„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Milgram-Experiment

Das Miligram-Experiment ist ein psychologisches Experiment, dessen Forschungsschwerpunkt u.a. im Zusammenhang zwischen Gewissen und Gehorsam besteht. Erstmals durchgeführt wurde es 1961 in New Heaven und in den Folgejahren oftmals auch unter abgeänderten Rahmenbedingungen wiederholt. Benannt wurde es nach dem Psychologen Stanley Milgram, der das Experiment theoretisch konzipierte.

Der ursprüngliche Versuch bestand darin, dass eine Reihe von Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Zu Beginn wurde ein unwissender „Lehrer“ gebeten einem „Schüler“ bei Fehlern einen elektrischen Schlag zu versetzen. Der Versuchsleiter, quasi der omnipotente Rektor, wies den Lehrer an, die Intensität des elektrischen Schlages nach jedem Fehler um 15 Volt zu erhöhen. Falls in diesem Zweifel an der Moralität seiner Handlung aufkamen, bestärkte ihn der Versuchsleiter er solle einfach weiter machen.  Alle Teilnehmer bis auf die Gruppe der sogenannten „Lehrer“ waren dabei in die vollen Implikationen des Experimentablaufes eingeweiht und nur rahmengebende Schauspieler. Den Lehrern wurde gesagt bei dem Versuch gehe es um das Lernverhalten von Menschen. Tatsächlich waren nicht die Schüler, sondern sie die Lehrer die Versuchspersonen und ihr Verhalten gegenüber der Autorität, dem „Versuchsleiter“ das Forschungsobjekt.

Die Fachwelt und Öffentlichkeit zeigte sich nicht nur überrascht und geschockt von der Durchführung eines solchen Experimentes, sondern auch von dessen Ergebnis: Zwei Drittel aller teilnehmenden „Lehrer“ gingen bis zur tödlichen Endspannung von 450 Volt.

2. Folgerungen

Es gibt viele gute Fachartikel zum Miligram-Experiment, wohl auch aufgrund seiner Popularität. Hier nun zwei simple und persönliche Schlussfolgerungen meinerseits. Auf die sicher nicht weniger wichtigen Stimmen aus der Philosophie, etwa methodisch- oder ethisch kritische, werde ich nicht eingehen.

Erstens, ein großer Prozentsatz der Menschen scheint unter bestimmten Bedingungen mehr auf äußere Autoritäten zu hören, als auf das innere Gewissen. Nur so scheint es zu erklären zu sein, dass fünfundsechzig Prozent den Schalter in der Drucksituation ganz umlegten. Oft wird diese Schlussfolgerung herangezogen, wenn man die bedingungslose Gefolgschaft der KZ-Ärzte im Dritten Reich zu verstehen versucht. Bei diesem Beispiel wird aber auch leicht ersichtlich, dass auch andere Faktoren die Hörigkeit einer Person bedingen. Bereits den Kindern wurde weder im Familienleben, noch in der Schule kritisches Denken beigebracht. Auch eine ideologische Sozialisation kann also beispielsweise schlechten Gehorsam bewirken. Sicher ist ein gewisses Hierarchiedenken auch evolutionär in uns angelegt.

Man kann aus Miligrams Experiment auch einen ähnlichen, aber weniger fatalistischen Schluss ziehen: Beugen wir uns unreflektiert vor keiner Autorität! Ich schreibe diesen Artikel hier am 25.ten Jahrestag der Deutschen Einheit. Damals hinterfragten die Menschen in Leipzig ihre Herrscher, kamen zu dem Entschluss, dass sie diese nicht wollten und fingen an zu demonstrieren. Sie zeigten keine Angst davor verhaftet oder erschossen zu werden, sondern erkämpften sich Freiheit und Demokratie mit Zähnen und Klauen. Beugen auch wir uns unreflektiert vor keiner Autorität! Vielleicht scheint dies alles heute irgendwie unendlich weit weg zu sein. Doch auch die Aufseher im KZ oder in der Stasi waren ganz normale Menschen. Gerade das Miligram-Experiment hat uns gelehrt, dass auch heute genug von uns potentielle KZ-Aufseher sind. Vielleicht ist es auch nicht der Faschismus von früher, sondern andere Gefahren gegen die wir auf die Straße gehen sollten. Beugen wir uns unreflektiert vor Nichts und Niemand!

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