Dritte Prophezeiung: Krieg! Überall Krieg!

    Die dritte Prophezeiung bezieht sich laut “Der Kritische” auf unsere heutige Zeit und ist daher ganz besonders brisant:

    ”Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; habt Acht, erschreckt nicht; denn dies alles muss geschehen; aber es ist noch nicht das Ende. Denn ein Heidenvolk wird sich gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden hier und dort Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben geschehen. […]”

    Man muss sich nur mal die Nachrichten ansehen um dies bestätigen zu können.

    Diese Sache wird besonders von evangelikalen Christen immer wieder als Beweis für das unmittelbare Bevorstehen der Apokalypse ausgepackt. Warum, das ist mir um ehrlich zu sein ein Rätsel. Denn, so traurig es auch ist: Zu welcher Zeit gab es denn keine “Kriege und Kriegsgerüchte”? Gab es irgendwann mal eine Zeit, zu der die Menschen nicht durch “Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben” geplagt wurden? Nein, als Beweis, dass der Prophet speziell die Umstände unserer Zeit vorhergesehen hat, taugen diese Zeilen sicher nicht.

  • #1

    WissensWert (Freitag, 25 März 2016 11:25)

    Ab und zu macht die Diskussion mit Religionisten richtig Spaß, manchmal lernt man sogar noch etwas dabei. So schrieb vor einer Weile der Kommentator “Der Kritische” von der

    … Tatsache, dass sich tausende Prophezeiungen der Bibel erfüllt haben …

    “Schon wieder einer”, dachte ich, schrieb zurück “Nenne drei!” und hielt die Sache für erledigt. Aber nein! Am nächsten Tag fand sich folgende Antwort:

    Gerne!

    Oh, wie erfreulich! Der Kommentator hatte sich wirklich die Mühe gemacht, die drei für ihn überzeugendsten Prophezeiungen der Bibel zusammen zu suchen. Auch hier sei ihm nochmals gedankt dafür, und für seine Bereitschaft sich auf die skeptischen Fragen Ungläubiger einzulassen. Seine Argumente werden in diesem Post etwas verkürzt dargelegt, sie können hier komplett nachgelesen werden.

    Eine gültige Prophezeiung muss eine Reihe von Kriterien erfüllen: U. a. muss sie zutreffend sein, sie muss vor dem betreffenden Ereignis gemacht werden, das Ereignis muss außergewöhnlich sein (“Morgen früh wird die Sonne aufgehen” ist keine Prophezeiung), sie muss exakt sein (“Du wirst einen hochgewachsenen Fremden treffen” auch nicht), und die Prophezeiung darf das Ereignis nicht selbst auslösen (“Kellner, ich prophezeie eine Pizza!” – “Hier, bitte!” – “Ein Wunder, ein Wunder!!”)

    Mal schauen, was von den Lieblingsprophezeiungen von “Der Kritische” übrig bleibt, wenn man diese Kriterien und etwas Geschichtsbuchwissen anwendet.

    Erste Prophezeiung: Die Zerstörung der Stadt Tyrus

    Er beginnt mit einem recht langen Zitat zur Zerstörung der antiken Stadt Tyros, das hier – man wird sehen, warum – vollständig wiedergegeben wird:

    “3 darum, so spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich komme über dich, Tyrus, und will viele Völker gegen dich heraufführen, wie das Meer seine Wellen heraufführt! 4 Und sie werden die Mauern von Tyrus zerstören und ihre Türme niederreißen; und ich will das Erdreich von ihr wegfegen und sie zu einem kahlen Felsen machen; 5 zu einem Ort, wo man die Fischernetze ausspannt, soll sie werden inmitten des Meeres. Ich habe es gesagt, spricht GOTT, der Herr, sie soll den Völkern zur Beute werden! […] 12 Und sie werden deinen Reichtum rauben und deine Handelsgüter plündern; sie werden deine Mauern niederreißen und deine Lusthäuser zerstören; sie werden deine Steine, dein Holz und deinen Schutt ins Wasser werfen. 13 So will ich dem Lärm deiner Lieder ein Ende machen, und dein Saitenspiel soll künftig nicht mehr gehört werden. 14 Ich will einen kahlen Felsen aus dir machen; du sollst ein Ort werden, wo man die Fischernetze ausspannt, und du sollst nicht wieder aufgebaut werden.” (Hesekiel 26, 3-14)

    Tyrus wurde zerstört, aber die Trümmer blieben zunächst liegen. Erst ca 250 Jahre später wollte Alexander der Große eine naheliegende Inselstadt einnehmen. Da seine Flotte allerdings nicht dafür ausreichte, warf er die Stadttrümmer von Tyrus ins Wasser und erbaute somit eine Brücke zur Inselstadt. Die Stadt Tyrus wurde nie wieder aufgebaut, und noch heute trocknen die Fischer ihre Netze auf den Felsen.

    “Noch heute trocknen die Fischer ihre Netze auf den Felsen” – Beeindruckend, oder? Mal schauen, was Google Maps dazu sagt, wenn man “Tyros, Libanon” eingibt …


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