„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Intuition

1. Hinführung

Unlängst habe ich mir Gedanken über die Rolle der Intuition in unserem alltäglichen Leben gemacht. In meinem „4-Komponenten-Modell habe ich sie schon einmal aufgegriffen. Dort ist die Intuition einer der fünf großen Entscheidungsträger und ein sehr zuverlässiger obendrein.

Doch woher kommt die Intuition und wohin führt sie uns? Ein paar Beobachtungen und Gedanken hierzu:

2. unbewusste Wiedererkennung

In besagtem Modell habe die Intuition ja als den stellenweise besten Ratgeber für auch große Lebensweggabellungen überhaupt gelobt. Man muss jedoch erst einmal lernen auf seine Intuition zu hören, Viele (hochrationale oder hochemotionale) können das nicht. Und auch dann nimmt sie einem nicht als eigenständiger Richtungsweiser das eigene wählen und laufen ab. Die Kraft der Intuition kann also auch überschätzt werden. Sie ist (höchstwahrscheinlich) keine metaphysische Eingebung Gottes und keiner, der einem die Frage Was soll ich tun? beantwortet, viel eher hat die Intuition etwas mit einer unbewussten Wiedererkennung von Mustern zu tun.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel zur Hand: Sehr oft können Menschen, die dauerhaft in einer bestimmten Region leben, durch reine Beobachtung der Wolken recht zuverlässig vorhersagen, ob es morgen regnen wird oder nicht. Ohne, dass sie die Kriterien für ihre Prognose explizit benennen könnten. Sie „wissen es einfach“ und liegen damit in aller Regel auch richtig.

Laut einer Theorie des US-Kognitionspsychologen Gary Klein lässt sich solch „intuitives Wissen“ wie folgt erklären: Dem Menschen kommt eine Situation, etwa die schwarzen Wolken, irgendwie bekannt vor. Auch wenn er nicht bewusst auf die Erinnerung mit den Wolken zurückgreifen kann, so liegt sie dennoch unbewusst vor: er hat die Situationen schon einmal erlebt. Unser Gedächtnis stöbert also im „Gedächtnisarchiv“, greift auf die passende Erinnerung zurück und vollführt einen Informationsabgleich mit der akuten Situation. Erkennt es ein Muster wieder, aktiviert sich eine Art „Handlungskonzept“ und dieses läuft dann automatisch bzw. unbewusst ab. Man „entdeckt“ beispielsweise, dass man solche schwarzen Wolken schon einmal gesehen hat und es am Tag danach fast immer geregnet hatte und extrapoliert diesen Zusammenhang kognitiv auf die Zukunft: „An einem Tag nach solchen Wolken hat es sehr oft geregnet. Dann wird es wahrscheinlich auch morgen regnen, auch wenn ich dir nicht genau sagen kann, woher ich das weiß.“

3. Wissen, von dem wir nicht wissen, dass wir es wissen

Diese unterbewussten Abläufe ermöglichen uns zugleich schnelle und umfangreiche Gedankengänge, ohne dass uns davon der Kopf platzt. Wenn wir eine Situation nicht im Kopf haben, greifen wir einfach auf unseren unbewussten Informationen, Intuition, zurück, um diese Wissenslücke zu überbrücken.

Diese Kunst, mit wenig Wissen schnell auf ziemlich gute Ergebnisse zu kommen, nennt sich Heuristik. Sie kann, wie ich nicht müde werde zu betonen, in bestimmten Situationen sehr hilfreich und im Nachhinein manchmal sogar um einiges weitsichtiger als die Stimme von Herz oder Hirn gewesen sein. Warum das so ist, lässt sich einfach erschließen: Wir wissen unbewusst viel, viel mehr, als bewusst

Dieses unbewusste Wissen kann dem Hirn (Bsp. Mathematiker müssen beim kleinen Einmaleins nicht mehr bewusst rechnen. Sie wissen intuitiv, dass das Produkt aus drei und sieben einundzwanzig ist) und dem Herz (Nach vielen gescheiterten Beziehungen können Menschen zum Teil gleich beim ersten Date recht gut sagen, ob sie dem Gegenüber vertrauen können oder nicht) entstammen. Mit der Zeit haben sich diese Erfahrungen (Rechenergebnisse, Vertrauensbeweise) in das Unterbewusste zurückgezogen. Dass kann daran liegen, dass sie lange nicht oder, dass sie gerade sehr oft gebraucht wurde (Intuition, wissen ohne bewusstes Nachdenken, ist das Geheimnis jeder Expertise!). Dort, im Unterbewusstem, wartet das Wissen, von dem wir nicht wissen, dass wir es wissen, bis es gebraucht wird und an diesem Punkt beginnt das ganze Spiel mit dem Informationsausgleich..

4. Jenseits von Rationalität und Emotionalität

Intuition ist also unbewusst gewordene Erfahrung, emotional oder rational, die eine eigene Qualität jenseits von Rationalität und Emotionalität bildet. Wenn wir vor einer schweren Entscheidung stehen, etwa „was will ich später einmal arbeiten?“, alle Pro- und Contra Argumente für eine Hand voll Berufe tabellarisch aufzählen und quantitativ gewichten, und so zwischen ihnen abwägen, kann es sein, dass wir unterm rationalen Tabellenunterstrich Polizist werden sollten, emotional aber eigentlich lieber zur Bundeswehr gehen würden und einem das Bauchgefühl sagt, ein gemäßigter Maschinenbauer wäre das Richtige. Die nackten Zahlen sprechen für das Eine, man will aber das andere und intuitiv verspürt man, dass eigentlich ein Drittes richtig wäre.

An diesem Beispiel lässt sich auch sehr schön illustrieren, dass Intuition (was alltagssprachlich etwa einem „Bauchgefühl“ entspricht) nicht gleich Emotion und auch nicht gleich irrational ist: Intuition ist schon allein deshalb nicht dasselbe wie eine Emotion, weil, wie das Beispiel zeigt, man dass eine emotional und das andere intuitiv präferieren kann („ich will es, aber insgeheim spüre ich, es wäre nicht gut für mich.“). Und Intuition ist auch nicht zwingend irrational, denn es können unbewusst hochrationale Überlegungen oder sachlich systematisierte Erlebnisse in ein intuitives Gefühl mit rein spielen. Mehr, als wenn man nur auf den bewussten Verstand hört. Allein schon deshalb ist eine gesunde Intuition, gerade bei komplexen Problemen, die unseren Verstand herausfordern, manchmal äußerst hilfreich.

Eigentlich eine durchweg feine Sache diese Intuition, nicht wahr? Nein, nicht durchweg, denn:

5. Wann man auf was hören sollte

… Denn bei Heuristiken fehlt der bewusst(e) kritische Prüfer, der noch einmal einen Blick auf den vermeintlich wiedererkannten Zusammenhang wirft. Folgende Denkaufgabe soll dieses Problem klarmachen. Versuchen Sie dafür bitte intuitiv, also schnell und ohne groß darüber nachzudenken, die folgende Frage zu beantworten:

Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 110€.

Der Schläger kostet 100€ mehr als der Ball.

Was kostet der Ball?

Vielleicht haben Sie in aller Schnelle getippt: „10€“, ahnen aber vielleicht aber auch schon, dass das „zu einfach“ gewesen wäre. Rechnen wir nach: Wenn der Ball 10€ kostet und der Schläger 100€ mehr, also 110€, dann kostet der Schläger und der Ball zusammen 120€. Also ist diese Antwort falsch. Die richtige Antwort lautet übrigens 5€. Wenn das nicht Ihre war, kann ich Sie trösten: Mehr als 50% der Studenten amerikanischer Elite-Universitäten (MIT, Harvard und Princeton) ging es genauso.

Diese Aufgabe ist vermeintlich sehr einfach, weil man vermeintlich nur 100 + 10 rechnen muss. Gerade solche vermeintlichen Muster, die man schnell zu erkennen glaubt und das Gedächtnis infolgedessen die falschen Erfahrungen rauskramt, lassen uns mit unserer Intuition auch oft ins Leere laufen. Hier braucht es Verstand.

Wann soll ich also auf meine Intuition hören? Dafür gibt es keine Faustregel. Einen kleinen Orientierungspunkt möchte ich Ihnen aber trotzdem mit auf dem Weg geben: Die Aufgabe mit dem Schläger und den Ball können wir locker mit unseren bewussten geistigen Kapazitäten lösen. In solchen Fällen sollten wir sie auch Nutzen, denn der Verstand unterläuft erstens, auf solch einfachem Niveau noch recht selten seinen typischen Irrtürmern und zweitens, nicht dem der „oberflächlichen Ähnlichkeit“, mit dem die unterbewusste Intuition zu kämpfen hat. Erst bei schwierigeren Situationen kommen wir mit unserer bewussten Erfahrung an unsere Grenzen und auch darüber hinaus. Dann, wenn wirklich viele Faktoren eine Rolle spielen und einem die Sachlage nicht wirklich klar ist, wie etwa beim Berufswunsch, vollbringt die Intuition die meisten Glanzleistungen.

6. Verweise

  • Wissenschaftstheorie: Als wissenschaftliches Kriterium oder als wissenschaftliche Methode darf Intuition offiziell nicht gelten, da sie nicht objektiv nachvollziehbar und ihr Erfolg nicht voraussagbar ist.

 

  • Translationssymmetrie: Das wissenschaftliche Ideal schließt Intuition als Erkenntnisquelle also aus. Doch wie sieht es in der Realität aus? Auch hier würden die meisten, real praktizierenden, Wissenschaftler von sich behaupten, ausschließlich mit nachgewiesenen Fakten zu operieren. Ich glaube, das stimmt nicht, ich meine die Intuition spielt im wissenschaftlichen Betrieb eine viel größere Rolle, als die Fachwelt es glaubt und sich auch selbst eingestehen möchte. Nehmen wir nun mal die augenscheinlich faktizistische Wissenschaft Physik. In der Physik kennt man etwas, das sich Translationssymmetrie nennt. Stark vereinfacht besagt die Translationssymmetrie, dass überall auf der Welt die gleichen Naturgesetze gelten, wie hier auf der Erde. Wir können aber nicht jeden Ort auf der Welt auf seine Naturgesetzlichkeiten vermessen. Manche Orte sind schlichtweg zu weit von uns entfernt, um sie überhaupt beobachten zu können, die bloße Vermutung ihrer Existenz ist aus positivistischer Sicht bereits Metaphysik und andere kann man nur ganz grob von weitem untersuchen. Dass beispielsweise die schwache Kernkraft auch jenseits des für uns beobachtbaren Universums gültig sein soll, eine Schlussfolgerung aus der Translationssymmetrie, ist Bestandteil der Physik, aber keineswegs empirisch verifiziert, um es deutlich zu sagen: Es ist reine Spekulation. Es „klingt einfach stimmig“ oder „schaut richtig aus“, Intuition. Wichtig.

 

  • Geschlechterunterschied: Bestimmt kennen Sie die Rede von der „weiblichen Intuition“ und das damit einhergehende Klischee, besagte weibliche Intuition sei stärker ausgeprägt als das männliche Pendant. Wie so viele Klischees stimmt es nicht wirklich, hat aber einen wahren Kern. Wissenschaftlich stichhaltige Befunde, die für eine stärkere Intuition bei der Frau sprechen, gibt es nicht. Tatsächlich aber haben Frauen im Durchschnitt eine höhere intuitive Empathie, also ein besseres nicht-intellektuelles Einfühlungsvermögen in die Gefühlswelt anderer Menschen, als die Männer.

 

  • Intelligenzforschung: Im grundständigen Aufsatz habe ich einen äußerst wichtigen Kommentar in eine Klammer gepresst: Intuition ist das Geheimnis der Expertise. Und damit sich ein Thema ins Unterbewusstsein einbrennt und dort ab sofort ohne groß nachzudenken, blitzschnell und immer verfügbar auf Expertenniveau vorliegt, muss man sich lange mit diesem beschäftigen. Der Journalist Malcolm Gladwell formulierte hierfür die 10.000 Stunden Regel: Expertenniveau erlange man in etwas erst, wenn man sich ungefähr zehntausend Stunden damit auseinandergesetzt hat. Egal ob Sie also Sportler, Musiker, Informatiker oder Anwalt sein wollen, die Faustregel gelte, manchmal eher mehr manchmal eher weniger. In ein paar Stunden können Sie vielleicht schon einiges gelernt haben, aber das Rohmaterial ist noch unorganisiert. Sie brauchen dann lange, um auch auf etwas zurückgreifen zu können und kennen noch nicht alle Schlupflöcher und Sonderheiten zum Thema. Aber nach tausend Dekaden erkennen sie intuitiv individuelle Muster, auf die es ankommt, und die Ihnen kein Lehrbuch beibringen kann. Schachgroßmeister zum Beispiel rechnen nicht etwa bewusst hunderte Spielabläufe vor, bevor sie einen Zug tätigen. Sie nutzen ihre Intuition, um die Optionen auf ein paar wenige spielbare Züge zu beschränken und können dann ihren ganzen Hirnschmalz auf die Handvoll wirklich relevante Züge verwenden. Dabei kennen Sie auch nur die gleichen Regeln, wie ein Laie im Schachspiel. Es ist, das konnte ich hoffentlich aufzeigen, ein qualitativ riesen Unterschied zwischen einem „einmal-gehört“-Wissen und einem „das-habe-ich-im-Bauch“-Wissen.

 

  • Intuitionismus

 

  • Letztbegründung: Viele Nachrufe auf die Erkenntnistheorie bemängeln, dass man, um zu erkennen, welches Kriterium Erkenntnis von scheinbarer Erkenntnis abhebe, schon erkannt haben müsse, dass das gewählte Kriterium das richtige Kriterium sei, und dies setze wieder ein anderes Kriterium voraus usw. Ein ewiger Regress. Irgendwo muss man scheinbar anfangen, wenn man Philosophie, aber auch Wissenschaft, betreiben will, weil man nicht jede Begründung einer Begründung begründen kann. In der Mathematik sind das die Axiome und die werden, mehr oder weniger, aus einer mathematischen Intuition heraus festgelegt.

 

  • Psychologie: Der US-Amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman unterscheidet zwischen schnellem Denken (System 1) und langsamen Denken (System 2). System 1 entspricht der Intuition, es arbeitet blitzschnell, von selbst und bedarf keiner weiteren kognitiven Anstrengung des Urhebers. System 2 entspricht unserem Verstand, es führt aufwendige Überlegungen durch und kann manchmal ganz schön viel Kraft kosten.

 

  • Solipsismus: Wir können nicht wissen, dass irgendwer außer uns auch noch bewusst ist. Wir vermuten es einfach intuitiv, ohne wirklich in die Innenwelt der anderen hineinsehen zu können. Ohne Intuition, wenn man alles rational klären wollte, wäre ein stinknormales Leben nicht möglich.

 

  • Sterbehilfe: Nehmen wir nur mal das Beispiel Sterbehilfe, stellvertretend für alle politischen Streitpunkte: Niemand von uns kann ernsthaft von sich behaupten alle ethischen, politischen, gesellschaftlichen … Argumente für oder gegen die Sterbehilfe zu kennen. Dennoch sind viele unter uns für oder gegen die Sterbehilfe, auch dann noch, wenn die einem bekannten Gegenargumente „unter dem Tabellenunterstrich“ vielleicht mehr Gewicht hätten. Wenn wir ehrlich sind, steckt in solchen Entscheidungen oft viel weniger Ratio, als wir das vielleicht gerne hätten und viel mehr „Bauch“, als wir es registrieren würden. Man hat einfach das Gefühl, dass „das mit der Sterbehilfe falsch ist“, oder dass „Sterbehilfe vielen Leuten viel unnötig herausgezögertes Leid ersparen könnte“Gute Argumente sind das eine, das letzte Wort hat dann oft doch die Intuition. Und die ist auch wichtig, wir können nie alles kontrollieren.

 

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Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Sonntag, 13 Mai 2018 03:38)

    "Der gesunde Menschenverstand ist nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat."
    Albert Einstein

  • #3

    WissensWert (Mittwoch, 08 Februar 2017 01:37)

    Woher kommt Intuition?

    Es gibt mehrere Ebenen der Erfahrung (die natürlich auch aufeinander wirken):

    1. genotypisch/evolutionär: langsam und durch blindes zufälliges "Probieren" gewonnen durch physisches, genotypisches Aussterben von Irrtümern. Was in unseren Genen steckt, können wir auch nicht ändern - selbst wenn die Lebensumwelt, die wir uns geschaffen haben, nicht mehr der afrikanischen Steppen und der nomadischen Lebensweise entspricht, auf die sich unsere Gene adaptiert hatten. Aber Gene wirken sich nie direkt auf Eigenschaften aus, sondern immer indirekt in Kombination mit Stoffwechsel, Umwelt und persönlichem Weg.

    2. kulturell/kollektiv: durch Weitergabe von langfristig phänotypisch gewonnenen Erfahrungen an die Mitmenschen und Nachkommen und Überleben und Durchsetzen der erfolgreicheren Strategien (auch wenn diese kriegerisch statt friedlich sein können), auch dogmatischer und manipulativer Art. Dies geschieht durch Sprache, Erziehung, Nachahmung, Bildungssystem, staatliche und ökonomische Strukturen und Religion. Dazu gehört auch mythisches “Wissen”, das manchmal sinnvolle über Jahrhunderte gesammelter Erfahrungen (von der die Wissenschaft bisher nur einen Bruchteil erfassen kann), aber durch Irrtümer, den “Stille Post”-Effekt auch verdrehte oder durch Kommerz der Scharlatane und Quacksalber gefälschte Informationen enthält. Es bedarf oft Rebellion, Revolution, Aufstand - vor allem aus der Jugend - um hier mit Irrtümern aufzuräumen (wobei hier zugleich diese durch neue Irrtümer ersetzt werden können).

    3. wissenschaftlich: vom Ideal der Wissenschaftlichkeit sehr objektiv und realistisch, vor allem auch theoretisch am meisten bereit, Irrtümer zu- und aufzugeben, aber in der Wirklichkeit auch nicht frei von Interesseneinflüssen aus allen anderen Erfahrungsarten, wie persönlichem Stolz, genotypisch bedingten Wahrnehmungsproblemen, kultursprachlicher Wirklichkeitsverzerrung und kommerziellen Interessen. Außerdem sind der Wissenschaft bzw. ihren strengen Regeln der Empirie und Verifizierbarkeit einige Erfahrungsbereiche verwehrt - auch wenn sie viele Wissenschaftler vom Parkett der Wissenschaft auf das der philosophischen Spekulation wagen, ohne dies eindeutig zu trennen von ihrem wissenschaftlichen Arbeiten.

    4. phänotypisch: aus persönlicher Erfahrung festgestellte Zusammenhänge (wenn ich an die heiße Herdplatte packe, verbrenne ich mir die Finger), aber auch aufgrund kognitiver Dissonanzreduktion bzw. allgemeiner: der epistemologischen Impotenz des Homo sapiens (oder einfach: Sturköpfigkeit) stark Irrtums-erhaltend. Trotzdem ist die Chance auf Veränderung hier am größten, zugleich aber auch der Einfluss am geringsten - bis auf wenige Ausnahmen, wo einzelne Personen wichtige kulturelle Veränderungen bewirkt haben (Religions- und Ideologiegründer wie Buddha, Mose, Jesus, Mohammed, Marx oder auch Wissenschaftler wie da Vinci, Galileo, Kopernikus, Darwin, Einstein usw.).

    Fällt jemandem noch etwas dazu ein oder eine andere strukturelle Aufteilung?

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 03 Januar 2017 14:20)

    Zudem gibt es noch ein Geheimnis, warum einen die Intuition oft im Stich lässt: Weil man sie als Ersatz für eine tiefere Analyse benutzt.

    Es ist so: Intuitiv entscheiden wir in Situationen, in denen wir keine Zeit für eine Analyse haben. Intuition ist sehr schnell, und wenn es um Situationen ging, die für das Überleben unserer Vorfahren wichtig waren, dann wird - statistisch gesehen - eher die bessere Alternative gewählt. Der Tiger kommt von links, also lauf ich nach rechts. Oder ich erstarre, weil Räuber auf Bewegungen reagieren, und er mich vielleicht noch nicht gesehen hat.

    Aber jede intuitiv richtige Entscheidung kann auch durch tiefere Analyse bestätigt werden. Wenn man also Zeit hat, ist das langsame Denken dem schnellen Denken vorzuziehen. Wenn man keine Zeit hat, dann hat man keine Wahl: Sich schnell zu entscheiden kann in bedrohlichen Situationen wichtiger sein als eine rational zutreffende Analyse, die aber zu spät käme.

    Man muss also die Gründe analysieren, warum einen die Intuition etwas sagt, und dabei unsere Evolution, die Lebensweise unserer Vorfahren, berücksichtigen. Dann kann man auch herausfinden, warum eine intuitive Entscheidung besser oder schlechter ist.

    Benutzt man Intuition als Ersatz für eine tiefere, langsame Analyse, dann wird man seine Irrtümer nicht bemerken - weil einem die Intuition im Nachhinein fast immer sagt, dass man richtig lag. Man begeht intuitiv einen Fehler, und die Intuition hindert einen daran, ihn zu bemerken.

    Die Erkenntnisse der Psychologie dazu sind in diesen Büchern zu finden:

    Kahneman, Daniel. Thinking, Fast and Slow. London: Penguin, 2012.
    Kahneman, D., P. Slovic, und A. Tversky. Judgment Under Uncertainty: Heuristics and Biases. Cambridge ; New York: Cambridge University Press, 1982. http://books.google.de/books?id=_0H8gwj4a1MC.

    Ersteres gibt es auf Deutsch, ich habe es aber auf Englisch gelesen.

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 09 Oktober 2016 21:20)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Intuition


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