„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Argumentationsfehler des wahren Schotten

Für unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler waren, reicht der menschliche Verstand völlig aus, um zu überleben. Heutzutage kann man allerdings auch mit weniger Verstand auskommen, es sterben zwar immer noch Menschen an Dummheit, aber es sind weniger geworden. Die Tatsache, dass unser Verstand zum Überleben reicht, aber häufig schon bei der simpelsten Logik "aussteigt", kann man anhand der "wahren Schotten" demonstrieren. 

A: Alle Schotten sind geizig!
B: Alle Schotten? Was ist mit Andrew Carnegie? Geboren in Schottland, aber berühmt wegen seiner Großzügigkeit und Freigiebigkeit!
A: Aber Andrew Carnegie ist kein wahrer Schotte

Das ist die Geschichte des "wahren Schotten". Wem fällt daran etwas auf? Es handelt sich um ein Feuerwerk an Denkfehlern, welches hier abgebrannt wird. Denn zum einen wird hier ad hoc die Definition des Wortes "Schotte" geändert, dann wird eine Allaussage (alle Schotten ...) durch einen Dreh gegen Kritik immunisiert, dann wird die Definition von jedem Sinn entleert, in dem man voraussetzt, was man eigentlich zeigen wollte. 

Denn aus 

Alle Schotten sind geizig 

wurde 

Alle Schotten, die wahre Schotten sind, sind geizig

Woran erkennt man nun wahre Schotten? Nicht am Schottenrock, sondern - natürlich! - daran, dass sie geizig sind. 
Wahre Schotten sind geizig, wenn sie nicht wahre Schotten sind, dann sind sie auch nicht geizig - das ist doch logisch, oder? Ach was. Nun setzen wir die so gewonnene Definition in die Neuformulierung ein und erhalten: 

Alle Schotten, die geizig sind, sind geizig (denn 
wahre Schotten sind geizig). 


Aha. Der Satz ist ganz sicher wahr, nur, er enthält leider keinen Sinn mehr. Es handelt sich nicht um eine tiefe Wahrheit, sondern eine Wahrheit, über die hinaus man sich nichts Flacheres mehr vorstellen kann. Kurz, der Satz ist eineTautologie, eine leere Wahrheit, eine hohle Phrase, die zwar überzeugend klingt (hohle Worte tönen voller), aber die keinen Sinn mehr enthält. Tatsächlich ist die Aussage "bla bla bla" gehaltvoller, weil wir bei ihr wenigstens sofort erkennen, dass sie keinen Inhalt mehr enthält, was ein echter Vorteil ist. 

Wahren Schotten begegnen wir in religiösen Diskussionen ständig. Hier ein weiteres Beispiel: 

A: Christen sind gute Menschen!
B: Was war mit den Kreuzfahrern, Inquisitoren, ...?
A: Das waren aber keine wahren Christen! Denn wahre Christen sind immer gut. 

Oder, anders formuliert: Christen sind, sofern es sich um wahre Christen handelt, gute Menschen. Woran erkennen wir wahre Christen? An ihrem guten Handeln, natürlich! Folglich sind Christen, die gut handeln, Menschen, die gut handeln. Das ist zweifellos wahr, gilt aber für jede andere beliebige Gruppe von Menschen ebenfalls - Faschisten, die gut handeln, handeln nämlich auch gut. Selbst Adolf Hitler handelte gut, wenn er gut handelte. 

Man kann daran sehen, dass es für die Menschen wichtiger ist, recht zu behalten, als etwas sinnvolles zu sagen. Denn wenn man sich bemüht, etwas sinnvolles zu sagen, dann wird man ab und zu im Unrecht sein (dass kann einem dann noch monatelang in Diskussionen verfolgen, wenn man mal Unrecht gehabt hat). Aber inhaltsleeres Geschwafel fällt nicht so leicht auf. 

Links

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

zum vorherigen Blogeintrag                                                                         zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller bisherigen Blogeinträge

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 28 April 2016 20:33)

    3. No true scotsman (=Kein wahrer Schotte)
    (Nicht legitime Neudefinition der Eigenschaften einer Gruppenzugehörigkeit)
    >>
    Person 1: Alle A sind B.
    Person 2: Einige A sind aber nicht B.
    Person 1: Diese sind keine „richtigen“ A.
    <<

    Hier wird eine allgemeine Eigenschaft einer Gruppe (von Menschen oder Dingen) definiert. Wenn dann ein Gegenbeispiel genannt wird, das die Eigenschaft nicht aufweist, dann wird – ohne gute Begründung – das Beispiel aus der Gruppe ausgeschlossen, damit die ursprüngliche Aussage beibehalten werden kann. Damit wird vermieden, die Richtigkeit der ursprünglichen Aussage zu hinterfragen.

    Beispiel: „Alle Schotten sind tapfer.“ – „Aber ich kenne einen, der ist feige.“ – „Der ist kein echter Schotte. Echte Schotten sind nicht feige.“

    Erläuterung: Nach der allgemeinen Aussage „alle A sind B“ werden nach und nach alle A ausgeschlossen, die nicht B sind. Dadurch verliert die ursprüngliche Aussage letztlich an Sinn und Wert.


Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.