„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Interpassivität

1. Definition

Interpassivität ist das Delegieren von eigenen Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte. Es handelt sich dabei um eine Theorie des Philosophen Robert Pfaller aus dem Bereich der Kulturwissenschaft und Psychoanalyse. Meist bezieht sich die Theorie der Interpassivität auf „verschobenes Lustempfinden“. Darum spricht man auch vom delegierten Genießen.

„Wir nennen es tanzen“, sprach er mit Lachen, aber wir lassen es Andere machen. […]

Auch die Jagd nach dem Glück. All derlei Sachen, Ich lasse sie längst durch Andere machen.“

Fontane

2. Ausführlicher

Kommen Ihnen die Dosengelächter in Sitcoms nicht auch manchmal komisch vor? Haben Sie sich schon einmal gefragt was diese bezwecken sollen? Vielleicht sollen Sie den Zuschauer zum Mitlachen animieren. Doch häufig lacht man gar nicht mit und fühlt sich trotzdem gut unterhalten. Dieser Umstand lässt sich anhand der Interpassivitätstheorie erklären. Aus psychologischer Perspektive ist jede Form von Interpassivität eine Flucht vor dem eigenen Genießen. Man flieht vor der Anstrengung des eigenen Lachens und fühlt sich trotzdem durch die Lachkonserven befreit, als hätte man selbst gelacht. Dasselbe Prinzip macht Let´s Plays so erfolgreich. Der Let´s Player spielt und fiebert quasi für einen mit.

Doch warum ist der Mensch überhaupt zum Mitfiebern, Mitleiden und ähnlichen empathischen Gefühlen fähig? Vermutlich sind es die sogenannten Spiegelneuronen, die es uns ermöglichen beim Lesen eines Reisetagebuches die Geschichte des Autors mitzuerleben. Oder auch die Erregung beim Sehen eines Pornostreifens. Spiegelneuronen zeigen beim Betrachten eines Vorgangs das gleiche Muster wie es auch beim aktiven Selbsterlebnis des Vorgangs beobachtbar wäre. Dabei ist das Selbsterlebte natürlich immer intensiver. Und darin liegt, so meine ich, ein Knackpunkt bei der Flucht in die Interpassivität. Das eigene Genießen ist fast immer intensiver, risikobehafteter und anstrengender. Oft, nicht immer, steckt somit eine gewisse Gemütlichkeit hinter interpassiven Handlungen.

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