„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Antisemitismus

àJudentum

Judenfeindlichkeit (auch: Judenhass) bezeichnet die pauschale Ablehnung der Juden oder des Judentums. Bei einem religiös motivierten Judenhass spricht man von Antijudaismus. Ist eine Judenfeindlichkeit hingegen vorwiegend rassistisch, nationalistisch oder sozialdarwinistisch animiert, nennt man sie Antisemitismus.

Wie alle einförmigen Verurteilungen von in Wahrheit heterogenen Bevölkerungsgruppen ist auch die Judenfeindlichkeit dumm und ungerechtfertigt. Trotzdem halten sich Ressentiments und Antipathie gegenüber Juden traurig renitent. Vom heutigen Deutschland aus könnte man 500 Jahre zurück, oder 500km in alle Himmelsrichtungen gehen. Fast immer und überall wird man Formen von Judenfeindlichkeit antreffen. Zumindest in dieser traurigen Prophezeiung hat die Bibel Recht behalten: Die Geschichte der Juden ist eine voller Vertreibung und Leid.

Und weil Juden besonders vielen Feinden und Attacken ausgesetzt sind, sollte man sie auch besonders schützen. Dies ist eine schlüssige und wichtige Forderung. Wer bedroht ist, sollte patronisiert werden. Dies kann sich beispielsweise in einer staatlich-exekutiven Bewachung koscherer Geschäfte vor Ort oder in engen, diplomatischen Beziehungen zum Staat Israel äußern.

Was ich als Begründung aber noch nie verstanden habe ist, dass ich wegen der Verbrechen meiner Vorfahren eine besondere Verantwortung oder Sühne gegenüber dem Staat Israel und den Juden allgemein abzuleisten habe. Eine solche Verantwortung sollten wir alle übernehmen, keine Frage, das geht aus obiger Begründung hervor. Diese von der „deutschen Erbschuld“ will mir jedoch nicht einleuchten.

Unser modernes Schuldkonzept basiert auf der banalen Annahme, dass man jemand nur für etwas verantwortlich machen kann, das er auch bewusst zu verantworten hat. Nur wer sich erstens auch gegen eine Straftat hätte entscheiden können, sich aber zweitens gleichwohl im Gewahrsein darüber, dass diese Tat nicht gut ist für die Straftat entschieden hat, kann für sie belangt werden. Gegenteilige Rechtsauffassungen gab es etwa in Nazideutschland, in der Sowjetunion oder im Irak unter Saddam Hussein, wo Verwandte oder Bekannte eines in Ungnade Gefallenen ebenfalls leiden mussten. Wir im Westen haben die Sippenhaft aber längst in Gänze überwunden, oder nicht?

Nein, haben wir nicht. Mit der Vorstellung einer „deutschen Erbschuld“ fallen wir auf selbige zurück: Ich kann absolut gar nichts dafür, dass Teile meiner Vorfahren die Shoa zu verantworten haben oder als Deutscher geboren worden zu seinIch konnte mich nicht dafür oder dagegen entscheiden, mit dieser Nationalität geboren worden zu sein und mit einem Ereignis, das vor meiner Geburt stattgefunden hat, kann ich auch absolut nichts zu tun gehabt habenIch konnte den Holocaust auch nicht abwenden oder bekämpfen, weil ich damals noch gar nicht existiert habe, weswegen man mir auch keine unterlassene Hilfeleistung nachsagen kann. Wofür aber will man mich dann verantworten? Ich trage keine Schuld am Holocaust.

Absolut nichts kann so schlimm sein, dass man dafür jemand zu Rechenschaft ziehen darf, der nichts damit zu tun hat. Das wäre und ist ungerecht.

Verweise

  • Nahostkonflikt
  • Pressefreiheit: Wir haben eine (formelle) Pressefreiheit, aber (realiter) keine freie Presse.
  • Sprache: Dem Wortursprung nach sind alle Leute, die eine semitische Sprache sprechen Semiten. Sieht man sich mit diesem Wissen im Hinterkopf einmal eine Sprachkarte an, spricht eigentlich der gesamte arabische Raum semitische Sprachen. Mit dieser sprachanalytischen Herangehensweise wären also auch die Feinde Saudi-Arabiens oder des Irans Antisemiten. Semantisch bezieht sich Antisemitismus aber ausschließlich auf eine feindliche Einstellung den Juden gegenüber.

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Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Mittwoch, 18 April 2018 18:57)

    Ulf Poschardt: "Es reicht. Es reicht. Es reicht. Seit Jahren nun wird über den Antisemitismus in Deutschland als eine nicht hinzunehmende Zersetzung unseres Werte- und Gesellschaftsverständnisses gesprochen. Es gibt Sonntagsreden, Ermahnungen und nun gibt es auch einen Antisemitismus-Beauftragten, der zumindest symbolisch dieser Welle von Hass und Gewalt entgegentreten soll.

    Es ist naiv und schlicht zu glauben, dass das etwas verändert. Wenig ändern werden auch die rührenden Projekte in Schulen mit vielen arabischen und muslimischen Kindern und Jugendlichen, solange in den Familien, in den Moschee-Verbänden, in den subkulturellen Peers der Antisemitismus keine Ausnahme, sondern die Regel ist. Die schockierenden Aufnahmen eines Handy-Videos, aufgenommen im weitgehend gentrifizierten Prenzlauer Berg in Berlin, dort wo die gehobene Mittelschicht längst den Ton angibt, verdeutlicht, dass Deutschland dabei ist, den Kampf gegen den Antisemitismus zu verlieren.

    So wie das in Frankreich oder Schweden schon passiert ist. Die jüdischen Gemeinden verlassen Europa. Und sie tun dies aus Angst und Verzweiflung. Die Reaktion der Vertreter der muslimischen Bürger banalisiert das und heult in der Regel laut über die eigene Opfersituation.

    Leider, so muss man sagen, werden die Muslime mit ihrem Zentralrat und den oft genug unseligen religiösen Organisationen mies vertreten. Sie sollten es als ihr Thema erkennen. Und in den Schulen und Kitas muss mit einer ganz anderen Härte und Entschlossenheit eine „Null-Toleranz“ gegen Antisemitismus aber auch anti-christliche Agitation („Schweinefleischfresser“) an den Tag gelegt werden. Es braucht drastische Urteile gegen Gewalttäter wie den jungen Mann im Video.

    Die arabischen Jugendlichen, die so voller Wut auf Kippas und israelische Fahnen reagieren, haben diesem Land in der Regel wenig zu bieten, außer ihren Hass, ihren Größenwahn und ihr tief komplexives Selbstbild, in dem Fremd- und Selbstwahrnehmung so weit auseinander klaffen, dass mit der Erniedrigung Anderer die eigenen bescheidenen Bildungs- und Karriereleistungen kompensiert werden sollen.

    Es reicht. Den Worten müssen Taten folgen. Um es ein wenig neoliberal kühl zu formulieren. Die jüdischen Mitbürger und auch die jüdische Migration aus Russland, Israel oder den USA sind für ein liberales, freiheitliches Land wie Deutschland nicht nur aus der historischen Verantwortung für das Existenzrecht Israels und aller Juden ein säkular heiliges Gut, sie sind es auch, weil jüdische Migration dieses Land bereichert, kulturell, ökonomisch, lebensweltlich.

    Das Judentum gehört zu Deutschland, immer schon – und wer das mit tumbem Hass und roher Gewalt in Frage stellt, gehört nicht hierher. Und sollte ausgewiesen werden, wo das möglich ist. Das hat Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden Deutschland zuletzt klar gemacht: „Wer nicht bereit ist, unsere gesellschaftlichen Normen zu akzeptieren, der sollte kein dauerhaftes Bleiberecht in diesem Land erhalten.“

    Der Rechtsstaat hat Möglichkeiten. Er muss sie nutzen. Und den muslimischen Bürgern und Gästen muss klar werden: Sie spielen mit ihrer Akzeptanz im Ganzen.

    Imame, die Judenhass predigen, Moscheen, die das zulassen, Verbände, die das heimlich akzeptieren, sind hier weder willkommen, noch geduldet. Deutschland ist ein sehr tolerantes Land. Hier endet diese Toleranz. Das ist gut so.

    Israel wird 70 Jahre alt. Wir Deutschen wissen um unsere Schuld und die Verantwortung, die daraus erwächst. Wir müssen diese Verantwortung ernster nehmen als bisher. Es ist beschämend."

  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 14 April 2016 22:35)

    Eine Kritik ab der Politik Israels ist kein Antisemitismus. Sie kann antisemitisch motiviert sein oder es kann ein Antisemitismus mitschwingen, sie ist aber NICHT an sich antisemitisch.
    Wird oft verwechselt, sollte man aber nicht.

  • #1

    Seelenlachen (Dienstag, 01 März 2016 00:25)

    Ursprünglich habe ich diesen Text als Aufsatz veröffentlicht, hier passt er systematisch aber klar besser rein. Hier die Kommentare, die unter dem Aufsatz entstanden sind.



    Seelenlachen #4
    (Mittwoch, 30 Dezember 2015 02:35)
    Wenn die Definition stimmt, dass antisemitisch ist, wer Israel [z.B. bzgl. Kritik] anders behandelt, dann ist das Simon-Wiesenthal Zentral antisemitisch. Niemand würde irgendjemanden bezichtigen, alle Bewohner einer anderen Nation zu hassen, nur weil er Teile deren Politik kritisiert.




    #3
    Gerhard
    (Mittwoch, 30 Dezember 2015 01:34)
    Dein Senf zu den Antisemitismus Vorwürfen gegen Augstein?




    #2
    sapereaudepls
    (Sonntag, 22 Februar 2015 01:50)
    Zu meinem Konzept der Verantwortung habe ich ja bereits geschrieben. Hier noch einmal in Kurzfassung:

    1. Man ist nur für das verantwortlich, was man auch selbst bewirkt (oder unterlassen hat).
    2. Ich habe den Holocaust, darum ging es mir in diesem Text, in keinster Weiße bewirkt und ich hätte auch nichts nicht machen können, um ihm entgegenzuwirken.
    3. Ich bin nicht für den Holocaust verantwortlich.

    Etwas ausführlicher zu dem Begriff „Bewohner einer Nation“ (und als kleine Ergänzung zu dem Aufsatz):

    Nun reden zig von einer „nationalen Identität“. Es stimmt, dass sich einige Leute mit ihrem Heimatland identifizieren und als „Deutsche“, oder „Franzosen“ fühlen. Diese Menschen sind stolz, wenn ihre Nationalmannschaft gewinnt und verspüren auch so etwas wie eine kollektive, erbliche Nationalschuld. Hierbei handelt es sich jedoch um die gefühlte Schuld und jeder kann sich für alles schuldig fühlen. Eine strafrechtlich oder politisch verbindende Dimension hat so eine subjektive Empfindung jedoch nicht.

    Ich weiß auch nicht wirklich, was eine nationale Identität sein soll. Nationen sind gedankliche Konstrukte und existieren genauso wenig, wie die Grenzen, die wir zwischen ihnen gezeichnet haben. Wenn ich mich in einem großen, räumlichen Kontext setzen müsste, wäre es die Erde. Ich bin Erdenbürger. Ich bin Kosmopolit. Warum? Ganz einfach. Weil die großen Probleme unserer Zeit die ganze Erde betreffen und eine weltweites Denken und Spüren (Empathie) verlangen. Nationaldenken bzw. Patriotismus beinhaltet IMMER auch eine Herabwürdigung bzw. Entwertung der anderen Erdenbürger.

    P.S. Und was ich auch noch zum Thema Antisemitismus loswerden möchte:
    1. Wir haben gelernt: Judenfeindlichkeit (auch: Judenhass) bezeichnet die pauschale Ablehnung der Juden oder des Judentums.
    2. Leute wie Ken Jebsen kritisieren / verurteilen (wenn auch wiederum das oft sehr pauschal und unausgewogen) u.a. die Israelische Siedlungspolitik. Nicht etwa die Juden an sich. Im Gegenteil, er hat einige Juden in seinem Bekannten & Interviewkreis.
    3. Ken Jebsen, und andere die Israel kritisieren, sind deswegen KEINE Antisemiten.

    Da kann ich diese Menschen schon verstehen, wenn sie von einer „Antisemitenkeule“ reden: Fundierte Kritik wird hier ganz schnell als antisemitisch abgetan und somit totgemacht. Denn niemand möchte denselben Standpunkt wie ein angeblicher „Antisemit“ vertreten.




    #1
    EineFragehätteichnoch
    (Sonntag, 22 Februar 2015 00:28)
    Meinst du nicht, dass wir nicht alle auch Bewohner bzw. Mitverantwortliche einer Nation sind?


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